Abstracts

TA18 – Abstracts:

Keynote: Wertbezüge in der Technikfolgenabschätzung – Plädoyer für eine Praxis der reflexiven Normativität
Regine Kollek

Stimuliert durch aber auch unabhängig von aktuellen Phänomenen wie beispielsweise der Diskussion um ‚fake news‘ oder ‚alternativen Fakten‘ wird die Normativität – also der Wertbezug – der Technikfolgenabschätzung (TA) mit einiger Regelmäßigkeit immer wieder kritisch thematisiert. Oft geschieht dies im Zusammenhang mit der Publikation politisch wenig opportuner Studien oder Ergebnisse, oder im Kontext der Konkurrenz um Ressourcen, weswegen sich die Kritik hinsichtlich ihrer Interessengebundenheit selber befragen lassen muss.
Dennoch ist zu konstatieren, dass die TA wie alle evidenzbasierten Forschungsansätze auf einer Reihe von normativen Voraussetzungen basiert, die sowohl im epistemischen Konzept (z.B. Folgenorientierung) als auch in den unumgänglichen methodischen und thematischen Selektivitäten bestehen. Dies ist jedoch keine Besonderheit der TA, sondern als empirische Forschungsaktivität teilt sie diese Art der normativen Prägung praktisch mit allen methodisch vorgehenden und auf ein bestimmtes Erkenntnis- oder Handlungsziel hin ausgerichteten Wissenschaften. Weiterhin beschränkt sich die TA nicht auf die Analyse wissenschaftlich-technischer Entwicklungen und damit zusammenhängender soziokultureller und ökologischer Implikationen; häufig ist sie darüber hinaus dazu aufgefordert, politische Handlungsoptionen aufzuzeigen. Auch dies ist ohne Bezug auf eine intern oder extern vorgegebene, normativ bestimmte Vorgabe (z.B. Nachhaltigkeit) kaum möglich.
Vor diesem Hintergrund und dem der Diskussionen und Befunde der Science and Technology Studies der letzten Jahrzehnte stellt sich die Frage, in welcher Weise der Anspruch auf neutrale und unvoreingenommene Expertise und Beratung, die im politischen Raum jedoch weiterhin dringend benötigt werden, von der TA gerechtfertigter Weise aufrecht erhalten werden kann. Dabei kann es einerseits nicht darum gehen, die vielfältigen normativen Bezüge der TA zu verleugnen. Andererseits kann der Verweis darauf jedoch auch nicht dazu benutzt werden, die Intentionen oder Ergebnisse der TA zu diskreditieren. Vielmehr muss es – so die These – darum gehen, so etwas wie eine Praxis der „reflexiven Normativität“ in der TA zu etablieren, die den „Mythos der Neutralität“ durch transparente Verfahren der Erzeugung politikberatungsrelevanten Wissens entzaubert, aber den Anspruch auf Neutralität und Unvoreingenommenheit dabei nicht aufgibt. Unter Bezug auf Ansätze u.a. von Longino und Latour sollen in dem Vortrag einige der Elemente einer solchen Praxis skizziert und diskutiert werden, die die Erzeugung solchen Wissens im Rahmen der TA ermöglichen.
 
Regine Kollek, bis 2016 Professorin für Technikfolgenabschätzung der modernen Biotechnologie in der Medizin und geschäftsführende Direktorium des Forschungsschwerpunktes Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt (FSP BIOGUM), Universität Hamburg.
Arbeitsschwerpunkte: theoretische Aspekte der Technikfolgenabschätzung sowie wissenschaftstheoretische, wissenssoziologische und ethische Fragen moderner biomedizinischer Entwicklungen.
Letzte Monografie: Contextualizing Systems Biology. Heidelberg: Springer, 2015 (gemeinsam mit Martin Döring, Imme Petersen, Anne Brüninghaus).


 
Keynote: Breaking the myth of neutrality: Contemporary Politics and Normativities in and of Technology Assessment
Pierre Delvenne

This presentation aims at theoretically and pragmatically addressing the future roles of Technology Assessment (TA) communities in the challenging context of contemporary politics. I argue that TA communities should worry about contemporary politics, and that it could be an opportunity to think afresh questions of (political) normativities. They should do so, because of their commitment to analytic and democratic practices, and especially because of the recent turnovers among their main addressees, parliamentarians and policy-makers. At first glance, this could be considered business as usual: shifts in political majorities and the renewal of political elites have become part of established routines despite being an enduring challenge for TA institutions. But with a closer look at the kind of turnover that occurs within most polities in the heartland of TA, the Western world, there are reasons to fear a shift in the normative assumptions underpinning many visions of knowledge and expertise for policy-making. Contemporary politics, be it named “post-truth”, “populist”, “extremist” or “anti-establishment”, is a game changer for Technology Assessment institutions. The situation is as much characterised by deep political cleavages as with epistemic ambiguity. In other words, the shifting political power game is equally a shifting epistemic power game, in which TA has to compete with knowledge claims alien to its epistemologies. The time has probably come for TA practitioners to be repeatedly criticized by, or invited to serve, a new class of addressees. In the subtitles of my presentation, I will ask: are TA practitioners ready to serve extreme-right, authoritarian or populist political leaders in the exact same way they have been devoting their expertise to serve policy-making in the past? When they would be ready to do so, even only as a precarious survival strategy, are they able to be of service to such policy purposes given the obvious divergence with TA epistemologies? Lastly, and maybe more importantly in this time of political uncertainty and epistemic ambiguity, are TA practitioners willing to acritically go down the path of any contemporary politics?
The claim of neutrality as a ‘legitimating myth’ for TA has undoubtedly been helpful to anchor the approach in evidence-based modes of policy-making and to position it as equidistant from all political parties. Nevertheless, in the light of the above-mentioned challenges coupled with recent (sometimes successful) attempts at de-institutionalizing TA, the myth’s past usefulness and relevance should today be seriously reassessed. In fact, claiming an equidistance to all normative positions in a political setting was itself a normative agenda that, in the long run, proved ineffective to protect a TA institution at risk. Mobilizing Chantal Mouffe’s theory of pluralistic agonism, I argue that TA communities should break with the myth of neutrality to render their (normative) political identities explicit and to recognize that TA does not only have politics, it also is politics. To do so, the notion of ‘constitutive outside’ is mobilized as a guiding methodological principle to invent a politics of TA. Three sites of politics where to define such a ‘constitutive outside’ are suggested: the values, the visions of the future, and the hegemonic and counter-hegemonic practices. With a full awareness of its democratic politics, TA communities should be able to gain the trust and active support of political actors committed to the same ideals of democracy and knowledge-based policy-making. Furthermore, when these actors are more vulnerable, TA communities may become a bastion of democratic politics, actively working on the political terrain at empowering allies and equally disempowering adversaries.
 
Pierre Delvenne holds a PhD in Political and Social Sciences. He is Research Associate of the fund for Scientific Research (FNRS) and the Co-Director of the SPIRAL Research Centre at the University of Liège, Belgium, where he coordinates the Research Unit in Science, Technology and Society. Pierre has published extensively in his areas of expertise: Technology Assessment, bioeconomies in Europe and Latin America, and technological democracies. He is also a founding member of the Belgian Network for Science and Technology in Society Studies (BSTS).


 
Keynote: Versteckte Normativitäten in der Technikfolgenabschätzung?
Armin Grunwald

Im Laufe ihrer Entwicklung hat die Technikfolgenabschätzung (TA) ihr Verhältnis zur Normativität stark verändert. Dominierte zunächst ein an der Kybernetik ausgerichteter Positivismus, nach dem TA so werturteilsfrei wie möglich Technikfolgen erforschen sollte, gehören mittlerweile normative Fragen wie selbstverständlich zur TA. Entsprechend kooperiert sie einerseits mit Ethik und den Rechtswissenschaften und behandelt anderseits normative Fragen mit partizipativen Ansätzen. Soweit so gut.
Mein Vorschlag für einen Vortrag auf der TA18 geht in eine andere Richtung. Die Frage ist, ob es unterhalb der erwähnten Befassung mit normativen Fragen neuer Technologien, also letztlich ihrer Bewertung nach ethischen, sozialen, ökologischen oder anderen Kriterien, möglicherweise versteckte Normativität in der TA gibt. ‚Versteckt‘ meint hier, dass dem Geschäft der TA in Forschung und Beratung, in Konzepten und Methoden eventuell unerkannte normative Prämissen eine Rolle spielen. Wenn es sich so verhielte, würde TA gleichsam blind auf einem normativen Grund arbeiten, den sie selbst nicht reflektiert und nicht reflektieren kann, weil sie ihn nicht kennt. Hier ist dann weiter zu fragen, welche versteckten Normativitäten dies sind, was sie bedeuten, und wie dieser normative Grund aufgeklärt und transparent gemacht werden kann.
Versteckte Normativitäten könnten aus zwei Quellen stammen. Zunächst können Bestandteile des jeweiligen Zeitgeistes sein. Zeitgeist meint stillschweigend geteilte Überzeugungen, die nicht als normative Überzeugungen thematisiert werden, weil sie als so selbstverständlich und alternativlos erscheinen, dass niemand auf die Idee kommt, überhaupt die Frage danach zu stellen. Begriffe wie Innovation, Folgen, Risiko oder auch System könnten auf diese Weise zu bestimmten Zeiten mit spezifischen Bedeutungen und Normativitäten aufgeladen werden, ohne dass diese thematisiert werden.
Andere versteckte Normativitäten könnten sich aus der Mission und grundlegenden Überzeugungen der TA selbst ergeben. Wenn TA über „a better technology in a better society“ handelt (Ript et al. 1995) oder „to achieve the right impacts“ (von Schomberg zu RRI), muss sie offenkundig eine Idee davon haben, was das „besser“ und das „right“ bedeutet. Die Debatte zur Transformativen Wissenschaft zielt genau auf diesen Punkt und die Frage ab, wer die Hoheit über diese Bedeutungsfestlegung hat. Für diesen Vortrag stellt sich die Frage, ob sich hinter den beiden genannten Zitaten oder in anderen für die TA konstitutiven Konzepten wie Partizipation, Antizipation, Unsicherheit und Wachstum möglicherweise unerkannte, die Arbeit der TA jedoch beeinflussende Normativitäten verbergen.
Die Relevanz der aufgeworfenen Frage zeigt sich sofort, weil im Fall einer positiven Antwort die von der TA gerne beanspruchte Rolle des Honest Broker gefährdet erscheint. Darüber hinaus wird es für eine zusehends global und interkulturell agierende TA immer wichtiger, auch solche versteckten Normativitäten aufzudecken und zu reflektieren, die vielleicht noch in einem europäischen oder westlichen Kulturkreis als unproblematisch durchgehen, aber nicht mehr unbedingt global.
 
Armin Grunwald, Jg. 1960, Studium von Physik, Mathematik und Philosophie. Seit 1999 Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), seit 2007 dort auch Professor für Technikethik und Technikphilosophie. Seit 2002 zusätzlich Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB).


 
„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing”? – TA und ihre Auftraggeber
Karen Kastenhofer, Leo Capari, Daniela Fuchs, Walter Peissl

Weimer und Vining (1999) unterscheiden zwischen drei Rollen, die WissenschaftlerInnen in Politikberatung einnehmen können: den objective technician, den issue advocate und den client's advocate. Anders als bei Pielke Jr. (1999) oder Bauer/Kastenhofer (2018) geht es dabei vor allem um individuelle Werthaltungen (nicht unterschiedliche Paradigmen oder Ontologien) und daraus resultierende relative Priorisierungen von Wissenerzeugung, Issues oder Klienteninteressen. Dieser Beitrag widmet sich jener Rolle, die weder bei Pielke Jr. noch bei Bauer/Kastenhofer in den Blick kommt, gleichwohl aber für die Normativität von TA relevant wird: den client’s advocate.
Wissenschaftliche TA hat es – je nach Institutionalisierungsform – nicht mit einem klassischen privatwirtschaftlichen Klienten zu tun. Ein geläufigerer und vielleicht auch treffenderer Begriff ist hier jener des Geldgebers/Auftraggebers. Gemäß allgemeiner Veränderungen im Wissenschaftsbetrieb spielen externe Geldgeber/Auftraggeber in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende Rolle im alltäglichen Projektbetrieb. Auch für eine wissenschaftliche Einrichtung der ÖAW wie das ITA ist das der Fall. Mit einer Zielgröße von etwa einem Drittel der Finanzmittel sind sogenannte Drittmittelgelder quantitativ durchaus maßgeblich. Für TA kommt hinzu, dass die Ansprüche, gesellschaftlich relevant zu sein und politisch aufgegriffen zu werden, einerseits TA für einen weiteren Kreis von Auftraggebern interessant macht, andererseits auch Auftraggeber nicht nur als Geldquelle, sondern auch als Adressaten für TA-Studien zu attraktiven Kooperationspartnern werden lassen.
Innerhalb des ersten internen Forschungsprojektes des ITA – Pol[ITA] – wurde nicht nur erhoben, welche Geldgeber/Auftraggeber das Institut seit seinem Bestehen über Einzelprojekte an sich binden konnte und wie sich dieser Mix über die Zeit entwickelt hat, sondern auch für ausgewählte erfolgreiche Projektschienen erfragt, was die konkret genannten Erwartungen, Erfolgszuschreibungen und Erfolgsbedingungen der jeweiligen Auftraggeber, Kooperationspartner und institutseigenen Projektkoordinatoren waren. Auf dieser Basis lässt sich spezifizieren, wie sich das Wechselspiel zwischen Auftraggebern, Kooperationspartnern und ITA in den einzelnen Projektschienen darstellt und wie alle beteiligten Akteure eine bestimmte, projektspezifische Identität annehmen konnten, die ihre allgemeine Identität ausreichend widerspiegelt, aber nicht unbedingt umfassend abdeckt. Damit geht es nicht nur um die Frage der client’s advocacy und damit um die Frage nach einem bias, der durch bestimmte Auftraggeber entsteht, sondern auch um die Frage der co-creation aller an einem Projekt beteiligten Partner, insbesondere aber des ITA, sowie der Nähe- und Distanzarbeit von Auftraggeber und TA.
 
