Luftaufnahme 1935 des im Jahre 1908 im Jugendstil errichteten Erweiterungsbau des Allgemeines Krankenhauses.
© Bildarchiv Josephinum, Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin, Medizinische Universität Wien


Nach 1945. Medizin in Wien – Entwicklungsprozesse und Transformationen im internationalen Kontext

Auf den Ergebnissen des 2018 abgeschlossenen Projekts "Strukturen und Netzwerke der 'Wiener Medizin' 1848 bis 1955. Wissenschaftliche, politisch-ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Strukturen im Kontext internationaler Veränderungsprozesse" aufbauend stehen Medizin und Wissenschaft in Wien in den Jahren 1945 bis 2004, also bis zur Gründung autonomer Universitäten und  - damit verbunden - eigener Medizinischer Universitäten, im Fokus der interdisziplinären Arbeitsgruppe.

Untersucht wird der Einfluss von Politik, Gesellschaft, Ökonomie und Kultur auf die Strukturen und Netzwerke der medizinischen Praxis und Forschungslandschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt für Wien. Von besonderem Interesse sind neben Fragen der Ent­nazi­fi­zierung und Remigration die Auswirkungen des fundamentalen Wandels am Übergang von der Ära des Wachstums der Nachkriegsjahrzehnte zur öko­nomi­schen Stagnation ab den 1970er Jahren, sowie Veränderungen des Wiener For­schungs­stand­orts im weltweiten Ost-West-Konflikt, einschließlich künstlerischen Reflexionsformen. Der Ein­fluss des Globalen auf das Lokale und umgekehrt soll im Vordergrund der Forschung stehen.

Die Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf die Wechselbeziehungen zur Politik, auf internationale Wissen­schaftsbeziehungen, Entwicklungen in Forschung und Lehre, Recht und Ethik, sowie auf die Einflüsse der Medi­zin auf Kunst und Kultur.  Dazu liegen bisher nur wenige Einzelstudien vor und es ist daher ein hoher Wissenszuwachs zu erwarten.

Gerade die Wechselwirkung zwischen Medizin, Kunst und Kultur stellt einen zweiten Schwerpunkt der Arbeitsgruppe dar, die Medical Humanities. Sie erweitern den Blick auf die Medizin über ihre rein naturwissenschaftliche Prägung hinaus, wie auf den kulturell geprägten Umgang mit Krankheit und Tod. Sie bieten einen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ansatz, der alle Arbeitsgruppen der Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaft umspannt, und der es wert sein sollte, mittel- bis langfristig in den Forschungs- und Lehrbetrieb der Medizin eingebaut zu sein.

Die Bedeutung der Medical Humanities als multidisziplinäres Feld (Afsaneh Gächter)

Der Begriff Medical Humanities wurde 1948 von dem amerikanischen Naturwissen­schaft­ler George Sarton festgelegt. Sarton vertrat die Ansicht, dass die zunehmende Spezialisierung in der Naturwissenschaft und Biomedizin immer mehr das Verständnis des intellektuellen und philo­sophischen Kontexts auf den Menschen beeinträchtigt. In der 1960er Jahren hat die insti­tutionelle Etablierung des Konzepts „Medical Humanities“ in den USA begonnen: 1967 wurde das erste Department of Humanities am Pennsylvania State University College of Medicine ge­gründet. Eine Dekade später, also 1979 wurde das erste fachspezifische Journal The Journal of Medical Humanities veröffentlicht. 

Heute versteht sich Medical Humanities als multidisziplinäres Feld, das vermehrt die wechselzeitige Beziehung zwischen Medizin, Gesellschaft, Krankheit und Gesundheit in das Zentrum der Forschung stellt. Dabei ist vor allem auf die dynamische Interdisziplinarität in den Medical Humanities hinzuweisen: zum einen wird die Einbindung geistes- und sozialwissen­schaft­licher Inhalte im Medizinstudium angestrebt, zum anderen geht es um die Auseinander­setzung und kritische Reflexion über Medizin als Wissenschaft in jeweiligen Praxisfeldern.

Themenkomplexe wie etwa Medizin, Kultur und Politik erscheinen als Grundsatzfragen und rücken die transkulturellen Definitionen von Gesundheit und Krankheit in den Fokus der Medi­cal Humanities. Dadurch eröffnet sich ein differenziertes Verständnis von Gesundheit, Krank­heit und Heilen.

Ein weiteres Forschungsfeld von Medical Humanities befasst sich mit Perspektiven aus Kunst und Literatur unter dem Blickpunkt von Medizin. Auch Narrationanalysen in der Kommuni­kations­wissenschaften, die sich sowohl mit Gesprächen, Rhetorik und Bildern wie auch mit Ritualen der PatientInnen befassen, sowie mit Gefahren verbundene Problemfelder wie Klo­nen und künstliche Intelligenz sind Teile von Medical Humanities.

Alan Bleakley, Educating Doctors' Senses Through The Medical Humanities: "How Do I Look?" London, Routledge: 2020.

