SEEING LIKE AN ARCHIVE: DOCUMENTS AND FORMS OF GOVERNANCE IN ISLAMIC CENTRAL ASIA (18TH - 19TH CENTURIES)

Projekt START Y 704-G18


Projektbeschreibung

Zahlreiche Archivbestände aus der islamischen Welt sind gesammelt und herausgegeben worden, aber ihre Aufarbeitung in Hinblick auf größere historische Fragestellungen steht noch ganz am Anfang. Dieses Projekt hat sich daher zum Ziel gesetzt, die Motivationen zu untersuchen, die der Produktion und Aufbewahrung von Dokumenten in einem islamischen Gemeinwesen zugrunde liegen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, wurde anstelle eines auf die Gewinnung von Einzeldaten zielenden („extrahierenden“) Ansatzes ein „holistischer“ Zugang zu Textkorpora gewählt.
Als Untersuchungsgegenstand wurde eine der reichsten Sammlungen von Dokumenten in arabischer Schrift im islamisch geprägten Zentralasien gewählt: Das Archiv der Kanzlei der Qunghrat-Dynastie in Khiva im 19. Jahrhundert. Folgende Überlegungen haben zu dieser Wahl geführt: Die bekannten mittelalterlichen islamischen Dokumentensammlungen sind nur fragmentarisch erhalten; die Osmanischen Archive hingegen sind viel zu umfangreich für einen holistischen Zugang. Die Bestände jedoch, die die Tätigkeit der Qunghrat-Kanzlei repräsentieren, haben mit ihren 10.158 Blatt einen Umfang, der durch ein Team erfahrener Wissenschaftler als Ganzes bearbeitet werden kann. Dazu kommt, dass die potentielle Bedeutung dieses Archivs für die historische Forschung seit langem in der Wissenschaft bemerkt worden ist.

Dieses Projekt beruht auf einem hermeneutischen Zugang zu Dokumenten. Damit ist gemeint, dass jeglicher Text als eine sprachliche Strategie aufgefasst wird, die Personen oder Personengruppen spezifische Handlungsmöglichkeiten bereitstellt. Dokumente werden also nicht einfach nach der traditionellen Taxonomie der Diplomatik kategorisiert.  
Das Projekt untersucht zwar eine Kultur der Dokumentation, die in einer Region der islamischem Welt (im zentralasiatischen Khorezm) entwickelt wurde, aber es soll nicht zu einer essentialistischen Auffassung von einer „islamischen Kultur der Dokumentation“ führen. Im Gegenteil ist beabsichtigt, die konventionellen Interpretationen bezüglich eines islamischen „Archivdenkens“ kritisch zu hinterfragen. Die Frage nach den Absichten hinter der Produktion und Bewahrung aller Texte in der Kanzlei von Khiva führt zur Erforschung ihrer möglichen Nutzungen. Nur wenn man Erkenntnisse über die Beweggründe gewinnt, die dem Entstehen des Archivs von Khiva zugrunde liegen, kann man hoffen zu verstehen, wie mit dem sachlichen Gehalt dieser Archivdokumente umgegangen wurde. Erst dieser Zugang wird Lesungen der Texte ermöglichen, die sie für eine zielführende und ertragreiche historische Auswertung erschließen.