EINE LITERATURGESCHICHTE PERSISCHER BRIEF- UND ESSAYPROSA (INSHĀ) IN SÜDASIEN


Projektleitung: Dr. Stephan Popp

Projektbearbeitung: Dr. Stephan Popp

Projektlaufzeit: 09/2017 – 08/2021

Projektbeschreibung

Das Forschungsprojekt (Projektstart: 09/2017) zielt darauf, die Literaturgeschichte frühneuzeitlicher nichtnarrativer Kunstprosa (inshā) gründlich zu dokumentieren. Diese Gattung der Prosaliteratur enthält mehrere Untergattungen, zu denen vor allem Briefe, Essays und Vorworte gehören. Man kann sie als nichtnarrative, ästhetische Prosa definieren. Obwohl sie im Prinzip nicht die Funktion hat, Fakten darzustellen, ist sie in der Geschichte verankert und beeinflusste darüber hinaus die Geschichtsschreibung maßgeblich. Offizielle Korrespondenz wurde als der wichtigste praktische Zweig dieser Literaturgattung aufgefasst.

Das Projekt analysiert den Stil des persischen Inshā im frühmodernen Indien, seine Eigenschaften und seine Entwicklung. Dabei zielt es auf drei miteinander verbundene literaturwissenschaftliche und historische Forschungsfelder: 1) die Entwicklung einer wichtigen und einflussreichen Gattung spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher persischer Prosaliteratur, deren Ästhetik und Einfluss bis jetzt kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde; 2) die Eröffnung neuer Möglichkeiten für historische Quellenkritik hinsichtlich der zentralen Bedeutung von Inshā für die Geschichtsschreibung und die Korrespondenz, und 3) die Suche nach Anzeichen für die Leserschaft von Briefen und Essays, wobei der Schwerpunkt auf Inshā als Spiegel kultureller Werte und ihrer Entwicklung in der frühneuzeitlichen Elitegesellschaft liegt.

Es waren die Sekretäre, die das umfassende, überreligiöse Ethos des Mogulreichs sogar über dessen Grenzen hinaus verbreiteten, weswegen ihre Bedeutung für das Verständnis seiner Kultur kaum zu überschätzen ist. Das erweiterte Verständnis von Inshā, das das Projekt erstellt, wird die Verwendung des Inshā als historische Quelle auf dessen gesellschaftliche Bedeutung erweitern. Darüber hinaus wird das Projekt zur Geistesgeschichte des Mogulreiches beitragen, wie sie sich in seiner Prosaliteratur spiegelt, indem sie die Entwicklung von Denken und Mentalität im frühneuzeitlichen Indien aufzeigt.

Die Bedeutung und Dynamik des Inshā lässt sich am besten anhand einer repräsentativen Stichprobe des vorhandenen, handschriftlichen oder gedruckten Materials demonstrieren. Das Projekt wird dazu das timuridische Inshā des 15. Jahrhunderts als Ausgangspunkt für mogulisches und dekkanisches (d.h. südindisches islamisches) Inshā verwenden. Jedoch soll es sich auf das 16. und 17. Jahrhundert konzentrieren, bis zur ersten Hälfte der Herrschaft Aurangzebs. Der Beginn des Dekkankrieges (1682), der in der modernen Geschichtsschreibung allgemein als das Ende der einigermaßen stabilen mittleren Periode des Mogulreichs gilt, bietet ein passendes historisches Schlussdatum für das Projekt.