Thema 03/2012: Soziolinguistik

Dialektlexikographische Forschung heute


Das Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ) feiert im kommenden Jahr sein 100-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass lädt das ÖAW-Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika (DINAMLEX) im Rahmen des 7. Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie und Geolinguistik (SIDG) im Juli 2012 zur Feier des 100. Jahrestages und zur Diskussion aktueller Entwicklungen der dialektlexikographischen Forschung.

Fünf Millionen Einzelbelege - das ist das stolze Ergebnis der im Jahr 1913 begonnenen Sammeltätigkeit für das Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ). Auch wenn das systematische Sammeln mittlerweile eingestellt wurde, sind die Forscherinnen und Forscher am ÖAW-Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika (DINAMLEX) mit der Aufarbeitung der bislang zusammengetragenen Belege noch lange nicht fertig: Pro Jahr werden im Verlag der ÖAW rund 100 neue Seiten des Wörterbuches herausgegeben.

Sicherstellung der Transparenz

100 Jahre Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich: Im Rahmen des 7. Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie und Geolinguistik (SIDG) im Juli wird der runde Geburtstag gebührend gefeiert und die Geschichte des WBÖ reflektiert. Langzeitprojekte wie das WBÖ sind einer klaren methodologischen Linie verpflichtet, die über Jahrzehnte hinweg gehalten werden muss. So klar diese Linie geblieben ist, so grundlegend hat sich die Arbeitsweise der Lexikograph(inn)en am DINAMLEX in den vergangenen 100 Jahren verändert. Elektronische Datenbanken haben in den Arbeitsalltag Einzug gehalten und eröffnen neue Wege der lexikographischen Anlage wie Erforschung. Die jüngste Entwicklung des DINAMLEX, die auch über das Internet zugängliche Datenbank dbo@ema, enthält mittlerweile über 40.000 Einträge. An der Optimierung der Suchroutinen wird ebenso laufend gearbeitet, wie an einer Erweiterung der Anzahl der Einträge.

"Wir arbeiten heute kaum noch mit Original-Belegen, Datenbanken haben unsere Arbeit wesentlich erleichtert", sagt Eveline Wandl-Vogt, unter deren Leitung die dbo@ema-Datenbank entstanden ist. Datenbanken ermöglichen vereinfachte Abfragen durch ausgeklügelte Suchalgorithmen und übernehmen auch das händisch oft mühevolle Sortieren von Belegen, zum Beispiel wenn diese nach bestimmten Kriterien zusammengefasst und geordnet werden sollen. Darüber hinaus sind dank der elektronischen Aufbereitung die Lexikograph(inn)en am DINAMLEX nicht jedes Mal aufs Neue vor die Aufgabe gestellt, die oft nur schwer lesbaren Original-Belege zu entziffern. Datenbanken bringen jedoch nicht nur eine Arbeitserleichterung. Sie stellen die Entwickler(innen) auch vor neue Herausforderungen. "In einem gedruckten Buch kann man beispielsweise leicht sehen, ob ein Eintrag sieben oder 70 Jahre alt ist. In einer Datenbank sind alle Einträge auf den ersten Blick gleichwertig, hier ist eine Sicherstellung der Transparenz wesentlich", betont Wandl-Vogt.

Laien als ambitionierte Sammler

Durch die Anbindung an das Internet wird die dbo@ema-Datenbank Forscher(inne)n aus aller Welt und interessierten Laien zugänglich gemacht. Aber nicht nur das: Die aktive Mitarbeit ist ebenso gefordert. "Unser Ziel ist es, unsere Datenbank in Zusammenarbeit mit der internationalen Community laufend zu erweitern und zu verbessern", so Wandl-Vogt.

Insbesondere die Laien sind für die lexikographische Forschung und Entwicklung von großer Bedeutung. Im Gegensatz zur Hochsprache verbinden viele Menschen mit "ihrem" Dialekt ein Gefühl von Identität. "In fast jedem Dorf gibt es einen ambitionierter Sammler von Dialektwörtern", sagt Wandl-Vogt. Diese Sammelleidenschaft schlägt sich in den zahlreichen von Laien konzipierten Wörterbüchern nieder, die Wandl-Vogt vermehrt in ihre Forschungsarbeit integrieren will: "Wir haben für Österreich bereits rund 400 solcher Wörterbücher zusammentragen können." Bereits jetzt erhält das DIMAMLEX regelmäßig Anfragen von Laien, zu verschiedene Fragen rund um die Umsetzung lexikographischer Projekte. Wandl-Vogt: "Wir wollen uns für diese Art der Anfragen als österreichisches Zentrum etablieren." Aber auch für die eigene Forschungsarbeit sind die Laien-Wörterbücher interessante Quellen, die regelmäßig Eingang in die dbo@ema-Datenbank finden. "Die Zusammenarbeit mit den Laien ist für die Dialektforschung sehr fruchtbar", ist Wandl-Vogt überzeugt.

Beim SIDG Kongress wird der Laienlexikographie ebenfalls ein eigener Schwerpunkt gewidmet. Die Tagung findet vom 23. bis 28. Juli 2012 an der ÖAW statt.


Links:


Weitere Infos zu WBÖ und dbo@ema:



Kontakt:
Mag. Eveline Wandl-Vogt
Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Wohllebengasse 12-14, 1040 Wien
T +43 1 51581-7282
eveline.wandl-vogt(at)oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/dinamlex


März 2012