Karen Kastenhofer ist Wissenschafts- und Technikforscherin und promovierte Biologin. Ihr Arbeitsbereich umfasst die Rekonstruktion unterschiedlicher (Techno)Wissenschaftskulturen, die Analyse öffentlicher Kontroversen sowie die Diskussion möglicher Governance-Modelle im Bereich der Lebenswissenschaften und Biotechnologien. Ihre Arbeit wurde durch das österreichische Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, das Deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und die Stadt Wien gefördert. Gegenwärtig ist sie Inhaberin einer Elise Richter Forschungsstelle, gefördert durch den österreichischen Wissenschaftsfonds (TEK, FWF Projekt V-383).
Leo Capari ist Humanökologe und seit Juli 2013 Junior Scientist im Bereich Technologie und Nachhaltigkeit am ITA. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Ambient Assisted Living (AAL), Umweltwissenschaften /Sustainability Sciences aber auch Bibliometrie/Szientometrie. Ein methodischer Interessensschwerpunkt liegt in der computergestützten sozialen Netzwerkanalyse und Netzwerkvisualisierung.
Daniela Fuchs ist Humanökologin und seit April 2014 als Junior Scientist im Bereich Neue Technologien am ITA beschäftigt. Aktuell arbeitet sie im Zusammenhang mit neuen Technologien (Neuroenhancement, Synthetische Biologie) in mehreren EU-Projekten an Fragen der Öffentlichkeitsbeteiligung.
Walter Peissl, seit 1990 stellvertretender Direktor des ITA, ist promovierter Sozial- und Wirtschaftswissenschafter und begeisterter Technikfolgenabschätzer. Schwerpunkte seiner Arbeiten liegen im Bereich neue Informationsgesellschaft, dem Schutz der Privatsphäre sowie bei methodischen Fragen der Technikfolgenabschätzung. Er hat aber in praktisch allen Themenfeldern des ITA bereits an Projekten mitgewirkt oder diese geleitet.


 
Negierung oder Orchestrierung von Wissen in Foresight-Prozessen: Machtverhältnisse in Stadt-Foresights
Dana Wasserbacher

Foresight und TA als Instrumente der Antizipation bergen eine wesentliche Gemeinsamkeit: normative Annahmen und Bezugspunkte sind in den zukunftsorientierten Prozessen inhärent. Trotz der erklärten Transparenz bleiben implizite Machtverhältnisse in der Vorausschau oft verdeckt und werden meist stillschweigend hingenommen. Gerade diese impliziten Machtrelationen sind für die Ausbildung von Widerständen und Grenzziehungen bei der Generierung von Zukunftswissen zentral.
Ziel dieser Studie ist die Analyse von Barrieren und Potenzialen für die Umsetzung von Foresight-Wissen, insbesondere im Bereich gesellschaftlicher Herausforderungen. Zwei österreichische Fallstudien – Stadt-Foresights in Linz und Wien – werden vorgestellt. Leitfadengestützte Interviews mit verschiedenen Akteursgruppen und Projektunterlagen bilden die Grundlage für die explorative Fallstudienkonstruktion.
In einem ersten Schritt wurde eine Analyse von Wissensformen, Steuerungsmechanismen und Subjekten durchgeführt um Grenzen und Konflikte innerhalb der beiden Foresight-Prozesse aufzudecken. Als wichtige Wissensquellen gelten ExpertInnen aus der Stadtverwaltung, Foresight-ExpertInnen, Projektmanagement-ExpertInnen, ExpertInnen für Subthemen und Politik-ExpertInnen. Variationen in den Wissensregimen, die von diesen ExpertInnen repräsentiert werden, führen zu Grenzziehungen und Widerständen während eines Foresight-Prozesses. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Wissensregime an bestimmte Steuerungsmechanismen gebunden sind, z.B. Foresight-Expertise und komplexe Methoden der rechnerischen Szenarien-Konstruktion.
In einem zweiten Schritt wurden wiederkehrende Narrative und hegemoniale Erzählstränge der Zukunftsdiskurse, anhand der Machtaspekte Wissensformen, Steuerungsmechanismen, und Subjekttypen, identifiziert. Ausgehend von diesen Narrativen werden unterschiedliche Potenziale von Macht und Expertise abgegrenzt.
Erste Ergebnisse verweisen auf ein integrierendes Narrativ, das Innovationsfähigkeit als Zieldimension für Foresight einrichtet und als Treiber für das Foresight-Projekt dient. Um die innovative Stärke einer Stadt und ihren gesellschaftlichen Beitrag zu fördern, wird die überparteiliche Haltung der Beteiligten vorausgesetzt und die Verschränkung von bestehenden Politik-Konzepten aus unterschiedlichen politischen Bereichen angestrebt. Ein weiteres Narrativ integriert die Beteiligten im Projekt anhand ihres persönlichen Engagements und stellt im Sinne der Stadt unternehmerisch agierende ExpertInnen in den Vordergrund.
Dabei ergeben sich Ein- und Ausschließungsprozesse in der zeitlichen und räumlichen Dimension. Der zeitliche Fokus privilegiert einen politischen Zeithorizont, der längerfristige Pfadabhängigkeiten aufgrund der besseren Sichtbarkeit und Zurechenbarkeit von kurz- bis mittelfristigen Ergebnissen ausblendet. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Verwaltungseinheit Stadt, wobei aufgrund der Beteiligung von EntscheidungsträgerInnen und Persönlichkeiten der Stadt eine räumliche Priorisierung deutlich wird.
Die Offenlegung von Machtverhältnissen in Foresight/TA-Prozessen könnte positive Effekte auf bestehende Barrieren und nicht ausgeschöpfte Potenziale bei der Generierung von Zukunftswissen haben. Wenn explizit gemacht wird, wie bestimmtes Wissen Machtbeziehungen erhält und umgekehrt, wie Machtbeziehungen spezifisches Wissen hervorbringen, könnten neue Ausgangspunkte für eine Veränderung der gegenwärtigen Foresight/TA-Praxis sichtbar werden.
Die erste Untersuchung der Fallbeispiele lässt erkennen, dass bestehende Machtverhältnisse zeitliche und räumliche Ein- und Ausschließungen produzieren, die das Lösungspotenzial für zukünftige Herausforderungen auf nicht-beteiligte Akteure verlagern (externalisieren) und damit den eigenen Gestaltungsspielraum (und seine Grenzen) nicht ins Zentrum des Prozesses stellen. Das Hinterfragen dieser normativen Rahmung und experimentelle Ansätze zur Verschiebung dieser Grenzlinien könnten die Potenziale von Foresight schärfen (Sichtbarmachen von unhinterfragten Normen), würden aber auch die Grenzen von Foresight im Verhältnis zu bestehenden Pfadabhängigkeiten deutlich machen.
 
Dana Wasserbacher ist Junior Expert Advisor am AIT Austrian Institute of Technology, Center for Innovation Systems and Policy. Sie verfügt über mehrjährige Erfahrung in der Organisation und Begleitung von Zukunftsprozessen in der österreichischen und europäischen Technologie- und Innovationspolitik, sowie Expertise im Technologie-Monitoring.


 
Maschinen entscheiden? Normative Perspektiven in der Entwicklung von KI- und Big Data-Anwendungen
Diana Schneider, Udo Seelmeyer

Moderne Verfahren der Künstlichen Intelligenz (KI) werden zunehmend in komplexen, vornehmlich privatwirtschaftlichen Entscheidungssituationen angewendet, um menschliche Entscheidungen zu unterstützen oder gar zu ersetzen. Eine maschinelle, evidenzbasierte Entscheidungsunterstützung bietet dabei die Chance zur Verbesserung der Qualität der Entscheidungen und deren Legitimation. Gleichwohl geht der Einsatz maschineller Entscheidungssysteme oftmals mit dem Verlust von Transparenz und nachvollziehbaren Entscheidungskriterien einher. Ausgehend von diesem Spannungsfeld verfolgt das Projekt „Maschinelle Entscheidungsunterstützung in wohlfahrtsstaatlichen Institutionen: Nutzungsoptionen, Implikationen und Regulierungsbedarfe (MAEWIN)“ das Ziel, die Chancen und Risiken automatisierter Text- und Datenanalyse für evidenzgestützte Handlungsempfehlungen im Feld Sozialer Arbeit zu prüfen und prototypisch nutzbar zu machen. Hierbei werden insbesondere auch normative Fragen danach, wie ein solches System aussehen soll und welche Erwartungen es erfüllen müsste, gestellt. Die zentralen Fragen innerhalb des Projektes sind daher: Wie kann ein System zur Entscheidungsunterstützung mittels KI-Verfahren zur Analyse der digitalen Klient*innenakten den Entscheidungsprozess von Sozialarbeiter*innen unterstützen? Wie müsste ein solches System konzipiert sein, wenn es gleichzeitig demokratische Grundprinzipien nachhaltig sichern und die Werte der Stakeholder berücksichtigen soll? Und schlussendlich: Wie könnte die Einbindung des Systems in die fachliche Entscheidungspraxis erfolgen?
Die Anwendung von KI- und Big-Data-Technologien innerhalb dieses sensiblen Bereichs wirft grundlegende normative und ethische Fragen auf, insbesondere danach, welche Wertvorstellungen und Normen in solchen Entscheidungsunterstützungssystemen etabliert werden müssten und wie eine Entscheidung darüber herbeigeführt werden sollte. Die Verwendung von KI und Big Data im Feld Sozialer Arbeit birgt eine Vielzahl an Herausforderungen bzgl. der Integrität, Extraktion und Analyse der Daten sowie der Interpretation der Ergebnisse, sodass eine häufig vorherrschende „Rhetorik der Objektivität“ (Crawford et al. 2014) angezweifelt werden muss. Gleichzeitig wird mit Zweig (2018) deutlich, dass die Beeinflussung von Entwicklung und Entscheidungsprozessen der algorithmischen Entscheidungssysteme nicht nur problematisch, sondern durchaus gestaltbar ist.
Ziel des Forschungsprojektes MAEWIN ist es, Ergebnisse der Technikfolgenabschätzung unmittelbar in den Entwicklungsprozess zu integrieren. Hierfür sollen im ersten Schritt mögliche normativ-ethische Problemfelder systematisch aufgezeigt und Lösungsvorschläge erörtert werden. Im Hinblick auf das Tagungsthema wird an diesem Beispiel diskutiert, inwiefern ethische Gesichtspunkte frühzeitig in sozio-technische Entwicklungsprojekte eingespeist werden können.
 
Literatur:
Crawford, K., Miltner, K., & Gray, M. L. (2014): Critiquing big data: Politics, ethics and epistemology. International Journal of Communication, 8, 1663-1672.
Zweig, Katharina (2018): Wie Maschinen irren können. Verantwortlichkeiten und Fehlerquellen in Prozessen algorithmischer Entscheidungsfindung. Arbeitspapier. Bertelsmann-Stiftung.

 
Diana Schneider, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Bielefeld und Promovendin im Projekt MAEWIN im Rahmen des Graduiertenkollegs „Digitale Gesellschaft“.
Prof. Dr. Udo Seelmeyer ist Professor für Sozialarbeitswissenschaft im Fachbereich Sozialwesen an der Fachhochschule Bielefeld und Leiter des wissenschaftlichen Geschäftsbereichs „Kompetenzzentrum Soziale Dienste“ (kom.ds) im Institut für Innovationstransfer an der Universität Bielefeld.


 
Technikforschung als Gesellschaftskritik? Analyse der Rolle von Normativität in meiner Forschung zu alternativen Suchmaschinen
Astrid Mager

Nach Jahren der kritischen Auseinandersetzung mit kommerziellen Suchmaschinen, Google insbesondere, habe ich kürzlich begonnen alternative Suchmaschinen zu untersuchen. Feldzugang, Kommunikation, Beziehungen zu meinen Forschungssubjekten erscheinen plötzlich viel leichter, direkter und enger. Im Feld der Wissenschafts- und Technikforschung (meinem theoretischen Hintergrund) hat das Hinterfragen von großen Akteuren und das Herausheben von kleinen Entitäten eine lange Tradition. Im Bereich der Technikfolgen-Abschätzung (meinem institutionellen Hintergrund) werden Grundrechte als schützenswert angesehen. Kleine Suchmaschinen-Projekte zu analysieren, die grundrechtsfreundliche Technologie zur Verfügung stellen, ist daher auf Linie mit Kernprinzipien der STS und TA. Doch welche Rolle spielt Normativität in dieser Art von Technikforschung und wie verhält sie sich zu größeren gesellschaftskritischen Debatten?
Alle drei Fallstudien – die Peer-to-Peer Suchmaschine YaCy, die privatsphärefreundliche Suchmaschine StartPage und die Initiative Open Web Index – haben eines gemeinsam: Sie alle versuchen ein alternatives Suchinstrument zu entwickeln, aber auch zu einer alternativen Gesellschaftsordnung beizutragen. YaCy ist in der freien Software-Bewegung verankert, die NutzerInnen ermächtigen und Technologie für das Gemeinwohl schaffen möchte. StartPage versucht UserInnen zu ermöglichen ihre Grundrechte zu wahren und in der Alltagspraxis durchsetzbar zu machen. Der offene Web Index möchte öffentlich finanzierte Suchinfrastruktur schaffen in der Tradition von öffentlich-rechtlichen Medien. Sie alle versuchen eine Alternative zu Google mit seinen intransparenten Algorithmen und seinem Datenhunger bereitzustellen. Sie alle versuchen zu einer besseren, offeneren und demokratischeren Gesellschaft beizutragen. Die Rechtswissenschaftlerin Julie Cohen (2013: 1913) argumentiert: “Networked information technologies mediate our experiences of the world in ways directly related to both the practice of citizenship and the capacity for citizenship, and so they configure citizens as directly or even more directly than institutions do.” Wenn wir zustimmen, dass Netzwerktechnologien maßgeblich zur “capacity for democratic self-government” (Cohen 2013: 1912) beitragen, dann sind Eigentumsverhältnisse, Transparenz und Verantwortung von digitalen Technologien wichtige Zutaten zur Bildung von demokratischen Gesellschaften. In meinen letzten Forschungsarbeiten habe ich Google dafür kritisiert, dass die Suchmaschine sich an kapitalistischen Prinzipien der Gewinnmaximierung orientiert, statt nach demokratischen Werten zu streben. Dies bringt mich in Einklang mit meinen Fallstudien-Partnern und hat mir geholfen Vertrauensbeziehungen aufzubauen und Feldzugang zu erlangen. Doch welche Rolle spielt unsere geteilte Normativität im weiteren Forschungsverlauf? Wo bietet sie Chancen und wo birgt sie Herausforderungen? Und wo verlaufen Bruchlinien zwischen der Normativität meiner eigenen Arbeit und der meiner Fallstudien-Partner, aber auch zwischen den normativen Ausrichtungen der drei Fallstudien untereinander, die es näher zu betrachten gilt?
Dies sind zentrale Fragestellungen, die ich in meinem Vortrag behandeln werde. Im ersten Teil des Vortrags werde ich alternative Suchmaschinen auf ihre Normativität hin untersuchen und, ganz im Sinne von Cohen (2013), im breiteren gesellschaftspolitischen Kontext verorten. Im zweiten Teil des Vortrags werde ich meine eigene Arbeit – und ihre gesellschaftskritische Ausrichtung – in Bezug zur Normativität meiner Fallstudien-Partnern setzen, um damit verbundene Chancen, Herausforderungen und Bruchlinien herauszuarbeiten. Im dritten und letzten Teil werde ich Implikationen dieser Analyse in Bezug auf meine eigene Forschung, aber auch in Hinblick auf das breitere Feld der TA diskutieren.
Diese Analyse findet im Rahmen meines Habilitationsprojekts “Algorithmic Imaginaries. Visions and values in the shaping of search engines“ statt, welches durch den Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) finanziert wird (Elise Richter Programm, Projektnr. V511-G29).

