05.06.2013

Von Höhlen und Höllen in Westtibet

Österreichischer Sozialanthropologe leitet internationale Forschungsprojekte im Grenzgebiet zwischen China und Indien – und lädt zur Buchpräsentation ein

Abb. 1: Tsering Gyalpo, C. Jahoda, C. Kalantari & P. Sutherland et al.: ’Khor chags / Khorchag / Kuojia. Lhasa, 2012.

Forschungen in einer Seehöhe von mehr als 4000 m sind für den Sozialanthropologen Christian Jahoda keine Seltenheit. Seit Oktober 2009 leitet der österreichische Wissenschaftler zusammen mit Prof. Tsering Gyalpo, einem tibetischen Historiker in Lhasa, ein internationales Forscher/innen/team, das die buddhistische Kultur und Gesellschaft im westtibetischen Hochland untersucht. In den dünnbesiedelten, allgemein nur sehr schwer zugänglichen Grenzgebieten befinden sich viele, zum Teil im Originalzustand erhaltene Tempel- und Klosteranlagen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Lokales Brauchtum blieb dort über Jahrhunderte ebenso lebendig wie althergebrachte Kulturtraditionen. Einige Orte sind vor dem Projekt überhaupt noch nie von Forschern erkundet oder wissenschaftlich dokumentiert worden, wie das buddhistische Kloster Khorchag, dem die Forscher/innen jüngst einen eigenen Band widmeten, der am 13. Juni um 18:30 am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW präsentiert wird (Abb. 1).

Einer der Hauptschwerpunkte der Forschungsarbeiten lag in den letzten Jahren auf Khorchag, einem Kloster im Purang-Distrikt Westtibets, das zu Ende des 10. Jahrhunderts u.Z. gegründet wurde und damit eines der drei ältesten und nicht nur historisch bedeutendsten buddhistischen Klöster Westtibets ist. In der Nähe des heiligen Berges Kailas gelegen, ist das Kloster bis heute in ganz Tibet wegen seines Erbes alter sakraler Kunst berühmt. Vor kurzem ist in Lhasa ein dreisprachiger Text- und Bildband (Englisch, Tibetisch, Chinesisch) erschienen, gestaltet von Jahodas Team, in dem die Architektur, Wandmalereien und Skulpturen sowie nach wie vor praktizierte Ritual- und Festtraditionen dieses Ortes großteils zum ersten Mal vorgestellt und erläutert werden.

Bei den Forschungen handelt es sich um zwei vom österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanzierte Projekte, die sich mit mündlichen Überlieferungen und Festen einerseits bzw. dem Zusammenhängen zwischen Gesellschaft, Macht und Religion andererseits beschäftigen. Untersucht werden u.a. exquisite Malereien in abgelegenen buddhistischen Höhlentempeln aus dem 11.bis 13. Jahrhundert, wie sie von Tsering Gyalpo, einem an beiden Projekten beteiligten tibetischen Historiker, entdeckt und dokumentiert wurden (Abb. 2). Aber auch im Freien aufgeführte, religiös gefärbte theatralische Stücke, die wegen ihrer Lebendigkeit und lokalgeschichtlichen Bezüge sehr populär sind, werden von den Wissenschaftler/innen untersucht. „In manchen Aufführungen kommen schaurige Szenen aus buddhistischen Höllen-Welten vor. Diese dienen hauptsächlich dazu, der Bevölkerung vor Augen zu führen, was sie im Fall eines sündhaften Lebens zu erwarten haben bzw. ihr Verhalten zu läutern“, erklärt Christian Jahoda vom Institut für Sozialanthropologie der ÖAW (Abb. 3). Das Besondere an den Höhlenmalereien und den religiösen Theaterstücken ist jedoch, dass sie eine buddhistische Weltanschauung verkörpern, die die gesamte Gesellschaft und Kultur Westtibets seit mittlerweile einem Jahrtausend maßgeblich geprägt hat. „Mönche und königliche bzw. adelige Machthaber wurden dadurch gleichermaßen beeinflusst, wie bäuerliche und nomadische Bevölkerungsgruppen“, betont Jahoda.

Pionierforschung in Westtibet, die an die Grenzen geht

Von weltweit einzigartiger Bedeutung sind vor allem die Forschungen in der Präfektur Westtibet, die durch eine Kooperationsvereinbarung zwischen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Tibetischen Akademie für Sozialwissenschaften in Lhasa ermöglicht wurden. Mitglieder der Forschungsgruppe waren zuletzt im Februar-März sowie im Juni 2010 und September 2011 vor Ort, um bislang wenig oder nicht bekannte Stätten zu erkunden und fotographisch – oder im Fall von Festen auch audio-visuell – zu dokumentieren.

