17.10.2013

Gen oder Gesellschaft – was macht uns krank?

Margaret Lock, führende Vertreterin der Medizinanthropologie, hält die 8. Eric Wolf Lecture in Wien

Margaret Lock

Ob ein Mensch krank oder gesund ist, kann nicht allein im Labor bestimmt werden. Soziale, kulturelle, historische und ökologische Faktoren spielen ebenso eine Rolle und müssen daher mit berücksichtigt werden. Für Margaret Lock, die herausragende Vertreterin der Medizinanthropologie, einem der größten Forschungsfelder in der Kultur- und Sozialanthropologie, geschieht dies immer noch zu wenig.

In ihrer Eric Wolf Lecture widmet sich Margaret Lock der Epigenetik, ihren Stärken, Schwachpunkten und gesellschaftlichen Auswirkungen. Wie gehen Familien beispielsweise mit der Nachricht um, dass sie Veranlagungen zu bestimmten (multifaktoriellen) Erkrankungen haben? Warum brechen solche Krankheiten öfter bei ärmeren, marginalisierten und von Gewalt betroffenen Personen aus, während bei anderen Patienten das gleiche Gen „abgeschaltet“ bleibt? Welche Rolle spielen soziale Beziehungen in der Krankheitsvorbeugung?

Gene galten lange Zeit als „Bauplan des Lebens“ und als hauptverantwortlich für eine Reihe von Krankheiten. Unklar blieb, ob eine Krankheit trotz genetischer Veranlagung überhaupt ausbricht, und wenn, dann wann, wie stark und in welcher Form. Heute steht fest, dass auch andere Teile der DNA, die sogenannten „epigenetischen Marker“, hierbei eine Rolle spielen: sie können Gene entweder aktivieren oder deaktivieren. Der boomende Forschungszweig der Epigenetik befasst sich mit diesen Prozessen und geht der Frage nach, unter welchen Umständen Gene „an- oder ausgeschaltet“ werden. Und genau hier sieht Lock einen wichtigen Beitrag der Medizinanthropologie, die auf Augenhöhe mit der Epigenetik diesen Fragen unter Berücksichtigung sozialer und kultureller Faktoren nachgehen kann.

Locks bemerkenswerte Laufbahn begann mit einer vergleichenden Studie zur Menopause in Japan und den USA. Lock zeigte, dass selbst diese als universal geltende biologische Phase in den beiden Gesellschaften durch unterschiedliche Symptome erfahren wird. Körperliche Prozesse sind also stets auch gesellschaftlich geprägt, so Locks Credo. Um sie zu verstehen, ist eine genaue Analyse der jeweiligen kulturellen und sozialen Lebensrealitäten notwendig. Dies gilt auch für ihre weiteren zentralen Forschungsfelder: Organtransplantation und das Hirntod-Kriterium sowie Alzheimer.

Margaret Lock ist emeritierte Marjorie-Bronfman-Professorin (Department of Social Studies of Medicine und Department of Anthropology) an der McGill Universität in Montréal, Kanada. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen neben der Medizinanthropologie in der Anthropologie des Körpers, vergleichenden Epistemologien medizinischen Wissens und in globalen Auswirkungen neuer biomedizinischer Technologien. Sie ist Autorin und Mitautorin von 16 Büchern und über 200 wissenschaftlichen Artikeln. Ihr Werk „Encounters with Aging: Mythologies of Menopause in Japan and North America” gewann sechs Preise. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel “The Alzheimer Conundrum: Entanglements of Dementia and Aging.“ Für ihr Werk hat Margaret Lock zahlreiche Auszeichnungen und Ehrentitel erhalten. Sie bleibt eine unermüdliche Brückenbauerin zwischen sozialwissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Forschung.

Die Eric Wolf Lecture

Die internationale Eric Wolf Lecture wird seit 2002 als Kooperation des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit dem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien und dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften veranstaltet. Seit 2004 werden die Eric Wolf Lectures in Current Anthropology, einer der renommiertesten sozialanthropologischen Fachzeitschriften, veröffentlicht. Mit der Einladung zur Eric Wolf Lecture werden Forscherinnen und Forscher für besondere wissenschaftliche Leistungen geehrt. Die Eric Wolf Lecture dient zugleich der schöpferischen Weiterentwicklung des Vermächtnisses von Eric Wolf im Sinne einer kosmopolitischen und weltoffenen Kultur- und Sozialanthropologie.

Eric Robert Wolf wurde 1923 in Wien geboren. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung musste er unter dem Nazionalsozialismus emigrieren, zuerst nach England, dann in die USA. Er studierte Anthropologie an der Columbia University und lehrte sodann an der Universität Michigan, am Lehman College und schliesslich am City University of New York Graduate Center. Eric Wolf, Träger des McArthur-Preises, Mitglied der American Academy of Fine Arts and Sciences und Ehrendoktor der Universität Wien, war einer der bedeutendsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts. Sein berühmtestes Werk ist das 1982 erschienene Buch „Europe and the People without History“, in welchem er die globale Vernetzung geschichtlicher Prozesse seit 1400 aufzeigte, und somit Pioniersarbeit in der anthropologischen Erforschung globaler Prozesse leistete. Eric Wolf starb 1999 in New York.

 

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Terminaviso:
The 8th Eric Wolf Lecture: Margaret Lock, Professor Emerita, McGill University
(Montréal, Canada): Reassessing Embodiment in the Era of the Epigenome
Montag, 28.10.2013, 18.00 Uhr (sine tempore)
Hauptgebäude der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Festsaal
Dr. Ignaz-Seipl-Platz 2, 1010 Wien

Programm:
Siehe www.oeaw.ac.at/sozant/files/Events/eric_wolf_lecture_2013_23-09-13.pdf

 

17.10.2013

Gen oder Gesellschaft – was macht uns krank?

