Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften

Projekte


Soziologie in und aus Österreich. Von den Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs
(Projektleitung: w. M. Karl Acham, w. M. Stephan Moebius)

Das Langzeitprojekt der Arbeitsgruppe Geschichte der Soziologie mit dem Titel „Soziologie in und aus Österreich. Von den Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs“ ist in drei Teile gegliedert. Der erste, im Frühjahr 2019 zum Abschluss gelangte, betrifft die Soziologie im Habsburgerreich von ihren Vor- und Frühformen im 18. Jahrhundert bis zum Jahr 1918. Die Ergebnisse werden in einem im Verlag Böhlau Wien erscheinenden Sammelband Ausdruck finden, an dem Forscherinnen und Forscher aus 10 Nationen beteiligt sind. Der zweite Teil betrifft die Soziologie der Zwischenkriegszeit im deutschen Sprachraum, also in Deutschland, Österreich und der Schweiz, und bringt die in den drei Ländern geleisteten Forschungsarbeiten in einen sowohl vergleichenden als auch wirkungsgeschichtlichen Zusammenhang. Der dritte Teil betrifft die deutschsprachige Soziologie in den Jahren 1939 bis 1945, wobei naturgemäß besonders auch auf das Schrifttum von aus Deutschland und Österreich emigrierten Soziologinnen und Soziologen Bezug genommen werden wird.

Derzeit ist die Arbeitsgruppe Geschichte der Soziologie mit dem zweiten Projektteil befasst: mit den „Hauptströmungen und -themen der deutschsprachigen Soziologie der Zwischenkriegszeit“. Sowohl auf institutioneller Ebene als auch mit Blick auf die Ideen- und Methodengeschichte ist die Zwischenkriegszeit, also die Zeit vom Ende des Ersten bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, von besonderer Bedeutung. Zu dieser Zeit werden die ersten Lehrstühle für Gesellschaftslehre in Österreich und für Soziologie in Deutschland geschaffen (in der Schweiz schon deutlich früher), soziologische Institute werden eingerichtet und soziologische Fachzeitschriften gegründet. Diese Institutionalisierungsprozesse vollzogen sich vor dem Hintergrund des eben erst erlebten Ersten Weltkriegs und in einem geistigen Klima, das auch als Krise der Geisteswissenschaften wahrgenommen wurde. Von der Soziologie als einem neuen, vielversprechenden akademischen Fach erhoffte man sich verschiedentlich Lösungswege aus der Krise. Auch wenn Zeitgenossen, sowohl Politiker wie Wissenschaftler, die Hoffnung hegten, die Soziologie möge zu einer neuen geistigen Synthese beitragen, so zeigte sich doch schnell, dass sich rasch ganz unterschiedliche Denkschulen und -bewegungen ausdifferenzierten. Doch wenn auch die erwartete Synthese ausblieb, in ihren vier Grundfunktionen gewann die Soziologie nun innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften an Bedeutung: als Bildungs-, Dienstleistungs-, Aufklärungs- und Weltanschauungswissen.

Das Ziel des zweiten Projektteils ist also die Rekonstruktion, Analyse und Diskussion der Soziologie in der Zeit von 1918 bis 1939 im deutschsprachigen Raum. Dabei wird – beginnend mit den Jahren 1933 in Deutschland und 1938 in Österreich – vor allem auch Werken von Autorinnen und Autoren Aufmerksamkeit geschenkt, die im Anschluss an deren erzwungene Emigration außerhalb des deutschen Sprachraums, wenn auch gelegentlich noch in deutscher Sprache, erschienen sind. Die derzeit zugänglichen Publikationen zum Thema des zweiten Projektteils liegen oft schon mehrere Jahrzehnte zurück und bilden sie nicht mehr den aktuellen Forschungsstand ab. Selbst neuere Werke zur Soziologiegeschichte weisen für den besagten Zeitraum eklatante Lücken auf. Eine wissenschaftshistorische Aufarbeitung soll mit Hilfe nationaler und internationaler Expertinnen und Experten diese Lücken zu schließen helfen. Zugleich trägt die Arbeit an diesem Projektteil dazu bei, auch für die heutige, oft allzu sehr bestimmten Routinen und Moden verpflichtete Soziologie neue und systematisch bedeutsame Ansätze zu erschließen.