Das Gebiet des historischen Westtibet umfasst Regionen, die heute größtenteils zur VR China (Präfektur Westtibet oder Ngari/Ali der Autonomen Region Tibet) und zu einem geringeren Teil auch zu Indien gehören (wie Spiti, das Obere Kinnaur und Ladakh). Das Forscher/innen/team um Christian Jahoda überschreitet jedoch nicht nur Ländergrenzen, sonder auch Fachbereiche. Die sechs am Projekt beteiligten Wissenschaftler/innen kommen aus den unterschiedlichsten Disziplinen: Sozial- und Kulturanthropologie, Tibetologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Architektur und Linguistik. Eine zusätzliche Herausforderung besteht darin, dass die Forscher/innen aus unterschiedlichen Ländern kommen – Österreich, China (Autonome Region Tibet), England und der Schweiz. Dass die Forschungen im westtibetischen Hochland in schwindelerregenden Höhen und nur unter unwirtlichen Bedingungen durchgeführt werden können, bedeutet manchmal auch eine Überwindung der eigenen körperlichen Grenzen, wie die Forscher/innen eingestehen.

Neue Erkenntnisse

Durch die unterschiedlichen Perspektiven und fachlichen Ausrichtungen der zusammenarbeitenden Forscher/innen, gerade auch durch den Austausch bei gemeinsamen Feldforschungen, wurden zahlreiche neue Erkenntnisse gewonnen.

Die Kunsthistorikerin Christiane Kalantari konnte so nachweisen, dass es signifikante Gemeinsamkeiten zwischen der visuellen Symbolik volkstümlicher, religiöser Theaterstücke und der Darstellungsweise von Mönchs- und Herrscherfiguren in Wandmalereien historisch bedeutsamer Klöster und Höhlentempel gibt. Diese Erkenntnis ist nicht nur ein Indiz für eine unerwartete Verbindung zwischen verschiedenen Kunstgattungen, sondern auch ein Beleg für den historischen Transfer von Symbolen weltlicher Macht in religiöse Sphären und umgekehrt.

Christian Jahoda konnte anhand des Scherken Festes in Pooh im oberen Kinnaur und des dabei stattfindenden Kults der Lokalgottheiten nachweisen, dass alle wesentlichen Elemente (einschließlich der Volkslieder, die von Veronika Hein aufgenommen und studiert werden) auf einem althergebrachten teriomorphen Konzept sakraler Landschaft beruhen.

 

 

Download PDF

Terminaviso:
Buchpräsentation: Tsering Gyalpo, Christian Jahoda, Christiane Kalantari, Patrick Sutherland;
with contributions by Eva Allinger, Hubert Feiglstorfer and Kurt Tropper: Kuojia Monastery:
An Overview of Its History and Culture. Lhasa: Old Tibetan Books Publ. House
(Zeit: Donnerstag der 13. Juni 2013, 18:30, Seminarraum des Instituts für Sozialanthropologie
der ÖAW, Apostelgasse 23, 1030 Wien)

Link zur Buchpräsentation:
www.oeaw.ac.at/sozant/files/Events/einladung_buchpraesentation-khorchag.pdf

FWF-Projekte:
„Mündliche Überlieferung und Feste Westtibets“ (P20637-G15) und „Gesellschaft, Macht
und Religion im vormodernen Westtibet“ (P21806-G19)
Leiter (und Mitarbeiter): Dr. Christian Jahoda, Institut für Sozialanthropologie (ISA), Österreichische
Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Mitarbeiter/innen: Prof. Tsering Gyalpo, Tibetische Akademie für Sozialwissenschaften,
Lhasa; Liz.-phil. Veronika Hein, Solothurn; Patrick Sutherland, Lektor, University of the
Arts, London; Dr. Christiane Kalantari, Arch. DI Dr. Hubert Feiglstorfer, beide ISA, ÖAW

Fotos:
Die Fotos können gerne in Berichten unter Angabe des Copyrights verwendet werden.

