05.06.2014

Der Leibarzt des Dalai Lama: anatomisches Wissen im historischen Tibet

Anatomisches und physiologisches Wissen erlebte im Tibet des 17. Jahrhunderts bemerkenswerte Fortschritte. Eine zentrale Figur dieser Entwicklung war Blo-bzang Chosgrags, der Leibarzt des Fünften Dalai Lama. Indem er menschliche Körper sezierte, konnte er frühere medizinische Erkenntisse erweitern und nicht zutreffende Aussagen der Überlieferung revidieren. Zur gleichen Zeit fanden ähnliche Entwicklungen in China statt. Hier spielten Einflüsse aus dem fernen Westen eine Rolle: anatomische Texte und Zeichnungen, die von christlichen Missionaren aus Europa mitgebracht wurden, regten weitere Forschung auf diesem Gebiet an.

Das chinesische Beispiel zeigt, dass medizinisches Wissen im 17. Jahrhundert oft über weite Strecken übermittelt und an verschiedenen Orten eigenständig weiterentwickelt wurde. Wie funktionierte dieser Austausch und welche Vorstellungen von der menschlichen Anatomie existierten damals in anderen Teilen Asiens und der Welt? Schöpfte auch Blo-bzang Chosgrags aus älteren Quellen medizinischen Wissens, etwa aus den reichen indischen, mittelasiatischen oder ostmediterranen Traditionen?

Das Symposium „Transforming Tibetan Anatomy“, das am 12. und 13. Juni 2014 am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften stattfindet, nähert sich diesen Fragen aus interdisziplinären Perspektiven. ForscherInnen aus Medizin, Geschichte, Philologie und Anthropologie beleuchten die Entwicklung und den Transfer medizinischen Wissens im historischen Tibet und darüber hinaus. „Das Symposium ist Teil eines vom Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Projekts, welches die anatomischen Erkenntnisse in den Schriften von Blo-bzang Chos-grags analysiert“, erklärt die Projektleiterin und Organisatorin des Symposiums Dr. Katharina Sabernig, die auch am Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien sowie an der Medizinischen Universität Wien lehrt.

Die keynote lecture zur Veranstaltung widmet sich einem zentralen Konflikt in der Geistesgeschichte der traditionellen tibetischen Medizin. Janet Gyatso, Professorin für Buddhismusstudien an der Harvard-Universität, zeichnet die Spannung zwischen tantrischbuddhistischer und empirisch überprüfter Anatomie des menschlichen Körpers im Laufe der Geschichte nach. Die renommierte Wissenschafterin ist unter anderem Autorin des Buches „Apparitions of the Self: The Secret Autobiographies of a Tibetan Visionary” und Herausgeberin zahlreicher Sammelbände. Das weitere Vortragsprogramm führt durch die Ideengeschichte medizinischer Forschung in Tibet und zeichnet Verbindungen zu benachbarten und weiter entfernten Traditionen auf – von anatomischem Wissen in China über mesopotamische gynäkologische Texte bis hin zu aaryuvedischen Körperkonzepten und einem hebräischen Meisterwerk des frühen Mittelalters.

 

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Terminaviso:
Symposium „Transforming Tibetan Anatomy“
12. und 13. Juni 2014
Institut für Sozialanthropologie, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Apostelgasse 23, 1030 Wien

Keynote Lecture: Janet Gyatso, “How to map the body – and how it matters”
12. Juni 2014, 18h
Alte Kapelle am Campus, Spitalgasse 2-4, Hof 2.8, 1090 Wien

Book of Abstracts:
www.katharinasabernig.at/anatomy-symposium/book-of-abstracts/

Projekt:
Die Anatomie von Blo bzang Chos grags (FWF-Projekt P 26129-G21)
www.katharinasabernig.at/research/blo-bzang-chos-grags-anatomy/abstract-german/

Kontakt:
Dr. Katharina Sabernig
Assoziierte Forscherin der Medizischen Universität Wien in der Abteilung Allgemeinmedizin
am Zentrum für Public Health und am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen
Akademie der Wissenschaften
T:+43 699 17174725
katharina.sabernig@meduniwien.ac.at
www.katharinasabernig.at

