© Arbeiterkammer Steiermark                                               Wilhelm Thöny: Arbeitslose (1925/26)

Arbeitsgruppe Geschichte der Soziologie


Soziologie in und aus Österreich. Von den Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

Das Ziel des Projekts ist die Darstellung der Soziologie in und aus Österreich vom 18. Jahrhundert bis zum Jahr 1945: der Entwicklung ihrer bedeutsamsten Inhalte und Methoden durch nach wie vor bekannte, aber auch durch heute weitgehend vergessene Fachvertreter, ferner der Wechselbeziehungen der Soziologie sowohl mit den Nachbarfächern als auch mit einschlägigen Forschungen außerhalb Österreichs. Die Projektarbeit gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil ging es um die Soziologie in der Habsburgermonarchie im Zeitraum von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. In die Darstellung wurden nicht nur die deutschsprachigen Länder der Habsburgermonarchie einbezogen, sondern auch die nicht-deutschsprachigen Kronländer. In dem Sammelband Die Soziologie und ihre Nachbardisziplinen im Habsburgerreich.Ein Kompendium internationaler Forschungen zu den Kulturwissenschaften in Zentraleuropa (hrsg. v. Karl Acham), das im Frühjahr 2019 im Verlag Böhlau Wien in Druck ging, wirken deshalb unter anderem Fachleute aus der Tschechischen Republik, aus Polen, Ungarn, Serbien, Kroatien, Slowenien und Italien mit.

Mit der Publikation des auf den ersten Teil des Forschungsprojektes bezogenen Sammelbandes ist die Absicht verbunden darzulegen, wie sehr die Soziologie einerseits in ihrer Formierungsphase durch verschiedene Geistes- und Sozialwissenschaften angeregt wurde, andererseits aber in der Folge auf diese anregend wirkte. Dabei wird gezeigt, wie originäre, über den Zeitpunkt ihrer Entstehung hinausweisende soziologische Einsichten zu einer Zeit gewonnen wurden, in der die Soziologie als eigene akademische Disziplin weitestgehend noch gar nicht institutionalisiert war.

Es gibt in Österreich bislang keine Darstellung der Soziologie, die auch nur einigermaßen der Vielgestaltigkeit und dem gedanklichen Gehalt der einschlägigen Forschungen sowohl in der Habsburgermonarchie als auch in der Zeit bis 1945 angemessen Rechnung trägt. Ist der erste Teil der Projektarbeit bezogen auf die vielsprachigen Kronländer der Habsburgermonarchie, so geht es im zweiten Teil, in der Darstellung und Analyse der Soziologie der Zwischenkriegszeit, um die Hauptströmungen und -themen des soziologischen Denkens, die im deutschsprachigen Schrifttum Österreichs, Deutschlands und der Schweiz Ausdruck fanden.

Sowohl auf institutioneller Ebene als auch mit Blick auf die Ideen- und Methodengeschichte ist die Zwischenkriegszeit, also die Zeit von 1918 bis 1939, von besonderer Bedeutung. Zu dieser Zeit werden die ersten Lehrstühle für Gesellschaftslehre in Österreich und für Soziologie in Deutschland geschaffen (in der Schweiz schon deutlich früher), soziologische Institute werden eingerichtet und soziologische Fachzeitschriften gegründet. Diese Institutionalisierungsprozesse vollzogen sich vor dem Hintergrund des eben erst erlebten Ersten Weltkriegs und in einem geistigen Klima, das auch als Krise der Geisteswissenschaften wahrgenommen wurde. Von der Soziologie als einem neuen, vielversprechenden akademischen Fach erhoffte man sich verschiedentlich Lösungswege aus der Krise. Auch wenn Zeitgenossen, sowohl Politiker wie Wissenschaftler, die Hoffnung hegten, die Soziologie möge zu einer neuen geistigen Synthese beitragen, so zeigte sich doch schnell, dass sich rasch ganz unterschiedliche Denkschulen und -bewegungen ausdifferenzierten. Doch wenn auch die erwartete Synthese ausblieb, in ihren vier Grundfunktionen gewann die Soziologie nun innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften an Bedeutung: als Bildungs-, Dienstleistungs-, Aufklärungs- und Weltanschauungswissen.

Das Ziel des zweiten Projektteils ist also die Rekonstruktion, Analyse und Diskussion der Soziologie in der Zeit vom Ende des Ersten bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs im deutschsprachigen Raum. Dabei wird – beginnend mit den Jahren 1933 in Deutschland und 1938 in Österreich – vor allem auch Werken von Autorinnen und Autoren Aufmerksamkeit geschenkt, die im Anschluss an deren erzwungene Emigration außerhalb des deutschen Sprachraums, wenn auch gelegentlich noch in deutscher Sprache, erschienen sind. Die derzeit zugänglichen Publikationen zum Thema des zweiten Projektteils sind mehrheitlich auf einzelne Autorinnen und Autoren sowie auf einzelne Forschungsrichtungen bezogen und liegen oft schon mehrere Jahrzehnte zurück; auch bilden sie nicht mehr den neuesten Forschungsstand ab. Selbst neuere Werke zur Soziologiegeschichte weisen für den besagten Zeitraum eklatante Lücken auf. Eine wissenschaftshistorische Aufarbeitung soll mit Hilfe nationaler und internationaler Expertinnen und Experten diese Lücken zu schließen helfen. Zugleich trägt die Arbeit an diesem Projektteil dazu bei, auch für die heutige Soziologie neue und systematisch bedeutsame Ansätze zu erschließen.

Bestimmend für den erst später zur Bearbeitung in Aussicht genommenen dritten, die Jahre 1939 bis 1945 betreffenden Teil der Projektarbeit der AG Soziologiegeschichte ist insbesondere die aus sogenannten rassischen und die aus politischen Gründen erfolgte Migration von Soziologinnen und Soziologen. Auf diesen vor allem in persönlicher Hinsicht für viele in Österreich und Deutschland tätig gewesene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch für die Wissenschaft insgesamt so unheilvollen Tatbestand soll im dritten Projektteil angemessen Bezug genommen werden, wenn es um eine Bestandaufnahme der Soziologie während des Zweiten Weltkriegs geht.

Für den zweiten und den dritten Teil des Forschungsprojekts gilt, dass die Rekonstruktion, Analyse und Diskussion der Soziologie in der Zeit zwischen 1918 und 1939 bzw. 1939 und 1945 sowohl in Form von Symposien und Workshops als auch von mehrbändigen Publikationen im Verlag für Sozialwissenschaften (VS) realisiert werden wird.

Projektleitung

Karl Acham, w.M.
Stephan Moebius, w.M.

Weitere (ehrenamtliche) Mitglieder der Projektgruppe:

Gertraude Mikl-Horke
Peter Stachel
Reinhard Müller
 

Kontakt


Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
Tel: +43-1-51581-3650
kgpw(at)oeaw.ac.at

Veranstaltungen


6.-7. Dezember 2019
Tagung "Hauptströmungen und -themen der deutschsprachigen Soziologie der Zwischenkriegszeit"
Theatersaal der ÖAW, Sonnenfelsgasse 19, 1010 Wien
Anmeldung bis 1. Dezember 2019 an kgpw(at)oeaw.ac.at
Programm