Wie die Arbeiten zum ersten Teil des Projekts der AG Geschichte der Soziologie, so sollen auch jene zum zweiten Teil publiziert werden. Dies soll jeweils in Bezug auf vier Aspekte geschehen, die nicht als streng voneinander trennbare Orientierungen anzusehen sind, sondern lediglich auf Schwerpunkte oder Hauptakzente des soziologischen Denkens verweisen: Theorie, Spezielle Soziologien, Empirie, fachspezifische Institutionalisierungsprozesse. Wegen des besonderen inhaltlichen Reichtums der deutschsprachigen Soziologie der Zwischenkriegszeit ist an mehrere Sammelbände gedacht. Diesen werden auch die schriftlichen Versionen von Vorträgen  zugrunde liegen, die im Rahmen der internationalen Symposien und Workshops gehalten werden, die für die nächsten Jahre geplant sind. Das erste der den "Hauptströmungen und -themen der deutschsprachigen Soziologie der Zwischenkriegszeit" gewidmeten Symposien wird am 6. und 7. Dezember 2019 im Sitzungssaal der ÖAW stattfinden.

Wissenschaft und Metropole. Orte und Konstellation wissenschaftlichen Wissens in der späten Habsburgermonarchie (Projektleitung: Prof. Dr. Mitchell G. Ash)

Forschungen zur so genannten „Wiener Moderne“ um 1900 stehen seit längerem im Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Doch bislang liegen keine Arbeiten über die Infrastrukturen des wissenschaftlichen Wissens in der späten Habsburgermonarchie vor. Diese sollen im  Rahmen des vorgeschlagenen Projekts thematisiert und an konkreten Beispielen auch erstmals  genauer erforscht werden.

Eine Reihe unterschiedlicher Forschungseinrichtungen und wissenschaftlicher Vereinigungen sind während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Wien gegründet worden, deren Arbeiten maßgeblich zur Entstehung einer modernen Forschungslandschaft in der Hauptstadt der Habsburgermonarchie beigetragen haben. Mit Bezug auf den schon damals gebräuchlichen Metropolenbegriff soll auch der Frage nachgegangen  werden,  inwiefern die Vorstellung einer eigenen Wiener Forschungs-„Landschaft“ über die metaphorische Ebene hinaus Gültigkeit besitzt.

Die Teilprojekte des vorgesehenen Projektbündels gehen von der Frage nach den Verbindungen und der Abhängigkeit einzelner Einrichtungen aus und fragen nach den relevanten Interaktionsprozessen innerhalb größerer Wissensgebiete. Gemeint hier dabei nicht nur die Verbindungen zwischen und die Förderung von institutioneller Infrastrukturen, sondern auch persönliche Beziehungen. Durch die Analyse dieser Interaktionsprozesse Fragen nach gegenseitiger Ressourcenmobilisierung von Politik und Wissenschaft in unterschiedlichen Konstellationen jener Zeit aufgeworfen und  exemplarisch beantwortet werden. Dabei werden auch auf allen Arbeitsebenen Querschnittsverbindungen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften besondere Beachtung finden.

Sehen mit dem Mikroskop? Philosophische, historische und soziale Dimensionen wissenschaftlichen Beobachtens (Projektleitung: Prof. Dr. Simone De Angelis)

Innerhalb dieses Teilprojekts sollen Wissenschaftsphilosophen, Wissenschafts­historiker und Naturwissenschaftler zusammengeführt werden, die über das Problem des wissenschaftlichen Beobachtens nachdenken. Wie zentral der Begriff der wissenschaftlichen Beobachtung für unser Verständnis naturwissenschaftlicher Forschung ist, wird in der Debatte zwischen wissenschaftlichem Realismus und wissenschaftlichem Anti-Realismus besonders deutlich. Auf den ersten Blick erscheint es nicht weiter begründungsbedürftig, dass wissenschaftliche Instrumente wie Mikroskope den Bereich dessen, was als beobachtbar gelten kann, entscheidend erweitern. Ob dem jedoch tatsächlich so ist, ist Gegenstand einer aktuellen Debatte. Gesucht wird nach einer philosophischen Wahrnehmungstheorie, die der visuellen Überzeugungs­kraft von Mikroskopen besser Rechnung trägt, ohne dadurch die anti-realistischen  Intentionen Bas van Fraassens (The scientific image, 1980; Scientific representation: Paradoxes of perspective, 2008, die zumindest im Sinne einer Ausgangs­hypothese akzeptiert werden), von vornherein zu unterlaufen. In der Debatte um den Status mikroskopie­gestützter Beobachtung wurde bislang die Dimension der historischen Entwicklung der Mikroskopie weitestgehend ausgeklammert. Was mikroskopiegestützte Beobachtung ist, lässt sich aber nicht unabhängig von der Evolution unterschiedlicher Techniken der Mikroskopie beantworten. Anstatt bei heute akzeptierten Standards der Verwendung von Mikroskopen anzusetzen, soll deshalb auch untersucht werden, wie es zu diesen Standards kam. Zu diesem Zweck sollen eine Reihe einschlägiger historischer Quellentexte über Mikroskopie zwischen dem Ende des 17. und  dem Beginn des 20. Jahrhunderts untersucht werden. Der Fokus der Untersuchung liegt dennoch auf den beobachteten Kernreaktionen im Wiener Radiuminstitut (gegründet 1910), die dem Nachweis von Teilchen dienten und bei denen die Beobachtungsinstrumente eine zentrale Rolle spielten.

