Local buzz in der Wiener Forschung?

Wissensintensive Cluster zwischen lokaler Einbettung und internationaler Orientierung


Zielsetzung und Fragestellungen


Immer mehr Städte versuchen sich im globalen Wettbewerb als „Wissensorte“ zu positionieren und erkennen die Wissenschaftsförderung als eines der zentralen Instrumente für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung. So verfolgt auch die Stadt Wien in ihren Planungsdokumenten eine Erhöhung der Forschungsquote und hat Cluster-Managements für mehrere Forschungsbereiche (Life Sciences, Informations- und Kommunikationstechnologie, Umwelt, Mobilität) eingerichtet.

Doch wie wichtig sind heute für eine international konkurrenzfähige Spitzenforschung lokale Kooperationen beziehungsweise internationale Kontakte zu anderen Forschungszentren? Angesichts der zunehmenden Internationalisierung und Virtualisierung der akademischen Forschung stellt sich die Frage, ob die Förderung von Clustern und urbanen Milieus – die auf der Annahme räumlicher Nähe basieren – noch zeitgemäß ist. Um diese Frage zu klären werden auf dem Wiener Stadtgebiet sämtliche öffentliche und private Forschungseinrichtungen (gemäß Forschungsstättenkatalog der Statistik Austria) gecodiert und hinsichtlich ihrer räumlichen Konzentrationsmuster untersucht. Anschließend werden Experteninterviews mit Führungskräften im F&E-Sektor durchgeführt, um die quantitativen Ergebnisse besser bewerten zu können. Insbesondere geht es darum, zu klären, welche Gründe für eine etwaige räumliche Konzentration von Forschungseinrichtungen bestehen. 

Ergebnisse


Die Analyse von 1.363 F&E-Einheiten in Wien hat ergeben, dass das Ausmaß der räumlichen Konzentration je nach Forschungssektor sehr unterschiedlich ist. Insbesondere der Life Science- sowie der IKT-Sektor weisen eine hohe räumliche Konzentration auf, alle Sektoren (außer der Sachgüterproduktion) sind durch eine starke Zentrumsorientierung gekennzeichnet. Mittels geostatistischer Clusteranalysen konnten für die Life Sciences und den IKT-Bereich mehrere Cluster identifiziert werden, die durch eine enge räumliche Verzahnung von öffentlichen und privaten Einrichtungen gekennzeichnet sind. Der Life-Science-Bereich konzentriert sich auf mehrere Cluster in Wien: das AKH, die Muthgasse, das Vienna Biocenter in St. Marx sowie die Veterinärmedizinische Universität. Für den IKT-Bereich bildet die TU Wien das dominierende Gravitationszentrum, in dessen Umfeld im 4., 5., 6. Und 7. Bezirk zahlreiche Unternehmen angesiedelt sind.

Was sind die Gründe für diese räumlichen Konzentrationen? Im Life Sciences-Bereich besteht eine Abhängigkeit von teuren Infrastrukturen, ebenso spielen die räumliche Nähe und persönliche Kontakte eine Grundlage für die Vertrauensbasis zwischen den Akteuren. Diese Abhängigkeit existiert im IKT-Bereich hingegen nicht: hier ist die Nähe zur TU-Wien, mit der viele Unternehmen im Austausch sind (Lehre, Kooperationen, gesellschaftliche Events) eine ganz zentrale Rolle. „Räumliche Nähe“ bedeutet in den beiden Wissenschaftsbereichen dabei nicht das gleiche: im Life-Sciences-Bereich ist damit dasselbe Gebäude gemeint, in dem man sich leicht treffen kann, um Laboruntersuchungen und Tests zu besprechen. Für den IKT-Bereich ist die fußläufige Erreichbarkeit der TU Wien sowie kooperierender Unternehmen ein zentrales Kriterium für eine Konzentration.

Die Studie hat gezeigt, dass trotz zunehmender Internationalisierung räumliche Nähe eine wichtige Voraussetzung für die Forschungspraxis darstellt. Welche Schlussfolgerungen lassen sich für die urbane F&E-Politik ableiten? Grundsätzlich zeigt sich, dass F&E-Aktivitäten raumsensibel sind, es ist nicht egal, wo diese stattfinden. Für Wien bedeutet dies, dass nicht nur eine sektorale, sondern auch eine räumliche Konzentration von Forschungsinfrastrukturen ein wichtiger Erfolgsfaktor ist. F&E-Standorte sollte primär dort entwickelt werden, wo für den jeweiligen Forschungsbereich das passende Milieu vorherrscht.

Publikationen


Musil, R. und Eder, J. (2016): Wozu räumliche Nähe in der urbanen Wissensökonomie? Eine geostatistische Analyse Wiener Forschungscluster. In: Raumforschung und Raumordnung. DOI 10.1007/s13147-016-0458-8

Musil, R. und Eder, J. (2016): Towards a location sensitive R&D policy. Local buzz, spatial concentration and specialisation as a challenge for urban planning – Empirical findings from the life sciences and ICT clusters in Vienna. In: Cities 59, S. 20-29.
DOI dx.doi.org/10.1016/j.cities.2016.05.023

Musil, R. und Eder, J. (2015): Local buzz in der Wiener Forschung. Wissensintensive Cluster zwischen lokaler Einbettung und internationaler Orientierung. ISR-Forschungsberichte Band 41. Verlag der Österr. Akademie der Wissenschaften, Wien. 125 S. ISBN 978-3-7001-7562-9

Pressespiegel


Die Ergebnisse wurden im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt und in mehreren österreichischen Medien rezipiert:

ORF.at: „Forschung: Van der Bellen für Cluster“

derstandard.at: „Van der Bellen: ORF-Funkhaus für Forschung öffnen“

Metropole: „A Magnet for Keen Minds“