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Über das Symposium


Während seines letzten und längsten Aufenthaltes in Wien von 1712 bis 1714 legte Gottfried Wilhelm Leibniz dem Kaiser einen Plan für eine „Sozietät der Wissenschaften“ vor. Dieser Vorschlag konnte damals zwar nicht sogleich verwirklicht werden, doch stellt der ursprüngliche Entwurf eine Verbindung her zwischen der heutigen Österreichischen Akademie der Wissenschaften – die 1847 als „Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien“ gegründet wurde – und den drei anderen von Leibniz initiierten Akademien der Wissenschaften: der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften – vormals Königlich-Preußische Sozietät der Wissenschaften, deren erster Präsident Leibniz war – in Berlin, der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Leipzig sowie der Russischen Akademie der Wissenschaften, die sich ursprünglich in St. Petersburg befand und heute ihren Sitz in Moskau hat.

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften nimmt den Todestag von Leibniz, der sich am 14. November 2016 zum 300sten Mal jährt, zum Anlass für die Veranstaltung eines internationalen Philosophie-Symposiums, an dem Vortragende aus allen vier von Leibniz entworfenen Akademien der Wissenschaften teilnehmen. In diesem Rahmen werden Fragen nach der heutigen Aktualität des Leibnizschen Denkens erörtert. Zunächst wird Leibniz‘ Verständnis von Wissenschaft untersucht, vor allem im Blick darauf, welches Potential einer interdisziplinären Forschung außerhalb der universitären Sphäre beigemessen und wie das Prinzip „theoria cum praxi“ geltend gemacht wird. Auf diese Weise werden die theoretischen Grundlagen der Leibnizschen Akademiekonzeptionen herausgearbeitet, wobei im Speziellen auch thematisiert wird, welche Auswirkungen dieser institutionelle Rahmen auf die Entwicklung des Faches Philosophie hatte.

Bezugnehmend auf das Rahmenthema „Leibniz heute lesen“ werden – über die im engeren Sinn wissenschaftstheoretischen und akademierelevanten Fragen hinaus – Schlüsselbegriffe der Leibnizschen Philosophie erkundet, aus denen sich Kriterien für eine kritische Auseinandersetzung mit heute gängigen, szientistisch enggeführten Auffassungen des Menschen gewinnen lassen, wie dies zum Beispiel für Leibniz‘ Verständnis von „Individualität“ gilt. Überdies soll erörtert werden, inwiefern Leibniz impulsgebend war für unterschiedliche Richtungen der zeitgenössischen Philosophie und Rechtstheorie, und welche Relevanz seine Auseinandersetzung mit religionstheoretischen Themen, z.B. mit der konfuzianischen Tradition, für den Diskurs über ein heute angemessenes Verständnis von Religion und über das Thema „religiöse Pluralität im modernen Rechtsstaat“ beanspruchen kann.

Das Symposium und die geplante Publikation der Vorträge sollen schließlich dazu beitragen, die Kooperation unter den vier genannten Akademien der Wissenschaften zu intensivieren und durch die Re-Lektüre Leibnizscher Schriften im internationalen gegenwartsphilosophischen Diskurs neue Akzente zu setzen.