Referenz:
Cohen JE (2013) What privacy is for? Harvard Law Review 126: 1904‐1933.
Astrid Mager ist Wissenschafts- und Technikforscherin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Internet und Gesellschaft – dazu gehören z.B. Suchmaschinenpolitik, Algorithmen und Privacy-Aspekte, kritische Theorie, sowie digitale Methoden vor dem Hintergrund der Wissenschafts- und Technikforschung und der Technikfolgenabschätzung.

 
Astrid Mager (Info)


 
Vom Sozialdemokratismus zur Technoscience – zur normativen Grundlage wissenschaftlicher TA
Alexander Bogner, Helge Torgersen

Unser Beitrag formuliert auf diskursgeschichtlicher Grundlage die These, dass die erstaunliche Überlebensfähigkeit der TA mit ihrer Entwicklungsfähigkeit zu tun hat, die sich auf epistemischer Ebene in den bekannten TA-Paradigmen (Experten-TA, PTA, CTA usw.) manifestiert. In normativer Hinsicht reflektiert diese Ausdifferenzierung der TA vielleicht weniger einen grundsätzlichen Wertewandel als vielmehr einen Wandel der Werterepräsentation: Während die TA in der Frühphase ihrer Institutionalisierung (Experten-TA) ihre implizite Legitimation im ungebrochenen Szientismus und Steuerungsoptimismus der 1960er Jahre findet, erhält die TA mit dem Aufkommen neuer sozialer Bewegungen und der damit einhergehenden Pluralisierung technologiepolitisch relevanter Diskurse ihren Wert in der Ermittlung gesellschaftlicher Wertbestimmungen der Technik. Normen werden in Zeiten partizipativer TA nicht mehr deontologisch abgeleitet, sondern aus zu erhebenden Präferenzen ermittelt. Die damit verbundene „Ethisierung der Technik“ findet in jüngerer Zeit im Kontext von „Grand Challenges“, Nachhaltigkeit und „Responsible Innovation“ eine interessante Wendung: Werte und Normen werden der TA nunmehr zum Zweck ihrer Operationalisierung politisch vorgegeben. Das heißt, TA reagiert in ihren Konzepten und Programmen nicht nur auf neue Technologien, Themen und Theorien; sie reagiert eben auch auf gewandelte gesellschaftliche Ansprüche an Wissenschaft, an Expertise, an Innovation und Governance. In unserem Beitrag wollen wir anhand ausgewählter Beispiele den engen Zusammenhang von sozialem Wandel, Governance-Idealen und TA-Formen aufzeigen. Daran wird deutlich, dass die verschiedenen TA-Paradigmen nicht zuletzt auf einen Wandel jener normativen Grundlagen hindeuten, die die Wissensbehauptungen einer wissenschaftlichen TA legitim machen.
 
Alexander Bogner ist habilitierter Soziologe mit Schwerpunkt in den Bereichen Wissenschaft, Technik und Umwelt. Sein Forschungsinteresse kreist um die Frage, inwiefern Wissenschaft und Technik sich wandeln, wenn die Grenzen zu Politik und Öffentlichkeit durchlässiger werden. Empirischer Bezugspunkte seiner Analysen sind die Biomedizin, die Grüne Gentechnik sowie neue und emergierende Technologien.
Helge Torgersen, ursprünglich Molekularbiologe, widmet sich der Analyse des Dreiecks Wissenschaft – Öffentlichkeit – Politik. Seit 1990 am ITA, arbeitete er zunächst im Bereich Biotechnologie, später an Governance von Technologie-Kontroversen. Sein Interesse gilt heute allgemein dem Verhältnis von Technikentwicklung und gesellschaftlicher Wahrnehmung; konkret arbeitete er in letzter Zeit vor allem zu gesellschaftlichen Aspekten der Synthetischen und Systembiologie sowie der Nanotechnologie und zu partizipativen Verfahren der Technikfolgenabschätzung.


 
Werte und Wissenschaft – Social Relations of Science
Reinhard Heil

TA, verstanden als „wissenschaftliche-neutrale Folgenanalyse“ (Call), ist, wie uns allen bewusst ist, eine Fiktion. Wissenschaft ist niemals wertneutral. Das Ethos der Wissenschaft (Merton) wird idealtypisch von folgenden Normen gebildet: Universalismus, Kommunismus (die Ergebnisse stehen allen Wissenschaftler/innen zur Verfügung), Uneigennützigkeit und Skeptizismus. Diese Normen – jenseits der Diskussion um ihren Universalitätsanspruch – finden sich auch heute noch im Selbstverständnis vieler Wissenschaftler/innen wieder. Des Weiteren lassen sich mindestens zwei grundlegende Funktionsbestimmungen der Wissenschaft nachweisen: Wissenschaft lässt sich zum einen als Selbstzweck verstehen. Wissenschaft wird dann als ideologisch neutral verstanden; sie darf nicht von Staat, Religion oder Industrie beeinflusst werden. Von einem solchen eher akademischen Wissenschaftsverständnis lässt sich ein utilitaristisches Verständnis abgrenzen: Wissenschaft als Beiträgerin zum sozialen Wohl und der/die Wissenschaftler/in als verantwortlicher sozialer Akteur. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde das Wissenschaftsverständnis zunehmend utilitaristischer. Die Gesellschaft beginnt Ansprüche zu stellen, Ansprüche, auf die besonders die sich zunehmend von den Geistes- und Sozialwissenschaften emanzipierenden Naturwissenschaften reagieren. Eine Folge davon ist die Ver(natur)wissenschaftlichung des Sozialen (u.a. Eugenik, Populationswissenschaft). Die „Social Relations of Science“-Bewegung (SRS), die ihren Höhepunkt in der Zwischenkriegszeit fand, hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich Wissenschaftler/innen ihrer sozialen Verantwortung bewusst wurden. Die (Natur)Wissenschaft nimmt Einfluss auf das soziale Leben und ist selbst gesellschaftlich vermittelt. Die SRS-Aktivisten begrüßten dies, kritisierten aber die Art und Weise dieser Einflussnahme. Sie forderten, „die Orientierung von Wissenschaft und Forschung an ausgewiesenen sozialen Bedürfnissen und die Verwissenschaftlichung des gesellschaftlichen Lebens“, sie verlangten „die Abschätzung der Folgen technischer Innovationen, ergriffen Partei gegen Elend, Faschismus, Krieg und Mißbrauch der Wissenschaft“ (Vogeler 1992: 7), sie sahen den Kapitalismus als eine der freien Entfaltung der Wissenschaft entgegengesetzte Wirtschaftsordnung und setzten große Hoffnung in den Marxismus und das neue Gesellschaftsverständnis innerhalb der UdSSR. Die Ausweitung staatlicher Kontrolle der Wirtschaft und die Idee der gezielten Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft wurden nicht nur von den Marxisten propagiert, sondern hatten auch Anhänger in anderen politischen Lagern. Der Vortrag gibt einen Überblick über die „Social Relations of Science“-Bewegung (SRS) und prüft, ob sich aus der damaligen Debatte über die soziale Verantwortung der Wissenschaft (und deren möglichen Beitrag zur Lösung der damaligen „Grand Challenges“) Lehren für die gegenwärtige Diskussion „An welchen Werten orientiert sich TA?“ ziehen lassen.

Vogeler, Rolf-Dieter (1992): Engagierte Wissenschaftler – Bernal, Huxley und Co.: Über das Projekt der „Social Relations of Science“-Bewegung, Frankfurt a.M. / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien.
 
Reinhard Heil, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Karlsruhe Instituts für Technologie (KIT). Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die gesellschaftlichen Folgen von Big Data und den sog. „new and emerging sciences and technologies“ (speziell Synthetische Biologie, Epigenetik, Human Enhancement), sowie der Transhumanismus.


 
Normativität, Ethik und Politikberatung: Speaking Truth to Power?
Ingrid Schneider

Der Beitrag zur TA und Normativität setzt sich mit der Frage der Regulierung von Technik- und Wertkonflikten in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft unter den Bedingungen von Wertepluralismus auseinander. Hierzu wird der Umgang mit Normativität im Zusammenspiel von Wissen und Macht in der Politikberatung thematisiert.
Seit der Jahrtausendwende ist eine Konjunktur der ethischen Thematisierung von Technikentwicklung und anderen Streitfragen zu verzeichnen. Entgegen der Annahme einer zunehmenden Modernisierung, Säkularisierung und Rationalisierung der Gesellschaft, die Wertfragen aufgrund eines moralischen Pluralismus individualisiert, stellt Ethisierung eine aktuell dominante Form der Politisierung dar (Vgl. Bogner 2011). Dies betrifft nicht nur traditionelle sozialregulative Felder der »Moralpolitik«(vgl. Heichel / Knill 2013) wie etwa der Regelung des Schwangerschaftsabbruchs, gleichgeschlechtlicher Lebensweisen, der Prostitution oder des Drogenkonsums, vielmehr werden selbst der Atomausstieg, die Steuerpolitik oder die Finanzmarktregulation (vgl. Fourcade et al. 2013) inzwischen ethisiert. In der Politikwissenschaft (vgl. Tatalovich/ Daynes 1998; Knill 2013; Albers 2003) ebenso wie im Recht und anderen Disziplinen ist ein neu erwachtes Interesse an Fragen von Moral und Ethik festzustellen. Gerade zu Big Data, Künstlicher Intelligenz, Maschinenlernen erschallt der Ruf nach „Ethik“, ebenso wie in aktuellen Konflikten um Genome Editing durch CRISPR-Cas.
Welche Rolle kann und soll Politikberatung durch TA dabei spielen? Geht es um „Speaking Truth to Power“ (Wildavsky 1989; Mayntz 2009) oder um „Making Sense Together“ (Hoppe 1999)? Wieweit soll und darf sich Politikberatung auf Machtfragen und Durchsetzbarkeit einlassen?
Es wird die These vertreten, dass sich in Deutschland ein spezifisches Modell des Dissensmanagements zur politischen Regulierung von Ethik- und Technikkonflikten –zumindest in der Biomedizin - entwickelt hat. Dabei spielen Politik- und Ethikberatungsgremien eine bestimmte Rolle, da sie der Entscheidung des Deutschen Bundestages zu- und vorarbeiten. Anhand von zwei Typen dieser Beratung, den Enquetekommissionen des Deutschen Bundestages und dem Deutschen Ethikrat, sollen die Verfahrensweisen und Handlungsmuster dargestellt werden. Außerdem setzt sich dieser Beitrag mit verschiedenen Bewertungen zur Rolle und Funktion dieser Gremien auseinander und liefert anhand von empirischen Materials eine eigene Einschätzung dazu. Die Frage der Durchsetzbarkeit der Empfehlungen politikberatender Gremien wird anhand von Fallbeispielen aus der deutschen Politpraxis fokussiert, außerdem wird die Rolle von Gremien im Licht ihrer Bedeutung für die TA als Wissenschaft und als Praxis der Gesellschaftsberatung beleuchtet.

Literatur:
Schneider, Ingrid (2017): Zum Verhältnis von Wissenschaft und Politikberatung: Das Modell nationaler Ethikgremien in Deutschland, in: Spieker, Michael/ Manzschke, Arne (Hrsg.): Gute Wissenschaft). Baden-Baden: Nomos: 133-177.
Schneider, Ingrid; Saetnan, Ann Rudinow; Green, Nicola (eds.): The Politics of Big Data: Big Data – Big Brother? Routledge 2018.

 
Ingrid Schneider ist Professorin für Politikwissenschaft und seit Januar 2017 im Arbeitsbereich „Ethik in der Informationstechnologie“ des Fachbereichs Informatik der Universität Hamburg angesiedelt. Ihre Schwerpunkte sind Governance, Technikfolgenabschätzung und demokratische Gestaltung von Technik und Digitalisierung durch Recht und Politik. Von 2002-2016 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachgruppe Medizin/ Neurowissenschaften des Forschungsschwerpunkts Biotechnologie, Gesellschaft und Umwelt (BIOGUM) der Uni Hamburg. Erfahrung in der Politikberatung hat sie gesammelt u.a. 2013 -2016 als Mitglied einer Expertengruppe zu Biopatenten der Europäischen Kommission, 2000-2002 als Sachverständige in der Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des Dt. Bundestages und seit 1996 bei Anhörungen des Europäischen Parlaments, des Europäischen Patentamts und verschiedener nationaler Parlamente.


