Biographie des Monats November 2015

„Cokette und Betbruder in einer Person“: Der Schriftsteller Emil Mario Vacano (1840–1892)

Karikatur Vacanos von K. Klíč in den „Neuen Fliegenden“ (1874, Nr. 7, S. 52); Quelle: Wienbibliothek im Rathaus, Druckschriftensammlung, Sign. B-76960

Im November 2015 jährt sich zum 175. Mal der Geburtstag des Schriftstellers Emil Maria Vacano. Seine Persönlichkeit kann ruhigen Gewissens als schillernd bezeichnet werden, weshalb hier ein Streiflicht auf den Akrobaten in Frauenkleidern und zeitweise recht erfolgreichen Schriftsteller geworfen werden soll, der Dandytum und katholische Frömmigkeit erfolgreich unter einen Hut brachte.

Fakt und Fiktion bewegter Jugendjahre

Emil Maria Vacano wurde am 16. November 1840 in Mährisch-Schönberg, dem heutigen Šumperk, geboren und auf den Namen Emil Ferdinand Alois katholisch getauft. Er war der Sohn des Katastral-Schätzungs-Kommissärs und späteren Katastral-Oberinspektors über Ostgalizien und die Bukowina Johann Vacano und dessen Frau Maria Veronika, geborene Maurer. Über Vacanos Jugendjahre findet sich wenig Gesichertes, doch dafür umso mehr Spekulatives. Bedingt durch den mehrfachen Wohnsitzwechsel der Eltern wuchs er offenbar in verschiedenen Städten Galiziens und Böhmens auf. Nach der Matura in Lemberg ging Vacano zum Zirkus, wo er als Seiltänzer und Kunstreiter auftrat. Dies tat er teilweise auch in Mädchenverkleidung, was zur Folge hatte, dass sich um diesen Lebensabschnitt Vacanos zahlreiche Geschichten und Anekdoten ranken, wobei er zu dieser Mythenbildung nicht zuletzt selbst beitrug.

Gut vernetzter Chronist des Vagabunden- und Schauspielerlebens – der Literat Vacano

Um 1859 verließ Vacano den Zirkus und trat eine Zeit lang als Schauspieler auf, offenbar auch am Wiener Hofburgtheater, ehe er sich ganz der Literatur verschrieb. Die Schriftstellerlaufbahn betrat er mit den „Mysterien des Welt- und Bühnen-Lebens“ (2 Teile, 1861-62). Wie schon sein Erstling sind viele seiner meist in leichtem Tonfall geschriebenen und in der Erzählweise verspielten Werke in der Theater- und Zirkuswelt angesiedelt, wobei er wiederholt Autobiographisches einfließen lässt („Moderne Vagabunden“, 2 Bände, 1861-62, „Theater-Plaudereien“, 1862, „Komödianten“, 1889). Gemeinsam mit Ada von Pinelli (Pseudonym Günther von Freiberg) verfasste er den Roman „König Phantastus“ (1866) über König Ludwig II. von Bayern. Vacano schrieb auch für zahlreiche Zeitschriften, schuf Bühnenstücke und übersetzte aus dem Englischen, Französischen, Italienischen, Tschechischen und Polnischen. Einige seiner eigenen Werke wiederum wurden auch in andere Sprachen übertragen. In der anonym publizierten umfangreichen Abhandlung „Die Göttesmörder“ (1871) setzte er sich als gläubiger Katholik kritisch mit der Kirche auseinander. Die Pikanterie mancher der von ihm behandelten Stoffe (unkonventionelle Liebesaffären, Spiel mit Geschlechterrollen und  -identitäten, homoerotische Anklänge etc.) sowie Mutmaßungen über seine bewegte Vergangenheit trugen zu einem gewissen Image Vacanos als oberflächlicher Sensationsautor bei. Nichtsdestotrotz pflegte er enge Kontakte und Freundschaften zu zahlreichen Künstlern und Literaten, so etwa zu Friederike Gossmann, Karel Klíč, Adolf Kosárek oder Matěj Šimáček, wovon auch umfangreiche Korrespondenzen im Nachlass zeugen. Einer dieser Briefwechsel, in der Steiermärkischen Landesbibliothek in Graz archiviert, entspann sich mit Peter Rosegger, dem Vacano zumindest eine Zeit lang sehr nahe stand. Die beiden hatten sich über ihren gemeinsamen Verleger Gustav Heckenast kennengelernt. In seinen Schreiben an „Lex“ – so Vacanos an den Titelhelden einer Erzählung Roseggers angelehnter Spitzname für den Freund – drückt sich eine manchmal beinahe kindlich und zärtlich wirkende Zuneigung und Bewunderung für den drei Jahre jüngeren, jedoch ungleich berühmteren Schriftstellerkollegen aus. In einer noch engeren Beziehung stand Vacano ab etwa 1867 zu Emerich Reichsgraf Stadion-Thannhausen, dem Koautor seiner Werke „Dornen“ (1869) sowie „Asta’s Lieder“ (1882). Im Laufe der 1880er-Jahre distanzierte sich Vacano allerdings zusehends von ihm, was den Reichsgrafen jedoch nicht davon abhielt, Vacano noch postum von Freundesliebe durchglühte Verse zu widmen („Was Du mir warst und bleibst, / Das sagt kein Vers, kein Wort! / Du lebst in meiner Brust, / so lang ich athme, fort!“).

