Biographie des Monats Mai 2015

„Ich will nur singen ... “: Österreichs Song-Contest-Pionier Leo Heppe alias Bob Martin (1922–1998)

Leo Heppe (© Helga Heppe)

Diesen Mai steht Wien ganz im Bann eines musikalischen Großereignisses, des 60. Eurovision Song Contests. Wir nehmen dies zum Anlass, um uns auf eine Spurensuche nach dem ersten rot-weiß-roten Teilnehmer an diesem musikalischen Wettstreit zu begeben. Dabei stoßen wir auf eine vielseitige künstlerische Persönlichkeit.

Vom Jenissei an die Donau

Geboren wurde Leo Heppe am 7. Juni 1922 im sibirischen Krasnojarsk. Sein aus Böhmen stammender Vater war im 1. Weltkrieg in Gefangenschaft geraten und nach Kriegsende vorerst als Deutschlehrer in Russland geblieben, wo er seine Frau kennenlernte. Mit dieser und dem zweijährigen Sohn verließ er das bürgerkriegsgeplagte Land jedoch und gelangte nach einer Odyssee letztendlich nach Wien. Die Familie war musikalisch veranlagt, der Vater spielte Geige, die Schwester Klavier. 1932-36 erhielt Leo Heppe am Wiener Volkskonservatorium Violin- und Klavierunterricht. Ab 1938 besuchte er die Höhere Staatslehranstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau in Klosterneuburg, nach der Matura 1941 wurde er zur Wehrmacht einberufen. Bei Kriegsende in Hamburg, machte er dort in britischer Gefangenschaft erste Gehversuche als Unterhaltungsmusiker.

Anfänge einer Musikerlaufbahn

Im Mai 1946 sang Heppe an der Wiener Volksoper vor, wurde in deren Chor (Leitung Leopold Emmer) engagiert und erhielt auch bald Solopartien. Noch im Herbst desselben Jahres absolvierte er erfolgreich die Aufnahmsprüfung für die Wiener Musikakademie (heute Universität für Musik und darstellende Kunst), die er im Februar 1951 mit der Reifeprüfung in Gesang und operndramatischer Darstellung abschloss. Im Juni 1949 errang er beim Llangollen International Musical Eisteddfod in Wales einen ersten Preis mit der Arie des sterbenden Titelhelden aus Mussorgskis „Boris Godunow“, wobei ihm hier seine Russischkenntnisse sicher zugutekamen. Im Dezember 1950 sang der Bassbariton Heppe beim Staatsopernchor vor – und wurde aufgenommen. Von 1951 bis 1982 gehörte er diesem renommierten Klangkörper an, er bildete die (nicht zuletzt wirtschaftliche) Basis, von der aus der Sänger seine Fühler auch in andere musikalische Richtungen ausstreckte.

Ein vielseitiger Künstler

Schon bald befuhr Heppe neben dem klassischen auch unterhaltungsmusikalische Nebengleise. So nahm er im Juli 1950 im Symphonia-Aufnahmestudio innerhalb eines Monats sowohl Bachs Johannespassion als auch, gemeinsam mit dem späteren langjährigen Leiter der ORF-Musikabteilung, Wilfried Scheib, eine erste Platte mit volkstümlicher Unterhaltungsmusik auf: Im Hochsommer sang darauf das „Duo Heppe-Scheib“ die Titel „Zwoa Brettln, a gführiger Schnee ...“ und „Was braucht denn a Schifahrer no?“. Die „leichte Muse“ sollte von nun an für rund zwei Jahrzehnte seine ständige Begleiterin bleiben und ihm zu durchaus beachtlichen Erfolgen verhelfen. Für sie legte er sich 1954 den Künstlernamen „Bob Martin“ zu, während er als „Will Mentor“ Ausflüge ins Operettenfach unternahm und etwa 1955 bei einer Aufnahme von Paul Ábraháms „Blume von Hawaii“ mitwirkte. Im selben Jahr sang er am 5. November bei der legendären Wiedereröffnung der Staatsoper in „Fidelio“ – und tags darauf im St. Pöltner „Park-Kino“ Schlager wie „Tränen in den Augen“. Zusammen mit drei Kollegen aus dem Opernchor, Jörg Maria Berg, Rudi Kreuzberger und Rudi Resch, hob er 1955 das Vokalquartett „Die Montecarlos“ aus der Taufe. Diese nahmen bis 1960 mehrere Platten auf und fuhren damit einige Erfolge ein: Ihr Schlager „Andrea“ landete 1956 immerhin auf Platz drei der deutschen Hitparade. Um ein weiteres Segment des Unterhaltungsmusikmarkts zu bedienen, erfand sich das Quartett bald darauf neu und beschwor nun unter dem Namen „Die blauen Jungs“ Seemannsromantik. Mit Titeln wie „Zu Hause, Zu Hause“, „Auch für mich kommt einmal die Zeit“ und „Einmal die Ferne seh’n“ schafften sie es dreimal unter die ersten zehn der deutschen Charts. Die „Blauen Jungs“ überlebten die „Montecarlos“ um einige Jahre, bis 1970 nahmen die singenden Matrosen aus Wien Platten auf.