Kontakt:
Dr. Christian Jahoda
Institut für Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Apostelgasse 23, 1030 Wien
Tel.: (+43 1) 51581- 6459
Mail: Christian.Jahoda@oeaw.ac.at
Web: www.oeaw.ac.at/sozant

 

 

05.06.2013

Von Höhlen und Höllen in Westtibet

Österreichischer Sozialanthropologe leitet internationale Forschungsprojekte im Grenzgebiet zwischen China und Indien – und lädt zur Buchpräsentation ein

Abb. 1: Tsering Gyalpo, C. Jahoda, C. Kalantari & P. Sutherland et al.: ’Khor chags / Khorchag / Kuojia. Lhasa, 2012.

Forschungen in einer Seehöhe von mehr als 4000 m sind für den Sozialanthropologen Christian Jahoda keine Seltenheit. Seit Oktober 2009 leitet der österreichische Wissenschaftler zusammen mit Prof. Tsering Gyalpo, einem tibetischen Historiker in Lhasa, ein internationales Forscher/innen/team, das die buddhistische Kultur und Gesellschaft im westtibetischen Hochland untersucht. In den dünnbesiedelten, allgemein nur sehr schwer zugänglichen Grenzgebieten befinden sich viele, zum Teil im Originalzustand erhaltene Tempel- und Klosteranlagen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Lokales Brauchtum blieb dort über Jahrhunderte ebenso lebendig wie althergebrachte Kulturtraditionen. Einige Orte sind vor dem Projekt überhaupt noch nie von Forschern erkundet oder wissenschaftlich dokumentiert worden, wie das buddhistische Kloster Khorchag, dem die Forscher/innen jüngst einen eigenen Band widmeten, der am 13. Juni um 18:30 am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW präsentiert wird (Abb. 1).

Einer der Hauptschwerpunkte der Forschungsarbeiten lag in den letzten Jahren auf Khorchag, einem Kloster im Purang-Distrikt Westtibets, das zu Ende des 10. Jahrhunderts u.Z. gegründet wurde und damit eines der drei ältesten und nicht nur historisch bedeutendsten buddhistischen Klöster Westtibets ist. In der Nähe des heiligen Berges Kailas gelegen, ist das Kloster bis heute in ganz Tibet wegen seines Erbes alter sakraler Kunst berühmt. Vor kurzem ist in Lhasa ein dreisprachiger Text- und Bildband (Englisch, Tibetisch, Chinesisch) erschienen, gestaltet von Jahodas Team, in dem die Architektur, Wandmalereien und Skulpturen sowie nach wie vor praktizierte Ritual- und Festtraditionen dieses Ortes großteils zum ersten Mal vorgestellt und erläutert werden.

Bei den Forschungen handelt es sich um zwei vom österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanzierte Projekte, die sich mit mündlichen Überlieferungen und Festen einerseits bzw. dem Zusammenhängen zwischen Gesellschaft, Macht und Religion andererseits beschäftigen. Untersucht werden u.a. exquisite Malereien in abgelegenen buddhistischen Höhlentempeln aus dem 11.bis 13. Jahrhundert, wie sie von Tsering Gyalpo, einem an beiden Projekten beteiligten tibetischen Historiker, entdeckt und dokumentiert wurden (Abb. 2). Aber auch im Freien aufgeführte, religiös gefärbte theatralische Stücke, die wegen ihrer Lebendigkeit und lokalgeschichtlichen Bezüge sehr populär sind, werden von den Wissenschaftler/innen untersucht. „In manchen Aufführungen kommen schaurige Szenen aus buddhistischen Höllen-Welten vor. Diese dienen hauptsächlich dazu, der Bevölkerung vor Augen zu führen, was sie im Fall eines sündhaften Lebens zu erwarten haben bzw. ihr Verhalten zu läutern“, erklärt Christian Jahoda vom Institut für Sozialanthropologie der ÖAW (Abb. 3). Das Besondere an den Höhlenmalereien und den religiösen Theaterstücken ist jedoch, dass sie eine buddhistische Weltanschauung verkörpern, die die gesamte Gesellschaft und Kultur Westtibets seit mittlerweile einem Jahrtausend maßgeblich geprägt hat. „Mönche und königliche bzw. adelige Machthaber wurden dadurch gleichermaßen beeinflusst, wie bäuerliche und nomadische Bevölkerungsgruppen“, betont Jahoda.

Pionierforschung in Westtibet, die an die Grenzen geht

Von weltweit einzigartiger Bedeutung sind vor allem die Forschungen in der Präfektur Westtibet, die durch eine Kooperationsvereinbarung zwischen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Tibetischen Akademie für Sozialwissenschaften in Lhasa ermöglicht wurden. Mitglieder der Forschungsgruppe waren zuletzt im Februar-März sowie im Juni 2010 und September 2011 vor Ort, um bislang wenig oder nicht bekannte Stätten zu erkunden und fotographisch – oder im Fall von Festen auch audio-visuell – zu dokumentieren.