Projektleitung

Wolfgang SCHÜTZ
Felicitas SEEBACHER

Wissenschaftlicher Beirat:

Helmut Denk, w.M.
Christiane Druml
Dietrich von Engelhardt
Heiner Fangerau
Hans-Georg Hofer
Brigitte Lohff
Paul Weindling

Projektteam:

Afsaneh Gächter
Franz Kainberger
Franz X. Lackner
Jakob Lehne
Birgit Nemec
Katrin Pilz
Georg Vasold

Weitere Mitglieder der Arbeitsgruppe:

Daniela Angetter
Monika Ankele
Herwig Czech
Silke Fengler
Patrizia Giampieri-Deutsch, w.M.
Barbara Graf
Eva Hallama
Andreas Hassl
Tomoyo Kaba
Ruth Koblizek
Andrea Korenjak
Susanne Krejsa MacManus
Klaus Laczika
Bernhard Leitner
Henriette Löffler-Stastka
Gabriele Melischek
Michael Memmer
Johannes Miholic
Monika Pietrzak-Franger
Herbert Posch
Barbara Putz-Plecko
Andrea Praschinger
Barbara Putz-Plecko
Ilse Reiter-Zatloukal
Hanna Riedl
Ursula Rokitansky
Julia Rüdiger
Katharina Sabernig
Barbara Sauer
Thomas Stegemann
Herwig Swoboda
Carlos Watzka
Estella Weiss-Krejci

Nationale Kooperationen

Publikationen


Daniela Angetter, Birgit Nemec, Herbert Posch, Christiane Druml, Paul Weindling (Hg.), Strukturen und Netzwerke - Medizin in Wien 1848-1955 (Göttingen: Vienna University Press / V & R unipress 2018).
Rezension
Rezension Wr. Geschichtsblätter

Wiener Klinische Wochenschrift. The Central European Journal of Medicine
132. Jahrgang 2020, Supplement 1
Interactions between Medicine and the Arts. International Conference of the Medical University and Vienna and the Austrian Academy of Sciences (Commission for History and Philosophy of Sciences), held in Vienna on 11th and 12th October 2019.
Journal Editors: Wolfgang Schütz, Katrin Pilz
https://link.springer.com/epdf/10.1007/s00508-020-01706-w?sharing_token=2DGUXn1ZK8OfbpXtuaTDzPe4RwlQNchNByi7wbcMAY4otKd1OAI-jrNsK37Q1x3L1rBzWIcgPO310AHo4Sg8spEqq4VjJa0agP-mk_9Vdj8u7RbNi9_Kx0pSZpVGGhCtLdL4HxQMKqlI1lFu9vq7uQaPr7XUepsDvMvtEwaEYsI%3D

Publikationen von Beiratsmitgliedern und Mitgliedern des Projektteams (Auswahl):

Afsaneh Gächter, Der Leibarzt des Schah. Jacob E. Polak 1818-1891. Eine west-östliche Lebensgeschichte (Wien: new academic press 2019). http://www.newacademicpress.at/gesamtverzeichnis/geschichte/der-leibarzt-des-schah/
Cover

Afsaneh Gächter, Transfer of Knowledge in Urology: A Case Study of Jacob Eduard Polak (1818-1891) and the Introduction of Contemporary Techniques of lithotomy and Lithotrity from Vienna to Persia in the Mid-19th-Century - a New Analysis of Scientific Papers from the 19th Century, in: World Journal for Urology: www.karger.com/Article/Pdf/492156

Brigitte Lohff, Die Josephs-Akademie im Wiener Josephinum. Die medizinisch-chirurgische Militärakademie im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik 1785-1874. Böhlau: Wien 2019.

Susanne Krejsa MacManus, Penicillin aus Urin, Deutsche Apotheker Zeitung, 160. Jahrgang, Nr. 21 (21.05.2020), 71-74

Susanne Krejsa MacManus – Christian Fiala, Abtreibungen vor Gericht: Macht und Ohnmacht durch Sprache. Richter und Angeklagte agieren in unterschiedlichen Sprachwelten. Wiener Geschichtsblätter, 75. Jahrgang - Heft 4/2020, 269-279

Kontakt


Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
Tel: +43-1-51581-3650
kgpw(at)oeaw.ac.at

Veranstaltungen & Aktuelles

Bitte beachten Sie die zum tatsächlichen Zeitpunkt der jeweiligen Veranstaltung gültigen Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung von Covid-19, wie z.B. Handhygiene, Einhaltung des Mindestabstandes, sowie das Tragen eines Mund-Nasenschutzes.

COVID-19 beyond Borders: Rethinking Medical Humanities at the Frontlines
1–29 June 2021: interdisciplinary lecture series (online)
6–7 July 2021: interdisciplinary conference (online or hybrid)
University of Vienna
COVID-19 beyond Borders (univie.ac.at)

Call for Papers
COVID-19 beyond Borders: Rethinking Medical Humanities at the Frontlines

6th - 9th July 2021, University of Vienna
https://anglistik.univie.ac.at/research/conferences/covid-19-rethinking-medical-humanities/

Interdisziplinäre Tagung
Medical Humanities und Transkulturalität im Österreichischen Gesundheitssystem und ihre Bedeutung in Zeiten der Covid-19-Pandemie

online/Termin wird ehestmöglich bekannt gegeben

#CoronaAlltag: Die Macht der Bilder
Gastkommentar von Monika Pietrzak-Franger (Universität Wien, AG Geschichte der Medizin/Medical Humanities der Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften)