Abstracts

TA19 – Abstracts:

Keynote: The new role of the State for the emergence and diffusion of innovation: challenges in designing missions-oriented innovation policy
Dominique Foray

Mission-oriented innovation policy is an oxymoron. Mission reflects something like a discipline, a plan including clear objectives, targets and results while innovation requires a different logic based on freedom to experiment, involving surprises, discoveries and the market place as the final arbiter. Observing an oxymoron does not mean we should get rid of the underlying concept but we should think hard on the design of a policy whose concept involves a strong tension between two logics of organizing economic/innovation activites. This is what I will try to do with this talk.
 
Dominique Foray ist Professor am EPFL (Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne) und Mitglied des Schweizerischen Wissenschaftsrates SWR


 
Keynote: A new mission for technology assessment in mission-oriented research?
Zoya Damianova

At the time of transition from Horizon 2020 to Horizon Europe, the EU once again reiterates its full support for research and innovation as fundamental source of Europe’s competitiveness. Missions, which are a new form of STI policy support, put forward in Horizon Europe, tend to have a larger scope and include both a definition of (policy) context and a predefined end (normative) goal. This keynote address will look into some new challenges to technology assessment (TA).
A key question is that of the compatibility between the mission approach in Horizon Europe and technology assessment in that how the latter fits into the mission paradigm. Within Horizon Europe TA has often been “masked” behind the RRI framework, thus running the risk of deligitimising TA as a standalone value-driven and knowledge-producing practice and reducing it to just another “tool” of STI policy analysis. We will argue that mission-driven innovation can be better directed and more accountable if TA is applied.
Another question concerns the unique challenges posed by the mission approach to TA. Since missions will provide a structured and programmatic response to key societal challenges, but will also feature strong interdisciplinary and cross-sectoral involvement, it is likely that each mission will be rooted into pre-supposed normative assumptions. TA will also likely “compete” with other relevant concepts and frameworks, such as the precautionary principle, which could potentially narrow down the scope of TA and reduce it to practical utility to support law making and particular narrow special interests. We argue that TA needs to continue being seen as transparent, impartial and epistemic, and as such, it can contribute to shaping Horizon Europe’s missions and inform decision-makers about possible unknowns.
The third and last question to address concerns the future of TA and puts forward some ideas for a renewed mission of TA as policy advice in its own right. A general challenge to TA is how it communicates its findings to upstream decision-makers in an environment where short-term, quick fixes are preferred to long-term sustainable visions. We argue that TA scholars and practitioners should reevaluate the changing institutional and decision-making networks regarding STI policy advice, and reflect on missions to integrate TA in a broader context.
 
Zoya Damianova works as program director in charge of the strategic development of ARC Fund and the expansion of the portfolio of ARC Fund’s activities and projects in research and innovation policy studies and strategic analyses. Her current research focus is (i) on forward-looking studies - foresight studies in energy and environment, as well as technology assessment, (ii) RTDI evaluations, and (iii) research and innovation policy analyses – innovation in the public sector, workplace innovation, social innovation and innovation for sustainable development.


 
Missionsorientierung auf Abwegen? 'Active, happy and independent' aus Sicht der TA
Ulrike Bechtold, Leo Capari

Der demographische Wandel und die damit einhergehenden Herausforderungen für Politik und Gesellschaft zählen bereits zu den Fixsternen der europäischen und nationalen Forschungslandschaft. Die Versprechen von assistiven Technologien für Menschen mit Unterstützungs-, Betreuungs- und Pflegebedarf sind hierbei vielfältig: nationale Wirtschaftssysteme sollen entlastet, neue Leitmärkte erschlossen und die Bedürfnisse der Menschen besser und zielgerichteter adressiert werden, um deren Lebensqualität zu verbessern. Ein oft positivistisch überzeichnetes sozio-technisches Leitbild lässt hier jedoch Fragen offen, die aus Sicht der TA zentral sind: Inwiefern handelt es sich bei den oben genannten Versprechungen um erreichbare Ziele durch Technikeinsatz? Inwieweit spielen Leitbilder, Erwartungen und Zuschreibungen verschiedener Akteure und Technologieprogramme eine Rolle? Wie kann es, geleitet von diesen soziotechnischen Annahmen, der R&I-Community gelingen, die Lebenssituationen, Bedürfnisse und Befürchtungen der Betroffenen entsprechend wahrzunehmen? Und wie gelingt es, dies in der Entwicklung der Technologien zu berücksichtigen? Im Idealfall würde das bedeuten, dass Technologie auch in neuen Situationen unterstützend wirksam werden kann und so den Alltag damit mitunter entscheidend entlasten kann.
In unserem Beitrag wollen wir diesen Fragen nachgehen, indem wir Ergebnisse aus verschiedenen TA-Projekten darstellen und deren zu Grunde liegenden Zielesetzungen analysieren. Diese sollen dann in Bezug auf ihre Bedeutung für (unhinterfragte) Altersbilder und – Zuschreibungen gesetzt werden. Dabei identifizierte Altersbilder werden vor dem Hintergrund technologischer und wirtschaftlicher Versprechungen und dem breiteren Kontext der Bestrebungen zur Missionsorientierung kritisch beleuchtet und diskutiert.
 
Ulrike Bechtold ist promovierte Humanökologin und ist Senior Scientist am ITA in den Bereichen Technologie und Nachhaltigkeit. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind derzeit umgebungsgestütztes, aktives Altern, Partizipation und Co-creation.
Leo Capari ist Humanökologe und Junior Scientist im Bereich Technologie und Nachhaltigkeit am ITA. Bislang umfassten seine Arbeitsschwerpunkte AAL, Konsum und Nachhaltigkeit, Smart Cities und Horizon Scanning.


 
Mission: Impossible? Auf der Suche nach Gründen für die Distanz der TA(ler) zu den Folgen ihres Erfolges…
Torsten Fleischer

Debatten über Natur und Zweck des Forschungsprozesses und, damit verbunden, über das „richtige“ Verhältnis von Staat und (organisierter) Wissenschaft, begleiten uns seit mehreren Jahrhunderten. Ein Element davon ist die Frage nach Berechtigung und Folgen gezielter staatlicher Förderung (insbesondere angewandter) Wissenschaft. Zwar lassen sich erste diesbezügliche Aktivitäten bereits in vorindustrieller Zeit finden (Krieger 1987); systematische umfangreiche Ansätze staatlicher Wissenschaftsfinanzierung und Wissenschaftsorganisation sind jedoch ein Ergebnis politischer Veränderungen und wissenschaftlicher Einsichten im 20. Jahrhundert. Erst dann bildete sich ein eigenständiges Politikfeld heraus, das seitdem von der Forschungs- über die Technologie- zur Innovationspolitik weiterentwickelt wurde (Lundvall/Borras 2004). Zugleich war, insbesondere seit Ende des zweiten Weltkrieges, in einer Reihe von westlichen Industrieländern die Art dessen, was als Schwerpunkt in diesem Politikfeld gelten solle und worauf sich staatliches Handeln vorrangig zu konzentrieren habe, mehrfach Änderungen unterworfen. Gassler et al. (2006) beschreiben dies mit vier Paradigmen („klassische Missionsorientierung“, „(zivile) Schlüsseltechnologien“, „systemischer Ansatz“ und „‘neue‘ Missionsorientierung), die sich unter anderem hinsichtlich ihrer inhaltlichen legitimatorischen und institutionellen Dimensionen unterscheiden lassen. Diese Paradigmen werden in der Innovationspolitik allerdings nicht voneinander abgelöst, sondern durch neue ergänzt, die zum existierenden Spektrum hinzutreten.
Der Beitrag will zum einen zeigen, dass auch die Geschichte der Technikfolgenabschätzung (einschließlich der Genesis ihrer unterschiedlichen Inkarnationen) in diese Beschreibung eingebettet werden kann. Das Entstehen früher (‚klassischer‘) TA in den sechziger Jahren lässt sich unter anderem aus der Herausforderung für Parlamente, klassische missionsorientierte Forschungsprogramme legitimieren und kontrollieren zu sollen, begründen. Die Gründungswelle europäischer TA-Institutionen in den achtziger Jahren verläuft parallel zu Prozessen industriepolitisch motivierter Förderung von Schlüsseltechnologien und damit verbundener „Akzeptanzkrisen“. Das Aufkommen partizipativer TA kann als Reaktion auf das beobachtete „Systemversagen“ in der Interaktion „klassischer“ Innovationsakteure verstanden werden, etc.
Entscheidend dabei ist, so die vertretene Hypothese, dass sich die jeweilige innovationspolitische Praxis, wesentlich motiviert durch deren Beobachtung und Reflexion durch die disziplinäre Wissenschaft und die TA sowie damit verbundene Prozesse der Politikberatung immer wieder modifiziert und sich Praktiken der TA in einem als ko-evolutionär beschreibbaren Prozess dem anpassen. Dabei werden tradierte Praktiken nicht vollständig abgelöst, sie bestehen (in der Regel in reduziertem Umfang) fort und werden durch neue ergänzt.
Folgte man dieser Beschreibung, wäre die „neue Missionsorientierung“ keine rein TA-externe Entwicklung, sondern eine, die durch Akteure der TA (und mit ihnen verbundenen Akteuren einer breiteren „wissenschaftlich-intellektuellen Bewegung“ (Frickel/Gross 2005)) durch Forschung und Beratung mit herbeigeführt wurde. Im Lichte dessen überrascht die gelegentlich distanzierte Perspektive zumindest von Teilen der „TA Community“ auf deren Genese. Der Autor will versuchen, Vermutungen für mögliche Gründe dafür nachzugehen. Zugleich ist natürlich einzuräumen, dass neue innovationspolitische Praktiken auch neue Herausforderungen bergen - ein für die TA allerdings kein unbekanntes Phänomen, bei dem sie auch bisher erhebliche Flexibilität und Lernfähigkeit gezeigt hat. Der Beitrag wird versuchen, auch hierzu einige erste Überlegungen anzubieten.
 
Literatur:
Frickel, Scott; Gross, Neil; (2005) A General Theory of Scientific/Intellectual Movements; American Sociological Review 70(2): 204-232.
Gassler, Helmut; Polt, Wolfgang; Rammer, Christian; (2006) Schwerpunktsetzungen in der Forschungs- und Technologiepolitik – eine Analyse der Paradigmenwechsel seit 1945; Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP) 35(1): 7–23.
Krieger, Wolfgang (1987) Zur Geschichte von Technologiepolitik und Forschungsförderung in der Bundesrepublik Deutschland: Eine Problemskizze; Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 35(2): 247-271.
Lundvall, Bengt-Åke; Borrás, Susana; (2004) Science, Technology, and Innovation Policy; In: Fagerberg, Jan; Mowery, David C.; Nelson, Richard R. (Eds.) The Oxford Handbook of Innovation. Oxford University Press; 599-631.
 
Torsten Fleischer hat sich nach einem Physikstudium für die Forschung und Politikberatung zu Prozessen technischen Wandels und deren Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Veränderungen entschieden. Er ist heute Leiter des Forschungsbereichs „Innovationsprozesse und Technikfolgen“ am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT.


 
Missionen, TA und institutional Settings
Michael Decker

Das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) ist Teil des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), das Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft (HGF) ist. Die Zentren der HGF behalten ihre Eigenständigkeit. Unmittelbar relevant für die ITAS-Forschung sind also die Mission der HGF sowie die Mission des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
„Wir leisten Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch strategisch-programmatisch ausgerichtete Spitzenforschung […] Wir tragen bei zur Gestaltung unserer Zukunft durch Verbindung von Forschung und Technologieentwicklung mit innovativen Anwendungs- und Vorsorgeperspektiven. […].“
Diese Mission der HGF wird vom KIT aufgegriffen: „Wir schaffen und vermitteln Wissen für Gesellschaft und Umwelt. […] Zu den globalen Herausforderungen der Menschheit leisten wir maßgebliche Beiträge in den Feldern Energie, Mobilität und Information. […] Durch unsere Innovationstätigkeit schlagen wir die Brücke zwischen Erkenntnis und Anwendung zum gesellschaftlichen Nutzen, wirtschaftlichen Wohlstand und Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen.“ Das Leitbild des KIT beginnt mit: „Dabei sieht sich das KIT in der Verantwortung, durch Forschung und Lehre Beiträge zur nachhaltigen Lösung großer Aufgaben von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt zu leisten. Dazu setzt das KIT seine finanziellen und personellen Ressourcen mit bestmöglicher Wirksamkeit ein. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des KIT kommunizieren Inhalte und Ergebnisse ihrer Arbeit in die Gesellschaft.“
TA ist somit in fast idealer Weise in den HGF und KIT Missionen angelegt und regelmäßig beginnen auch die Forschungsprogramme der HGF, mit denen ITAS im Wettbewerb um die Grundfinanzierung innerhalb der HGF antritt, mit dem Verweis auf diese Missionen. Im Sinne einer CTA wird darauf abgezielt, dass die anderen – naturwissenschaftlich-technisch ausgerichteten – Programme in Kooperation mit ITAS erreichen, dass ihre Beiträge „maßgeblich für die Lösung globaler Herausforderungen sind“, „nachhaltige Lösungen“ darstellen und eine „bestmögliche Wirksamkeit“ erreichen. Schließlich bleibt auch das – im Call dieser Konferenz angelegte – Spannungsverhältnis zwischen „gesellschaftlicher“ und „wirtschaftlicher“ Nutzung in den Missionen offen.
In diesem Beitrag werden vor dem Hintergrund dieser Missionen konkrete Forschungsaktivitäten darauf hin beurteilt, wie TA eingebunden ist und wie das institutionelle Setting dieser Programme die Umsetzung der TA ermöglicht, ggf. auch befördert oder behindert. Konkret wird hierbei auf Aktivitäten des KIT abgezielt und anhand der Fallbeispiele (1) Antrag für die Exzellenz-Initiative, (2) Anträge für die Exzellenz-Cluster, (3) Programmanträge in der HGF, sowie (4) individuelle Antragsverfahren, zu denen aus strategischen Gründen eine KIT-interne Vorauswahl stattfinden muss, dargestellt, ob - und wenn ja wie - das institutionelle Setting eine auch missions-kritische Perspektive erlaubt bzw. worauf bei der Umsetzung der Programme/Projekte zu achten ist, dass diese Perspektive auch gehalten werden kann. Denn es geht darum – und das wird eine Pointe dieses Beitrags sein – die in der Antragsprosa durchaus noch von allen Akteuren gewünschte „starke TA“, in der Umsetzungsphase auch wirklich ausgestalten zu können.
 
Literatur:
Dachs, Bernhard; et al. (2015) Studie 12-2015: Herausforderungen und Perspektiven missionsorientierter Forschungs-und Innovationspolitik; Studien zum deutschen Innovationssystem; Berlin: EFI (118 Seiten).
Schneidewind, Uwe (2014) Für eine erweiterte Governance von Wissenschaft – Ein wissenschaftspolitischer Rückblick auf das Jahr 2014; GAIA-Ecological Perspectives for Science and Society 24.1 (2015): 59-61.
 
Michael Decker ist Professor für Technikfolgenabschätzung am Karlsruher Institut für Technologie. Seit 2004 ist er in der Institutsleitung des ITAS. Aktuell leitet er am KIT den Bereich „Informatik, Wirtschaftswissenschaften und Gesellschaft“. Er ist Vorsitzender des Beirats „Innovations- und Technikanalyse“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des Fachbeirats „Technik und Gesellschaft“ des Vereins der Deutschen Ingenieure (VDI). Seine Forschungsinteressen sind neben der Technikfolgenforschung zur Robotik die Theorie und Methodik der Technikfolgenabschätzung sowie Konzeptionen inter- und transdisziplinärer Forschung.


 
"Die Geister die ich rief..." – TA, Missionsorientierung und TechnoWissenschaft
Karen Kastenhofer, Helge Torgersen

TA war ursprünglich angetreten, Folgen des Einsatzes neuer Technologien zu analysieren, die v.a. anhand wirtschaftlich-technischer Überlegungen entwickelt worden waren. Diese galt es an Zivilgesellschaft und Politik zu kommunizieren, um deren Handlungsspielraum zu erweitern. Eine neutrale Positionierung galt als Voraussetzung von Glaubwürdigkeit, Handlungsfähigkeit und Wirkmächtigkeit und stand mit dem Modell der Gewaltenteilung und funktionalen Differenzierung moderner westlicher Gesellschaften in Einklang. Heute versucht öffentliche Forschungsförderung Technikentwicklung schon vorab an gesamtgesellschaftlichen Missionen zu orientieren und vereint damit Aufgaben der Gesellschafts-, Wissenschafts- und Technologiepolitik. TA wird dabei eine aktive Rolle zugewiesen, womit sich ihr Fokus weg von der bloßen Analyse hin zur Mitgestaltung verschiebt (vgl. Bogner et al. 2010).
Die Verschiebung oder Hybridisierung in Innovations- und Regulierungssystem, die auch die Rollen, Praktiken und Normen von TA unmittelbar betrifft, lässt sich vor dem Hintergrund des Technowissenschaftskonzeptes diskutieren: In vielen Naturwissenschaften ist ein Paradigma des engineering und der Machbarkeiten neben ein allein erkenntnisorientiertes Paradigma getreten. In Analogie dazu wurde in den Sozialwissenschaften das Ideal von der Wirkungmächtigkeit des social engineering postuliert. Dieser grundlegende Wandel wurde mit dem Konzept der TechnoWissenschaft beschrieben (Nordmann et al. 2011/2014). Er ist auch für die Technikfolgenabschätzung – so die Ausgangsthese dieses Beitrags – von fundamentaler Bedeutung.
Missionsorientierung ist per se nichts Neues – von Großprojekten des Zweiten Weltkriegs über den War on Cancer der Nachkriegsära bis hin zu den große Förderprogrammen im Kontext der Nachhaltigkeits- und Klimaforschung wurden gesamtgesellschaftliche Ziele postuliert und als handlungsleitende Missionen inauguriert. Allerdings gerät Missionsorientierung im gegenwärtigen Kontext zu einem alternativlosen Modus operandi von Innovationspolitik.
Einerseits wird dadurch der Ruf von TA nach sozialverträglicher Technikgestaltung aufgegriffen, andererseits aber eine Neupositionierung ihrer ehemals analytischen Rolle in technowissenschaftlichen Innovationssystemen notwendig. Auch gängige Praktiken der TA, wie etwa Partizipationstechniken, erfahren vor diesem Hintergrund einen unweigerlichen Bedeutungswandel. Zudem stehen missionsorientierte Forschung und ihre Förderung in einem Spannungsverhältnis zu grundsätzlichen Normen der Freiheit und Interesselosigkeit von Forschung und dem Neutralitätsanspruch von TA. Die Geister der Wirkmächtigkeit, die man rief, entwickeln somit gewissermaßen ein Eigenleben.
 
Literatur:
Nordmann, Alfred; Radder, Hans; Schiemann, Gregor; [Hrsg.]. (2011) Science Transformed? Debating Claims of an Epochal Break; University of Pittsburgh Press (240 pages).
Nordmann, Alfred; Radder, Hans; Schiemann, Gregor; [Hrsg.]. (2014) Strukturwandel der Wissenschaft. Positionen zum Epochenbruch; Velbrück Wissenschaft (260 Seiten).
Bogner, Alexander; Kastenhofer, Karen; Torgersen, Helge; (2010) Antizipierte Technikkontroversen als Governance-Problem; In: Grießler, E.; Rohracher, H.; [Hrsg.] Genomforschung – Politik – Gesellschaft: Perspektiven auf ethische, rechtliche und soziale Aspekte der Genomforschung (Österr. Zeitschrift für Soziologie – Sonderhefte, Bd. 8); VS Verlag. 69-98.
 
Karen Kastenhofer ist Wissenschafts- und Technikforscherin und promovierte Biologin. Ihr Arbeitsbereich umfasst die Rekonstruktion unterschiedlicher (Techno)Wissenschaftskulturen, die Analyse öffentlicher Kontroversen sowie die Diskussion möglicher Governance-Modelle im Bereich der Lebenswissenschaften und Biotechnologien. Ihre Arbeit wurde durch das österreichische Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, das Deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und die Stadt Wien gefördert. Gegenwärtig ist sie Inhaberin einer Elise Richter Forschungsstelle, gefördert durch den österreichischen Wissenschaftsfonds (TEK, FWF Projekt V-383).
Helge Torgersen, ursprünglich Molekularbiologe, widmet sich der Analyse des Dreiecks Wissenschaft – Öffentlichkeit – Politik. Seit 1990 am ITA, arbeitete er zunächst im Bereich Biotechnologie, später an Governance von Technologie-Kontroversen. Sein Interesse gilt heute allgemein dem Verhältnis von Technikentwicklung und gesellschaftlicher Wahrnehmung; konkret arbeitete er in letzter Zeit vor allem zu gesellschaftlichen Aspekten der Synthetischen und Systembiologie sowie der Nanotechnologie und zu partizipativen Verfahren der Technikfolgenabschätzung.


 
Bessere Gesundheitspolitik mit missionsorientierten Innovationen?
Susanne Giesecke

Eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit ist die öffentliche Gesundheit. Missionsorientiere Politik stellt sich u.a. der Aufgabe, bestimmte Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Obesity oder Herz-Kreislauf-Schwäche zu bekämpfen. Nicht zuletzt in den SDG wurde die Herstellung der öffentlichen Gesundheit als ein globales Ziel definiert. Dazu wird in den westlichen Ländern vor allem auf die Entwicklung und den Einsatz neuer Technologien gesetzt, z. B. mit der personalisierten Medizin, die mit Hilfe von Big Data die Stratifizierung von Diagnosen und Therapien verspricht. Das Gesundheitssystem ist ein sehr komplexer und schwer zu erfassender Apparat. Stark reguliert von staatlichen Stellen, Behörden und Körperschaften mit hoher Autonomie einerseits, scheint er andererseits auch deutlich von den Interessen der Industrie getrieben. Zu guter Letzt kommen in jüngster Zeit vermehrt auch die selbstorganisierten Patientenverbände zum Vorschein, die ebenfalls ein Wörtchen mitreden wollen. Es stellt sich die Frage, ob wir an der Schwelle zu einem Systemwandel in der missionsorientierten Innovationspolitik auf dem Gesundheitssektor sind. Zwar gibt es Anzeichen dafür, doch bei den Versicherern und in weiten Teilen der Politik wird immer noch mehr auf kurzfristige Therapie statt langfristige Prävention gesetzt. Auch hat sich gerade in Bezug auf Zivilisationskrankheiten die singuläre Fokussierung auf ein „technological fix“ als wenig zielführend erwiesen, wie sich z.B. an der Vielzahl von Medikamenten und medizinischen Eingriffen ablesen lässt. Denn trotz dieser neuen Möglichkeiten steigen die Gesundheitskosten für die Zivilisationskrankheiten innerhalb der EU auf über 70%.
Was würde ein „normative turn“ für eine innovative Gesundheitspolitik bedeuten und welche Szenarien werden damit assoziiert? Unser Paper verfolgt den Ansatz, dass ein Systemwandel nicht in erster Linie (nur) die steigenden Kosten des Gesundheitssystems, die Krise in der Pflege und das Primat von technischen Lösungen im Auge haben darf. Sondern, dass Gesundheit auf allen Gebieten des täglichen Lebens Berücksichtigung finden muss. Gesundheit und Gesundheitspolitik dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern bedürfen, gerade wenn es um die Bekämpfung der Zivilisationskrankheiten geht, eines ganzheitlichen, partizipativen Ansatzes. Der Hoffnung auf Fortschritte in der Forschung und Entwicklung stehen allerdings das Beharrungsvermögen von Institutionen und der „vested Interest“ ganz unterschiedliche Akteure auf dem Medizinsektor entgegen. Die limitierte strukturelle Handlungskapazität einer ganzheitlichen Gesundheits- und Gesellschaftspolitik ist somit diametral zum Erwartungsdruck durch die Öffentlichkeit.
Vor dem Hintergrund des EU-Projekts FRESHER (FORESIGHT AND MODELLING FOR EUROPEAN HEALTH POLICY AND REGULATION, Horizon 2020, Laufzeit von 2015-2017) zeigen wir auf, wie mithilfe von Foresightmethoden und TA transformative Szenarien zu einer weitreichenden Gesundheitspolitik erstellt wurden. Die transformativen Aspekte dieser Szenarien beleuchten nicht nur Spannungen und Widersprüche gegenwärtiger Praktiken, sondern auch mögliche zukünftige Entwicklungen. Dazu gehen wir über die Gesundheits- aber auch über die Forschungs- und Technologiepolitik weit hinaus. Wichtig ist dabei, den Handlungsspielraum zu öffnen und nicht durch ex-ante Normierungen einzuengen. Vielmehr geht es darum, bisher unbekannte Alternativen zu anzudenken, während die gegenwärtigen Grundannahmen in Frage gestellt werden.
 
Susanne Giesecke arbeitet seit 2005 als Senior Researcher am Austrian Institute of Technology AIT GmbH (vormals Austrian Research Center) im Center for Innovation Systems and Policy. In den letzten Jahren war sie neben ihrer Tätigkeit im AIT als Wissenschaftlerin in Forschungsinstitutionen in Deutschland und Brasilien zu Gast. Ihre gegenwärtigen Arbeitsschwerpunkte liegen auf der qualitativen Innovationsforschung, auf Technologiepolitik und ebenso auf Technology Assessment, Evaluation von Forschungsprogrammen und auf Zukunftsstudien/Foresight. Für letzteren Schwerpunkt war sie in mehreren EU-Projekten, z.B. zur Vorbereitung des nächsten EU Forschungsrahmenprogrammes sowie zur Gesundheitspolitik und zu sozialen Innovationen in leitender Funktion tätig.


 
Missionsorientierte Innovationspolitik: Mission impossible? – Neues Paradigma oder: Alles beim Alten
Petra Schaper-Rinkel, Dana Wasserbacher

Vor mehr als zwanzig Jahren formulierten Ari Rip und Johan Schot ein Dilemma in Bezug auf die Zukunft des Constructive Technology Assessment (CTA): Es gäbe auf der einen Seite die Vorstellung von einer gemeinsamen Verantwortung für Zukunftstechnologien in der Gesellschaft, nach der sich die unterschiedlichen Akteure an den CTA-Zielen Lernen, Reflexivität und Antizipation orientieren. Auf der anderen Seite gäbe es Auseinandersetzungen und Kämpfe zwischen unterschiedlichen Akteuren. Wenn es gelingen könnte, die Interdependenzen zwischen den Akteuren in diesem Spannungsfeld konstruktiv zu bearbeiten, dann könnte sich eine Art Ko-Produktion von zukünftigen Technologien entwickeln. Das Ziel war dabei klar benannt: bessere Technologien in einer besseren Gesellschaft zu erreichen („to achieve better technology in a better society“) (Schot&Rip 1997, S. 266).
Auf der Mikroebene und auf der Diskursebene lassen sich eine Vielzahl von Konzepten feststellen, die diesen Anspruch in den letzten Jahren konkretisiert und operationalisiert haben, insbesondere im Kontext von Responsible Research and Innovation (RRI).
Auf der Ebene der Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik wurde dieses Spannungsverhältnis mit dem Konzept einer missionsorientierten Innovationspolitik adressiert, das darauf ausgerichtet ist, Akteure darin zu unterstützen, in ausgewählten gesellschaftlich relevanten Feldern ihre Forschungs- und Innovationsaktivitäten auszuweiten (vgl.Mazzucato 2016; Mazzucato 2018). Missionsorientierung kann somit als eine Fortführung von CTA-Ansätzen auf der Makroebene betrachtet werden: Die CTA-Gestaltungsorientierung hat traditionelle TA ergänzt (die Technologien als gegeben auffasst und die potentiellen Folgen analysiert) indem die Frage nach den gewünschten Wirkungen von technologischen Innovationen der Ausgangspunkt wurde, von dem aus mögliche Governance-Mechanismen für die Entwicklung von Zukunftstechnologien antizipiert wurden.
Doch kaum ist die Missions-Orientierung im politischen Raum angekommen, stellt sich die Frage (der in diesem Beitrag nachgegangen wird), ob sie in der (europäischen) Forschungspolitik nicht bereits wieder durch politische Praxen des Technology Push und der unbedingten Wachstumsorientierung überlagert wird, bevor sie noch als relativierendes Instrument - im ambitionierten Sinne von „better technology in a better society“ - wirksam werden konnte.
 
Literatur:
Mazzucato, Mariana (2016) From market fixing to market-creating: a new framework for innovation policy; Industry and Innovation 23(2): 140-156. [auch veröffentlicht in: Industry and Innovation 23(2): 140-156]
Mazzucato, Mariana (2018) Missions. Mission-Oriented Research & Innovation in the European Union – A problem-solving approach to fuel innovation-led growth; Brussels: European Commission (34 pages).
Schot, Johan; Rip, Arie; (1997) The Past and Future of Constructive Technology Assessment; Technological Forecasting and Social Change 54(2-3), 251-268.
 
Petra Schaper-Rinkel ist Politikwissenschaftlerin und Innovationsforscherin am AIT Austrian Institute of Technology. Als Senior Scientist koordiniert sie die inhaltliche Ausrichtung und Programmentwicklung des Research Fields "Societal Futures". Ihre Forschungsschwerpunkte sind Governance von Zukunftstechnologien & Foresight.
Dana Wasserbacher ist Junior Expert Advisor am AIT Austrian Institute of Technology, Center for Innovation Systems and Policy. Sie verfügt über mehrjährige Erfahrung in der Organisation und Begleitung von Zukunftsprozessen in der österreichischen und europäischen Technologie- und Innovationspolitik, sowie Expertise im Technologie-Monitoring.


 
Staatlich initiierte inklusive Innovationsinitiativen zwischen Kollaborationsanspruch und Initiationsinteressen
Johannes Starkbaum, Anna Gerhardus, Robert Braun

Inklusive und nicht-lineare Innovationsinitiativen etablieren sich zunehmend in der internationalen Forschung und Entwicklung. Inwieweit sich Initiationsinteressen dieser Initiativen in der Praxis auf den partizipativen Anspruch auswirken, ist weitgehend unbekannt.
Im Rahmen des H2020 Forschungsprojekts RiConfigure werden derzeit österreichische und europäische Initiativen untersucht (n=25), die durch AkteurInnen aus dem öffentlichen Sektor initiiert wurden und einen Quadruple Helix Ansatz verfolgen oder anstreben. Während Modelle wie Open Innovation (Chesbrough, 2003) vorrangig die Offenheit für Zusammenarbeit fokussieren, betont Quadruple Helix Innovation die aktive Kooperation unterschiedlicher AkteurInnen-Gruppen über den gesamten Innovationsprozess und setzt dabei auf die aktive Teilhabe von AkteurInnen aus Zivilgesellschaft, Industrie, öffentlichem Sektor und Wissenschaft (Carayannis and Campbell, 2010). Dabei grenzt sich dieser Ansatz durch einen demokratiepolitischen Zugang von Triple Helix Modellen ab, die keinen expliziten Einbezug der Zivilgesellschaft vorsehen (Etzkowitz and Leydesdorff, 2000).
Im österreichischen Kontext finden sich eine Reihe an Initiativen und Projekten die einem inklusiven Innovationsansatz folgen - prominente Beispiele finden sich im Rahmen der Tabakfabrik in Linz, den Mobilitätslaboren der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), oder dem Makerspace Carinthia. Zudem hat die österreichische Bundesregierung eine Open Innovation Strategie entwickelt, um offene und nicht-lineare Innovation zu fördern und zu vernetzen. Im Rahmen der empirischen Untersuchung werden Webauftritte analysiert, Interviews geführt und partizipative Workshops veranstaltet.
Offenheit und Vernetzung werden im Rahmen der untersuchten Initiativen breit kommuniziert und über die Webauftritte betont. Inklusive Innovation ist demzufolge auch ein normativer Ansatz, der aktiv an die Öffentlichkeit getragen wird. Hier zeigen sich Parallelen zur europäischen und internationalen Forschungslandschaft, wo sich die Einbindung von zivilgesellschaftlichen AkteurInnen zunehmend etabliert und in Konzepten wie „Responsible Research and Innovation“ (RRI) verfestigt (Braun and Griessler, 2018). Der geteilte Anspruch dieser Initiativen lässt sich durch einen Slogan des mobility labs der Schweizer Post zusammenfassen: „Gemeinsam entwickeln wir Lösungen für die Zukunft“
Doch gerade dieser Anspruch des gemeinsamen Entwickelns zeigt sich in der Praxis als Herausforderung, wie unsere InterviewpartnerInnen berichten. So sind beispielsweise AkteurInnen aus dem Bereich des öffentlichen Sektors oftmals vorrangig in der Finanzierung aktiv, und auch das Einbinden von zivilgesellschaftlichen AkteurInnen beschränkt sich oftmals auf selektive Gruppen und auf selektive Teile von Innovationsprozessen. Der demokratiepolitische Ansatz von Quadruple Helix Innovation, unterschiedliche StakeholderInnen-Gruppen aktiv und fortlaufend einzubinden, ist in dieser idealtypischen Form in der Praxis selten zu finden, auch wenn dies durch die Webauftritte der Innovationsinitiativen vermehrt suggeriert wird.
Hinter den untersuchten Initiativen und Projekten stehen mehr oder weniger spezifische Initiationsinteressen. Bei durch AkteurInnen aus dem öffentlichen Sektor initiierten Projekten überschneiden sich diese Interessen mit politischen Zielen wie wirtschaftliche Aktivitäten zu fördern oder Regionalentwicklung zu betreiben. Eine derartige Zielsetzung steht jedoch einem Innovationsdesign gegenüber, welches Offenheit für Neuausrichtungen oder Zielsetzungen durch beteiligte Akteure anstrebt. Zudem kann die Finanzierungsleistung, welche in den untersuchten Fällen zu guten Teilen aus dem öffentlichen Sektor kommt, zu einem Hierarchiegefälle zwischen den beteiligten AkteurInnen führen.
Unsere Untersuchung zeigt, dass die praktische Umsetzung von inklusiven und nicht-linearen Innovationsinitiativen durch die jeweiligen Initiationsinteressen geprägt sind und dadurch dem Anspruch einer offenen, gleichbeteiligten und fortlaufenden Kooperation entgegen wirken können.
 
Literatur:
Braun, Robert; Griessler, Erich; (2018) More democratic research and innovation; Journal of Science Communication 17(3): Article C04.
Carayannis, Elias; & Campbell, David F. J.; (2010) Triple Helix, Quadruple Helix and Quintuple Helix and how do knowledge, innovation and the environment relate to each other? International Journal of Social Ecology and Sustainable Development 1(1): 41-69.
Chesbrough, Henry William; (2003) Open innovation: The new imperative for creating and profiting from technology; Boston/MA: Harvard Business Review Press (227 pages).
Etzkowitz, Henry; Leydesdorff, Loet; (2000) vple Helix of university–industry–government relations; Research policy 29(2): 109-123.
 
Johannes Starkbaum ist Soziologe und Politikwissenschaftler und forscht zu Wissenschaftspolitik und inklusiver Forschung & Innovation. Seine inhaltlichen Schwerpunkte umfassen Themen wie Big Data und automatisierte Mobilität. Johannes ist seit 2018 Teil der Forschungsgruppe Techno-Science and Societal Transformation des Instituts für Höhere Studien (IHS).
Anna Gerhardus ist seit 2019 Mitglied der Forschungsgruppe Techno-Science and Societal Transformation des Instituts für Höhere Studien (IHS). Sie ist Teil des EU Projekts RiConfigure mit den Arbeitsschwerpunkten partizipative und nicht-lineare Innovationprozesse, Mobilität und Gesellschaft sowie Responsible Research & Innovation (RRI).
Robert Braun ist Senior Researcher in der Forschungsgruppe Techno-Science and Societal Transformation des Instituts für Höhere Studien (IHS). Er forscht im Bereich Responsible Research and Innovation (RRI) sowie zu gesellschaftlichen Fragen der autonomen und vernetzten Mobilität.


 
...nie so sicher wie heute!? – Braucht die zivile Sicherheitsforschung eine neue Missionsorientierung?
Holger Floeting

Sichere Gesellschaften sind ein Wunsch, ein Anspruch und ein Versprechen, aber im Ziel - ähnlich wie andere gesellschaftliche Herausforderungen wie „soziale Gerechtigkeit“ oder „gleichwertige Lebensbedingungen“ - nie vollständig erreichbar. Die Lund Deklaration der Europäischen Union von 2009 nennt neben Klimawandel und dessen Folgen, Alterung der Gesellschaften und Gesundheitsversorgung Sicherheit als große gesellschaftliche Herausforderung, denen sich Wissenschafts-, Technologie- und Innovationspolitik zu stellen haben. In Deutschland gibt es seit 2007 das Sicherheitsforschungsprogramm „Forschung für die zivile Sicherheit“. Das Programm zielt darauf ab, den Schutz von Bürgerinnen und Bürgern vor Gefährdungen durch Naturkatastrophen, Terrorismus und Kriminalität ebenso durch bessere Eigenvorsorge und Stärkung der Resilienz als auch durch Verbesserung der Fähigkeiten von Rettungs- und Einsatzkräften zu erhöhen. Erforscht werden neue Technologien ebenso wie veränderte Sicherheitsarchitekturen, veränderte organisatorische Konzepte und Kompetenzen sowie neue Kommunikationswege.


Die klassische Missionsorientierung ist auf die Produktion öffentlicher Güter ausgerichtet und formuliert Ziele und technische Entwicklungen zu deren Erreichung. Bei der neuen Missionsorientierung werden dagegen große gesellschaftliche Herausforderungen angesprochen und Beiträge zur Problemlösung gesucht, die sich nicht mit einer konkreten Technologie abdecken lassen. Die neue Missionsorientierung könnte den Belangen der Innovations- und Technikanalyse (ITA) grundsätzlich entgegen kommen, da deren Zugang auch eher über die gesellschaftlichen Hausforderungen erfolgt als die technische Lösung in den Vordergrund zu rücken.
Im Bereich der zivilen Sicherheitsforschung gibt es beide Formen der Missionsorientierung. Oft haben wir es bei der eng technisch ausgerichteten Forschung zur Entwicklung von Ausrüstungen mit klassischer Missionsorientierung zu tun, bei der ITA kaum die Chance hat, die definierten Ziele in Frage zu stellen und die Gefahr besteht, dass sie für andere Ziele vereinnahmt wird. Den Ansatz neuer Missionsorientierung finden wir dagegen bei der Erforschung komplexer Zusammenhänge urbaner Sicherheit (z.B. Vielfalt und Sicherheit), von Überwachungstechnologien (z.B. Privatheit und Sicherheit) oder der Sicherheit kritischer Infrastrukturen (z.B. Verletzbarkeit moderner Gesellschaften durch großräumigen Stromausfall).
Die neue Missionsorientierung könnte die Risiken des „zu spät kommens“ von ITA mindern, wenn Forschungsprogramme ITA frühzeitig einbeziehen würden. Gleichzeitig werden die Wirkungseinschätzungen damit komplexer und unsicherer, weil die Technologien noch nicht ausreichend entwickelt und weit verbreitet sind, noch gar nicht bekannt ist, welche Technologien eingesetzt werden sollen oder im Schwerpunkt soziale Innovationen adressiert werden. Forschungsgegenstände, die auf Basis neuer Missionsorientierungen untersucht werden, sind dafür oftmals besonders komplex, von interdependenten Wirkungsgefügen und kaum kontrollierbaren Rahmenbedingungen bestimmt. Zielsetzungen liegen oft weit in der Zukunft. Rekombination und Neuassemblierung vorhandener sowie vorhandener und neuer Technologien können ggf. mit emergenten Wirkungen verbunden sein. Wirkungseinschätzungen werden damit schwieriger bis unmöglich.
Der Beitrag soll Ansatzpunkte und Grenzen für die Innovations- und Technikanalyse bei missionsorientierter Forschung im Bereich der zivilen Sicherheit thematisieren und mögliche Argumente für eine neue Missionsorientierung in diesem Bereich aufzeigen.
 
Holger Floeting ist als Wissenschaftler am Deutschen Institut für Urbanistik – der Forschungs‐, Fortbildungs‐ und Informationseinrichtung für deutsche Städte und Gemeinden – in Berlin tätig. Er hat dort das Forschungsfeld „Urbane Sicherheit“ aufgebaut. Seine Forschungsthemen in diesem Bereich konzentrieren sich auf kommunale Akteure und Institutionen, Sicherheitstechnologien, Prävention, Sicherheitswahrnehmung und die Sicherheit öffentlicher Räume.


 
Neue Rollen für Foresight und TA im Kontext missionsorientierter F&I-Politik: Das BOHEMIA Foresight zur Vorbereitung von Horizon Europe
Matthias Weber, Susanne Giesecke, Petra Schaper-Rinkel

Frühere Europäische Rahmenprogramme für Forschung und Innovation sind wiederholt dafür kritisiert worden, dass ihre Vorbereitung zu intransparent wäre und es zu wenige innovative Themen aufwiese. Im Vorfeld von Horizon Europe wurde erstmals ein systematischer Foresight Prozess durchgeführt, um die Nachvollziehbarkeit der Konzeption zu verbessern und neue zukunftsorientierte Forschungsthemen zu identifizieren. Dementsprechend war das Foresight Projekt BOHEMIA (Beyond the Horizon: Foresight in Support of the EU’s Future Policies for Research and Innovation) integraler Bestandteil des Vorbereitungsprozesses für das neue Horizon Europe Programm (Weber et al. 2018).
Die dem BOHEMIA Projekt zugrundliegende Argumentation unterschied sich grundlegend von jener vorangegangener Rahmenprogramme, weil die neu zu definierenden F&I Agenden eine explizite Fundierung in den gesellschaftlichen Herausforderungen am Zeithorizont 2035/2040 besitzen sollten, zu deren Bewältigung die F&I Ergebnisse von Horizon Europe dann beitragen sollen. Dies bedeutet, dass nicht mehr Technologien als Ausgangspunkt für die Definition der F&I-Agenden herangezogen wurden, sondern gesellschaftliche Herausforderungen in Form von greifbaren Missionen (Lamy et al. 2017). Dadurch stellte sich auch die Frage nach den normativen Leitorientierungen, im Sinne derer europäische F&I diese Herausforderungen adressieren sollte.
Diese Frage kann nicht ausschließlich aus einer ExpertInnenperspektive beantwortet werden, sondern sie erfordert den Austausch mit Stakeholdern ebenso wie mit der Kommission als der federführenden politischen Institution im Geneseprozess des Rahmenprogramms. Darüber hinaus müssen auch andere Generaldirektionen, deren politische Agenden maßgeblich eben diese Herausforderungen definieren, bereits im Geneseprozess eingebunden sein.
Das BOHEMIA Projekt hatte die Aufgabe, den Gestaltungsprozess von Horizon Europe an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Generaldirektionen sowie zwischen Kommission und Stakeholdern vorausschauend und konstruktiv zu unterstützen. Dabei sollten auch explizit die normativen Prämissen des neuen Rahmenprogramms thematisiert werden. Dies ist in Form von vier anzustrebenden Transitionen geschehen, und zwar in den Bereichen soziale Bedürfnisse, Biosphäre, Innovation und globale Governance. Diese Transitionen wurden in der Folge als Referenzrahmen für die Bewertung von 19 Innovationspfaden (sogenannten ‚targeted scenarios‘) herangezogen, die im Sinne von Kandidaten-Missionen in einem bottom-up Prozess entwickelt worden waren.
Das BOHEMIA Projekt hat damit bewusst die distanzierte Beobachterperspektive aufgegeben und eine vermittelnde Rolle im Politikprozess übernommen, zumal in Bezug auf normative Fragen. Dieser Zugang hat das Aufgabenspektrum von Foresight/TA im Politikprozess erweitert: ‚Constructive Foresight‘ kann dadurch als politikfeldübergreifende und konstruktive Form des Dialogs in Sinne einer frühzeitigen Koordination zwischen Politikfeldern und mit Stakeholdern wirksam werden, und dies sowohl zu normativen Orientierungen als auch zur Entwicklung und Bewertung neuer Forschungs- und Innovationsoptionen im Sinne möglicher Missionen.
Im Rahmen des Papers und Vortrags wird erläutert, wie dieser Dialogprozess durchgeführt wurde, welche normative Leitvorstellungen dabei entwickelt wurden und wie diese in der Folge in die Formulierung von Kandidatenthemen für Missionen eingeflossen sind.
 
Literatur:
Lamy, Pascal; Brudermüller, Martin; et al. (2017) LAB – FAB – APP: Investing in the European future we want. Report of the independent High Level Group on maximising the impact of EU Research & Innovation Programmes; Brussels: European Commission (36 pages).
Weber, Matthias; Andreescu, Liviu; et al. (2018) Transitions on the Horizon: Perspectives for the European Union’s future research- and innovation-related policies – Study; Final Report of BOHEMIA project; Brussels: European Commission (38 pages).
 
Matthias Weber ist Head of Center for Innovation Systems and Policy am AIT und hat mit seinen beiden Kolleginnen das BOHEMIA Projekt geleitet.
Susanne Giesecke ist Senior Scientist am AIT Austrian Institute of Technology, Center for Innovation Systems and Policy, und arbeitet derzeit vor allem zu Foresight im Bereich Gesundheit.
Petra Schaper-Rinkel arbeitet ebenfalls als Senior Scientist am gleichen Center des AIT. Sie koordiniert auf Seiten des AIT die gemeinsam mit der ÖAW getragenen Foresight- und TA-Aktivitäten für das österreichische Parlament.


 
Mission failed? Vom Umgang mit komplexen missionsorientierten Innovationsprogrammen
Claus Seibt

Missionsorientierte Innovationsprogramme gibt es nicht erst seit gestern. Solche Maßnahmen werden häufig von Zukunftsvorstellungen begleitet, die gemeinsam mit Stakeholdern abgestimmt wurden. Foresight dient hierbei als Methode zur Unterstützung der Programmentwicklung.
Missionsorientierung in Forschungsfördermaßnahmen lässt sich bereits in der Forschungsplanung der 1970er und frühen 1980er Jahren erkennen. So war z. B. der Transrapid eine Mission staatlicher Innovationspolitik in den 1980er und 1990er Jahren. Aber auch andere Missionen wie der Kernfusionsreaktor ITER auf europäischer Ebene oder Missionen in anderen Sektoren spielten eine Rolle. Auffällig ist, dass es für derartige Missionen (am Beispiel Transrapid sehr deutlich) zu keiner parlamentarischen TA kam.
TA übernimmt eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung missionsorientierter Forschungs- und Innovationsprogramme. TA Methoden können zur Abschätzung und Bewertung möglicher Wirkungen von Programmen, zur Unterstützung der Abstimmung von Politik- und Programmzielen sowie zur Strukturierung und realistischen Planung der Mission und Antizipation möglicher Schritte, die zur Zielerreichung führen, genutzt werden. Kurz: In der Planung von Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsförderprogrammen sind Methoden der TA sehr gefragt.
Dies soll in dieser Präsentation am Beispiel des Schaufensterprogramms Elektromobilität in Deutschland illustriert werden. Das Schaufensterprogramm war eines der neueren missionsorientierten Innovationsprogramme — ein Zuwendungsprogramm zur Förderung von Forschung, Entwicklung und Innovation mit einem Fördervolumen von rund 200 Mio. Euro. Es waren alleine vier deutsche Ministerien mit ihren jeweiligen Politikagenden am Programm beteiligt und darüber hinaus vier Bundesländer, in denen die vier Schaufenster angesiedelt waren. Mit diesem Programm sollte die Praxistauglichkeit elektrischer Fahrzeuge sowie die entsprechende Lade- Infrastruktur erprobt und die Alltagstauglichkeit von Fahrzeugen und Flotten (z.B. für Car-Sharing) demonstriert werden. Der Massenmarkt für Elektromobilität in Deutschland sollte auf diese Weise vorbereitet und eine Vorreiterrolle mit Blick auf Elektromobilitätslösungen erreicht werden. Das Programm sollte zudem zur Mission der Verbreitung von 1 Million elektrischer Fahrzeuge bis 2020 in Deutschland beitragen.
Die Mission wurde nicht erfüllt (mission failed). Zu Beginn 2019 ist man in Deutschland noch weit entfernt von einer Million elektrischer Fahrzeuge auf bundesdeutschen Straßen. Auch eine industrielle Vorreiterrolle wurde nicht erreicht. Dennoch erzielte das Programm eine erhebliche Wirkung. Sie lag besonders in der Koordination und Abstimmung zwischen den zahlreichen, am Programm beteiligten Akteuren. Die eingesetzte Begleit- und Wirkungsforschung (BuW) übernahm selbst oder vergab Aufträge für spezifische TA Studien im Programmverlauf. Eine systematische, vorausschauender TA im Vorfeld und Verlauf des Programms wurde nicht umgesetzt. Aus den Erfahrungen mit diesem Programm lassen sich hervorragend Schlüsse mit Blick auf die Rollen von TA in missionsorientierten Innovationsprogrammen ziehen. Zwar besteht immer die Gefahr, dass TA für die Mission und damit für spezifisch politische Ziele vereinnahmt wird. Allerdings hat sich TA bereits in der Vergangenheit diesem Risiko in der Begleitung von Programmen und Innovationsmaßnahmen immer wieder ausgesetzt. Mit ihrem Methoden-Repertoire kann die TA die Programmentwicklung unterstützen und sogar zur Demokratisierung der Programmentwicklung beitragen. Sie kann die Entwicklung und den Verlauf missionsorientierter Innovationsprogramme und damit den Umgang mit deren Komplexität wesentlich unterstützen.
 
Claus Seibt ist Sozial- und Politikwissenschaftler und Systemingenieur. Er hat inzwischen mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Zukunfts- und Transformationsforschung. In der Technikfolgenabschätzung und im Technology Foresight beschäftigten ihn immer wieder Fragen der normativen Orientierung von Forschung, Entwicklung und Innovation.


 
Klimawandel als Innovationsmotor – Nebenwirkungen von eindimensionalen Ökobilanzen auf die Nachhaltigkeitsbewertung
Bettina Mihalyi, Daniel Koch, Mahshid Sotoudeh

Fossile Energieträger sowie petrochemische Produkte sollen durch „erneuerbare“ Energiequellen und durch Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen ersetzt werden, um den CO2 Ausstoß zu reduzieren. Für die Analyse des CO2 Einsparungspotentials wird die Ökobilanz als ein Instrument der Technikfolgenabschätzung bereits in vielen Ausschreibungsprogrammen zur Bewertung der entwickelten Produkte, Technologien oder Prozesse gefordert.
In der Prozessentwicklung wird die Ökobilanz ergänzend zur Prozesssimulation und anderen verfahrenstechnischen Bilanzmethoden zur Optimierung des Energie- und Ressourcenverbrauchs eingesetzt, um verschiedene Prozessvarianten auch hinsichtlich ihrer ökologischen Wirkung zu analysieren und eine Entscheidungshilfe in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung zu geben.
An der TU-Wien, Institut für Verfahrenstechnik, Umwelttechnik und technische Biowissenschaften wird u.a. an der Entwicklung von neuen Bioraffinerie Konzepten zur ganzheitlichen Nutzung von biogenen Roh- oder Reststoffen gearbeitet. Bereits für den Aufschluss von Pflanzenmaterial wie Weizenstroh gibt es verschiedene Methoden, die entweder unterschiedliche Energiemengen oder Chemikalien erfordern und auch die Qualität der einzelnen Fraktionen sowie die weiteren Prozessschritte stark beeinflussen können. Zur Bewertung der ökologischen Wirkung werden die möglichen Prozesswege in der GaBi Ökobilanzierungs-Software modelliert und die einzelnen Impact Kategorien ausgewertet. Vor dem Hintergrund der sich wandelnden Rahmenbedingungen müssen Szenarien gerechnet werden, die Rohstoffe wie Bioethanol oder einen höheren Anteil von Strom aus erneuerbaren Quellen berücksichtigen.
Durch die internationale missionsorientierte Zielsetzung, die Treibhausgas Emissionen zu senken, gibt es hier dementsprechend viele wissenschaftliche Untersuchungen und daraus resultierend eine solide Datenbasis auch für die Bilanzierung und die Umrechnungsfaktoren in CO2 Äquivalente. So gewinnt die Wirkungskategorie Treibhauspotential bei der Auswertung der Ökobilanz noch zusätzlich an Bedeutung.
Für andere Wirkungskategorien ist bis jetzt diese Grundlage nicht ausreichend geschaffen und auch dadurch kommt ihnen in den Berechnungen für die Erstellung und Auswertung einer Ökobilanz eine untergeordnete Rolle zu. In verschiedenen Beispielen haben sich sehr stark unterschiedliche Ergebnisse in Abhängigkeit von der ausgewählten Wirkungskategorie (wie Treibhauspotential, Eutrophierung oder Humantoxizität) bzw. bei Variation der Berechnungsmethode des Wirkindikators ergeben.
In diesem Beitrag präsentieren wir anhand von Ergebnissen aus unseren Forschungsprojekten, dass die Fokussierung der Ökobilanzierung auf die Wirkungskategorie Treibhauspotential mit dem Wirkindikator CO2 eine sehr eindimensionale Betrachtungsweise darstellt, die zwar den globalen Stellenwert des Klimawandels reflektiert, jedoch auf einem falschen Verständnis von nachhaltiger Entwicklung basiert, und eine riskante Irreführung in der Technologieentwicklung induzieren kann.
Nur eine Ökobilanz, die eine breitere Palette von den, im jeweiligen Betrachtungsraum relevanten Wirkungskategorien auswertet und berücksichtigt, kann in diesem Zusammenhang ein wertvolles Instrument für die Technikfolgenabschätzung sein, um Szenarien zu entwickeln, die den Nachhaltigkeitsaspekt bzw. kritische Entwicklungen besser darstellen und berücksichtigen können.
 
Bettina Mihalyi: Studium der Technischen Chemie mit SP Verfahrenstechnik an der TU Wien; 2000 bis 2001 freie Mitarbeiterin am Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA), seit 2001 Univ. Ass. am Institut für Verfahrenstechnik, Umwelttechnik und technische Biowissenschaften der TU Wien; Forschungsschwerpunkte: Fasertechnologie, stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe, Bioraffinerie, Ökobilanzierung, Entwicklung nachhaltiger Produktionsprozesse.
Daniel Koch: Technische Chemie Absolvent der TU Wien, studiert seit April 2016 das Dr.-Studium der techn. Wissenschaften Verfahrenstechnik am Institut für Verfahrenstechnik Umwelttechnik und technische Biowissenschaften der TU Wien. Er beschäftig sich mit der Ökobilanzierung in der Prozessentwicklung, speziell mit dem Schwerpunkt auf dem Konzept der Bioraffinerien. Von August bis Oktober 2017 absolvierte er ein Praktikum bei thinkstep AG, einem weltweit führenden Unternehmen auf dem Bereich der Ökobilanzierung.
Mahshid Sotoudeh: ursprünglich Verfahrenstechnikerin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) und habilitierte TA-Forscherin an der TU Graz. Sie beschäftigt sich mit Fragen zu Technologie und Nachhaltigkeit. Dazu gehören u.a. die Bereiche technische Ausbildung, ökologische Prozessbewertung, Value Ageing, Smart Cities, parlamentarische TA, partizipative Methoden und vorausschauende Studien (Foresight).


 
Technology assessment of the expanding energy systems: Panama’s indigenous territories
Nora Hampl

The proposed topic—technology assessment of energy systems in Panama’s semi-autonomous indigenous territories— highlights the urgent need to identify and implement appropriate energy technologies in Panama’s varied geographic, economic and political contexts. As energy demands are expected to increase in Latin America including Panama by 75% by 2030,1 this will generate an enormous burden on local ecosystems and unforeseen effects on local communities. Political commitments to expand renewable energy sources (i.e., hydro, biomass, wind, and solar) have been made (e.g., funding for Emerging Energy Latin America Fund, and European external financing instruments),2 mostly in the form of support for private-sector projects in clean technology, but these projects are noticeably under-represented in the overall energy portfolio. Additionally, for those carbon projects that are already under construction, their environmental, social and cultural impacts are unaccounted for, pending post-assessments.
The presentation will focus on the role of technology assessment in the planned expansion of the energy infrastructures in or around indigenous self-governing units (i.e., comarcas). If the energy system is viewed as a vehicle to reduce inequalities (Sustainable Development Goal No. 7), it should follow three basic principles: (i) sound, context-specific responsible energy policy, (ii) resource allocation optimizing locally appropriate energy development, and (iii) institutional mechanisms ensuring effective implementation while also respecting local indigenous governance structures.
At the theoretical level, the conceptual framework builds on critical state theory which views state as a conflict terrain where chances of access are unequally distributed,3 but also state as an increasingly complex dynamic spatio-institutional configuration embedded in a network of regulations across different spatial levels.4 Two research questions are addressed in parallel:
(1) How is precautionary principle5 applied with the introduction of energy technologies in new contexts—in indigenous territories with high biodiversity that have no pre-existing experience with energy systems? Is there a feedback loop at the level of policy knowledge, policy practice, and post-assessments?
(2) What might be the consequences on local contexts (areas of high biodiversity), of implementing technologies without appropriate technology assessment?
A discussion will include if/how local communities can become equitable partners6 in the process via experimental and participative approach that would allow for improvements in the design and ongoing innovations of the energy system (e.g., through greater levels of participation, informed consultations, and capacity building).
 