 
Objektivität, Allparteilichkeit oder Gemeinwohl: Neutralität im Lichte verschiedener Beratungsrollen
Anja Bauer, Karen Kastenhofer

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Vorstellung von Politikberatung allgemein und  in der Technikfolgenabschätzung im Speziellen ständig erweitert. Neben traditionelle Formen des Transfers wissenschaftlicher Expertise treten zunehmend eine Reihe von Wissensvermittlungs- und Kapazitätsbildungsaktivitäten. Damit einher geht die Diversifizierung und Pluralisierung des Rollenrepertoires von TA-PraktikerInnen als PolitikerberaterInnen als auch die Verschiebung und Neuinterpretation klassischer Qualitätsprinzipien wie dem der Neutralität.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich unser Beitrag empirisch-analytisch mit den Fragen, welche Beratungsrollen TA-PraktikerInnen einnehmen, wie in diesen Rollen das Prinzip der Neutralität adressiert und interpretiert wird und wie entsprechend mit den eigenen und geteilten Werten umgegangen wird. Methodisch greifen wir auf 20 leitfadengestützte Interviews mit allen TechnikfolgenabschätzerInnen des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zurück. Die Interviews fokussierten auf die je individuellen Herangehensweisen, Projekterfahrungen und subjektiven Einschätzungen von TA-PraktikerInnen. Aus diesen Interviews lassen sich implizite Vorstellungen davon rekonstruieren, welche Rollen TA und TA-PraktikerInnen innerhalb von Gesellschaft und Politik einnehmen bzw. einnehmen sollen, inklusive der diesem Rollenverständnis zugrundeliegenden Konzeptionen des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik.
Die empirische Analyse illustriert ein breites Repertoire an möglichen Rollen, die ITA-PraktikerInnen einnehmen: der „Decisionist Advisor“, der „Deliberative Practitioner“, der „Governance Facilitator“, der „Engaged Academic“ sowie der „Agenda-Setter“. Diese Rollen unterscheiden sich wesentlich in der dominanten Form der Politikberatung, der gewünschten Funktion von TA in Politik und Gesellschaft, der Bedeutung und Interpretation von Qualitätsprinzipien und den spezifischen Strategien des Grenzmanagements zwischen Wissenschaft und Politik. In unserem Beitrag zeigen wir insbesondere auf, wie vor dem Hintergrund dieser verschiedenen Rollen die Frage der Neutralität von TA unterschiedlich adressiert und interpretiert wird. Während Neutralität für die Identitäten des „Decisionist Advisor“ und „Governance Facilitator“ von zentraler Bedeutung ist, wird das Prinzip vom „Eengaged Academic“ als generell uneinlösbar verworfen. Darüber hinaus kann Neutralität als wissenschaftliches oder politisches Prinzip verfolgt werden. An diese Beobachtungen anknüpfend diskutieren wir, welche normativen Ankerpunkte ITA-PraktikerInnen explizit setzen und wie sie diese begründen. Der Agenda-Setter setzt insbesondere auf normative Ankerpunkte substantieller Art, die allgemein gesellschaftlich akzeptiert sind, wie Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit. Der „Engaged Academic“ rückt normative Fragen um Genderaspekte und Macht in den Mittelpunkt. Der „Deliberative Practitioner“ und „Governance Facilitator“ berufen sich auf prozedurale Normen, wie den Prinzipien einer deliberativen Demokratie oder des Vorsorgeprinzips.
Unser Beitrag zeigt damit, dass Neutralität in der TA-Praxis kein eindeutiges und kein unhinterfragt geteiltes Prinzip guter wissenschaftlicher Politikberatung darstellt, sondern sich unterschiedlich bis hin zu gegensätzlich in verschiedenen Rollen, die TA-PraktikerInnen einnehmen, manifestiert. Jegliche Reflektion und (Neu)Bestimmung des Umgangs mit Normativität in der TA sollte daher das zunehmend ausdifferenzierte Rollenrepertoire der Politikberatung miteinbeziehen.
 
Anja Bauer ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf Umwelt-, Nachhaltigkeits- und Technologiegovernance. Ihr besonderes Interesse gilt der Rolle von Expertise, Antizipation und Partizipation in Entscheidungsprozessen. In ihrer gegenwärtigen Forschung beschäftigt sie sich mit Öffentlichkeitsbeteiligung im Rahmen von „Responsible Research and Innovation“ (RRI) sowie den Praktiken und Paradigmen der Politikberatung in der Technikfolgen-Abschätzung.
Karen Kastenhofer ist Wissenschafts- und Technikforscherin und promovierte Biologin. Ihr Arbeitsbereich umfasst die Rekonstruktion unterschiedlicher (Techno)Wissenschaftskulturen, die Analyse öffentlicher Kontroversen sowie die Diskussion möglicher Governance-Modelle im Bereich der Lebenswissenschaften und Biotechnologien.


 
Neutralität als aktive TA-Tätigkeit in Österreichs nano-Risikogovernance-Netzwerken
Gloria Rose, André Gazsó

Das seit Oktober 2007 laufende österreichische NanoSafety-Projekt “NanoTrust” widmet sich der Bereitstellung verlässlicher und wissenschaftlich fundierter Informationen zu sicherheits- und risikorelevanten Themen rund um den Einsatz von Nanomaterialien. NanoTrust wird von diversen österreichischen Ministerien (BMVIT, BMSGK, BMNT) und der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) unterstützt. Der normative Rahmen des Projektes ist dabei eindeutig definiert: Es geht in erster Linie um Sicherheit der Anwendung von Nanomaterialien in Bezug auf die Schutzgüter Gesundheit und Umwelt. Über die Jahre hat sich das Projekt von einem TA-Forschungsprojekt zu einem facettenreichen Integrativprozess entwickelt, der gleicher Maßen wissenschaftliche und beratende Elemente enthält. Durch den Aufbau und der Pflege eines transdisziplinären  Netzwerks beteiligt sich NanoTrust an der österreichischen nano-Risikogovernance-Landschaft und dient der nano-Community als Katalysator, Initiator und unabhängige Plattform für den Sicherheitsdiskurs. Nach zehn Jahren kann man feststellen: das Gelingen eines solchen Prozesses bedingt eine bestimmte Art von Interaktion zwischen ProjektmitarbeiterInnen, AuftraggeberInnen (welche eigene Zielsetzungen verfolgen) und der nano-Sicherheitscommunity (bestehend aus Stakeholdern, welche auch als Konkurrenten auftreten können). Um an dieser Schnittfläche die Aufgabe einer unabhängigen Plattform glaubwürdig ausüben zu können, muss Neutralität aktiv hergestellt werden. 
Doch was ist unter dem Begriff „Neutralität“ im Kontext von TA-Projekten im Risikogovernance-Bereich zu verstehen? Wir argumentieren, dass Neutralität bei Anspruch auf Vertrauenswürdigkeit und Glaubhaftigkeit keine ausschließlich passive Haltung beinhalten kann. Glaubwürdigkeit beruht schließlich nicht   auf theoretischen Konzepten oder entsprechenden Kommunikationsprozessen, sondern wesentliche  Leistungen sind auf entsprechendes Handeln gegründet, die diese Glaub- und Vertrauenswürdigkeit verwirklichen und damit  bestätigen. Wenn TA in Governance-Netzwerken demnach nicht unparteiisch oder neutral im Sinne von Nichtbeteiligung sein kann, liegt die Lösung folglich in der Allparteilichkeit und Äquidistanz, wie wir es auch aus der Konfliktmoderation kennen? Obwohl die Idee, die eigenen Belange zurückzustellen, um ohne Bevorzugung von Stakeholdern ihre Anliegen und Erwartungen zu erfassen und zu kommunizieren, unserer Vorstellung von „Neutralität“ schon näher kommt, gibt es auch hier ein Defizit, welches diesen Ansatz im Rahmen von NanoTrust als nicht ausreichend erscheinen lässt. Trotz unterschiedlicher Begehrlichkeiten und Erwartungen kann es letztendlich nicht Aufgabe eines TA-Projekts sein, Partikularinteressen zu homogenisieren oder sogar zu fördern.
Unserer Auffassung nach liegt die Hauptaufgabe des Projektes darin, unsere Ressourcen für jene Tätigkeiten einzusetzen, wo ein „common good“ auszumachen und umzusetzen ist. Dieses common good kann etwa darin bestehen, in einer Situation mit widersprüchlicher bzw. unklarer Faktenlage bei der Sammlung, Klassifizierung und Bewertung mitzuwirken oder solche Prozesse überhaupt einzuleiten. Schon die Unterstützung der Identifikation eines Gruppengemeinwohls und die nachfolgenden Umsetzungsschritte sind eine wichtige Aufgabe der TA. Inwieweit zusätzlich gemeinsame übergeordnete Werthaltungen und damit ein wie immer geartetes gesellschaftliches Gemeinwohl (Sicherheit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit) ebenfalls eine Rolle spielen, wäre ebenfalls eine interessante Frage, der es nachzugehen gälte.
Neutralität ist in diesem Sinne ein ständiger aktiver Vorgang, der im Zusammenhang mit der Definition, der Bewertung, der Wahl und der Umsetzung gemeinsamer Ziele auf der Grundlage eines Gemeinwohls zu verstehen ist. Die TA muss sich daher trotz einer daraus resultierenden Gefahr Fehler zu begehen trauen, Stellung beziehen und sich für gesamtgesellschaftliche Werte einsetzen.
 
Gloria Rose ist Humanökologin und ist am ITA als Junior Scientist in den Bereichen Nanotechnologie und E-Demokratie tätig. Nach einem Praktikum am ITA zum Thema Industrie 4.0 war Gloria Rose vom September 2015 bis Februar 2016 als Researcher am Economica Institut für Wirtschaftsforschung tätig und befasste sich mit dem 'Total Economic Value-Konzept'. Nun beschäftigt sie sich, vor allem im Rahmen des Projekts NanoTrust, mit dem Wissensstand über Gesundheits- und Umweltrisiken der Nanotechnologie und mit Wissenskommunikation. Im Rahmen des Projekts EDEM befasstesie sich im Bereich E-Demokratie mit dem Einsatz digitaler Anwendungen für partizipative und direkte Demokratie.
André Gazsó ist ausgebildeter Philosoph und Biologe mit dem Spezialgebiet Risikoforschung. Er arbeitet derzeit vor allem zu Nanotechnologien. Seit 2013 ist André Gazsó Vorsitzender der Österreichischen Nanoinformationskommission (NIK) des Bundesministeriums für Gesundheit.
Seit 2003 Mitglied, wurde Gazsó 2006 stellvertretender Vorsitzender des Standardisierungskomitees "Risiko- und Krisenmanagement" des Österreichischen Normungsinstituts. Er ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien, der Universität für Bodenkultur und an der Fachhochschule Campus Wien. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des ITA im Rahmen des Projekts NanoTrust.


 
Technikfolgenabschätzung für alle? Zu den normativen Herausforderungen einer globalen TA
Constanze Scherz, Julia Hahn

Technikfolgenabschätzung entspringt der „westlichen Welt“ und ist bis heute durch deren Werte geprägt. Demokratische politische Strukturen und eine liberale Gesellschaftsform gehören nicht nur zum Selbstverständnis dieser TA, sondern bedingen sie auch. TA ist auf normative Bezugspunkte angewiesen und bleibt dennoch in ihrem Handeln selbst neutral.
Was bedeutet Normativität nun für eine TA, die sich zunehmend international vernetzt und in globalen Kontexten forscht? Die normativen Bezugspunkte divergieren je nach politischem System und Kontext. Ist Partizipation ausschließlich auf demokratischen Grundsätzen begründet, oder können auch andere Wertsysteme normative Rahmen hierfür bieten? Was bedeutet es für einen Ingenieur, in der Chinese Academy of Sciences verantwortungsvoll zu forschen? Wir möchten diesen Fragen nachgehen, indem wir erste Ergebnisse einer vergleichenden Analyse nationaler Studien präsentieren, die im Rahmen des EU-Projekts Responsible Research and Innovation in Practice (www.rri-practice.eu) durchgeführt wurden. Dabei werden Diskurse und Praktiken von RRI in europäischen Ländern mit denen aus China, Indien, Brasilien, den USA und Australien verglichen, um nachzuvollziehen, wie RRI-Dimensionen in verschiedenen nationalen Kontexten kontextualisiert werden, wo Gemeinsamkeiten oder Unterschiede liegen. Daran anknüpfend wird gefragt, was andere Wissenschaftseinrichtungen, die Science & Technology betreiben, unter Normativität verstehen. Welche Werte stellen sie beispielsweise in den Mittelpunkt ihrer Forschungsförderung?
Die Technikfolgenabschätzung (aus der europäischen Tradition kommend) ist auf (kritische) Selbstreflektion angewiesen. Dazu gehört, den Kern ihrer normativen Annahmen herauszuschälen und diese dann an divergierenden Wertsystemen und Forschungsverständnissen zu spiegeln. An dieser Stelle sehen wir einen analytischen Anknüpfungspunkt von RRI im globalen Kontext an „Global TA“: Wenn TA auf normative Bezugspunkte angewiesen ist und dennoch in ihrem Handeln selbst neutral bleibt, dann heißt das auf den globalen Kontext übertragen, dass die normativen Bezugspunkte sich in einem steten Aushandlungs- und Bewertungsprozess befinden, die Neutralität der TA-Forschenden und -Institutionen selbst aber gewährleistet sein muss. Responsibility findet sich in unterschiedlichen Wertsystemen auf verschiedene Weise; was das für das „Machen“ von TA im globalen Kontext heißt, ist (noch) offen.
 
Constanze Scherz ist Sozialwissenschaftlerin und seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe, seit 2016 stellvertretende Institutsleiterin des ITAS. Zuvor war sie im Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) tätig. Scherz war für verschiedene nationale und europäische TA-Projekten zuständig, u.a. PACITA (Parliaments and civil society in Technology Assessment). Sie ist Redaktionsmitglied der TATuP – Zeitschrift für TA in Theorie und Praxis. Aktuell arbeitet sie im EU-Projekt „RRI in Practice“.


 
Technikfolgenabschätzung und der Umgang mit Wertekonflikten bei neuen Technologien
Bernd Giese

Innovationen können in ihren Ansprüchen und ihren Wirkungen – wobei es auch durchaus um die intendierten Wirkungen geht – mit existierenden Wertvorstellungen in Widerspruch geraten. Teilweise entwickeln sich daraus auch rechtliche Konflikte.
Im Bereich der Gentechnik entsteht sich mit „Gene Drives“ eine Technik zur Verbreitung von genetischen Veränderungen, bei der nicht nur die angestrebten Wirkungen, sondern auch bereits ihr Wirkprinzip mit geltenden Werten und Normen kollidiert. Gene Drives sind gentechnische Konstruktionen, die ihre genetische Information innerhalb von Populationen sehr schnell verbreiten können. Schneller, als es die Mendelschen Vererbungsregeln erlauben. Gene Drives markieren damit eine neue Qualität der Gentechnik. Die mit ihnen übertragene Eigenschaft kann auch eine fitnessmindernde Wirkung haben oder das Geschlechterverhältnis beeinflussen und dadurch eine Population verringern. Konkrete Anwendungen zielen auf die Ausrottung bestimmter Moskitoarten zur Bekämpfung von Malaria in Afrika, auf die Beseitigung landwirtschaftlicher Schädlinge oder auf die Vernichtung eingeschleppter Nagetierarten auf Inseln wie Neuseeland.
Die selbstständige Verbreitung der zum Gene Drive gehörenden gentechnischen Veränderung gehört zum Kern seiner Wirkungsweise. Diese Grundeigenschaft steht im Widerspruch mit dem Verständnis vom Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) im Sinne einer möglichst unberührten Natur. Anstelle einer räumlichen und zeitlichen Begrenzung, wie sie im Rahmen des Vorsorgeprinzips für bisherige Freisetzungen von GVOs galt, beruht das Prinzip der teilweise auch als ‚aktive Gentechnik‘ bezeichneten Verfahren (Gantz und Bier 2015) auf der selbsttätigen Umwandlung von wildlebenden Organismen. Ein weiterer Konflikt ergibt sich bei der Anwendung zur Bekämpfung von Malaria. Hier steht der Eigenwert der zu eliminierenden Moskitoart als Teil von Biodiversität dem Anspruch auf Gesundheit gegenüber.
Wie geht TA mit diesen unterschiedlichen Wertorientierungen um? Auch wenn von ihr keine abschließende Entscheidung abgegeben werden muss, wird sie auf normative Konflikte eingehen und ihre Ursachen sowie die Berechtigung der vorhandenen Befürchtungen aufarbeiten müssen, um eine ausreichende Entscheidungsgrundlage zu bieten. Im Sinne des beratenden Charakters von TA liegt die entscheidende Aufgabe dabei in einer früh ansetzenden, vergleichenden Darstellung des vollständigen Spektrums technologischer Optionen bzw. Alternativen (vgl. Ely et al. 2014), der mit ihnen potenziell verbundenen Risiken und einer kritischen Analyse der Nutzenversprechen. Damit kann die Debatte um potenzielle Anwendungen bestimmter Technologien von möglichen Verengungen befreit und frühzeitig auf Alternativen bzw. risikomindernde Gestaltungsoptionen verwiesen werden.
Anhand von Gene Drives geht dieser Beitrag auf die mit einer neu entstehenden, wirkmächtigen Technologie verbundenen Widersprüche zwischen unterschiedlichen Wertorientierungen ein. In der vorgestellten prospektiven vergleichenden Analyse technologischer Optionen werden zentrale Fragestellungen adressiert, die für eine abschließende Bewertung und die Entwicklung von Entscheidungsoptionen notwendig sind.

