Wiener Studien- Rezension

Kommission für antike Literatur und lateinische Tradition

Rezensionen


Walter Nicolai, Zu Sophokles' Wirkungsabsichten. Heidelberg: Winter 1992. 121 S. (Bibliothek der Klassischen Altertumswissenschaften. N.  F. 2.  Reihe. 89.) ISBN 3-533-04564-1

N. hat in Form von Aufsätzen oder Kurz-Monographien eine Serie von Interpretationen griechischer Autoren bzw. Werke vorgelegt, die die 'Wirkungsabsichten' dieser Texte in den Mittelpunkt der Erklärung stellen: zu Ilias, Odyssee, Orestie des Aischylos, Herodot und Euripides. In diesem Band unterzieht N. alle sieben Stücke des Sophokles einer knappen, aber seriösen Analyse, die jeweils die Forschungslage gebührend einbezieht, um zu einer allgemeinen Aussage über die Wirkungsabsichten des Dichters vorzudringen. N. sucht also den gemeinsamen Nenner der sieben Dramen, um daraus die zentrale 'Botschaft' des Dichters zu destillieren, und er gelangt zu einem klaren, exakt formulierten Urteil: In allen Stücken des Sophokles stehe ein Held ohne eigenes Verschulden dem Unrecht eines Mächtigeren gegenüber, widersetze sich diesem und führe sich damit selbst ins Unglück, aus dem er sich selbst nicht mehr befreien könne (in den vier früheren Dramen in den Tod bzw. in die äußerste Erniedrigung, in den späteren nur in ein Dilemma, aus dem er erst durch äußeres Eingreifen erlöst wird), werde aber nachträglich rehabilitiert. Sophokles präsentiere damit das Handeln seiner Helden als die Wahl zwischen "gottgefälliger und gemeinnütziger, aber riskanter Selbstverwirklichung einerseits und willfähriger Anpassung andererseits (pathetischer gesagt zwischen 'heroischer Größe' und 'bürgerlicher Sicherheit')" (111). N. sieht darin einen 'ethischen Optimismus' verwirklicht, dessen Kehrseite ein 'anthropologischer Pessimismus' sei (115), da die Helden ja regelmäßig dem Willen der Mächtigeren wehrlos ausgesetzt seien. Diese Auffassung ist in sich plausibel argumentiert, und N. weiß sich damit in Übereinstimmung mit prominenten Sophokles-Interpreten. Auf der anderen Seite plädiert N. damit ausdrücklich gegen die Gültigkeit des ἁμαρτία-Konzepts des Aristoteles; dieses wurde gerade in jüngster Zeit von A. Schmitt in modifizierter Form auf Antigone und König Ödipus angewendet, der die aristotelische ἁμαρτία im Charakter des jeweiligen Protagonisten verwurzelt sehen will, damit aber (im Gegensatz zu Lefèvre) keine moralische Wertung, sondern nur die menschliche Verantwortung für das Tun verbindet. Da hier nicht die Interpretationen aller Stücke besprochen werden können, der 'König Oidipous' sich aber N.s Auffassung am deutlichsten zu widersetzen scheint, sei dieses Drama hier exemplarisch besprochen.

N.s These geht nur auf, wenn man Oidipous als das Opfer einer Willkür faßt und den Täter, also den Machthaber bzw. Tyrann in Laios sieht. Auslöser der Handlung sei das Unrecht des Laios, Oidipous gezeugt zu haben; dieses Unrecht müsse aus anderen Fassungen der Sage ergänzt werden, da Sophokles in seiner Formulierung von Apolls Orakel nur vom Befehl der Tötung des Neugeborenen, nicht vom Verbot der Zeugung spricht. Der Dichter selbst lasse also zwar die Frage der Schuld des Laios offen, der Zuschauer könne sie aber aus den traditionellen Versionen ergänzen. Oidipous halte auch nach seiner eigenen Orakelbefragung das korinthische Königspaar weiter für seine Eltern. Oidipous vermute zurecht ein Komplott des Kreon und des Teiresias; sein Zorn und seine voreilige Verdächtigung entspreche der Notwendigkeit der Situation und zeichne ihn als tüchtigen Politiker aus. Sein Mord an Laios sei von Apoll vorbestimmt und entspreche seinem Charakter, der aber nicht als fehlerhaft, sondern als aristokratische Stärke gezeichnet sei. "Im 'König Oidipous' wird dem Zuschauer also die zutiefst beunruhigende Erkenntnis zugemutet, daß ein Mensch ohne jede persönliche Schuld, d. h. ohne einen vermeidbaren Fehler zu machen, ja gerade auf Grund seiner besonderen Tüchtigkeit, ganz fürchterlich zu Fall kommen kann, wenn denn die Götter das so wollen ". Oidipous sei für Apoll "das prädestinierte Instrument, um die Schuld seiner Eltern zu bestrafen und damit ein abschreckendes Beispiel für die Folgen der Mißachtung göttlicher Gebote zu liefern" (63f.).

