Wertehaltungen und Erwartungen von Flüchtlingen in Österreich


Zielsetzung und Fragestellungen


Dieser große quantitative Survey dient der Kompilation eines für Österreich einmaligen Datenpools (n= 898), welcher auf Fluchterfahrungen, Wertvorstellungen, Religiosität, Demokratieverständnis und geschlechtsspezifischen Rollenkonzepten rezenter Asylberechtigter aus dem Irak, Syrien und Afghanistan basiert.

Die wichtigsten Ziele liegen neben wissenschaftlichen Fragen vor allem in integrationspolitisch relevanten Problemstellungen, vor allem im Kontext der Arbeits- und Wohnungsmarktintegration sowie des Wertewandels. Ein Fokus liegt auf den Herausforderungen für die Integrationspolitik, die sich mit größeren Zahlen an Geflüchteten mit eher konservativen, religiös geprägten Wertvorstellungen konfrontiert sieht. Die Fragestellungen sollen aus einer interdisziplinären Perspektive analysiert werden.

Ergebnisse


Im Rahmen der Studie wurden 898 Geflüchtete in den Bundesländern Wien (353), Niederösterreich (248), Oberösterreich (254) und im Burgenland (43) befragt, davon stammten 397 aus Syrien, 325 aus Afghanistan sowie 176 aus dem Irak. Der Männerüberhang ist mit fast 80% erheblich, am niedrigsten ist der Frauenanteil mit 19,1% in der syrischen Herkunftsgruppe. Hinsichtlich der Strukturierung des Samples nach religiösen Konfessionen besteht ein Schwergewicht auf dem Islam sunnitischer Prägung, dem 74% der Befragten angehören, 18,2% deklarierten sich als Schiiten. Die Altersstruktur belegt eine ausgeprägte Dominanz der jungen Menschen im Rahmen dieser rezenten Fluchtmigration: rund 57% sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Das Bildungsniveau ist sehr heterogen.

Die überwiegende Mehrheit der Geflüchteten hält sich noch nicht sehr lange in Österreich auf. 2015 kamen 54,2% (475 der Befragten). Warum wurde aber gerade Österreich als Zielland der Flucht ausgewählt? Hier zeigt sich, dass der Zufall eine dominante Rolle spielte. Rund 38% aller Befragten haben diesen Faktor als eher oder sehr wichtig eingestuft und dies in erster Linie die AfghanInnen (47%). Eine gezielte Auswahl Österreichs als Zielland aufgrund der hohen Sicherheitsstandards sowie dessen Wohlhabenheit haben 31% angegeben. Auch hier in erster Linie Geflüchtete aus Afghanistan (fast 40%) am seltensten jene aus Syrien (23%). Rund 47% der Interviewten wollen mit Sicherheit nicht mehr in ihr Herkunftsland zurückkehren, weitere fast 10% beabsichtigten zum Zeitpunkt des Interviews eher nicht mehr heimzukehren. Schulbildung und Einkommenserwartungen in Österreich stehen in einem Konnex zueinander, sodass letztere mit steigendem Bildungsniveau tendenziell zunehmen. Die Einkommenserwartungen von Frauen liegen im Durchschnitt auch unter jenen der Männer. Als Einflussfaktor der Absicht, sich beruflich selbstständig zu machen, spielt das Bildungsniveau ebenfalls eine Rolle.

Das Zusammenleben mit anderen Religionen wird von fast 75% äußerst positiv bewertet. Klar für die Gleichwertigkeit aller Religionsgemeinschaften sprechen sich 53% aus, mehr als 29% tendieren hier zu „eher ja“. Die Selbsteinschätzung ihrer Religiosität macht bei der Mehrheit im Sample deutlich, dass es sich um Menschen handelt, für welche Religion einen vergleichsweise hohen Stellenwert im Leben besitzt: 50,7% bezeichnen sich als eher religiös, allerdings sind nur 9,6% sehr religiös eingestellt. Völlig säkular orientiert ist ein Anteil von 18,9%.

Das Spektrum an Einstellungen zu Geschlechterrollen wurde als zweiter wesentlicher Schwerpunkt im Kontext der Werthaltungen untersucht. Die Gleichberechtigung beider Geschlechter findet ein hohes Ausmaß an Zustimmung, denn 59,6% aller Befragten plädieren für eine völlige Gleichberechtigung, 25,2% sagen dazu eher ja.

Eine im Rahmen des Integrationsdiskurses oftmals angeführte Kategorie von Werthaltungen betrifft Einstellungen zur Demokratie. Hierbei tritt das Bekenntnis zur Demokratie als idealer Staatsform mit einem Anteil an Zustimmung von 91,3% ganz klar zutage und dies gilt mit geringen Abweichungen für alle drei untersuchten Gruppen. Nur 5,7% haben zwar für eine demokratische Staatsform plädiert, zugleich aber ein Mehr an Einfluss der Religion gefordert. 

Publikationen


„Wertehaltungen und Erwartungen von Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten in Österreich“, Josef Kohlbacher, Gabriele Rasuly-Paleczek, Andreas Hackl, Sabine Bauer, Februar 2017.