Literatur:
Valentino M. Gantz und Ethan Bier, The Dawn of Active Genetics, Bioessays 38: 50–63, 2015, DOI 10.1002/bies.201500102
Ely A., Van Zwanenberg, P., Stirling, A., Broadening out and opening up technology assessment: Approaches to enhance international development, co-ordination and democratization, Research Policy 43, 505– 518, 2014, DOI 10.1016/j.respol.2013.09.004

 
Dr. Bernd Giese studierte Biologie und verfügt über langjährige experimentelle Erfahrungen in der Molekular-, Zell- und Infektionsbiologie. Er war an der Universität Bremen im Fachgebiet Technikgestaltung und Technologieentwicklung als Gruppenleiter für Innovations- und Technikanalysen verantwortlich und forschte zu prospektiven Ansätzen der Technikbewertung in modernen Biowissenschaften. Seit 2016 ist Dr. Bernd Giese am Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien für den Bereich der Technikfolgenabschätzung in der Bio- und Nanotechnologie zuständig. Seine Arbeiten konzentrieren sich auf die Weiterentwicklung der Möglichkeiten prospektiver Technikfolgenabschätzung, der Entwicklung von Strategien für die Steuerung von Innovationsprozessen und der Berücksichtigung gefährdungsarmer Entwicklungswege.


 
Wertgrundlagen der TA im nationalen und globalen Kontext
Elena Seredkina, Vladimir Zhelezniak, Arisa Ema, Igor Bezudladnikov

Moderne Technologien sind ein globales Phänomen. In diesem Sinne ist die Entwicklungsrichtung zur globalen TA mehr als verständlich. Im Rahmen der Technikgestaltung muss jedoch auch der nationale Kontext berücksichtigt werden. Dies liegt an der Überwindung des Mythos der "Neutralität" der TA. Der RRI-Ansatz als die nächste Stufe der Evolution von TA wird zu einer entsprechenden Antwort auf die intellektuellen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen unserer Zeit. Es handelt sich um „participatory turn“ (Sh. Jasanoff) und die neue Beteiligungsarchitektur. Auf der grundlegenden Ebene beeinflusst eine Gesellschaft mit ihren Hoffnungen, Phobien, Bedürfnissen, Vorstellungen vom Gemeinwohl und nachhaltiger Entwicklung die Entstehung von Visionen technologischer Zukunft. Das beginnt bereits bei der Frage, welche Technologien auf den Prüfstand kommen, welche Innovationen verboten werden, welche Effekte als positiv oder negativ gelten sollen.
Im transdisziplinären Bereich TA gibt es jedoch eine dialektische Spannung. Wenn wir die Frage nach den Wertaspekten wissenschaftlicher Forschung oder eines Ingenieursprojekts aufwerfen, stoßen wir unweigerlich auf einen Widerspruch: Neutralität des wissenschaftlichen Ansatzes als Garant der Objektivität gegen ein unvermeidliches soziales Engagement, das sich aus moralischen und anderen Voraussetzungen ergibt. Jede angewandte Forschung bringt nichtwissenschaftliche Elemente in die reine Wissenschaft. Das Technologie- oder Designprojekt dringt direkt in den sozialen Körper, in die Struktur der Arbeitskräfte, in das bestehende Rechtssystem, in Politik und Macht ein. Keine Technikbewertung kann „steril“ und „neutral“ sein. Öffentliche Diskussionen über Technikgestaltung und Technikzukünfte (A. Grunwald) werden unweigerlich zum Schauplatz von Zusammenstößen unterschiedlicher Interessen, Weltanschauungen und Werte.
Die Rolle sozialer Werte und Normen im nationalen Kontext ist noch wichtiger. Kulturelle und gesellschaftspolitische Merkmale prägen die nationalen TA/RRI- Modelle stark. Zum Beispiel wurde 2016 in Russland eine kleine Studie zur Frage „Sind alte Menschen in Altenheimen bereit, mit Robotern zu kommunizieren?“ durchgeführt. Die Antwort war eindeutig: „Nein“. Dennoch sind viele russische Ingenieure bereit, Pflegeroboter zu entwickeln, ohne soziale Parameter zu berücksichtigen. Ein rein technischer Ansatz („technisch können wir es machen") kann keine angemessene Lösung für ein ernstes soziales Problem sein.
Zu diesem Zweck hat das russisch-japanisches Forscherteam von der Polytechnischen Universität Perm und der Japanischen Gesellschaft für Künstliche Intelligenz ein internationales Projekt “Future Relations between Humans and AI” ins Leben gerufen. Künstlichen Intelligenz (KI) erfordert RRI bei der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Stakeholdern, die Öffentlichkeit eingeschlossen, ab den frühen, anfänglichen Phasen der Forschung. Die Interessengruppen können jedoch unterschiedliche Meinungen über KI und Mensch-Maschine-Beziehungen haben. Bei der Durchführung solcher Erhebungen haben wir nationale und kulturelle Merkmale berücksichtigt.
 
Elena Seredkina, Associate Professor am Lehrstuhl für Philosophie und Recht der Nationalen Polytechnischen Forschungsuniversität Perm (Russland); Leiterin des wissenschaftlichen Forschungslabors RRI-Lab.
Vladimir Zhelezniak, Professor, Doktor (habil.) der Philosophie, Leiter des Lehrstuhls für Philosophie und Recht der Nationalen Polytechnischen Forschungsuniversität Perm (Russland).
Arisa Ema, Associate Professor am RIKEN-Zentrum für Advanced Intelligence Project der Universität Tokio (Japan), Mitglied der Ethikkommission der Japanischen Gesellschaft für Künstliche Intelligenz.
Igor Bezukladnikov, Associate Professor am Lehrstuhl für Automatisierung und Telemechanik der Nationalen Polytechnischen Forschungsuniversität Perm (Russland).


 
TA als Geburtshelfer eines rationalen Nachhaltigkeits-Diskurses
Lorenz M. Hilty, Clemens Mader

Unterschiedliche normative Annahmen der Erwünschtheit technologischer Entwicklung und Wirkung treffen in TA auf deskriptiv aufgezeigte Zusammenhänge und bewerten diese entsprechend unterschiedlich. Dies führt in der TA unweigerlich zu einer auch normativen Prägung.
Eine Analyse vergangener TA-Studien im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) hat ergeben, dass sich auf der normativen Ebene meist Werte wie Selbstbestimmung und Vorstellungen von rechtlicher, moralischer und gesellschaftlicher Verantwortung, sowie Verteilungsgerechtigkeit rekonstruieren lassen. Die praktische Erfahrung mit TA-Studien zeigt jedoch, dass sich derartige abstrakt geprägte ethische Haltungen im direkten Stakeholderdiskurs von TA-Studien kaum in eine direkte und explizite Verbindung zur Bewertung möglicher Entwicklungen und ihren Auswirkungen bringen lassen.
Ziel der Forschung ist es nun, durch transdisziplinäre Zugänge, Wege der Trennung von normativen und deskriptiven Aussagen über die Zukunft von technologischen Entwicklungen zu finden und die entsprechenden Annahmen der Stakeholder explizit zu machen. Durch transdisziplinäre Zugänge treffen wissenschaftliche Erkenntnis- und lebensweltliche Problemlösungsprozesse aufeinander. Daraus lassen sich für die TA, durch die vorgestellte Methode, System-, Ziel- und Transformationswissen generieren, deren Ausprägung jedoch normative und deskriptive Zugänge unterscheidet. Die Methode basiert auf dem Ansatz der „nachhaltigen Nutzung“, wie er von Hilty und Aebischer basierend auf Dobson und Christen beschrieben wurde.
In der Präsentation werden der transdisziplinäre Prozess sowie die Eckpunkte des Substitutionsverfahrens genauer und anhand eines Fallbeispiels vorgestellt.
 
Mag.Dr. Clemens Mader ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Empa in St.Gallen und im Nachhaltigkeitsteam der Universität Zürich, Schweiz, tätig.
2007 bis 2012 war er Co-Gründer und Leiter des RCE Graz-Styria an der Universität Graz, eines Forschungs- und Regionalzentrums für Bildung für nachhaltige Entwicklung. Nach Gastaufenthalten an der Hiroshima University (Japan) und University of Novi Sad (Serbien) verbrachte er vier Jahre als Gastprofessor für Umwelt und nachhaltige Entwicklung in der Region an der Leuphana Universität Lüneburg (Deutschland).
Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der transdisziplinären Methodenentwicklung zur Werteanalyse in der Technologiefolgenabschätzung, dem Assessment von Nachhaltigkeitsprozessen sowie der nachhaltigen Entwicklung an Hochschulen. Gemeinsam mit der Digital Society Initiative der Universität Zürich, dem Institut für Technologiefolgenabschätzung der ÖAW sowie der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Empa, koordiniert Clemens Mader die TA-Studie der TA-SWISS: „Wenn Algorithmen an unserer Stelle entscheiden: die Herausforderungen der künstlichen Intelligenz“.


 
Technikbewertung für die Pflege: Ein Lehrstück aus der Praxis der angewandten Ethik
Karsten Weber
 
In Reaktion auf den demografischen Wandel, den (nicht nur) die Bundesrepublik Deutschland durchläuft, wird diskutiert, den daraus entstehenden Herausforderungen bzgl. der Gesundheitsversorgung mithilfe von Technik zu begegnen, um (1) zur Kostendämpfung beizutragen, (2) dem Arbeitskräftemangel abzuhelfen, (3) den Beschäftigten bei der Verrichtung von (körperlich) belastenden Tätigkeiten zu helfen, (4) die Versorgung auch in dünn besiedelten Regionen sicherzustellen, (5) betagten Menschen, die pflege- und hilfsbedürftig sind, trotzdem zu ermöglichen, ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu führen und sie gleichzeitig am sozialen Leben teilhaben zu lassen sowie (6) schließlich neue Produkte und Dienstleistungen zu induzieren, die zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes beitragen.
Wenn diese Reihung Prioritäten impliziert, wäre sie hochgradig wertgeladen ist; Begründungen für entsprechende Priorisierungen und Hierarchisierungen werden jedoch in der öffentlich geförderten Drittmittelforschung selten offengelegt – vielleicht auch, weil sie in expliziter Form gar nicht existieren. Außerdem wirft  insbesondere Technik, die in der Pflege- und Gesundheitsversorgung eingesetzt werden soll, weitreichende soziale und normative Fragen auf, da sie Menschen betrifft, die sich in der Regel in einer schwierigen Lebenssituation befinden und daher als besonders vulnerabel gelten müssen. Altersgerechte Assistenzsysteme, Service- und Pflegerobotik und andere technische Unterstützungssysteme, die direkt mit zu pflegenden Personen zusammenkommen, werfen Fragen nach der Veränderung der Pflege und der Beziehung von Pflegenden und Gepflegten auf, bspw. nach Autonomieeingriffen, Gerechtigkeit u.v.m. Insbesondere Service- und Pflegeroboter stellen zudem die Tätigkeit der Pflegenden infrage, so dass hier Ängste hinsichtlich des Verlusts des eigenen Arbeitsplatzes oder bzgl. der Deprofessionalisierung der eigenen Tätigkeit zu bedenken sind.
MEESTAR (Modell zur ethischen Evaluierung soziotechnischer Arrangements) wurde im Auftrag des BMBF 2012 dazu entwickelt, das Konfliktpotenzial des Technikeinsatzes in der Pflege und Gesundheitsversorgung insbesondere alter und hochbetagter Menschen während des Entwicklungsprozesses oder bei der Implementierung der Technik offenzulegen, kommunizierbar zu machen und somit ein diskursives Umfeld zu schaffen, in dem soziotechnische Lösungsansätze gefunden werden können. Die Rekonstruktion der Genese dieses Werkzeugs zeigt nun exemplarisch, dass der Import (meist unausgesprochener) normativer Annahmen und Erwartungen in die Entwicklung dieses Technikbewertungsinstruments unvermeidlich war, dass klassische Forschungsmethodologien kaum zur Anwendung kamen und dass Begründungsstrukturen für die in MEESTAR berücksichtigten moralischen Werte und Normen allenfalls ex post formuliert werden konnten.
Aus der MEESTAR-Genese lassen sich einige allgemeine Aussagen zu Technikbewertungsinstrumenten ableiten. Insbesondere zeigt sich bei partizipativen Methoden, dass konsistente und nichtwidersprüchliche Bewertungen kaum zu erzielen sind und dass Neutralität allenfalls als Prozess und nicht als Zustand begriffen werden kann. Darüber hinaus ist zu vermuten, dass die Rekonstruktion des Einflusses von Weltbildern, gesellschaftlichen Werthaltungen sowie von Förderstrukturen ein so aufwändiges Unterfangen ist, dass dieses im Rahmen konkreter Technikbewertungsprojekte während der Bewertung faktisch nicht zu leisten ist. Allenfalls ist dies nachträglich möglich mit dem Ziel, verwendete Werkzeuge zu schärfen und Problembewusstsein bei jenen, die sie nutzen, zu erzeugen.
Konsequenterweise müssen die Ergebnisse von partizipativen Technikbewertungsinstrumenten als potenziell (stark) verzerrt und deren Verallgemeinerbarkeit als begrenzt angesehen werden. Trotzdem kann auf solche Methoden nicht verzichtet werden, sollen Stakeholder und deren Werthaltungen einbezogen werden.
 
Prof. Dr. Karsten Weber ist Ko-Leiter des Instituts für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung (IST) an der OTH Regensburg sowie Honorarprofessor für Kultur und Technik an der BTU Cottbus-Senftenberg.


