Mittwoch, 20. Juni 2018, 9:00

Die lange Dauer der Flucht

Internationale Tagung am World Refugee Day 2018

Flucht bedingt andere Zeitlichkeiten. Krieg, Vertreibung, Flucht, Asyl und Integration werden oft als lineare Prozesse gesehen, als ein Kontinuum, an dessen beiden Enden das Weggehen und der Eintritt in eine neue Umgebung steht. Lineare Konzepte der Integration, die den zirkulären Fluchterfahrungen gegenüberstehen, bedingen auf unterschiedlichen Ebenen Hürden, Rückschläge und besondere Herausforderungen.

Menschen, die sich nicht einfach oder schnell genug in die neuen Konditionen der Aufnahmeländer einfügen können, werden als entwurzelt, marginalisiert oder nicht integrierbar betrachtet. Eine Integration – von manchen AkteurInnen im Aufnahmeland oft mit Assimilation oder Akkulturation gleichgesetzt – soll so rasch als möglich erfolgen, damit die Geflüchteten in eine Kategorie von „Normalität“ aufgenommen werden können. Vertreibung und Flucht sollen der Vergangenheit angehören. Die Interessen der Nationalstaaten stehen im Zeichen von Stabilität und sozialer Kohärenz – Flucht, erfahrene Gewalt und andauerndes Leid sind dabei „out of order“. Der Status des „Flüchtlings“ wird als außerhalb der Normalität stehend gesehen oder sogar als ein pathologischer Zustand. Selbst mit der Integration in ein Residenzland, mit der Anerkennung des Flüchtlingsstatus oder dem Erhalt von Staatsbürgerrechten kann jedoch die Flüchtlingserfahrung nicht als einfach abgeschlossen betrachtet werden. Lang andauernde Fluchterfahrung, jahrelange rechtliche Unsicherheit, sozioökonomische Marginalisierung oder Hürden in der Kommunikation sind nur einige der Faktoren, die eine Permanenz aufweisen und gegen eine lineare Zeitlichkeit in der Integration sprechen.

Die globalen wie auch die nationalen Migrationsregime zeichnen Wege vor, wie erfolgreiche Integration erfolgen soll (Arbeitsmarkt, Bildung, Rechtsstatus). Gezeichnet von politischer Motivation wird hierbei auch von einem Ideal der Integration ausgegangen, das aber für viele Neoliberale Überlegungen, kulturpolitische Vorgaben, ein soziales Klima, in dem Vorurteile leicht geschürt werden können, all das widerspricht sodann der grundsätzlichen nationalen Überlegung einer raschen Integration.

In dieser internationalen Tagung werden wissenschaftliche Ansätze und Erkenntnisse vorgestellt, die sich mit Flucht und (multiplen) Fluchterfahrungen (Panel I) sowie mit den globalen und nationalen Migrationsregimen (Panel II) beschäftigen. Fragen von Ambivalenzen und besondere Herausforderungen werden aus der Sichtweisen der Geflüchteten und der AkteurInnen in der Betreuung (GOs, NGOs, Zivilgesellschaft) präsentiert (Panel III). Schließlich wird im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Stakeholdern aus Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Asylrecht, Bildungswesen sowie haupt- und ehrenamtlicher Betreuungstätigkeit auf die gegenwärtigen Probleme der Integration von Geflüchteten eingegangen.