02.07.2020

Zum Nachhören: Wissen in der Corona-Krise

„Die Erwartungen der Menschen an die Wissenschaft sind so hoch wie nie.“ Diskussion mit Karen Kastenhofer (ÖAW-ITA), Sylvia Knapp (Med Uni Wien), Klaus Schuch (ZSI)

Das Corona-Virus hat unseren Alltag vollkommen verändert. Vom Home-Schooling über Besuchsverbot im Pflegeheim bis zur Kurzarbeit musste sich die gesamte Bevölkerung auf verschiedene Weise einschränken. Um an Stabilität wiederzugewinnen, haben sich die Gesellschaft und die Politik so stark an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert wie selten zuvor. „Dadurch ist auch die Erwartung extrem gestiegen“, betont Karen Kastenhofer, die am Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die Auswirkungen neu aufstrebender Technologien auf die Gesellschaft erforscht.

Gemeinsam mit Sylvia Knapp (Professorin für Infektionsbiologie an der Medizinischen Universität Wien) und Klaus Schuch (wissenschaftlicher Leiter am Zentrum für Soziale Innovation) hat Kastenhofer im Club Research am 18. Juni „Eine "neue Normalität" für Wissenschaft und Forschung?“ diskutiert. Mit dabei war erstmals in der Geschichte des Clubs auch ein virtuelles Publikum, das Gespräch zum Nachhören gibt es hier.

„Es ist plötzlich in Ordnung, etwas nicht zu wissen“

„Kaum je zuvor stand die Wissenschaft so im Rampenlicht der Öffentlichkeit, kaum zuvor bekam die Wissenschaft auch so einen Vertrauensvorschuss.“, betont Club-Leiter und Moderator Johannes Steiner. Wie sieht die neue Normalität also im Wissenschaftsalltag aus?“

Für Kastenhofer tun sich hier neue Möglichkeiten auf: „Es ist plötzlich in Ordnung, Nicht-Wissen öffentlich zu diskutieren. Das finde ich sehr positiv und eine gute Lernmöglichkeit. Wir erleben, dass die Corona-Krise unterschiedliche Disziplinen wie z.B. die Medizin aber auch die Sozialwissenschaften mobilisiert. Ich sehe die Rolle der Technikfolgenabschätzung gerade jetzt darin, als Vermittlerin zwischen wissenschaftlichen Einzeldisziplinen, Politik und Gesellschaft für Ausgewogenheit und eine umfassende Aufbereitung der Ergebnisse zu sorgen, damit wir nicht immer nur einigen wenigen zuhören, sondern eine Vielfalt an qualifizierten Ergebnissen integrieren.“

„Ich finde es unheimlich wichtig, dass wir eine gute Verbindung zwischen Wissenschaft, Evidenz und Politik hergestellt haben. Das ist in der Corona-Krise gelungen, und dadurch entsteht auch mehr Verständnis in der Bevölkerung.“, meint Klaus Schuch. Jetzt müsse man natürlich aufpassen, dass Budgets für notwendige Forschungsarbeit weiter aufrecht erhalten werden. Sylvia Knapp ergänzt: „Ich freue mich, dass sich die Menschen und die Medien auf eine so produktive Art mit Wissen beschäftigt haben. Allein dass heute jede und jeder weiß, was eine Reproduktionszahl ist, ist eine Errungenschaft.“ Expert*innen seien ihrerseits gefordert, innerhalb ihrer Disziplinen zum Verständnis wissenschaftlicher Aussagen beizutragen, denn „es sind nun einmal nicht alle Virolog*innen“, so Knapp.

Von einer virologischen in eine ökonomische Phase

Für Karen Kastenhofer ist es verständlich, dass sich die Suche nach schnellen Lösungen mittlerweile zu einer kritischen Auseinandersetzung entwickelt hat. Ging es in der „heißen“ Phase vorwiegend um epidemiologische und virologische Aspekte, rücken nun auch andere Fragen in den Mittelpunkt, etwa nach sozialer Gerechtigkeit oder wirtschaftlicher Tragfähigkeit. „Am Anfang ging es darum, Leib und Leben zu retten. Jetzt wird unser Blick wieder weiter und wir beginnen zu fragen, wie das neue System funktionieren kann. Das ist eine gesunde, demokratische Reaktion.“ Auch Entscheidungsträger*innen müssten jetzt innehalten und sich mit gangbaren Wegen für eine Zukunft mit Corona beschäftigen.

„Die Naturwissenschaften genießen einen hohen Stellenwert in der Bevölkerung“, ergänzt Klaus Schuch. „Aber auch die Ökonomie und die Sozialwissenschaften haben sich in der Krise bewährt. Da geht es um Gewaltforschung, Bildung, neue Arbeitsformen etc. Das sollten wir so fortsetzen. Die Politik muss die Wissenschaft aber auch dazu ermächtigen, neue Wege zu finden. Das gilt nicht nur für die Biotechnologie, sondern auch für die Sozialwissenschaften“, betont er. (DR)