 
Moralpragmatische TA: Zur Bearbeitung von Wertungskonflikten bei technischem (Sicherheits-) Handeln
Sebastian Weydner-Volkmann

Nach einem pragmatischen Verständnis beschäftigt sich ethische TA mit moralischen Dilemma-Situationen im Bereich des technischen Handelns. Denn müssten wir uns nicht zwischen verschiedenen wertbezogenen Alternativen entscheiden, könnten wir also allen relevanten Werten zugleich gerecht werden, dann bestünde schlicht kein Bedarf an moralphilosophischer Expertise. So tritt etwa bei der Entwicklung und Implementierung von Überwachungs- und Kontrolltechniken die staatliche Schutz-Garantie vor Übergriffen Anderer (‚Sicherheit‘) in Widerspruch zur rechtlich verankerten Garantie der Begrenzung staatlichen Handelns (‚Freiheit‘). Könnten wir hingegen davon ausgehen, dass sich z.B. durch Techniken der Fluggastkontrolle Sicherheit gewährleisten ließe, ohne dabei neue Probleme aufzuwerfen, etwa mit Blick auf Eingriffe in Privatbereiche oder Diskriminierungseffekte, so gäbe hier es kein wirkliches Problem gesellschaftspolitischer Entscheidungsfindung. Zugleich scheint aber unklar, wie sich Wertungskonflikte in solchen moralischen Dilemma-Situationen dann produktiv bearbeiten lassen – insbesondere wenn hierbei scheinbar nicht-verhandelbare, universelle Grundwerte im Spiel sind.
Folgt man einem pragmatischen Verständnis ethischer TA, so ist es zentral, die moralischen Dilemmata auch als solche ernst zu nehmen und Entscheidungssituationen von ihnen her aufzuarbeiten. Es stellen sich für eine ethische TA dann folgende Fragen: Wie lassen sich mit Blick auf Technikentwicklung und -Implementierung relevante Wertungskonflikte antizipieren und von weniger relevanten unterscheiden? Wie können wir für nicht auflösbare Konflikte eine moralphilosophisch informierte Entscheidungsfindung ermöglichen? Welche Rolle soll die ethische Expertise dabei konkret in Entscheidungsprozessen demokratischer Gesellschaften spielen?
Das Paper stellt dar, wie im Anschluss an John Dewey im Bereich der Fluggastkontrollen auf anwendungsbezogene, demokratietheoretische, metaethische Herausforderungen in der TA-Debatte geantwortet werden kann.
Zentral ist hierbei, nicht von invarianten Grundwerten auszugehen, sondern jeweils von den konkreten moralischen Konfliktlinien der Entscheidungssituation. Diese lassen sich über eine hermeneutische Lesart von Deweys Moralpragmatismus als ‚moralische Landkarten‘ technischen (Sicherheits-) Handelns ausarbeiten. So können relevante sozialethische Konflikte etwa bei der Planung und Implementierung von Fluggastkontrollen rekonstruiert, hermeneutisch erschlossen und für eine Technikbewertung aufbereitet werden. Ziel eines solchen moralpragmatischen Ansatzes ist es dabei gerade nicht, eine der möglichen Handlungsalternativen als moralisch gebotene vor anderen auszuzeichnen und so das Entscheidungs-Dilemma gewissermaßen ‚wegzuerklären‘. Vielmehr geht es hierbei letztlich um eine Transformation des Problemerlebens zur Vorbereitung einer informierten Entscheidungsfindung.

Sebastian Weydner-Volkmann arbeitet als Post-doc zu Themen der Sicherheitsforschung, der Technikphilosophie und der Angewandten Ethik. Er ist seit 2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsteam des Centre for Security and Society (CSS) und am Husserl-Archiv der Universität Freiburg. Derzeit übernimmt er die Geschäftsführung des CSS.
Als Teil des EU-Projekts XP-DITE hat Sebastian Weydner-Volkmann ein Framework zur moralpragmatischen Bewertung des Einsatzes von Sicherheitstechnologien an Flughäfen entwickelt. Im EU-Projekt TeraSCREEN hat er die ethische Begleitforschung bei der Entwicklung eines innovativen, Privatsphäre-schonenden THz-Körperscanners übernommen. Neben Forschung und Lehre am philosophischen Seminar der Universität Freiburg ist er am Aufbau der trinationalen Graduiertenakademie „Security-Risk-Orientation“ (SERIOR) beteiligt.


 
Zwischen Normativität und Partizipation – Responsible Innovation als partizipativer Verhandlungsraum
Johann Jakob Häußermann, Marie Heidingsfelder, Fabian Schroth

Ansätze von Responsible Research and Innovation (RRI) zielen auf die Öffnung von Fragen der Technikfolgenabschätzung und entwickeln ein neues Verständnis der Gesellschaft im Innovationssystem. 
Mit dieser Neupositionierung der Gesellschaft rücken die Werte und Ausrichtung von Innovation in den Fokus. Im Allgemeinen ist zu erkennen, dass die Frage nach der normativen Ausrichtung mit dem Verweis auf gesellschaftliche Bedarfe beantwortet wird. Darüber hinaus versuchen Positionen beispielsweise die normativ „richtigen“ Ziele von Innovationen über europäische Vertragswerke und dort verankerte Werte zu legitimieren. Andere Positionen verweisen auf große gesellschaftliche Herausforderungen wie den Klimawandel, den demographischen Wandel, Armut oder Ungleichheit.
Über diese normative Ziel-Dimension hinaus ist ein zentrales Merkmal von RRI, dass es auf den Einbezug aller beteiligter Stakeholder setzt und damit die direkte(re) Partizipation gesellschaftlicher Akteure einfordert. Mit dem Ziel durch eine effektive Partizipation die Berücksichtigung gesellschaftlicher Bedarfe als normatives Fundament zu etablieren, geht die Herausforderung einher, mit unterschiedlichen, möglicherweise widersprüchlichen Präferenzen konfrontiert zu werden. Wie aber sollen unterschiedliche Wünsche gewichtet und entschieden werden, wenn von deren grundlegenden Rechtfertigbarkeit im Sinne einer liberalen-pluralistischen Gesellschaft auszugehen ist? Nimmt man die partizipativ-deliberativen Ansprüche ernst, ist jeder Bedarf gleich zu bewerten, da eine Bevorzugung unvereinbar mit den Prämissen partizipativer Verfahren ist.
Zwischen diesen beiden Argumentationslinien – Normativität und Partizipation – zeigen sich mögliche Konflikte zwischen normativen Zielen einerseits und der erforderlichen Offenheit partizipativer Perspektiven andererseits. Dabei handelt es sich bei der aufgezeigten Spannung um keinen unauflösbaren Widerspruch; vielmehr erwachsen konzeptuelle und praktische Anforderungen einen Verhandlungsraum zu eröffnen, der es ermöglicht, unterschiedliche normative Positionen zu diskutieren. Insbesondere meint dies, nicht allein unterschiedliche individuelle Präferenzen zu verhandeln, sondern legitimierte normative Rahmensetzungen in konkrete Gestaltungsszenarien zu übersetzen und potenzielle Konflikte zu diskutieren. Die zentrale These unseres Artikels ist, dass „top-down“-Normativität, gerade weil sie sich auf einer übergreifenden Ebene bewegt und dort Leitlinien vorgibt, einen Rahmen darstellt, innerhalb dessen auszuhandeln und zu bestimmen ist, was diese Ziele für spezifische Kontexte und Technologien bedeuten. Aufgabe der Verhandlungsräume ist die konkrete Ausgestaltung allgemein gesetzter, legitimer Ziele über spezifische Bedarfe und individuelle Präferenzen. Dabei ist zu fragen, was allgemeine normative Rahmensetzungen für spezifische Kontexte konkret bedeuten, nicht zuletzt da die Ziele unterschiedliche Realisierungsmöglichkeiten und Lösungen beinhalten. Daraus lassen sich konkrete Anforderungen ableiten, die die Spannung zwischen „top-down“- und „bottom-up“-Normativität aufnehmen.
Im Ergebnis zielt dieser Artikel darauf ab, das Spannungsverhältnis zwischen allgemein-gesetzter Normativität und gesellschaftlicher Partizipation im Rahmen von Responsible Innovation aufzuzeigen und konzeptuell ein Verständnis vorzuschlagen, welches darin keinen Widerspruch erkennt, sondern Implikationen für Innovationsprozesse ableitet.
 
Johann Jakob Häußermann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fragen an der Schnittstelle von Philosophie, Politik und Ökonomie und das Verhältnis von Technologie und Gesellschaft. Einen Fokus bilden dabei Ethik & Innovation, insbesondere Technik- und Wirtschaftsethik. Er studierte Philosophie, Politik- und Rechtswissenschaft in Berlin, Wien und Frankfurt (Main) und beendete sein Studium mit einer Arbeit zu ethischen Implikationen verhaltensökonomischer Politikinstrumente.
Marie Heidingsfelder leitet das Team »Designbasierte Strategieentwicklung« am Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation und arbeitet an der Schnittstelle von Sozial- und Designwissenschaft. Ihre Projekte fokussieren auf die Entwicklung neuer Formate für partizipative Forschungs- und Innovationsprozesse und auf neue Ansätze im Wissens- und Technologietransfer. Sie ist seit 2012 bei Fraunhofer. Als Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin hat sie in Weimar, Lyon und Berlin studiert. Aktuell promoviert sie an der Universität der Künste Berlin zu Design Fiction und Wissenschaftskommunikation.
Dr. Fabian Schroth ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation. Seine aktuellen Projekte fokussieren auf offene und experimentelle Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in Wirtschaft, Forschung und Politik. Er hat an der TU Berlin in Soziologie zum Thema Politikexperimente promoviert und weist umfassende Expertise in der Innovationstheorie sowie der Wissenschafts- und Technikforschung auf.


 
Responsible Research and Innovation und das Paradox der zukünftigen Interessen und Werte der Individuen
Elias Moser

Responsible Research and Innovation RRI, verstanden als normatives Leitbild in der Technikfolgenabschätzung, plädiert für einen verantwortungsvollen Umgang mit neuen technologischen Entwicklungen. Dem zugrunde liegt eine Idee der prospektiven Verantwortung der Beteiligten in Bezug auf die zukünftigen Folgen technologischer Entwicklungen für alle möglicherweise betroffenen Individuen. Risiken und Chancen der Einführung und Verbreitung neuer Technologien sollen antizipiert werden. Dies geschieht einerseits durch deskriptive Prognosen über zukünftige Ereignisse und Zustände, die aufgrund einer Technologie eintreten können. Andererseits werden diese Ereignisse und Zustände in Hinsicht auf ihre möglichen Folgen bewertet.
Bis auf einzelne (und sehr abstrakte) objektive Standards der Bewertung, bspw. die Konformität mit Verfassungsnormen, Grundrechten und internationalen rechtlichen Standards, wird hauptsächlich auf subjektive Standards der Bewertung abgestützt. Als Grundlage zur Bewertung zukünftiger Ereignisse und Zustände gelten die individuellen Einstellungen der möglicherweise betroffenen Individuen, ihre Interessen, Präferenzen und Wertevorstellungen. Deshalb stellen die Befürworter von RRI vermehrt die Inklusion von Stakeholdern, partizipative Verfahren zur Konsensfindung und empirische Werteerhebungen in den Vordergrund.
Es ist nun aber zu erwarten, dass sich durch die Einführung, Verbreitung und Anwendung einer Technologie und durch die dadurch entstehenden neuen Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten die vorherrschenden Interessen und Werte in der Gesellschaft verändern. Und dieser Wandel ist nicht exogen, sondern durch die Verfügbarkeit einer Technologie selbst bedingt. Aufgrund dieser durch Technik induzierten Veränderung stimmen die heutigen Einstellungen der Stakeholder höchstwahrscheinlich nicht mit den zukünftigen Einstellungen der Betroffenen überein (v.a. nicht mit denjenigen zukünftiger Generationen).
Die Bewertung, welche als Grundlage für eine Abschätzung der Risiken und Chancen dient, ist somit problematisch: Heutige subjektive Bewertungen werden auf zukünftige Generationen projiziert. Dieses Paradox eines durch Technik ausgelösten Wandels von Einstellungen für subjektive Ansätze der Bewertung von Technologien muss m.E. deshalb bei einer theoretischen Auseinandersetzung mit RRI in Betracht gezogen werden.
In diesem Beitrag soll zunächst das Problem zukünftiger Werte und Interessen erläutert werden. Darauf aufbauend soll aber auch nach einem möglichen Ansatz zur Reflektion des Wandels der Werte und Interessen gefragt werden. Inwiefern können nicht nur faktische Ereignisse prognostiziert, sondern auch mögliche Entwicklungen des Werteverständnisses einer Gesellschaft antizipiert werden? Ist es möglich, unterschiedliche Veränderungen der Wünsche und Bedürfnisse der Individuen vorherzusagen?
Nicht zuletzt wird in diesem Vortrag auch dafür plädiert, keine direkte Schlussfolgerung von den momentan bestehenden Einstellungen der Individuen auf den Wert oder Unwert zukünftiger Ereignisse und Zustände zu ziehen. Es gilt, einen möglichen Wandel der Interessen und Werte in das Kalkül der Bewertung miteinzubeziehen. Gegebene Ansichten und Meinungen der heutigen Generation müssen deshalb durchaus kritisch und mit Blick auf ihre Konstanz über die Zeit hinterfragt werden.
 
Elias Moser hat in Bern Philosophie und Volkswirtschaftslehre studiert und 2012 seinen Master in "Political and Economic Philosophy" erlangt. Sein Doktorat hat er am Institut für Philosophie der Universität Bern 2017 im Bereich der Rechtsphilosophie abgeschlossen. Davor war er 4 Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter Institut für Strafrecht und Kriminologie tätig. Zurzeit ist Elias Moser Gastforscher am Institut für Rechtsphilosophie der Universität Wien und verfügt über ein "Seed-Money"-Stipendium der Philosophisch-historischen Fakultät Bern. Anfang des Jahres 2018 hat Elias Moser im Zuge eines kurzen Aufenthaltes am ITA am Projekt "Technikfolgenabschätzung und Normativität" mitgewirkt.