Das Gebiet des historischen Westtibet umfasst Regionen, die heute größtenteils zur VR China (Präfektur Westtibet oder Ngari/Ali der Autonomen Region Tibet) und zu einem geringeren Teil auch zu Indien gehören (wie Spiti, das Obere Kinnaur und Ladakh). Das Forscher/innen/team um Christian Jahoda überschreitet jedoch nicht nur Ländergrenzen, sonder auch Fachbereiche. Die sechs am Projekt beteiligten Wissenschaftler/innen kommen aus den unterschiedlichsten Disziplinen: Sozial- und Kulturanthropologie, Tibetologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Architektur und Linguistik. Eine zusätzliche Herausforderung besteht darin, dass die Forscher/innen aus unterschiedlichen Ländern kommen – Österreich, China (Autonome Region Tibet), England und der Schweiz. Dass die Forschungen im westtibetischen Hochland in schwindelerregenden Höhen und nur unter unwirtlichen Bedingungen durchgeführt werden können, bedeutet manchmal auch eine Überwindung der eigenen körperlichen Grenzen, wie die Forscher/innen eingestehen.

Neue Erkenntnisse

Durch die unterschiedlichen Perspektiven und fachlichen Ausrichtungen der zusammenarbeitenden Forscher/innen, gerade auch durch den Austausch bei gemeinsamen Feldforschungen, wurden zahlreiche neue Erkenntnisse gewonnen.

Die Kunsthistorikerin Christiane Kalantari konnte so nachweisen, dass es signifikante Gemeinsamkeiten zwischen der visuellen Symbolik volkstümlicher, religiöser Theaterstücke und der Darstellungsweise von Mönchs- und Herrscherfiguren in Wandmalereien historisch bedeutsamer Klöster und Höhlentempel gibt. Diese Erkenntnis ist nicht nur ein Indiz für eine unerwartete Verbindung zwischen verschiedenen Kunstgattungen, sondern auch ein Beleg für den historischen Transfer von Symbolen weltlicher Macht in religiöse Sphären und umgekehrt.

Christian Jahoda konnte anhand des Scherken Festes in Pooh im oberen Kinnaur und des dabei stattfindenden Kults der Lokalgottheiten nachweisen, dass alle wesentlichen Elemente (einschließlich der Volkslieder, die von Veronika Hein aufgenommen und studiert werden) auf einem althergebrachten teriomorphen Konzept sakraler Landschaft beruhen.

 

 

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Terminaviso:
Buchpräsentation: Tsering Gyalpo, Christian Jahoda, Christiane Kalantari, Patrick Sutherland;
with contributions by Eva Allinger, Hubert Feiglstorfer and Kurt Tropper: Kuojia Monastery:
An Overview of Its History and Culture. Lhasa: Old Tibetan Books Publ. House
(Zeit: Donnerstag der 13. Juni 2013, 18:30, Seminarraum des Instituts für Sozialanthropologie
der ÖAW, Apostelgasse 23, 1030 Wien)

Link zur Buchpräsentation:
www.oeaw.ac.at/sozant/files/Events/einladung_buchpraesentation-khorchag.pdf

FWF-Projekte:
„Mündliche Überlieferung und Feste Westtibets“ (P20637-G15) und „Gesellschaft, Macht
und Religion im vormodernen Westtibet“ (P21806-G19)
Leiter (und Mitarbeiter): Dr. Christian Jahoda, Institut für Sozialanthropologie (ISA), Österreichische
Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Mitarbeiter/innen: Prof. Tsering Gyalpo, Tibetische Akademie für Sozialwissenschaften,
Lhasa; Liz.-phil. Veronika Hein, Solothurn; Patrick Sutherland, Lektor, University of the
Arts, London; Dr. Christiane Kalantari, Arch. DI Dr. Hubert Feiglstorfer, beide ISA, ÖAW

Fotos:
Die Fotos können gerne in Berichten unter Angabe des Copyrights verwendet werden.

Kontakt:
Dr. Christian Jahoda
Institut für Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Apostelgasse 23, 1030 Wien
Tel.: (+43 1) 51581- 6459
Mail: Christian.Jahoda@oeaw.ac.at
Web: www.oeaw.ac.at/sozant