Lokale Strukturen und globale Netzwerke der "Wiener Medizin" 1848-1945.  (Projektleitung: Prof. Dr. Helmut Denk und Mag. Dr. Felicitas Seebacher)

Die Analyse der internationalen Wissenschaftsbeziehungen der „Wiener Medizin“ in den Jahren zwischen 1848 und 1955 und der Aufbau ihrer Netzwerke ist seit langem ein Forschungsdesiderat. Die Geschichte der Medizin in Wien wurde bisher vielfach als Geschichte erfolgreicher Schulen geschrieben. Die sogenannte „Zweite Wiener Medizinische Schule“ als eine Repräsentationsform der „Wiener Medizin“ erreichte ein hohes Prestige durch lokale Innovationen, entstanden im kreativen und intellektuell produktiven Milieu der Reichsmetropole Wien. „Wiener Medizin“ orientierte sich generell international, wodurch die Medizinische Fakultät der Universität Wien zu einem Zentrum medizinischen Wissenstransfers wurde. Relativ wenig erforscht wurden bisher die sozialen und politischen Strukturen sowie die internationalen Einflüsse, welche Forschung, Lehre und Klinik prägten und den Aufbau internationaler Netzwerke förderten.

Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Geschichte der Medizin stellt sich zur Aufgabe, die wissenschaftlichen, politisch-ökonomischen, rechtlichen, sozialen und kulturellen Einflussfaktoren und Strukturen zu untersuchen, die dazu beitrugen, dass sich eine „Wiener Medizin“ herausbilden konnte. Durch eine Darstellung der komplexen Beziehungen zwischen einzelnen AkteurInnen und ihrem Umfeld sowie zwischen den akademischen, medizinischen und standespolitischen Institutionen, denen sie angehörten, können Netzwerke im regionalen, europäischen sowie internationalen Raum rekonstruiert werden. Ein weiteres Themenspektrum betrifft die Auswirkungen dieser Netzwerke auf Forschung, Ausbildung, Karrierewege, medizinische Praxis und Memoralisierung im regionalen und internationalen Feld. Einen Schwerpunkt bilden auch hier die Wechselbeziehungen zwischen Politik und Medizin, die besonders im Streben nach einer „gesunden Gesellschaft“ neue Forschungsfragen aufwerfen,

Das Projekt ist ein Kooperationsprojekt mit dem Josephinum, Sammlungen und Geschichte der Medizin der Medizinischen Universität Wien; der Medizinischen Universität Graz; der Universität Wien; der Gesellschaft der Ärzte in Wien; der Ärztekammer für Wien; dem Leopoldina-Studienzentrum, Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina und der Karls-Universität Prag. Weitere Kooperationen sind geplant.

Zur historischen Tradition in der Wissenschaftsphilosophie. Am Beispiel von Ernst Mach und seiner Wirkungsgeschichte (Projektleitung: Prof. Dr. Friedrich Stadler)

Wie ist eine Verbindung von Philosophie und Geschichte der Wissenschaften in Theorie und Praxis möglich? Wie können die Ergebnisse einer derartigen Verbindung für den Brückenschlag zwischen den verschiedenen Fächern fruchtbar gemacht werden?

Ernst Mach (1838-1916) war als Physiker, Philosoph, und „Naturforscher“ prädestiniert, im  Jahre 1895 den neu geschaffenen Lehrstuhl für Philosophie der induktiven Wissenschaften an  der Universität Wien zu übernehmen. Zugleich hat er als langjähriges wirkliches Mitglied der Akademie der  Wissenschaften die naturwissenschaftliche Forschung sowie deren erkenntnis-  und wissenschaftstheoretische Einbettung mit geprägt.

Zeit seines Lebens war es Machs Bestreben, die Theorie und Geschichte der Wissenschaften gemeinsam zu behandeln und der historischen Tradition in der Philosophie- und Wissenschaftstheorie eine entscheidende Bedeutung einzuräumen.

Die Verbindung von Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte ist ein zentrales  Forschungsanliegen der neueren Wissenschaftsphilosophie. Ernst Mach dient hierbei zum einen als intellektueller Referenzpunkt für eine integrative Auffassung von historischer und  theoretischer Wissenschaftsreflexion.  Zum anderen ist durch eine derartige Bezugnahme die Möglichkeit gegeben, Leben und Werk Ernst  Machs unter dem Gesichtspunkt gegenwärtiger Debatten neu zu bewerten. Aus der Sicht einer integrierten Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie  ergibt sich damit eine weiterführende Perspektive für konkrete Forschungsprojekte.

 

 

 

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