 
Klassismus und "Responsible Research and Innovation" (RRI)
Christopher Coenen

Im Call zur TA18 wird die Frage der sozialen Inklusivität von Aushandlungs- und Gestaltungsprozessen der Technologieentwicklung angesprochen („Wer soll gehört werden?“), also ein zentraler Aspekt des insbesondere auf EU-Ebene stark gemachten RRI-Konzepts. Mit diesem wird erklärtermaßen eine verstärkte Einbeziehung der Gesellschaft in Forschung und Innovation angestrebt, einschließlich der aktiv forschenden Mitwirkung von Bürger*Innen jenseits akademischer und Industrieforschung (‚Citizen Science‘). Interessen und Werte von Bürger*innen sollen Berücksichtigung finden, auch mit dem Ziel, die gesellschaftliche Akzeptanz von Forschungs- und Innovationstätigkeiten zu verbessern. Zudem will die EU die Attraktivität der Wissenschaft insbesondere bei jungen Menschen (auch mittels Unterstützung zivilgesellschaftlicher Initiativen) fördern, Chancengleichheit der Geschlechter erreichen und die wissenschaftliche Allgemeinbildung u.a. mit informellen Methoden erhöhen. Hinsichtlich TA und RRI betont der TA18-Call, dass neben rechtlichen Bestimmungen Begriffe wie Gemeinwohl und Sozialverträglichkeit normativen Input liefern können, und es wird gefragt, welche Bedeutung diese Begriffe derzeit haben und in der TA haben könnten.
Vor dem Hintergrund dieser z.T. neuen Fragen und Herausforderungen für die TA und angesichts des Aufstiegs des RRI-Konzepts wird in der Präsentation diskutiert, welche Rolle TA in Bezug auf die soziale Inklusivität von RRI-Aktivitäten spielen kann, insbesondere mit Blick auf Potenziale der ‚Citizen (Techno)Science’ und der neuen, an die Hacking-Tradition anknüpfenden Do-it-yourself-(DIY)-Bewegungen. Hierbei wird auf das vor allem in den USA entwickelte, in den letzten Jahren aber auch im deutschsprachigen Raum etwas breiter diskutierte Konzept des „Klassismus“ zurückgegriffen, mit dem Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft angesprochen wird. Seine Vertreter*innen fordern mehr soziale Inklusivität und setzen dabei z.T. gerade auch auf die EU-Ebene. Sein Aufstieg kann als Resultat der zunehmenden, auch den öffentlichen Diskurs betreffenden Ausgrenzung jener Teile der Bevölkerung in den klassischen Industriegesellschaften verstanden werden, die selbst oder deren Vorfahren durch industrielle Lohnarbeit und andere Formen abhängiger Arbeit entscheidend dazu beigetragen haben, dass ebendiese Gesellschaften weiterhin einen Vorsprung im globalen Wettbewerb haben. Neben den noch in Lohnarbeit Befindlichen sind hier auch die noch stärker marginalisierten Bevölkerungsgruppen zu nennen, für die in der öffentlichen Diskussion oft sinnbildlich die große Zahl junger Arbeitsloser in der EU steht. Kann Forschungs- und Technologiepolitik durch stärker gemeinwohl- und sozialverträglichkeitsorientierte sowie weniger „klassenblinde“ RRI-Aktivitäten der Zerstörung unserer auf dem Leitbild des Sozialstaats beruhenden demokratisch organisierten Gesellschaften entgegenwirken? Und wie könnte TA in diesem Zusammenhang mit konkurrierenden Weltbildern umgehen?
 
Christopher Coenen arbeitet als Politikwissenschaftler am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Seit Anfang der 2000er Jahre hat er an zahlreichen ITAS-Projekten vor allem zu neuen technowissenschaftlichen Feldern und Themen mitgewirkt (http://www.itas.kit.edu/mitarbeiter_coenen_christopher.php). Er gibt die Zeitschrift "NanoEthics: Studies of New and Emerging Technologies" (Springer) heraus.


 
Antizipation von Zukunftstechnologien: Normativität revisited?
Petra Schaper-Rinkel

Zukunftstechnologien sollen für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit sorgen. Diese hegemoniale normative Ausrichtung steckt den Rahmen der Antizipation von Zukunftstechnologien durch Foresight und TA ab. Doch rivalisierende Ansprüche an die Technikentwicklung der Zukunft stellen die bisherige normative Orientierung in Frage: Die ökologischen Belastungsgrenzen des Planeten, Konzepte starker Nachhaltigkeit, Indikatoren jenseits des Bruttoinlandsprodukts (Indikatoren zur Lebenszufriedenheit) und die De-Growth-Bewegung verweisen auf die Grenzen der bisherigen Innovationspolitik.
Zugleich wird die enge normative Ausrichtung aktuell durch Ansätze innerhalb der Innovationsforschung und -politik in Frage gestellt. (1) Binnen weniger Jahre wurde das Konzept  RRI - Responsible Research and Innovation - von einer unverständlichen Phrase zu einem breiten innovationspolitischem Thema von Konferenzen und Programmen in Europa. (2) Auf globaler und nationalstaatlicher Ebene  werden die Nachhaltigkeitsziele,  die Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen zu einer Referenz auch für Innovationspolitik. (3) Mit dem breiten Diskurs der Sozialen Innovationen werden Grenzziehungen zwischen technologischer und sozialer Innovation neu verhandelt. (4) In verschiedenen Ansätzen einer missionsorientierten Innovationspolitik werden diese Ansätze zu Politikstrategien verdichtet.
Was bedeuten diese Herausforderungen der traditionellen innovationspolitischen Normativität in der Governance von Zukunftstechnologien? Was sind die aktuellen Dynamiken, und was bedeuten sie für die Praktiken der Antizipation von Zukunftstechnologien? In dem Beitrag wird untersucht, wie Normen der Technikentwicklung konzeptionell in diesen Ansätzen integriert sind. Gefragt wird, ob sie eine Öffnung von normativen Orientierungen bedeuten und ob damit auch neue Methoden und Praxen in TA und Foresight ermöglicht werden, die Positionen und Akteure jenseits traditioneller Normen von Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit integrieren. Abschließend wird analysiert ob sich neue Begrenzungen abzeichnen: welche Formen der Inklusion und Exklusion von Werten, aber auch von Praxen der Thematisierung von Werten in den neuen Ansätzen zu erkennen sind.

Petra Schaper-Rinkel ist Politikwissenschaftlerin und Innovationsforscherin am AIT Austrian Institute of Technology. Als Senior Scientist koordiniert sie die inhaltliche Ausrichtung und Programmentwicklung des Research Fields "Societal Futures". Ihre Forschungsschwerpunkte sind Governance von Zukunftstechnologien & Foresight.


 
Technology-Foresight zwischen interessensgeleiteter Aushandlung normativer Ordnung und Ausdruck von Gestalt
Kai Enzweiler, Claus Seibt

In den letzten Jahren hat das Interesse an normativ-orientierten Abschätzungs- und Vorausschau- prozessen von technologischem Fortschritt und sozio-technischer Entwicklung in der Technikfolgen-abschätzung (TA) zugenommen. Normative Ansätze sind immer auch mit einem Gestaltungsanspruch verbunden: es geht in normativ ausgerichteten Prozessen also um eine Praxis des Zukunftsmachens. Praxen des Zukunftmachens werden notwendigerweise von den Agenden einzelner Akteure bzw. Interessensvertretern geprägt. Es stellt sich die Frage, wessen Stimmen in diesem Prozess gehört werden, wie laut diese Stimmen sind, welcher Partitur (epistemischer und strategischer Selektivität) sie folgen und die Weise wie sie schließlich gehört werden. In unserem Beitrag möchten wir aufbauend auf Max Weber und Nicos Poulanzas ein analytisch-konzeptionelles Modell vorstellen, wie sich unterschiedliche Praxen des Zukunftsmachens formieren und wie sie die normative Ordnungen des Neuen zu vermitteln suchen.
Gleichzeitig werden als Folge der Hinwendung zu partizipativen Verfahren zunehmend Methoden (wie z.B. mental time travelling) in TA und TF erprobt, die einen Zugang zu individuellen Einstellungen aller an den Prozessen Beteiligten gegenüber neuen Technologien und Entwicklungen in die Zukunft eröffnen sollen. Diese Methoden eignen sich besonders für partizipative Foresight Prozesse mit Bürgern und Bürgerinnen, werden allerdings bislang noch wenig hinsichtlich der Frage reflektiert, welche Art von Wissen mit ihnen erzeugt wird. Wir schlagen vor, das so erzeugte Wissen psychologisch, als Ausdruck von Ängsten, Hoffnungen und/ oder Wünschen, zu verstehen, woraus sich aber nur schwer allgemeingültige Normen ableiten lassen. Dieses Wissen trägt „gestalthafte“ Züge. Aus ihm lässt sich mit Hilfe gestaltpsychologischer Ansätze ein psychologisches Funktionsmodell ableiten.
Die beiden Funktionsmodelle sollen miteinander in Beziehung gesetzt werden. Individuelle Ein-schätzungen, Wünsche, Ängste werden aus unserer Sicht gerade in den Praxen des Zukunftsmachens für Nachhaltigkeit und Transformation sehr schnell, und oft auch zu leichtfertig zur Norm erhoben.  Letztlich bleiben diese Einschätzungen aber ebenso epistemisch selektiv, als auch strategisch gesetzt, wie Einschätzungen aus anderen Praxen des Zukunftsmachens. TA und TF geraten in ein Dilemma, wenn sie Position beziehen. Ist es und wie ist es möglich, dass TA und TF zu einer neutralen Mittlerrolle zwischen verschiedenen normativen Ansprüchen zurückkehren? Wie können sie diese Rolle vertreten?
 
Claus Seibt ist Sozial- und Politikwissenschaftler und Systemingenieur. Er hat inzwischen mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Zukunfts- und Transformationsforschung.  In der Technikfolgenabschätzung und im Technology Foresight beschäftigten ihn immer wieder Fragen der normativen Orientierung von Forschung, Entwicklung und Innovation.


 
Technikbedingte Zumutungen rechtfertigen: TA, ethische Reflexion und Akzeptabilität
Michael Decker

Technikfolgenabschätzung und RRI verfolgen das Ziel, Lösungsvorschläge für gesellschaftliche Problemlagen zu entwickeln, Handlungsoptionen darzustellen und auch konkrete Handlungsempfehlungen auszusprechen. Bewertende und damit an Normen orientierte Entscheidungen sind dabei in annähernd allen Prozessschritten enthalten, besonders offensichtlich am Anfang, wenn die gesellschaftliche Problemlage gerahmt wird, und am Ende, bei der Auswahl einer möglichen Handlungsoption, als diejenige mit dem höchsten Problemlösungspotential.
Partizipative Verfahren unter Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern und/oder Interessenvertretern verfolgen in den TA-Prozessen unter anderem das Ziel, diese Bewertungen und die dahinterliegenden Bewertungskriterien und deren Bezüge zu moralischen Normen zu erheben. Die wissenschaftsbasierte TA „prüft“ die in diesen Verfahren geäußerten Argumente nach wissenschaftlichen Kriterien. Auch dieser Prozessschritt ist interdisziplinär, denn die Argumentationsketten beziehen unterschiedliche – technische („das muss doch machbar sein“), ökonomische („das muss sich rechnen“), rechtliche („ist das denn erlaubt?“), usw. – disziplinäre Perspektiven ein. Normative Argumente gehen ebenfalls ein und werden ebenso auf ihre wissenschaftliche – hier ethische - Geltung hin reflektiert. Gleiches gilt für Argumentationsketten von Interessenvertretern oder interessenvertretenden Experten.
Die normative Beurteilung durch Bürgerinnen und  Bürger und das Abwägen der normativen Argumente in diesem Diskurs  ist ein wichtiger Indikator für die faktische Akzeptanz einer Problemlösung. Sie ist deshalb - unabhängig von der ethischen Bewertung der Argumentation -besonders relevant für den TA-Prozess. Gerade dann, wenn die ethische Reflexion ein anderes (technisches) Handeln nahelegt, als das faktisch akzeptierte, rückt die Bewertung der Akzeptabilität dieser nicht akzeptierten Handlung in den Fokus der TA-Fragestellung: Kann man es den Bürgerinnen und Bürgern zumuten, dass sie Lösungsvorschläge annehmen, die sie aktuell nicht akzeptieren?
Diese Überlegung, in der TA der faktischen Akzeptanz eine prozedural erhobene normative Akzeptabilität gegenüberzustellen, ist nicht neu (Gethmann 1996, S.6; Grunwald 1996, S.50). Und es fließen auf Zumutungen bezogene Argumente in normative Beurteilungen ein (z.B. zu Entscheidungen in der Intensivmedizin: Rellensmann 2017). Die explizite Diskussion von möglichen Zumutungen und deren Akzeptabilität findet aber vergleichsweise selten in TA Prozessen statt. Das kann eine vergebene Chance sein, gerade dann, wenn Technik bisher geltende „Vereinbarungen“ zwischen individueller und gesellschaftlicher Perspektive hinterfragt, wie z.B. in medizinisch pflegerischen Zusammenhängen oder beim (semi-)autonomen Fahren. Anhand dieser Fallbeispiele wird dafür argumentiert, die Beurteilung der Zumutungen in der normativen Reflexion von sozio-technischen Systemen stärker zu berücksichtigen.

Literatur:
Gethmann, C.-F. (1999) Rationale Technikfolgenbeurteilung. In: Grunwald, A. (Hrsg.) Rationale Technikfolgenbeurteilung – Konzepte und methodische Grundlagen. Springer, S. 1-10.
Grunwald, A. (1999) Die rationale Gestaltung der technischen Zukunft. In: Grunwald, A. (Hrsg.) Rationale Technikfolgenbeurteilung – Konzepte und methodische Grundlagen. Springer, S. 29-54.
Rellensmann, G. (2017). Ethische Herausforderungen in der Neonatologie und Intensivmedizin. Pädiatrie, 29(1), 26-30.
Weinberger, N.; Decker, M. (2015) Technische Unterstützung für Menschen mit Demenz? Zur Notwendigkeit einer bedarfsorientierten Technikentwicklung. Technikfolgenabschätzung - Theorie und Praxis 24,2, S. 36-45.

Michael Decker ist Professor für Technikfolgenabschätzung am Karlsruher Institut für Technologie. Seit 2004 ist er in der Institutsleitung des ITAS. Aktuell leitet er am KIT den Bereich „Informatik, Wirtschaftswissenschaften und Gesellschaft“. Er ist Vorsitzender des Beirats „Innovations- und Technikanalyse“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des Fachbeirats „Technik und Gesellschaft“ des Vereins der Deutschen Ingenieure (VDI). Seine Forschungsinteressen sind neben der Technikfolgenforschung zur Robotik die Theorie und Methodik der Technikfolgenabschätzung (TA) sowie Konzeptionen inter- und transdisziplinärer Forschung.


