CHRISTLICHE SOGDISCHE BUCHKULTUR


Projektleitung: Dr. Chiara Barbati

Abgeschlossen 03/2017

Projektbeschreibung

Das Projekt untersuchte das Entstehen und die Entwicklung einer christlichen mitteliranischen Buchkultur als Ergebnis kulturell-religiöser Aktivitäten von christlichen iranischen Gemeinschaften in der Turfanoase (heutiges Xinjiang, China) in Spätantike und Frühmittelalter. Im Fokus stand dabei ein Korpus von fast 500 Fragmenten in sogdischer Sprache und ostsyrischer Schrift sowie ca. 50 Fragmente in säkularer sogdischer Schrift. Da dem christlichen sogdischen Textkorpus Übersetzungen aus dem Syrischen zugrunde liegen, wurden auch 500 Fragmente in syrischer Sprache und ostsyrischer Schrift miteinbezogen, die überwiegend aus der gleichen Region und Zeitperiode stammen. Der Großteil der Fragmente befindet sich heute in der Berliner Turfansammlung.

Die Existenz christlicher Gemeinschaften im spätantiken und frühmittelalterlichen Zentralasien war das Ergebnis missionarischer Aktivitäten der “Kirche des Ostens” seit dem 5. Jahrhundert. Entlang der Seidenstraße begegneten syrisch sprechende Mönche aus Mesopotamien Bevölkerungen unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Religionen, darunter den Sogdiern, Sprecher einer ostmitteliranischen Sprache, die den Karawanenhandel in Zentralasien dominierten. Die sogdischen und syrischen Manuskripte, die in der Turfanoase gefunden wurden, bilden das wichtigste Quellenkorpus für die Erforschung der sogdischen christlichen Gemeinschaften. Mit diesem Projekt wurde eine neue umfassende und kontextualisierte Untersuchung dieses Korpus vorgenommen.

Methodologisch verbindet das Projekt zwei Ansätze: Kodikologie und translational studies. Bisher gab es keine systematische kodikologische Untersuchung dieses Materials. Der Vorzug einer kodikologischen Herangehensweise besteht darin, dass sie erlaubt, eine Brücke zwischen den philologisch-linguistisch bereits gut erforschten textlichen Inhalten und den noch kaum untersuchten materiellen Aspekten der Handschriften zu bilden, um so das Buch in umfassender Weise als kulturelles Produkt zu betrachten. Der zweite Ansatz versucht, die Anwendung der translational studies vom hauptsächlich philologisch-linguistischen Fokus auf wörtliche Übersetzungen religiöser Texte zu erweitern und auf Bilder und Symbole anzuwenden. Es sollen – mit anderen Worten – in der Analyse christlicher mitteliranischer Buchkultur textliche und materielle Aspekte mit der Rolle von Übersetzung, Interreferenz und Innovation von Bildern und Symbolen in sogdischen und syrischen Manuskripten aus Turfan zusammengebracht werden. Aus einem besseren Verständnis christlicher mitteliranischer Buchkultur sind auch neue Erkenntnisse über den kulturellen und historischen Kontext dieses Korpus, nämlich der christlichen Gemeinschaften der “Kirche des Ostens” in Zentralasien zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert, zu erwarten.

Publikation

BARBATI, Chiara: The Christian Sogdian Gospel Lectionary E5 in Context. VzI 81/SBph, 874. Band. Wien: Verlag der ÖAW 2016