„Austria – three points ...“

1957 entsandte Österreich erstmals einen Teilnehmer zu dem ein Jahr zuvor von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) ins Leben gerufenen Grand Prix Eurovision de la Chanson. Zu diesem Zweck fand unter dem Titel „Chansons aus Österreich“ am 6. Februar im damaligen Wiener Stadttheater in der Skodagasse eine Vorentscheidung statt. Aus dieser ging Bob Martin mit dem Titel „Wohin, kleines Pony?“ als Sieger hervor. Die Musik stammte von Kurt Svab, dieser hatte, zusammen mit dem Wienerlieddichter Hans Werner, auch den Text verfasst. Die Veranstaltung wurde live im Fernsehen übertragen, das damals noch in den Kinderschuhen steckte und in Österreich gerade einmal eineinhalb Jahre alt war. Die zweite Ausgabe des heute landläufig Song Contest genannten Wettsingens ging einen knappen Monat später, am 3. März 1957, in Frankfurt am Main – genauer gesagt im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks – über die Bühne. Das Lied, das Leo Heppe alias Bob Martin dort zum Vortrage brachte, ist an die damals beliebten Western-Songs angelehnt. „Wohin, kleines Pony, woll'n wir reiten?“, heißt es darin, „Wohin soll mein Lied uns heut' begleiten? / Zu deinen Herden, den kleinen Pferden? / Dort sind die Täler unendlich weit ...“. Im Westerngenre hatte übrigens der damals für Belgien startende Bobbejaan Schoepen bereits große Erfolge aufzuweisen. Doch weder Bob noch Bobbejaan war die Jury hold – der Belgier landete auf dem 8. Platz, während Bob Martin mit nur drei Punkten (einem aus den Niederlanden und zweien aus dem Vereinigten Königreich) das Schlusslicht des – für heutige Verhältnisse kleinen – zehnköpfigen Teilnehmerfeldes bildete.