References:
(1) Inter-American Development Bank, IDB, 2012.
(2) europa.eu/rapid/press-release_MEMO-13-1134_en.htm
(3) The concept of strategic selectivities, developed by Brand and Wissen.
(4) As used by Brand, Wissen and Poulantzas, in: Brand, Ulrich; Görg, Christoph; Wissen, Markus; (2011) Second‐Order Condensations of Societal Power Relations: Environmental Politics and the Internationalization of the State from a Neo‐Poulantzian Perspective; Antipode 43(1): 149-175.
(5) Science Communication Unit [Eds.] (2017) Future brief: The precautionary principle: decision-making under uncertainty; Science for Environment Policy 2017(18); Brussels: European Commission (24 pages).
(6) For example, do indigenous peoples benefit from carbon credit policies, or should different solutions be considered (while taking self-defined interests of the indigenous communities into consideration).
 
Nora Hampl is a doctoral candidate at University of Vienna, Department of Political Sciences, and a recipient of the Österreichische Akademie der Wissenschaften DOC Stipendium. Before then, she taught and studied at Harvard University. Her research focuses on technology assessment of energy systems in indigenous territories, which also tend to be areas of high biodiversity. Broader research interests cover Mission-oriented research and innovation of the European Union and global reach, a coherence of Sustainable Development Goals with respect to Indigenous Peoples’ Rights and the 2030 Agenda, and mapping of concepts (e.g., green economy) across related policy fields, including the U.N. Declaration on the Rights of Indigenous Peoples.


 
Art der Mission, Governance und Partizipation in missionsorientierter Forschungs- und Innovationspolitik
Wolfgang Polt, Matthias Weber

Ziel
Dieser Beitrag zielt auf einen differenzierteren Blick auf missionsorientierte FuI-Politikinitiativen, um zu einer fundierteren Diskussion über die Auswirkungen solcher Politikansätze auf Governance-Strukturen, die Beteiligung von Stakeholdern und eine konstruktive Technologiebewertung beizutragen. Er beschreibt verschiedene Arten von Missionen, die in der Praxis beobachtet werden können und versucht, sie mit unterschiedlichen (‚paradigmatischen‘) Governance-Strukturen in Beziehung zu setzen - mit besonderem Blick auf die Rolle der Beteiligung der verschiedenen Akteure in verschiedenen Phasen der politischen Entscheidungsfindung.
Hintergrund
In den letzten Jahren ist das Interesse an dem Konzept der „missionsorientierten Forschungs- und Innovationspolitik“ wieder stark gestiegen (siehe Kuittinen, Polt und Weber (2018)). Unter missionsorientierter FuI-Politik verstehen wir „Initiativen [die] typischerweise ehrgeizig, explorativ und bahnbrechend sind, oft interdisziplinär und auf ein konkretes Problem/eine konkrete Herausforderung abzielend, sowie eine großer Wirkung in einem genau definierten Zeitrahmen anstreben. [...] Sie haben ein klar definiertes (gesellschaftliches oder technologisches) Ziel mit vorzugsweise qualifizierten und/oder quantifizierten Zielen, wobei die schrittweise Annäherung an diese Ziele entlang vordefinierter Meilensteine überwacht wird. Ihre Direktionalität und Intentionalität unterscheidet diese Initiativen von anderen, beispielsweise systemischen oder auf Herausforderungen ausgerichteten Maßnahmen “(JIIP et al., 2018).
Diese historisch neue Spezifikation von „Missionen“ wurde vorgeschlagen, um die wahrgenommene Lücke zwischen gesellschaftlichen Herausforderungen und spezifischen FuE-Projekten im Rahmenprogramm der EU zu schließen (Mazzucato, 2018). Diese Debatte wird durch die Empfehlungen von Expertengruppen (ESIR, 2017), empirische Studien (JIIP et al., 2018) und Foresight-Aktivitäten (Weber et al., 2018) untermauert.
Doch trotz der Anerkennung der Bedeutung eines missionsorientierten Ansatzes auf einer programmatischen Ebene unterliegt unser praktisches Verständnis noch erheblichen Einschränkungen. So ist unklar wie neue entsprechende Governance-Formen für Missionen aussehen müssen, und in welcher Weise eine (breitere) Beteiligung von Stakeholdern zur Definition und Umsetzung missionsorientierter Maßnahmen beitragen könnte.
Ergebnisse
Die Analyse von mehr als 200 empirischen Beispielen für missionsorientierte Politiken und Programme hat uns dazu geführt Missionen in vier Typen zu kategorisieren: Wissenschafts-Missionen, Technologie-(Beschleuniger) Missionen, (gesellschaftliche) Transformator-Missionen und Schirm(Umbrella)-Missionen. Wir erläutern diese vier Typen ausführlicher und untermauert unsere Befunde mit einigen ‚paradigmatischen‘ Beispielen. Schließlich arbeiten wir einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Arten von Missionen und den am besten geeigneten Formen ihrer Governance heraus, wobei die jeweilige Rolle der Beteiligung von Stakeholdern besonders hervorgehoben wird (z. B. bei der Festlegung von Missionsthemen, der Umsetzung der Politik und als Instrument für die politische Reflexion und Lernen während der gesamten Implementierung) sowie die Rolle, die dabei vorausschauende Verfahren wie Foresight und TA spielen.
 
Verweise:
ESIR (2018) Towards a Mission-Oriented Research and Innovation Policy in the European Union: An ESIR Memorandum. Executive Summary; Brussels: European Commission (9 pages).
JIIP et al. (2018a) Mission-Oriented Research and Innovation: Inventory and characterisation of initiatives. Final report; Brussels: European Commission (47 pages).
Kuittinen, Hanna; Polt, Wolfgang; Weber, Matthias; (2018) Mission Europe? A revival of mission-oriented policy in the European Union; In: RFTE – Council for Research and Technology Development (Ed.) Re:thinking Europe. Positions on Shaping an Idea [Vienna: Holzhausen Verlag]; 191-207.
Mazzucato, Mariana (2018) Missions. Mission-Oriented Research & Innovation in the European Union – A problem-solving approach to fuel innovation-led growth; Brussels: European Commission (34 pages).
Weber, Matthias; Andreescu, Liviu; et al. (2018) Transitions on the Horizon: Perspectives for the European Union’s future research- and innovation-related policies – Study; Final Report of BOHEMIA project; Brussels: European Commission (38 pages).
 
Wolfgang Polt ist Direktor von POLICIES, dem Institut für Wirtschafts- und Innovationsforschung von JOANNEUM-FORSCHUNG GmbH. Arbeitsschwerpunkte: Analyse von Innovationssystemen, Beziehungen zwischen Industrie und Wissenschaft , Politik-Evaluation und -beratung.
Matthias Weber ist Head of Center for Innovation Systems and Policy am AIT Austrian Institute of Technology. Arbeitsschwerpunkte sind Foresight, soziotechnische Transformationen, Policy-Design und Evaluierung.


 
Mission ohne Reflexion? Eine kritische Betrachtung
Steffen Bettin, Michael Ornetzeder

Eine kritische Betrachtung der Rolle der TA in missionsorientierten Forschungsinitiativen anhand der österreichischen Klima- und Energiestrategie und der Förderung von Energiespeichertechnologien
Missionsorientiere Innovationspolitik (MOIN) wird sowohl national als auch auf der Ebene der Europäischen Union zum zentralen Paradigma der Forschungsförderung. Basierend auf z.B. den Arbeiten von Mazzucato (2015, 2016, 2018) wird für das nächste Forschungs- und Innovationsrahmenprogramm der Kommission (Horizon Europe) eine dezidierte Missionsorientierung vorgesehen. Forschung dient dabei als Problemlösungsansatz und gleichzeitig als Motor von innovationsbasiertem Wirtschaftswachstum. Mit MOIN sollen die großen gesellschaftliche Probleme (Grand Challenges) gelöst werden (Georghiou et al., 2018), gesellschaftliche Folgen erscheinen in diesem Kontext oft implizit als a priori inkludiert, da die MOIN ohnehin eine gesellschaftlich erwünschte Entwicklung im Sinn habe.
Technikfolgenabschätzung (TA) hat hingegen die Aufgabe, Folgen und Risiken im Zusammenhang mit der Entwicklung und Verbreitung technischer Innovationen zu ermitteln und Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft aufzuzeigen. Hierbei geht es dezidiert um eine Einbeziehung von Rationalitäten, die über techno-ökonomische Überlegungen hinausgehen, welche im politischen Diskurs häufig im Vordergrund stehen. Für die Innovationspolitik zeigt TA somit Alternativen auf. Zu diesen Alternativen gehören in der Regel auch eine Nulloption sowie Maßnahmen, die größtenteils auf neue institutionelle oder organisatorische Arrangements abstellen.
Anhand der österreichischen Klima- und Energiestrategie (#Mission2030) und der aktuellen Speicherstrategie des Klima- und Energiefonds (KLIEN, 2016, Friedl et al., 2018) werden wir die Frage diskutieren, welche Rolle MOIN im Kontext der nationalen Klima- und Energiepolitik spielt und welche Implikationen dies für die TA in diesem Bereich hat. Insbesondere wird untersucht in welcher Rolle Risiko, Gefahren und Unsicherheiten in Bezug auf neue Energietechnologien in den Strategien behandelt werden. Dazu werden zwei gegensätzliche Thesen aufgestellt und anhand von Beispielen aus den genannten Strategien untersucht: (1) MOIN ist altbekannte Industriepolitik unter neuem Namen, die keine grundsätzlich neuen Implikationen für die TA beinhaltet. (2) MOIN ist ein genuin neuer Ansatz, mit entsprechenden Konsequenzen für die TA. Ausgehend von diesen zwei Thesen werden mögliche Strategien für die zukünftige Entwicklung der wissenschaftlichen TA diskutiert.
 
