Interview: "Rosen pflanzen dank Tablet"

Buch-Neuerscheinung! Assistive Technologien sollen älteren Menschen mehr Unabhängigkeit verschaffen. Nicht jeder will aber Sensoren im Bad. Im soeben erschienenen Buch „Dialoge zu Active and Assisted Living“ diskutieren ForscherInnen und andere ExpertInnen die Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit mit Laien zum Thema Technologien im Alter. Herausgeberin Ulrike Bechtold sieht im Interview weniger Naivität bei ForscherInnen und eine Umorientierung hin zu den Folgen von Forschung und Innovation.

„Eine Zweiklassenmedizin könnte in Zukunft dazu führen, dass die Ärmeren mit mehr Technologie konfrontiert wären. Die Reicheren die Wahl hätten. Darum ist es wichtig, hier genau hinzuschauen und die Rahmenbedingungen zu hinterfragen.“, gibt sich Herausgeberin Ulrike Bechtold überzeugt. Das soeben erschienene „Dialogbuch AAL  - Dialoge zu Active and Assisted Living“ lässt 45 ExpertInnen zu den Themen Unterstützung, Betreuung und Pflege, Medizin, Technikentwicklung und Forschung zu Wort kommen.

Ein Buch zum Reinlesen, zum Lernen, zum Hängenbleiben. Ein Buch, in dem ältere Menschen, Personen die in der Pflege beschäftigt sind, ForscherInnen und Engagierte aus Behörden und Institutionen ihre Erfahrungen mit assistiven Technologien austauschen. In dem die enormen Potenziale von AAL, allen voran Selbstbestimmung und Unabhängigkeit bis ins hohe Alter, beleuchtet werden. Die fünf Abschnitte – Technik in  Unterstützung, Betreuung und Pflege, Innovation und Alter, Netzwerke & Know-How, sozio-ökonomische Aspekte und Ethik – sind auch graphisch liebevoll aufbereitet. Die – manchmal humorvollen, manchmal überraschenden – Ergebnisse aus zahlreichen Workshops werden aus wirtschaftlichen, sozialen aber auch politischen Sichtweisen diskutiert.

Links

Infos zum Buch und Leseprobe DiaLogbuch Altern (PDF)
Ulrike Bechtold
ITA-Thema: Technologie und Altern

Im folgenden Interview attestiert Bechtold der Forschung realistischere Erwartungen an die Innovation als noch vor zehn Jahren:

Frau Bechtold, die beiden dem Buch zugrunde liegenden Projekte begannen bereits 2011. Für die Technikentwicklung sind fünf Jahre ein recht langer Zeitraum. Was haben Sie seit Beginn Ihrer Arbeit an Erkenntnissen gewonnen?

Der Fokus der Forschung hat sich seitdem wesentlich erweitert. Die EU schenkt dem Thema AAL ja bereits seit 2008 erhöhte Aufmerksamkeit. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Thema Technologie und Altern sehr positiv – und vielleicht auch linear – wahrgenommen. Die Idee war: wir können Innovationen entwickeln, die den Menschen helfen. Man glaubte, gesellschaftliche Probleme mit Technik lösen zu können.

Bis zu einem gewissen Punkt ist das sicher auch gelungen und richtig. Aber – und das ist die scheinbar simple Erkenntnis: Es geht manchmal nicht so, wie man glaubt. Menschen haben einen individuelle Zugang zu Technologie, sie macht etwas mit ihnen, und das kann ganz unvorhergesehene Wirkungen haben. Wir sollten also hinterfragen, ob wir dem sozialen Druck, der dem demographischen Wandel meistens beigestellt wird, durch Technologien wirklich so begegnen können, wie ursprünglich angenommen.

Was muss eine verantwortungsvolle Forschung dabei beachten?