Schlagerstar mit Bodenhaftung

Seiner Schlagerkarriere tat dieser Misserfolg jedoch weiter keinen Abbruch, im Gegenteil: Diese erreichte in den folgenden Jahren ihren Höhepunkt. Über seine Auftritte zu jener Zeit führte Leo Heppe penibel Buch. Beim Durchblättern der kleinen roten Auftrittstagebücher aus den Jahren 1946 bis 1965 staunt man über die Vielseitigkeit des Sängers und über die Fülle des absolvierten Pensums. Im Juni 1957 stand er erstmals vor der Kamera („Das 1. mal optisch im Film“, wie der Künstler notiert), und zwar in „Einmal eine große Dame sein“. Drehort waren die Studios der Central Cinema Company in Berlin. Es sollten noch mehrere Auftritte in Unterhaltungsfilmen folgen. So gaben die Montecarlos etwa ihren Hit „Andrea“ im selben Jahr in blütenweißen Anzügen in der Filmkomödie „Kindermädchen für Papa gesucht“ zum Besten. Daneben sang Heppe bei allen möglichen weiteren sich bietenden Gelegenheiten, das Spektrum ist dabei denkbar breit. Es reicht von Heinz Conrads legendärer Radiosendung „Was gibt es Neues?“ über Einlagen bei Polizei- oder Werksbällen, Auftritten in Kuranstalten sowie bei den damals beliebten Modeschauen bis hin zur Silvestergala im legendären Hotel Panhans am Semmering. Auffallend dabei ist nicht zuletzt seine Mitwirkung an zahlreichen Veranstaltungen im Umfeld der SPÖ, etwa in Volks- und Arbeiterheimen, bei Feiern zum Internationalen Frauentag oder zum 1. Mai. Vereinzelt führte ihn der Weg auch ins Ausland, etwa im Dezember 1957, als er an einer Wohltätigkeitsveranstaltung für das Deutsche Rote Kreuz in Kaiserslautern teilnahm und mit einer amerikanischen Militärmaschine über den Fliegerhorst Landstuhl anreiste. Im Sommer 1963 wiederum absolvierte er ein Gastspiel in der vom Wienerliedkomponisten Tony Hartweger betriebenen Amsterdamer „Zirbelstube“.

E- und U-Musik glücklich vereint

Während dieses mehrjährigen Ausflugs in die Schlagerwelt blieb Heppe seiner eigentlichen Profession, dem Opern- und Oratoriengesang, dennoch treu. In den 1960er-Jahren verlagerte er den Schwerpunkt seiner künstlerischen Tätigkeit wieder zusehends hin zum ernsteren Fach und hatte auch wiederholt solistische Auftritte an der Staatsoper. Er wirkte an drei Opern- bzw. Operettenfilmen mit: 1965 gab er den Herold in Otto Schenks Fernsehinszenierung von Verdis „Otello“, im Jahr darauf wirkte er im Operettenfilm „Boccaccio“ (Musik Franz von Suppé, Libretto Friedrich Zell) und 1968 in „Die Landstreicher“ (Musik Carl Michael Ziehrer, Libretto Leopold Krenn und Carl Lindau) mit. Weitere Fernsehauftritte folgten, in denen er u. a. als Wienerliedsänger reüssierte. Auch an mehreren klassischen Schallplatteneinspielungen war er beteiligt.
Leo Heppe, der zweimal verheiratet war und mit seiner ersten Frau drei Söhne hatte, starb am 19. Jänner 1998 in Wien. Sein Grab befindet sich auf dem Ottakringer Friedhof. Angesprochen auf die vielfältigen musikalischen Rollen, in die er im Laufe seines Lebens geschlüpft war, meinte er in einem 1975 erschienenen Zeitungsartikel: „Ich brauche keine Riesenrollen. Ich weiß auch, daß ich in der Oper, in der Schlagerbranche und ebenso unter den Sängern von Volks- und Wienerliedern nie der große Star sein werde. Ich will nur singen – und wenn ich mir zu dem Zweck noch zehn Namen zulegen müßte!“


Literatur : Der Vollklang, Austroton Beratungs- und Informationsdienst 7, 1955, Nr. 1, S. 3; M. Kornberger, in: Österreichisches Musiklexikon (ÖML, Internet-Ausgabe, s. unter Heppe); Privatarchiv Helga Heppe, Wien.


(Hubert Bergmann)


Wir möchten uns bei Helga Heppe (Wien) herzlich für die Bereitstellung von Bildern und Unterlagen bedanken.

Eintrag zur Song-Contest-Vorausscheidung 1957 in Heppes Auftrittsbuch (© Helga Heppe)
Der Große Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt a. M. (© Hubert Bergmann)
Das Nebeneinander dieser Namen auf einer Konzerteinladung aus 1954 entlockt – zumindest Song-Contest-Aficionados... – 2015 unwillkürlich ein Schmunzeln ... (© Helga Heppe)