Literatur:
Friedl, Werner; Wild, Veronika; Popp, HHartmut; Kubeczko, Klaus; Kathan, Johannes; Zahradnik, Georg; Hengstberger, Florian; (2018) Technologie-Roadmap 'Energiespeichersysteme in und aus Österreich'; Wien: Klima- und Energiefonds (163 Seiten).
Georghiou, Luke; Tataj, Daria; Celio, Julio; Giannini, Stefania; Pavalkis, Dainius; Verganti, Roberto; Renda, Andrea; (2018) Mission-Oriented Research and Innovation Policy. A RISE Perspective; Brussels: European Commission (20 pages).
Klima- und Energiefonds [Hrsg.] (2016) Abschlussbericht der Speicherinitiative Startphase - Zusammengestellt auf Basis der Ergebnisse aus den sechs Arbeitsgruppen; Wien: Klimafonds (73 Seiten).
Mazzucato, Mariana (2015) The Entrepreneurial State. Debunking Public vs. Private Sector Myths; New York: PublicAffairs (288 pages).
Mazzucato, Mariana (2016) From market fixing to market-creating: a new framework for innovation policy. Industry and Innovation 23(2): 140-156.
Mazzucato, Mariana (2018) Missions. Mission-Oriented Research & Innovation in the European Union – A problem-solving approach to fuel innovation-led growth; Brussels: European Commission (34 pages).
 
Steffen Bettin ist Volkswirt und Sozialwissenschaftler mit Themenschwerpunkt institutionelle und evolutionäre Politische Ökonomik und seit 2018 am ITA als Junior Scientist beschäftigt. Er befasst sich insbesondere mit nachhaltiger Energietechnik.
Michael Ornetzeder ist habilitierter Wissenschafts- und Technikforscher. Seine Arbeitsschwerpunkte sind nachhaltige Technik-Entwicklung, sozialwissenschaftliche Technik- und Innovationsforschung sowie partizipative und konstruktive TA. Sein thematischer Fokus liegt auf nachhaltiger Energietechnik und dem Wandel unseres Energiesystems.


 
Missionsorientierung durch Technologievisionen? Ein Rückblick nach vorn
Stephan Lingner
 
Missionsorientierte Innovationsziele – wie die einer biobasierten Wirtschaft – werden oft explizit aus dem forschungs- und förderpolitischen Raum heraus formuliert. Sie entwickeln sich zudem – wenn auch mehr implizit – aus dem Prozess der Technikgenese heraus, in dem visionäre Technik(folgen)konzepte richtungsweisende Impulse für oder gegen erwünschte oder unerwünschte weitere Entwicklungen geben können – so zum Beispiel im Bereich der Informationstechnik. Dabei eint die Rede von Mission und Innovation sowie von Technikgenese und ihren Folgen ein klarer Entwicklungs- und Zukunftsbezug. Daher haben missionsorientierte Innovation und ihr Assessment in diesem Zusammenhang auch eine kritische Auseinandersetzung mit entsprechenden Zukunftsbildern zu führen. Insofern kann und sollte TA missionsorientierte Innovationsziele und ihre Genese auch zu ihrem Untersuchungsgegenstand machen – so die vorläufig zustimmende Stellungnahme zum ersten Fragepunkt des Call for Papers. Diese These greift insbesondere bei solchen Entwicklungszielen, deren Reife und Realisierung erst mittel- bis langfristig erwartbar erscheinen. Sie ist damit eng verknüpft mit der gegenwärtigen Diskussion um die hermeneutische Erweiterung der TA. Entsprechend erweitern utopische bis dystopische Narrative mit Technikbezug die Gegenstandsbereiche vormals „klassischer“ TA.
Aus der Vergangenheit sind nun viele Beispiele bekannt, die auf den ersten Blick als Fehlschläge missionsorientierter Innovation erscheinen: So wurde das propagierte Ziel der zivilen Nutzung von Fusionsenergie trotz hohen Einsatzes technischer, personeller und finanzieller Ressourcen über viele Dekaden hin nicht erreicht. Selbst das papierlose Büro blieb ein „Papiertiger“. Überhaupt schienen Prognosen zukünftiger, auch unerwünschter Zustände das Papier nicht wert zu sein, auf dem sie gedruckt waren. Rachel Carson‘s „Silent Spring“, die Projektionen des Club of Rome oder die Malthus’sche Katastrophe haben sich nicht ereignet. Diese (vermeintlichen) Fehlschläge visionärer Ansätze könnten nun Anlass zu der Annahme geben, dass auch gegenwärtige Zukunftsprojektionen kein lohnenswertes Terrain für TA darstellen.
Dies trifft sicher zu, wenn TA in der Dimension der Beschreibung zukünftiger Objekte verharrt. Wenn die „hermeneutische Wende der TA“ dagegen die Objekte wissenschaftlicher Projektionen und missionsorientierter Innovation in damit implizit verknüpfte Aufforderungen oder gesellschaftliche Zwecke „übersetzt“, lassen sich für die TA sehr wohl auch Arbeitsfelder im ungewissen Bereich der Prognosen und Versprechungen ausmachen.
 
Literatur:
Grunwald, Armin (2018) Aus Unsicherheit lernen? Die hermeneutische Dimension unsicherer Zukünfte; In: Janich, Nina; Rhein, Lisa [Hrsg.] Unsicherheit als Herausforderung für die Wissenschaft. Reflexionen aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften; Berlin, Oxford, Wien: Peter Lang. 231-250.
Lingner, Stephan (2017) Imagining Socio-Technological Futures - Lessons from Past Visions; In: Bowman, D.M.; Dijkstra, A.; Fautz, C.; Guivant, J.S.; Konrad, K.; Shelley-Egan, C.; Woll, S. (Eds.); The Politics and Situatedness of Emerging Technologies; Berlin, Amsterdam: AKA/IOS Press. 39-50.
 
Stephan Lingner: Studium von Geo- und Planetenwissenschaften. Seit 1990 am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), ab 1996 an der EA European Academy of Technology and Innovation Assessment, dort seit 2005 stellvertretender Direktor.


 
Diskussion: Die Bedeutung missionsorientierter Innovationspolitik für das Netzwerk TA
Mahshid Sotoudeh, Stephan Lingner und Michael Decker für das NTA-Koordinationsteam

Das deutschsprachige Netzwerk TA (NTA) wurde 2004 gegründet und hat sich eine „breite“ Beschreibung von Technikfolgenabschätzung zugrunde gelegt (siehe Gründungserklärung des NTA). „Missonsorientierung“ wird in dieser Beschreibung nicht explizit genannt.
Heißt das, dass es sich bei missionsorientierter Innovationspolitik um ein Phänomen handelt, das sich erst in den letzten Jahren stärker herausgebildet hat? Denkbar ist auch – so legen einige Titel der Konferenzbeiträge nahe – dass TA selbst zu einer missionsorientierten Innovationspolitik beigetragen hat. Und wenn ja, ist das als ein Erfolg zu werten, oder relativieren die damit verbundenen Herausforderungen diesen vermeintlichen Erfolg?
Anhand dieser Fragen und der Fragen, die im Call for Papers gestellt wurden, soll diskutiert werden, welche Herausforderungen, die missionsorientierte Innovationspolitik für TA und das NTA mit sich bringt. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind herzlich eingeladen im Rahmen der Diskussion ihre Ideen und Erfahrungen zur Rolle der TA-Netzwerke, wie NTA, im Kontext der missionsorientierten Forschung auszutauschen.
 
Information über das Netzwerk TA – Profil und Aktivitäten
Am 24. November 2004 wurde in Berlin das „Netzwerk TA" gegründet. Gründungsmitglieder sind eine Reihe anerkannter Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichsten Arbeitsgebieten und Ausrichtungen der TA. Angesprochen sind Politik-, Wirtschafts- und Gesellschaftsberatung, also die praktische Seite der TA, ebenso wie die einschlägigen akademischen Disziplinen. Das NTA hat derzeit 54 institutionelle Mitglieder und 352 persönliche Mitglieder.
 
Aufgaben der TA basierend auf der Gründungserklärung des NTA
https://www.openta.net/artikel/Gruendungserklaerung.23
Aufgabe der TA ist es, durch vorausschauende Analyse von Chancen und Risiken von Wissenschaft und Technik neue Herausforderungen an Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit, die sich aus der wissenschaftlich-technischen und der damit verschränkten sozio-ökonomischen Entwicklung ergeben, ihre Voraussetzungen und Folgen zu erforschen, sie mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden und nachvollziehbarer Kriterien zu bewerten und Problemlösungen zu erarbeiten. Das Ziel der TA ist es, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit zu beraten und gesellschaftliche Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse zu unterstützen. Diese Unterstützung bezieht sich sowohl auf die Informationsbasis als auch auf die zugrunde gelegten normativen Orientierungen. Sie berücksichtigt, dass Wissen und Werte in Fragen der Zukunftsgestaltung häufig nicht strikt zu trennen sind, und dass der Umgang mit Nichtwissen und Unsicherheiten eine wesentliche Herausforderung darstellt. Da Forschung und Beratung häufig miteinander verbunden sind, spielt auch die Kommunikation der Forschungsergebnisse, für den jeweiligen Adressaten optimiert, eine wichtige Rolle.