Im Zentrum steht die Frage: Was brauchen die Menschen wirklich, um ihren Alltag erfolgreich zu meistern? Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass Forschungsprojekte – und das kann man auch schön in den Ausschreibungen nachvollziehen – inzwischen nach komplexerer Partizipation verlangen. Es reicht nicht mehr aus, ohnehin schon interessierten Menschen einen fertigen Prototypen zum Test zu geben. Warum? Weil die Ergebnisse so der Komplexität des  Menschen nicht gerecht werden. Es kann z.B. sein, dass Testpersonen sich nicht trauen Kritik zu äußern. Dazu eine nette Anekdote aus dem Buch: Eine ältere Dame meinte am Ende einer Testphase, sie hätte eigentlich gar nichts verstanden aber sie hätte deshalb nichts gesagt, weil sie nicht unhöflich hatte sein wollen. Langsam geht KollegInnen in ganz Europa auf, wie naiv es war zu glauben, dass man so zu Ergebnissen kommen kann. Diese Naivität der Forschung ist jetzt ein Stück weit verloren gegangen.

Was kann man tun, um den „Faktor Mensch“ besser in die Technikentwicklung miteinzubeziehen?

Heute gibt es hier wesentliche Verbesserungen: Es wird, etwa mit Living Labs, auf den Real-Life Kontext geachtet, und man versucht den individuellen Alltag und den Diversitäts-Aspekt miteinzubeziehen. Die Forschung achtet zunehmend auch auf ihre eigenen Folgewirkungen. Ein Beispiel: Barrierefreiheit allein reicht nicht aus, denn was haben Menschen davon, wenn sie im Park sitzen und es dort aber keine zugängliche Toilette gibt? Wir sollten uns auch fragen: Muss man immer Neues erfinden? Ein Tablet kann bereits reichen, um jemanden durch intensive Kommunikation zu Dingen zu motivieren, die er/sie allein nicht schaffen würde. Eine ältere Dame wurde etwa mittels Tablet von Ihrer Familie motiviert, täglich - trotz Rollator - den Rosenbusch im Garten zu pflegen. Oft reicht das Gespräch, und hier kann Technologie definitiv helfen. Im viel zitierten Bereich Robotik sehen wir hingegen noch eher wenig konkrete Anwendungen.

Was sollten also die Kriterien dafür sein, Technik weiter zu entwickeln?

Der Kern ist, was immer wir auch tun, wir können nicht mehr zurück. Was da ist, das bleibt. Gerade mit breit wirksamen Technologien verknüpfen sich so viele Erwartungen. Etwa die Hoffnung, dass wenn wir den Leuten Technologie geben, sie dann länger zu Hause bleiben und den Staat so weniger kosten. So kann Zwangsbeglückung entstehen. Und es wird nicht zwischen individuellen und gesellschaftliche Kosten unterschieden. Wenn Pflegeheime automatisch mit Sensoren ausgestattet werden, kann jemand, der das nicht will, nicht dort wohnen.

Das kritisch zu hinterfragen ist sicher wichtig, aber ist das realistisch? Auf den Flughäfen herrscht bereits totale Überwachung, ob es den Passagieren recht ist oder nicht. Wie groß sind die Chancen, mit Dialogverfahren in der Technikentwicklung etwas bewegen zu können, wirklich?

Dialogverfahren sind ein Beitrag unserer Gesellschaft zur Wertedebatte. Das Buch stellt auch die Frage: Was hat es für einen Wert, dass wir in einer älter werdenden Gesellschaft leben? Es liegt an den ExpertInnen, an JournalistInnen, Studierenden, Politikmachenden und anderen, darauf Antworten zu finden. Es geht um ein konstruktives Miteinander. Hier die Rahmenbedingungen zu hinterfragen und diese auch mitzugestalten wird die Herausforderung sein.


05.07.2016
Von: Denise Riedlinger

Ulrike Bechtold ist promovierte Humanökologin. Sie ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des ITA und trug wesentlich zur Neuausrichtung des Arbeitsbereichs Technologie und Nachhaltigkeit bei. (Foto: Walter Peissl/ITA)