„Die junge Generation lernt ganz selbstverständlich Anträge zu schreiben“

Alexia Fürnkranz-Prskawetz im Gespräch

Warum braucht Österreich EU-Projekte? Und wie haben sich Forscherkarrieren seit dem EU-Beitritt 1995 verändert? Wirtschaftmathematikerin Alexia Fürnkranz-Prskawetz bietet Antworten.
Interview: Dagmar Weidinger

Zum Zeitpunkt des EU-Beitritts Österreichs waren Sie als Post-doc am Institut für Demographie der ÖAW tätig. Inwiefern hat sich der Beitritt damals auf Ihre Forschungstätigkeit ausgewirkt?

Um ehrlich zu sein, habe ich den EU-Beitritt nicht sofort in meiner Forschungstätigkeit „gespürt“. Ich bin nach meiner Post-doc-Anstellung in Österreich mittels eines Max Kade-Stipendiums für ein Jahr nach Berkeley gegangen und bekam danach die Chance, eine Nachwuchsgruppe am Max-Planck-Institut für Demographische Forschung in Rostock  zu leiten. Nach fünf Jahren in Deutschland kam ich als stellvertretende Direktorin ans Institut für Demographie der ÖAW Wien zurück.  Erst zu diesem Zeitpunkt begann ich intensiver Drittmitteln für die Forschung einzuwerben, wobei neben dem FWF und der ÖNB natürlich auch die EU als Fördergeber wichtig wurde. Mein Forschungsschwerpunkt – die demographische Entwicklung und ihre ökonomischen Konsequenzen  – ist natürlich auch ein Thema, das gerade für die EU von großer Relevanz ist. Dies zeigt sich nicht zuletzt im neuen Forschungsrahmen „Horizon 2020“, wo Gesundheit und demographischer Wandel als ein Forschungsgebiet ausgeschrieben sind.

Wie hat sich das „Berufsleben“ eines Forschers seit 1995 verändert?

Ich habe mein Doktorat noch nicht mit der Notwendigkeit der gleichzeitigen Drittmitteleinwerbung geschrieben. Damals hat man sich als Jungforscherin auch noch nicht gleich über einen Antrag darüber getraut. Heute ist das ganz anders: Unsere Doktoranden wachsen bereits damit auf, sich ihr Doktorat durch ein spezielles Stipendium, das zu ihrem Thema passt, zu finanzieren. Die junge Generation lernt ganz selbstverständlich Anträge zu schreiben.

Man hat das Gefühl, dass das Schreiben von Anträgen trotzdem immer noch einen negativen Beigeschmack in Österreich hat – viel Arbeit, möglicherweise kein Einkommen, wenn der Antrag fehlschlägt. Wie stehen Sie zu diesem Punkt?

Ich sehe dies etwas differenzierter: Natürlich kann die Abhängigkeit von Drittmittelfinanzierung für Jungwissenschafter das Ende ihrer Karriere bedeuten, wenn Forschungsgelder auslaufen. Deshalb sehe ich auch ein großes Potential im Ausbau der Forschungsgelder für Jungantragsteller. Leider verlieren wir noch immer zu viele exzellente Forscher; teilweise auch an Länder, die diese Forschungsunterstützung in jungen Jahren stärker ausgebaut haben. Was die persönliche Ebene betrifft, finde ich, dass man es auch so sehen kann: Mit jedem erfolgreichen Antrag oder dem gelungenen Aufbau einer Gruppe kann man sich selbst beweisen. Man zeigt dadurch, dass die eigene Arbeit von Fachkollegen, welche ja die Anträge bewerten, als exzellent und förderungswürdig eingestuft wird.  

Wie beurteilen Sie den administrativen Aufwand von EU-Anträgen?

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass dieser bei EU-Anträgen enorm ist. Dieser Aufwand soll zwar in den neuen Ausschreibungen von „Horizon 2020“ verringert werden, aber wir müssen erst sehen, ob dies tatsächlich gelingt. Jungforscher, die oft noch keinen  „administrative staff“ haben, können derartige Anträge wirklich kaum alleine schaffen; man hat ja nebenbei auch noch Forschung und Lehre zu bewältigen! Hier braucht es definitiv eine gute nationale Infrastruktur, um die Antragstellung zu erleichtern.

Wo hat Österreich Aufholbedarf, wenn es um EU-weite Forschung geht?

Ich finde es besonders wichtig, dass sich die jeweiligen Experten eines Faches auch in den wissenschaftspolitischen Diskurs einklinken. Konkret meine ich damit, dass man sich an der Erstellung neuer Ausschreibungstexte innerhalb der EU beteiligt. Nur wir Wissenschaftler können schließlich sagen, wo wir mit unserer Forschung stehen, aber auch wo wir den weiteren Forschungsbedarf sehen – dieses Wissen sollten wir einerseits auf nationaler Ebene an die Leute des Wissenschaftsministeriums weitergeben sowie EU-weit an jene Personen, die dort für die Erstellung von Projektschienen verantwortlich sind. Ich weiß, dass das Engagement in Boards und Gremien sehr zeitaufwändig werden kann – und man sollte natürlich zuerst gut mit den eigenen Ressourcen haushalten – im Endeffekt profitiert jedoch das ganze Land davon, wenn wir uns als Forscher wissenschaftspolitisch mehr einbringen. Die EU-Gelder spielen gerade für die österreichische Forschungslandschaft eine besonders große Rolle, da wir nicht, wie andere EU-Staaten auf Stiftungen oder ähnliches zurückgreifen können. Die Zahl der Stellen, wo Anträge eingereicht und Drittmittel lukriert werden können, ist relativ gering.

Können Sie uns ein aktuelles Beispiel für eine Kooperation mit anderen EU-Staaten aus Ihrem Forschungsgebiet geben?

Ich forsche speziell zur ökonomischen Auswirkung der Bevölkerungsalterung. Das ist ein Thema, das man eigentlich nur auf europäischer Ebene angehen kann. Längerfristig werden wir nicht um eine Umstrukturierung der wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen herumkommen. Um unser Pensions-, Gesundheits- und Arbeitsmarktsystem zu verändern bzw. zukunftsfähig zu gestalten, müssen wir es aber zuerst besser verstehen. Deshalb koordiniere ich im Moment ein  EU-Projekt, in dem 9 europäische Partner zusammenarbeiten, das sich „Agenta“ (Ageing Europe. An Application of National Transfer Accounts for Explaining and Projecting Trends in Public Finances) nennt.   „Agenta“ hat im Jänner 2014 begonnen und ist auf vier Jahre angelegt. Wir untersuchen die Verteilung von ökonomischen Ressourcen über den Lebenszyklus. Konkret versuchen wir zu verstehen, wie Lebensphasen, in denen wir durchschnittlich mehr konsumieren als wir an Einkommen generieren, durch Transferleistungen unterstützt werden.

Neben staatlichen Transfers wollen wir uns vor allem private Transfers innerhalb und zwischen den Generationen genauer ansehen.  Dienstleistungen wie Pflege oder Kindererziehung erfolgen häufig unbezahlt. Wir würden uns wünschen, dass gerade diese Leistungen in Zukunft auch  in Eurostat-Statistiken einfließen, da sie für die Gesellschaft unverzichtbar sind. Der Blick allein aufs Monetäre greift langfristig zu kurz.