Entgegen N.s Auffassung kann man jedoch daran festhalten, daß das Interesse des Dramas nicht darin liegt, daß Oidipous dem unentrinnbaren Verhängnis anheimfällt, sondern wie er selbst sich diesem aktiv überantwortet. Unser Text signalisiert dieses Interesse dadurch, daß er Alternativen zum Verhalten des Helden thematisiert, die gewissermaßen einen Ausweg aus dem Weg in die 'Selbstvernichtung' bedeuten würden. Oidipous stünde es zunächst gemäß seinem eigenen Dekret offen, nach Erkenntnis seiner 'Schuld' (also potentiell schon ab den ersten Andeutungen des Teiresias) stillschweigend das Land zu verlassen (er begnügt sich aber nicht damit, sondern beharrt so lange in seinen Untersuchungen, bis er unweigerlich auf sich selbst die Zusatzangabe seines Dekrets beziehen muß, nämlich sich selbst als gottverflucht zu erkennen). Ja er hätte sogar noch die Möglichkeit, nach Einsicht in die Zusammenhänge der nicht revidierbaren Vorgeschichte nach Korinth zurückzukehren und die Nachfolge seines als soeben verstorben gemeldeten 'Adoptivvaters' Polybos anzutreten (verweigert aber zu diesem Zeitpunkt noch die Einsicht, während Iokaste die Zusammenhänge bereits durchschaut). Dies sind die Alternativen zum Handeln des Oidipous, die innerhalb der Handlung auch tatsächlich thematisiert werden, während ein etwaiger Geschlechterfluch (der vielleicht bei Aischylos im Vordergrund stand) oder ein Unrecht, das Laios an Oidipous begangen hätte, nirgends zur Sprache kommt. Sophokles stilisiert seine Stücke so, als ob sie von seinem Publikum ohne jedes Vorwissen rezipiert werden sollten, und bewirkt damit, daß die Motivation der Figuren und der Handlung allein aus den Angaben, die im Stück selbst fallen, erschlossen werden kann (und soll). Daß Oidipous also von Laios in der Vorgeschichte ein Unrecht erlitten hätte, ist für die Beurteilung des Geschehens und der Aktionen des Oidipous durch das Publikum irrelevant; das Publikum ist dazu aufgerufen zu beurteilen, wie der Held auf die Situation, in der er sich vorfindet und die sich laufend ändert, reagiert. Die Kriterien zu dieser Beurteilung werden anhand der Wahlmöglichkeiten, die Oidipous innerhalb der Handlung (auch an anderen Stellen, zumindest implizit) hat, thematisiert. Eine Beurteilung dieses Stücks (und der übrigen) anhand der Kategorien 'guter Held' vs. 'böser Gegenspieler' kann somit der Komplexität von Sophokles` Dramen nicht voll gerecht werden, ohne daß man deshalb etwa in das andere Extrem von Hegels dialektischer Antigone-Deutung verfallen müßte. Sophokles zeichnet nicht nur die Größe des Heldentums, sondern auch dessen Problematik, ohne eine einfache Lösung anzubieten. Die uneingeschränkte Empfehlung des Heldentums, von dem sich das Publikum "gewissermaßen eine Scheibe abschneiden" solle (112), ist also wohl nicht die Intention des Sophokles, dessen Helden in ihrer extremen Kompromißlosigkeit ja nicht nur sich selbst, sondern regelmäßig (zumindest kurzfristig) auch die Gemeinschaft schädigen. N.s These ist also zwar bestens argumentiert und wird von vielen Forschern begrüßt werden; es gibt aber zumindest gute Gründe, anderer Meinung zu sein.

Georg Danek
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