Margaret Lock, führende Vertreterin der Medizinanthropologie, hält die 8. Eric Wolf Lecture in Wien

Margaret Lock

Ob ein Mensch krank oder gesund ist, kann nicht allein im Labor bestimmt werden. Soziale, kulturelle, historische und ökologische Faktoren spielen ebenso eine Rolle und müssen daher mit berücksichtigt werden. Für Margaret Lock, die herausragende Vertreterin der Medizinanthropologie, einem der größten Forschungsfelder in der Kultur- und Sozialanthropologie, geschieht dies immer noch zu wenig.

In ihrer Eric Wolf Lecture widmet sich Margaret Lock der Epigenetik, ihren Stärken, Schwachpunkten und gesellschaftlichen Auswirkungen. Wie gehen Familien beispielsweise mit der Nachricht um, dass sie Veranlagungen zu bestimmten (multifaktoriellen) Erkrankungen haben? Warum brechen solche Krankheiten öfter bei ärmeren, marginalisierten und von Gewalt betroffenen Personen aus, während bei anderen Patienten das gleiche Gen „abgeschaltet“ bleibt? Welche Rolle spielen soziale Beziehungen in der Krankheitsvorbeugung?

Gene galten lange Zeit als „Bauplan des Lebens“ und als hauptverantwortlich für eine Reihe von Krankheiten. Unklar blieb, ob eine Krankheit trotz genetischer Veranlagung überhaupt ausbricht, und wenn, dann wann, wie stark und in welcher Form. Heute steht fest, dass auch andere Teile der DNA, die sogenannten „epigenetischen Marker“, hierbei eine Rolle spielen: sie können Gene entweder aktivieren oder deaktivieren. Der boomende Forschungszweig der Epigenetik befasst sich mit diesen Prozessen und geht der Frage nach, unter welchen Umständen Gene „an- oder ausgeschaltet“ werden. Und genau hier sieht Lock einen wichtigen Beitrag der Medizinanthropologie, die auf Augenhöhe mit der Epigenetik diesen Fragen unter Berücksichtigung sozialer und kultureller Faktoren nachgehen kann.

Locks bemerkenswerte Laufbahn begann mit einer vergleichenden Studie zur Menopause in Japan und den USA. Lock zeigte, dass selbst diese als universal geltende biologische Phase in den beiden Gesellschaften durch unterschiedliche Symptome erfahren wird. Körperliche Prozesse sind also stets auch gesellschaftlich geprägt, so Locks Credo. Um sie zu verstehen, ist eine genaue Analyse der jeweiligen kulturellen und sozialen Lebensrealitäten notwendig. Dies gilt auch für ihre weiteren zentralen Forschungsfelder: Organtransplantation und das Hirntod-Kriterium sowie Alzheimer.

Margaret Lock ist emeritierte Marjorie-Bronfman-Professorin (Department of Social Studies of Medicine und Department of Anthropology) an der McGill Universität in Montréal, Kanada. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen neben der Medizinanthropologie in der Anthropologie des Körpers, vergleichenden Epistemologien medizinischen Wissens und in globalen Auswirkungen neuer biomedizinischer Technologien. Sie ist Autorin und Mitautorin von 16 Büchern und über 200 wissenschaftlichen Artikeln. Ihr Werk „Encounters with Aging: Mythologies of Menopause in Japan and North America” gewann sechs Preise. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel “The Alzheimer Conundrum: Entanglements of Dementia and Aging.“ Für ihr Werk hat Margaret Lock zahlreiche Auszeichnungen und Ehrentitel erhalten. Sie bleibt eine unermüdliche Brückenbauerin zwischen sozialwissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Forschung.

Die Eric Wolf Lecture

Die internationale Eric Wolf Lecture wird seit 2002 als Kooperation des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit dem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien und dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften veranstaltet. Seit 2004 werden die Eric Wolf Lectures in Current Anthropology, einer der renommiertesten sozialanthropologischen Fachzeitschriften, veröffentlicht. Mit der Einladung zur Eric Wolf Lecture werden Forscherinnen und Forscher für besondere wissenschaftliche Leistungen geehrt. Die Eric Wolf Lecture dient zugleich der schöpferischen Weiterentwicklung des Vermächtnisses von Eric Wolf im Sinne einer kosmopolitischen und weltoffenen Kultur- und Sozialanthropologie.

Eric Robert Wolf wurde 1923 in Wien geboren. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung musste er unter dem Nazionalsozialismus emigrieren, zuerst nach England, dann in die USA. Er studierte Anthropologie an der Columbia University und lehrte sodann an der Universität Michigan, am Lehman College und schliesslich am City University of New York Graduate Center. Eric Wolf, Träger des McArthur-Preises, Mitglied der American Academy of Fine Arts and Sciences und Ehrendoktor der Universität Wien, war einer der bedeutendsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts. Sein berühmtestes Werk ist das 1982 erschienene Buch „Europe and the People without History“, in welchem er die globale Vernetzung geschichtlicher Prozesse seit 1400 aufzeigte, und somit Pioniersarbeit in der anthropologischen Erforschung globaler Prozesse leistete. Eric Wolf starb 1999 in New York.

 

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Terminaviso:
The 8th Eric Wolf Lecture: Margaret Lock, Professor Emerita, McGill University
(Montréal, Canada): Reassessing Embodiment in the Era of the Epigenome
Montag, 28.10.2013, 18.00 Uhr (sine tempore)
Hauptgebäude der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Festsaal
Dr. Ignaz-Seipl-Platz 2, 1010 Wien

Programm:
Siehe www.oeaw.ac.at/sozant/files/Events/eric_wolf_lecture_2013_23-09-13.pdf