 
Indikatorenpolitik: normative Orientierungen im Untergrund
Stefan Böschen

Wissenschaftliche Politikberatung findet in einem Raum statt, in dem die Probleme, um die es geht, überhaupt erst konstruiert werden müssen. Der Klimawandel ist nicht einfach der Klimawandel, sondern ein spezifisch bewerteter Klimawandel. Klimaparadiese und Klima-Treibhaus stehen sich gegenüber. Oder bei der Energiewende. Atomkraftwerke sehen unter Klima- und Landnutzungsbedingungen ganz gut aus, ganz im Unterschied zu den so genannten erneuerbaren Energien. Die Gestalt des Problems wird bestimmt durch die Indikatoren, die es beschreiben. Dabei werden aber nicht nur bestimmte Ausschnitte der Wirklichkeit ausgesucht, sondern zugleich Wertpräferenzen mitartikuliert. Am Beispiel der Chemiepolitik in der Europäischen Union lässt sich das gut verdeutlichen. Waren in der so genannten ersten legislativen Phase bis in die 1980er Jahre Indikatoren entscheidend, die konkrete Schäden (etwa Krebs oder Reproduktionstoxizität) anzeigten, kamen in der Folgezeit andere Indikatoren ins Spiel. Unter dem Vorsorgeprinzip, welches letztlich den Schutz vor möglichen zukünftigen Gefahren zu realisieren auffordert, wurden Indikatoren für mögliche Schänden relevant: Persistenz, räumliche Reichweite, Potenzial zur Bioakkumulation. Das verdeutlicht, dass die Auswahl von Indikatoren normativen Prämissen unterliegt. Jedoch werden diese oftmals nicht transparent artikuliert, sondern vielmehr unkommentiert Indikatoren gesetzt und als relevante Beschreibungsmittel positioniert.
Vor diesem Hintergrund wird im Rahmen dieses Vortrags die These untersucht, dass bei der Konstruktion von Problemen Strategien der Indikatorenpolitik zum Einsatz kommen. Akteure rahmen über die Platzierung von Indikatoren die Probleme auf eine Weise, die ihren Interessen entsprechen. Die Aufgabe der TA ist dann, dass sie diese Platzierung von Indikatoren kritisch hinterfragt und nicht unkritisch übernimmt. TA ist im Prinzip gut gerüstet für diese Aufgabe, da in diesem Forschungsfeld Wertbezüge immer schon anerkannt werden. Jedoch bedarf es einer genaueren Wissensanalytik, um dieses Reflexionspotenzial bei verwickelten Problemlagen tatsächlich nutzbar machen zu können.  Im ersten empirische Beispiel aus dem Feld der lokalen Energie- und Klimapolitik wird erläutert, wie in lokalen Transformationsprozessen Indikatoren platziert und dabei spezifische Wertpräferenzen mit artikuliert werden – auf diese Weise zeigt sich die Dynamik der Problementwicklung. Im zweiten empirischen Beispiel aus dem Feld transdisziplinärer Forschung wird gezeigt, wie schwer die Bemessung wissenschaftlicher Qualität in solchen Prozessen ist und des entsprechend neuer Indikatoren bedarf. Zusammen genommen ergeben sich daraus spezifische Konsequenzen für TA.
 
Böschen, Stefan, Prof. Dr. phil. Dipl.-Ing.
Geboren 1965 in Waldshut, Deutschland. Studium des Chemieingenieurwesens, der Philosophie und Soziologie in Erlangen-Nürnberg, Diplom als Chemie-Ingenieur, Promotion und Habilitation in Soziologie. Professor für Technik und Gesellschaft am HumTec der RWTH Aachen.
Schwerpunkte: Wissenschafts-, Technik-, und Risikoforschung, Technikfolgenabschätzung, Theorie moderner Gesellschaften.
Aktuelle Projekte: „ComplexEthics“ (BMBF), „Hochschulkommunikation organisieren“ (VW Stiftung).

Aktuelle Veröffentlichungen:
Böschen, S. (2016): Hybride Wissensregime. Skizze einer soziologischen Feldtheorie. Baden-Baden: Nomos; Böschen S.; Groß, M.; Krohn, W. (Hrsg.; 2017): Experimentelle Gesellschaft. Das Experiment als wissensgesellschaftliches Dispositiv. Baden-Baden: Nomos/Sigma (Reihe Gesellschaft – Technik – Umwelt, Neue Folge 19); Howaldt, J.; Kopp, R.; Böschen, S.; Krings, B.-J. (2017): Innovationen für die Gesellschaft. Neue Wege und Methoden zur Entfaltung des Potenzials sozialer Innovationen. Dortmund / Karlsruhe (Broschüre; Online: www.itas.kit.edu/downloads/news/news_2017_021_%20Brosch%C3%BCre_Soziale_Innovation.pdf)


 
Ökobilanzen und normative Urteile
Mahshid Sotoudeh, Michael Narodoslawsky

Technikfolgenabschätzung mit der Perspektive der nachhaltigen Entwicklung untersucht Auswirkungen von Technologien aus ökologischer, ökonomischer und sozialer Sicht und setzt qualitative und quantitative Analysen ein. Ökobilanzen dienen dabei als eine quantitative standardisierte Methode für die Abschätzung von Umweltauswirkungen, um u.a. „Cleaner Technologies“ und „beste verfügbare Technologien“ zu identifizieren. Ökobilanzen sind somit standardisierte Verfahren, die einen „objektiveren“ Vergleich von verschiedenen technischen Optionen unterstützen. Bei diesem Vergleich sind jedoch mehrere normative Urteile implizit und explizit vorhanden, die Aussagen auf Basis von Ökobilanzen stark beeinflussen und die Objektivität in Frage stellen.
 
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Hinweisen über diese Normativität bei verschiedenen Phasen der Ökobilanzierung, nämlich..
1) Definition der Systemgrenzen,
2) Datenerhebung,
3) Wirkungsanalyse und..
4) Interpretation.
Normativität wirkt implizit je nach dem, wie Systemgrenzen und der Detaillierungsgrad bei der Datenerhebung festgelegt wurden. Hier kann das direkte Werturteil eines Individuums oder einer Gruppe durch die Auswahl der Systemgrenze und Datenqualität die Ergebnisse der Bewertung stark verändern.
Die explizite gesellschaftliche Normativität ist vor allem bei der Wirkungsanalyse von Umweltauswirkungen vorhanden, wo die Bewertung auf Basis unterschiedlicher Dimensionen zu unterschiedlichen Rangreihen von Optionen führt. Nehmen wir an, dass wir nach den Technologien zur Energieerzeugung mit geringsten Treibhausgas-Emissionen suchen. Die normative Basis sind Technologien mit geringsten Treibhausgas-Emissionen. Biomasseverbrennung würde hier vor der Gasverbrennung stehen, da Biomasse als CO2-neutral betrachtet wird, CO2-Emissionen direkt wieder
in natürlichem Kreislauf eingebunden werden können und nur für die Verarbeitung und den Transport vom Brennstoff berücksichtigt werden. Wenn wir jedoch ein anderes Ziel wählen, z.B. die geringsten NOx-Emissionen bei der Verbrennung, kann sich die Rangreihe der technischen Lösungen ändern. Biomasseverbrennung verursacht durch einen höheren Stickstoffgehalt der Biomasse und noch technisch bedingte Parameter höhere NOx-Emissionen in der Luft als Erdgasverbrennung.
Tabelle 1 zeigt ein Beispiel für die Größenordnung der Unterschiede [Tabelle ist im Web nicht darstellbar, es werden jeweils die CO2- und die NOx-Emissionen für Erdgas- und Holzverbrennung dargestellt (Erdgas: ca. 250 und ca. 0,05 g/kWh, Holz: ca. 25 und ca. 0,3 g/kWh). Die Emissionszahlen können durch technische Parameter und Qualität der Rohstoffe variieren.].
Die Gewichtung von Auswirkungen zur Bewertung von Optionen ist dabei situativ, da sie durch den zeitlichen und räumlichen Kontext stark beeinflusst wird, in dem wir uns befinden. Gäbe es z.B. in den letzten 200 Jahren keine kritische Akkumulation von CO2 in der Atmosphäre und hätte eine CO2-arme Industrierevolution, z.B. mit Sonnenkraft statt fossiler Energieträger, stattgefunden, würden wir wahrscheinlich die Variante mit höheren NOx-Emissionen in erster Linie als kritisch bewerten und Technologien zur Vermeidung von NOx-Emissionen stärker fördern als CO2-ärmere Technologien. Die gesellschaftlichen Werturteile, Standards, Normen und Gremien oder Jurys können dabei die individuelle Subjektivität des Bewertungsprozesses verringern.

Sie inkludieren jedoch selbst implizit und explizit normative Urteile. Ausgehandelte Normen verpflichten Gremien zum gleichen Ziel (z.B. Umweltschutz bei der Energieversorgung). So reduziert die Argumentation in Gremien die situative Qualität der individuellen Evaluation und führt zu einer Evaluation mit einem höheren Grad an gemeinsames Verständnis, was jedoch nicht mit Werte-Neutralität gleichgesetzt werden kann. Die lokalen, nationalen und internationalen Richtlinien, Vereinbarungen und Normen bilden für Ökobilanzen hier einen Rahmen für implizite und explizite Werturteile, um gesellschaftliche Werte für Umweltschutz einzubeziehen.
 
Mahshid Sotoudeh, ursprünglich Verfahrenstechnikerin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) und habilierte TA-Forscherin an der TU Graz. Sie beschäftigt sich mit Fragen zu Technologie und Nachhaltigkeit. Dazu gehören u.a. die Bereiche technische Ausbildung, ökologische Prozessbewertung, Value Ageing, Smart Cities, parlamentarische TA, partizipative Methoden und vorausschauende Studien (Foresight).
Michael Narodoslawsky studierte Verfahrenstechnik an der TU Graz und war 2003 bis 2005 Leiter des Instituts für ressourceneffiziente und nachhaltige Systeme. Er leitete bis 2004 das nationale Forschungsnetzwerk SUSTAIN, die erste interdisziplinäre österreichischen Initiative zur Forschung für Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit Christian Krotscheck entwickelte er den Sustainable Process Index, eine umfassende Methode zur Bewertung des ökologischen Fußabdrucks. Seine aktuellen Forschungsarbeiten umfassen die Lebenszyklusanalyse von Technologien auf Basis nachwachsender Rohstoffe, regionale Technologie-Netzwerke für nachwachsende Rohstoffe und die Entwicklung von Bioraf nerien. Er ist Leiter der Arbeitsgruppe Prozesssynthese, Prozessbewertung und Regionalentwicklung sowie der Arbeitsgruppe „Bioenergie“ innerhalb der EU SET-Plan Education Task Force.


 
Bewertung von Technologien in ihren Anwendungsfeldern – Das Integrative Konzept nachhaltiger Entwicklung
Volker Stelzer

Vor über 15 Jahren wurde das Integrative Konzept nachhaltiger Entwicklung – IKoNE – basierend auf einer umfassenden wissenschaftlichen Analyse der relevanten Rio-Dokument, der fachlichen Literatur und unter vielfältiger wissenschaftlicher Beteiligungen entwickelt. In der Regel wird mit IKoNE nicht eine Technologie per se bewertet, sondern eine oder mehrere Technologien in spezifischen Anwendungskontexten. Dahinter steht die Auffassung, dass eine Technologie, ohne einen Anwendungskontext kaum einer Bewertung zugänglich ist, da es in der Regel eine Vielzahl von Einsatzgebieten von Technologien gibt und so übergreifende Aussagen zu Vorteilen oder Nachteilen kaum möglich sind. IKoNE bietet normative Orientierung für die Beurteilung von Technologien aber auch ein methodisches Rüstzeug für die Vorgehensweise bei derartigen Bewertungen. Bewertungsgrundlage sind der normative Kern der Nachhaltigkeit nach Brundtland: „Inter- und intragenerative Gerechtigkeit“ sowie „Anthropozentrischer Naturzugang“ erweitert durch die Aspekte „globale Sichtweise“, „integratives Vorgehen“ und „universale Gültigkeit“. Diese konstitutiven Elemente des IKoNE sind in 25 Regeln oder Mindestbedingungen ausdifferenziert, welche den Ausgangspunkt aller Bewertungsvorgänge darstellen. Welche dieser 25 Regeln in einem konkreten Fall zur Bewertung herangezogen werden, hängt von der zu betrachtenden Technologie, deren Anwendungsumfeld und der konkreten Fragestellung – der Kontextualisierung – ab. Als nächste Stufen folgen die Indikatorbildung, die Festlegung der Referenzwerte und die eigentliche Bewertung. In vielen Fällen ist die Nachhaltigkeitsbewertung mittels IKoNe mit der Implementierung von explorativen Szenarien gekoppelt. So wird ein Teil des Möglichkeitsraums erfasst, in dem die neue Technologie zum Einsatz kommen soll. Hierbei ist Transparenz wichtig. Dadurch wird es für die Nutzer der Ergebnisse möglich die getroffenen Annahmen nach zu vollziehen und diese bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen. Die meisten der Anwendungsfelder von IKoNE waren bisher Beratungen von Entscheidern, in der Regel die Politik. Ihnen wird als Ergebnis der IKoNE-Bewertung nicht präsentiert, welche der Technologieoptionen die beste in einem allgemeinen Sinne ist, sondern es werden die absehbaren Vor- und Nachteile dargestellt, da die sehr unterschiedlichen Kategorien wie z.B. Gesundheitswirkungen, Klimawirkungen, Beeinflussung des sozialen Zusammenhaltes und die Eigenart- und Schönheit von Naturgütern kaum wissenschaftlich abgewogen werden können. Allerdings geben wir mit IKoNE eine fundierte Grundlage für Schlüsselpersonen, damit sie ihre Entscheidungen auf der Grundlage einer guten Informiertheit treffen können. Seit seiner Entstehung  ist IKoNE in den unterschiedlichsten Zusammenhängen zur Bewertung von Technologie bzw. technologischen Entwicklung im In- und Ausland angewendet worden. Themenfelder waren z.B. die zukünftige Abfallwirtschaft in Santiago de Chile, die Nutzung von Überschussgrünland zur Energiegewinnung, das Konzept einer Grünen Bioraffinerie, das Wasserressourcenmanagement in Indonesien oder die Energiewende in Deutschland. In dem Vortrag werden die Erfahrungen mit dem Einsatz von IKoNe an Hand von Beispielen dargestellt und offene Fragen angesprochen. Wir erhoffen uns eine rege Diskussion.
 
Volker Stelzer ist seit 2001 Senior Scientist am KIT. Seine Forschungsinteressen sind die systematische Bewertung von Nachhaltigkeit und die nachhaltige Energieversorgung von Städten, Regionen und Staaten. Neben Forschungsprojekten in Europa war er in leitender Position an mehreren Projekten in Lateinamerika beteiligt. Aktuell arbeitet er zur nachhaltigen Ausgestaltung der Energiewende in Deutschland sowie zu transformativen Reallaboren im städtischen Kontext.