Zwischen „innerer Gläubigkeit“ und „moderner Weltlichkeit“ – Brüche eines „undefinierbaren Charakters“

Vacano führte in seinen ersten Jahren als Schriftsteller ein unstetes Wanderleben und wurde von Zeitgenossen teilweise als zerrissen und widersprüchlich charakterisiert. „In den Nächten fast frivol für das Orpheum [wohl Danzerʼs Orpheum in Wien, Anmerkung H. Bergmann] schwärmend, am Tage im gothischen Dome in verzückter Gläubigkeit vor dem Altar kniend – so habe ich ihn selbst gesehen“, vermerkt Rosegger in seinem Nachruf auf Vacano, den er einen „undefinierbaren Charakter“ nennt. Und Vacano selbst tituliert sich mal als „Pariarch und Gigerl“, mal als „Cokette und Betbruder in einer Person“. In den Briefen an Rosegger spiegeln sich freilich auch wirtschaftliche Probleme sowie Enttäuschung und Kränkung darüber wider, vom heimischen Literaturbetrieb, den „Wiener Genies von eigenen Gnaden“ und den „neugebackenen Feuilletonlern“, deren „Name über die Wiener Ringstraße nicht hinausklingt“ zu wenig gewürdigt zu werden.

Nach dem Tod der Mutter am 16. Februar 1890, mit der er nach dem Ableben des Vaters (1866) in St. Pölten zusammengelebt hatte, zog er zu dem befreundeten Maler Karl Plock nach Karlsruhe, wo er seine letzten, von Krankheit überschatteten Lebensjahre verbrachte. Dort verstarb er schließlich am 9. Juni 1892. In St. Pölten erinnert heute noch die „Vacanopromenade“, ein Spazierweg am Rande des Stadtwalds (einst Kaiserwald genannt), an den Schriftsteller. Diese führt an einem Bildstock aus dem 17. Jahrhundert vorbei, in dessen Sockel sich die inzwischen schon stark verwitterte Inschrift findet: „Hier verweilte oft und gern der Dichter Emil Mario Vacano“.


Werke: s. Goedeke; Wurzbach.


Literatur: Goedeke (mit Werksverzeichnis); Wurzbach  (mit Werksverzeichnis); (P. Rosegger, in:) Heimgarten 17, 1892, S. 26ff.; M. Wieninger, St. Pöltner Straßennamen erzählen, 2002, S. 375; A. Veselá, Emil Mario Vacano – ein Schriftsteller zwischen zwei Welten, Bakkalaureatsarbeit Masaryk-Universität Brünn, 2010; Mann für Mann 2, ed. B.-U. Hergemöller, 2010; W. Setz, Emil Vacano, 2014 (mit Bild); Diözesanarchiv St. Pölten, NÖ; Zemský archiv v Opavě, Opava, CZ.

(Hubert Bergmann)


Wir danken der Wienbibliothek für die kostenlose Überlassung von Bildmaterial.

Straßenschild im St. Pöltner Stadtwald (© Hubert Bergmann)
Bildstock im St. Pöltner Stadtwald mit Vacano gewidmeter Inschrift (© Hubert Bergmann)
„Hier verweilte oft und gern der Dichter Emil Mario Vacano“ (© Hubert Bergmann)