Projekt

Hermann Cohen und der kritische Idealismus im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart

Im Vorwort zur zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ und insbesondere in den „Prolegomena“ erläutert Kant die methodische Revolution, die er in der Philosophie vorschlägt, auf folgende Weise: in der Philosophie geht es nicht darum, Erkenntnisse über einen separaten Gegenstand zu gewinnen, sondern darum, ausgehend vom Faktum der gelingenden Existenz von Spezialwissenschaften, z. B. Logik, Mathematik oder Physik, nach der Möglichkeit von Wissenschaft überhaupt zu fragen. So sagt er z. B.: seit der methodischen Revolution durch Galilei kann es als ein wissenschaftshistorisches Faktum gelten, dass Physik als Wissenschaft gelingt. Die Philosophie aber stellt sich nun die Frage: Wie ist das möglich? Wie war es möglich, dass das unsichere Herumtappen in der Physik durch die methodische Revolution seit Galilei in den sicheren Gang einer Wissenschaft geführt wurde? Was sind die noologischen und ontologischen Voraussetzungen dafür? In diesem Sinne stellt Kant Fragen wie z. B.: Wie ist Mathematik möglich? Wie ist Physik möglich? Usw. Für diese neue philosophische Position führte Kant den Ausdruck ein: kritischer Idealismus.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts litt das Ansehen der Philosophie dadurch, dass die philosophischen Klassiker und Wegbereiter in der Neuzeit incl. Kant vor den wissenschaftlichen Errungenschaften der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts wirkten. Diesen Pionieren der neuzeitlichen Philosophie waren selbstredend unbekannt: Mengentheorie, mathematische Logik, Thermodynamik, Relativitäts- und Quantentheorie, Deszendenztheorie, theoretische Biologie nach heutigem Stand usw. Dies führte zu Missverständnissen, welche die Philosophie zu Unrecht in Misskredit brachten.
Es war also gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Update der philosophischen Argumentation im Hinblick auf die neue Situation in den Spezialwissenschaften nötig. Dies wurde hauptsächlich durch fünf philosophische Schulen geleistet:

  • durch die analytische Philosophie und den logischen Positivismus,

  • durch Franz Brentanos Neubegründung der Philosophie auf der Basis der Psychologie,

  • durch den Pragmatizismus von Charles Sanders Peirce,

  • durch die von Husserl begründete phänomenologische Methode,

  • durch den von Hermann Cohen und den Österreicher Alois Riehl neubegründeten kritischen Idealismus.

Der übliche Ausdruck „Neukantianismus“ stammt nicht von Hermann Cohen und den anderen Hauptvertretern dieser Richtung, sondern wurde wahrscheinlich von aussen gegeben. Cohen und die anderen „Neukantianer“ bezeichneten ihre Position mit dem von Kant geprägten Terminus „kritischer Idealismus“.

Alle diese Richtungen haben unverzichtbare Beiträge zur Philosophie der Gegenwart erbracht. Nur gemeinsam können sie der Philosophie weitere Fortschritte erarbeiten.
Hermann Cohen schloß besonders eng an Kants Fragestellung so, wie sie im Vorwort zur zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ und in den „Prolegomena“ exponiert wird, an. Er dehnte diese Methode auf den Gesamtbereich der Philosophie aus. Überall gingen seine Forschungen aus von dem Faktum einer etablierten Wissenschaft und der Frage, wie diese möglich sei. Auf diese Weise errichtete er in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ein bedeutendes System der Philosophie, das eine große Nachwirkung hatte. Nicht nur sein berühmter Schüler Ernst Cassirer baute darauf auf, sondern auch der bedeutendste Vertreter des kritischen Idealismus aus Österreich Richard Hönigswald, dessen Wirken als systematischer Philosoph besonders in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg wichtige Nachfolger fand wie Hans Wagner, Wolfgang Cramer, Werner Flach u. a.

Cohen ist zugleich einer der wichtigsten jüdischen Religionsphilosophen und jüdischen Aufklärer, im Rang vergleichbar mit Moses Mendelssohn. Hier stellt sich ein wichtiger Bezug zu den "Maimonides Lectures", aber auch zu den Bestrebungen der ÖAW in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus.

Die meisten Vertreter des kritischen Idealismus im deutschen Sprachraum waren mit großer Mehrheit liberale Juden , die 1933 in die Emigration getrieben wurden. Die Witwe Cohens wurde in Theresienstadt ermordet und Richard Hönigswald nur durch internationale Intervention aus dem Konzentrationslager Dachau gerettet. Auch in Bezug auf den kritischen Idealismus muss man daher von „Vertriebener Vernunft“ sprechen.

Primär steht die kritische Auseinandersetzung mit der gesamten Tradition des kritischen Idealismus im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart, die sehr stark auf den von Cohen gelegten Grundlagen aufbaut, im Fokus. Relevant ist zudem, dass die maßgebenden VertreterInnen des Faches Philosophie von Robert Reininger über Erich Heintel bis zu dem an der Aktualisierung des Denkens Kants orientiertem w. M. Nagl-Docekal dieser philosophischen Richtung angehören, ganz abgesehen von dem Österreicher Richard Hönigswald und seinem Lehrer, dem Südtiroler Alois Riehl, dessen Werk besonders an der Universität Graz gepflegt wird.

Das skizzierte Gesamtthema „Hermann Cohen und der kritische Idealismus im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart“ eröffnet ein sehr weites Spektrum von Fragestellungen, die gleichwohl miteinander in systematischer Verbindung sind. Denn die Frage „wie ist die Wissenschaft X möglich“ kann und muss in Bezug auf jede Wissenschaft gestellt werden.

Projektleitung