 

05.06.2014

Der Leibarzt des Dalai Lama: anatomisches Wissen im historischen Tibet

Anatomisches und physiologisches Wissen erlebte im Tibet des 17. Jahrhunderts bemerkenswerte Fortschritte. Eine zentrale Figur dieser Entwicklung war Blo-bzang Chosgrags, der Leibarzt des Fünften Dalai Lama. Indem er menschliche Körper sezierte, konnte er frühere medizinische Erkenntisse erweitern und nicht zutreffende Aussagen der Überlieferung revidieren. Zur gleichen Zeit fanden ähnliche Entwicklungen in China statt. Hier spielten Einflüsse aus dem fernen Westen eine Rolle: anatomische Texte und Zeichnungen, die von christlichen Missionaren aus Europa mitgebracht wurden, regten weitere Forschung auf diesem Gebiet an.

Das chinesische Beispiel zeigt, dass medizinisches Wissen im 17. Jahrhundert oft über weite Strecken übermittelt und an verschiedenen Orten eigenständig weiterentwickelt wurde. Wie funktionierte dieser Austausch und welche Vorstellungen von der menschlichen Anatomie existierten damals in anderen Teilen Asiens und der Welt? Schöpfte auch Blo-bzang Chosgrags aus älteren Quellen medizinischen Wissens, etwa aus den reichen indischen, mittelasiatischen oder ostmediterranen Traditionen?

Das Symposium „Transforming Tibetan Anatomy“, das am 12. und 13. Juni 2014 am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften stattfindet, nähert sich diesen Fragen aus interdisziplinären Perspektiven. ForscherInnen aus Medizin, Geschichte, Philologie und Anthropologie beleuchten die Entwicklung und den Transfer medizinischen Wissens im historischen Tibet und darüber hinaus. „Das Symposium ist Teil eines vom Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Projekts, welches die anatomischen Erkenntnisse in den Schriften von Blo-bzang Chos-grags analysiert“, erklärt die Projektleiterin und Organisatorin des Symposiums Dr. Katharina Sabernig, die auch am Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien sowie an der Medizinischen Universität Wien lehrt.

Die keynote lecture zur Veranstaltung widmet sich einem zentralen Konflikt in der Geistesgeschichte der traditionellen tibetischen Medizin. Janet Gyatso, Professorin für Buddhismusstudien an der Harvard-Universität, zeichnet die Spannung zwischen tantrischbuddhistischer und empirisch überprüfter Anatomie des menschlichen Körpers im Laufe der Geschichte nach. Die renommierte Wissenschafterin ist unter anderem Autorin des Buches „Apparitions of the Self: The Secret Autobiographies of a Tibetan Visionary” und Herausgeberin zahlreicher Sammelbände. Das weitere Vortragsprogramm führt durch die Ideengeschichte medizinischer Forschung in Tibet und zeichnet Verbindungen zu benachbarten und weiter entfernten Traditionen auf – von anatomischem Wissen in China über mesopotamische gynäkologische Texte bis hin zu aaryuvedischen Körperkonzepten und einem hebräischen Meisterwerk des frühen Mittelalters.

 

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Terminaviso:
Symposium „Transforming Tibetan Anatomy“
12. und 13. Juni 2014
Institut für Sozialanthropologie, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Apostelgasse 23, 1030 Wien

Keynote Lecture: Janet Gyatso, “How to map the body – and how it matters”
12. Juni 2014, 18h
Alte Kapelle am Campus, Spitalgasse 2-4, Hof 2.8, 1090 Wien

Book of Abstracts:
www.katharinasabernig.at/anatomy-symposium/book-of-abstracts/

Projekt:
Die Anatomie von Blo bzang Chos grags (FWF-Projekt P 26129-G21)
www.katharinasabernig.at/research/blo-bzang-chos-grags-anatomy/abstract-german/

Kontakt:
Dr. Katharina Sabernig
Assoziierte Forscherin der Medizischen Universität Wien in der Abteilung Allgemeinmedizin
am Zentrum für Public Health und am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen
Akademie der Wissenschaften
T:+43 699 17174725
katharina.sabernig@meduniwien.ac.at
www.katharinasabernig.at