„Was immer wir tun dient dazu, etwas zu erreichen“

Die diesjährige ITA-Konferenz richtet den Fokus auf Normativität in der Technikfolgenabschätzung. Wir haben den Organisator Helge Torgersen gefragt, was man unter dem Begriff versteht und was sich hinter dieser Art von Selbstreflexion verbirgt.

Die TA18 findet am 11. Juni an der ÖAW in Wien statt. Weitere Informationen dazu hier.

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Was versteht man unter Normativität in Zusammenhang mit Technikfolgenabschätzung?

HT: Normativität heißt Orientierung an bestimmten Wertvorstellungen. Was immer wir tun dient dazu, etwas zu erreichen. Das kann Verschiedenes sein, aber wir haben immer ein Ziel. Dieses Ziel wird von Werten bestimmt. Werte sind nicht das Gegenteil von Fakten sondern etwas anderes, auf einer anderen Ebene. Ein Beispiel: Es besteht keine Einigkeit, ob Glyphosat krebserregend ist, weil die Untersuchungsergebnisse, also die Fakten nicht eindeutig sind. Der Grund, warum man das überhaupt untersucht ist, eine Gesundheitsgefährdung zu vermeiden. Das ist das Ziel, der zugrunde liegende Wert ist der Schutz der menschlichen Gesundheit. Die zu schützen ist allgemeiner Konsens.

Schwierig wird es also, wenn unterschiedliche Werte und Interessen miteinander konkurrieren. In diesem Fall ist es das Interesse der Bauern an einem wirksamen und günstigen Herbizid, der zugrundeliegende Wert ist die (Erwerbs)freiheit des Einzelnen. Unsicherheit bezüglich der Fakten erfordert nun eine Abwägung, und oft entscheidet man im Sinn des höherwertigen Guts. Aber welches ist das? Noch allgemeiner: Was sind positive und negative Folgen einer Entwicklung? Nach welchen Kriterien sollen wir das beurteilen, und wie können wir in der Technikfolgenabschätzung (TA) dabei neutral bleiben? Was auf den ersten Blick als selbstverständlich oder nicht weiter diskussionsbedürftig erscheint, ist in der Praxis oft ein Minenfeld.

Passen die Kriterien und Normen zur Bewertung noch, oder ist eine Veränderung und Anpassung gerade im Gange?

HT: Gesellschaften verändern sich ständig, das gilt auch für ihre Werte. Auch TA muss dem Rechnung tragen. Was vor 20 Jahren vielleicht noch akzeptabel war, ist es heute nicht mehr. Umgekehrt „geht“ heute manches, was damals tabu war. Daneben gibt es gewisse Normen und Werte, die unveräußerlich erscheinen, etwa Grund- und Menschenrechte. Aber auch hier ist einiges im Fluss. Die Frage ist also, woran sich TA orientieren soll: Am Gemeinwohl? An Nachhaltigkeit? An den Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaats? Oder an neueren Konzepten wie Responsible Research and Innovation (RRI)? Und wie kann man diese hehren Prinzipien auf den einzelnen Fall anwenden?

Was erwarten Sie sich von der TA18 Konferenz?

HT: Es gibt viele Aspekte, die normativ beeinflusst werden. Letztlich sind das Machtfragen. Versteckter sind normative Einflüsse etwa in den Kriterien zur Beurteilung in Life Cycle Analysen oder in Suchmaschinen-Algorithmen. Die Frage ist auch, welche Rolle lokale Einflüsse spielen, oder wie TA-Befunde ins politische Tagesgeschäft gelangen. Letztlich erhebt sich die Frage, wie TA ihre Aufgabe selbst versteht – gerade in Zeiten, in denen Fakten und Meinungen oft vermengt werden. Ich erwarte mir keine endgültigen Antworten auf solche Fragen, aber ich hoffe darauf, dass wir sie diskutieren können.


"(Un)passende Bausteine" (Foto: Bayer/ITA)

 

29.05.2018
Von: Thomas Bayer

Helge Torgersen (Foto: Bayer/ITA)