Das Tomaten-Dilemma

Wann haben GMOs Folgen? Was ist Technikforschung, was ist Biotechnologie? Karen Kastenhofer will mit ihrem gerade ausgezeichneten Projekt helfen die Grenzen klarer abzustecken.

Woran denken wir, wenn wir an Wissenschaft denken: Sehen wir einen Ort, an dem neue Einsichten entstehen, oder denken wir sofort an die Entwicklung neuer Technologien? Sind „BiologInnen“ für uns noch WissenschaftlerInnen, die danach streben die belebte Natur besser zu verstehen, oder steht hinter dem Begriff „Biologie“ eher das Streben die belebte Natur nachzubauen und industriell nutzbar zu machen?

ITA-Mitarbeiterin Karen Kastenhofer will mit ihrem Projekt, für das sie 2014 das renommierte Elise-Richter-Stipendium des FWF erhielt, das Zusammenspiel von Erkenntnisgewinn und technologischer Innovation im Forschungsalltag erkunden. „Die Frage, die sich mir dabei stellt ist: Kann beides zugleich funktionieren? Wenn man genau hinsieht beobachtet man, dass diese beiden Zielrichtungen - das Streben nach Erkenntnisgewinn einerseits und die oft kommerziell begründete Hinwendung zu den Technowissenschaften - oft nicht kompatibel sind.“

Die Mini-Zelle als Milchkuh

Als Beispiel nennt Kastenhofer den Bau von minimalen Zellen in der aktuellen biologischen Forschung: „Man kann sie verwenden um neue Erkenntnisse zu gewinnen, z.B. zu der Frage von welcher gemeinsamen minimalen Lebensform alles Leben abstammt. Oder man nutzt sie als gut kontrollierbares Produktionssystem um bestimmte Substanzen systematisch zu generieren.“

In der Praxis sind die Anforderungen in diesen beiden Feldern zu unterschiedlich um die gleiche minimale Zelle für beide Zwecke zu verwenden. Im ersten Fall müssen WissenschafterInnen den Bauplan genau kennen, um das Funktionieren der Zelle zu verstehen. Im zweiten Fall muss der Bauplan so gestaltet sein, dass die Zelle leicht kontrollierbar ist, ohne dass man ihr Verhalten im Detail verstehen muss. Je nachdem welchem dieser beiden Ansätze man folgt - dem erkenntnisorientierten oder dem produktionsorientierten - ist die Rolle von Wissenschaft anders definiert und auch die Notwendigkeit und Möglichkeit Wissenschaft gesellschaftlich zu steuern unterscheiden sich.

Die TA steht derzeit für Kastenhofer vor einem ungelösten Problem: Wie soll sie mit neuen Forschungsfeldern wie synthetischer Biologie oder computerbasierter Neurobiologie umgehen, die diese beiden Orientierungen in unterschiedlicher Weise kombinieren? „Ich glaube, dass es dafür zunächst eine konkretere Definition des Begriffs der „Emerging Technologies“ braucht. Mit diesem Projekt möchte ich zu einer klareren Definition beitragen und eine Basis für eine Form der Technikfolgenabschätzung schaffen, die auf konkrete Situationen differenzierter eingehen kann.“

Links

TEK Projektseite
Karen Kastenhofer Bio

25.11.2014
Von: Denise Riedlinger

Karen Kastenhofer ist Wissenschafts- und Technikforscherin und promovierte Biologin. Ihr Arbeitsbereich umfasst die Rekonstruktion unterschiedlicher (Techno)Wissenschaftskulturen, die Analyse öffentlicher Kontroversen sowie die Diskussion möglicher Governance-Modelle im Bereich der Lebenswissenschaften und Biotechnologien. links: Christine Mannhalter (FWF) rechts: Barbara Weitgruber (BMWFW)

Links und rechts Mäuse mit grün fluoreszierendem Protein, einem Schlüsselbaustein der Zellforschung.