Biographie des Monats März 2018

„Man kann die Kugel nicht neu erfinden, aber man kann sie runder machen.“ – Friedrich Schächter und die Erfindung des Weltraum-Kugelschreibers.

Friedrich Schächter, um 1990 (© Melitta Matoušek, Wien)

Täglich werden etwa 50 Millionen Kugelschreiber weltweit produziert, mindestens 30 Millionen davon auf Produktionsmaschinen, die Friedrich Schächter entwickelte oder die mithilfe seiner Universal Write Test Machine geprüft wurden. Der am 26. April 1924 geborene Wiener zählt zu jenen ungefähr 130.000 Österreicherinnen und Österreichern, die nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland im März 1938 fliehen mussten.

Kindheit in Wien

Friedrich Schächters Eltern, Ruben Schächter und seine Frau Bertha, geborene Weingeist, führten in der Thaliastraße in Ottakring das gutgehende Lederbekleidungsgeschäft „Thalia“. Sie bewohnten mit ihren Kindern Edith, geboren 1920, und Fritz eine Wohnung im Haus Schmalzhofgasse 9 Ecke Hirschengasse in Mariahilf.

Friedrich Schächter besuchte nach der Volksschule in der Corneliusgasse das Esterhazy-Realgymnasium, das er wegen seiner jüdischen Abstammung noch vor dem Abschluss der vierten Klasse verlassen musste. Von September 1938 bis April 1939 lernte er beim Wiener Graphiker Victor Theodor Slama und half unter anderem beim Herstellen großer Filmplakate für das Apollo-Kino in Mariahilf. In ihm reifte früh der Wunsch, Kunstmaler zu werden.

Schächters Eltern schätzten wie viele die zunehmenden Übergriffe auf jüdische Mitbürger und den Ernst der Lage falsch ein. Im Juni 1938 wurde Ruben Schächter verhaftet, ins Konzentrationslager Dachau und von dort im September als „politischer Jude“ weiter nach Buchenwald deportiert. Das Ledergeschäft wurde enteignet und von kommissarischen Verwaltern übernommen. Im Jänner 1939 kam Ruben Schächter aus Dachau frei – unter der Bedingung, Österreich binnen drei Tagen zu verlassen. Die Wiener Wohnung wurde den Schächters weggenommen; Bertha Schächter und ihre Kinder fanden vorerst bei einem Freund der Familie Unterschlupf. Die Tochter Edith entkam im März 1939 mit einem „household permit“ nach England, wo sie als Hausgehilfin arbeitete, bis sie in die USA emigrierte. Fritz Schächter sollte seine Schwester erst viele Jahre nach dem Krieg wiedersehen. Bertha Schächter konnte sich als Begleiterin eines der letzten Kindertransporte kurz vor Kriegsausbruch nach England retten. Mit einem Visum für Barbados erreichte Ruben Schächter von Hamburg aus auf der MS Königstein gemeinsam mit anderen jüdischen Familien die Karibik, wo sich das Dokument allerdings als ungültig erwies. Der Kapitän des Schiffs, Alfred Leidig, kreuzte solange in der Karibik, bis sich die Regierung Venezuelas bereit erklärte, die Flüchtlinge aufzunehmen. Ruben Schächter sah seine Familie nicht wieder und verstarb 1943 in seinem Fluchtland.

Im Exil in Schweden

Ein Nachbar – als Zeuge Jehovas selbst bedroht – gab Bertha Schächter den Hinweis auf die Kindertransporte, die u. a. nach Schweden gingen. Fritz Schächter konnte mit Hilfe der Israelitischen Kultusgemeinde im April 1939 mit dem Zug Wien in Richtung Malmö verlassen. In Schweden kümmerte sich die jüdische Gemeinde um die Angekommenen: Sie kamen vorerst bei Gastfamilien unter. Die Flüchtlinge wurden angehalten, kleine Jobs anzunehmen, um einen eigenen Beitrag zu ihrem Lebensunterhalt zu leisten. Wie viele andere gerettete Jugendliche bekam Fritz Schächter keine Möglichkeit mehr, eine Schule zu besuchen und die Matura abzulegen. Er verrichtete Hilfsarbeiten, ohne dabei sein großes Ziel, Maler zu werden, aus den Augen zu verlieren. U. a. verdiente er als Reklamezeichner einer Druckerei oder in einem Fotogeschäft mit Filmeentwickeln etwas Geld. Neben seiner Erwerbstätigkeit nahm er Malunterricht bei renommierten Künstlern wie Isaac Grünewald und Ragnar Sandberg oder dem ebenfalls emigrierten Hugo Steiner-Prag, der in Stockholm die Skola för Bok- och Reklamkonst leitete.

Bei Ballograf Verken in Göteborg

Als nach dem Krieg die ersten Bíró-Kugelschreiber, eine Erfindung des nach Argentinien emigrierten Ungarn László József Bíró, in Schweden auf den Markt kamen, wurden sie rasch populär. Aber sie waren teuer und qualitativ nicht zufriedenstellend: Es gab in der Schreibspur Auslassungen, Verdickungen und Patzer, die Tinte tropfte heraus und die Kugel fiel oft aus der Spitze. Auf Anregung des Unternehmers Eugen Spitzer und des Architekten und späteren österreichischen Generalkonsuls Victor Reich stellte der auffallend begabte Fritz Schächter Überlegungen zur Produktion eines besseren Kugelschreibers zu einem günstigeren Preis an. Doch „mein Wissen um mechanische Dinge beschränkte sich damals auf eine Freundschaft mit einem Fahrradreparateur“, so Schächter in einem von ihm verfassten Lebenslauf. 1948 begründeten die zwei emigrierten Wiener Victor Reich und Eugen Spitzer die Firma Ballograf Verken AB in Göteborg.
Friedrich Schächter war aufgrund seiner gelungenen Prototypen von Juli 1949 bis 1951 technischer Entwicklungsleiter des Unternehmens und leistete einen erheblichen Beitrag zur Erfolgsgeschichte des Ballograf-Stiftes. Nach ersten Versuchen auf einer kleinen Drehbank eines Göteborger Freundes gelang es ihm bereits nach 6 Wochen, erste Probeexemplare von Kugelschreiberspitzen zu erzeugen, die besser als die damals marktüblichen waren. 1950 meldete Schächter in Schweden seine ersten zwei Kugelschreiber-Patente, „Skrivspets“ und „Reservoar penna med elastic tubformig bläckbehållare“, an und erfand gemeinsam mit Eugen Spitzer eine licht- und dokumentenechte Tinte. Mit der Patronenspitze aus rostfreiem Stahl gelang eine Sensation. Die Ballograf Verken stellten täglich rund 150.000 Kugelschreiber her und exportierten 70 Prozent davon in 72 Länder. 1952 wurde die Marke Ballograf in Österreich, der Schweiz und Holland eingeführt. 1959 übernahm die französische BIC Group die Ballograf Verken AB. Noch heute ist Ballograf der führende schwedische Schreibgerätehersteller.

In Kalifornien

Über 100 Patente dokumentieren Schächters Kreativität. Er war ein Perfektionist, deshalb war ihm die Innovation von Messgeräten ein besonderes Anliegen: „Es kann nur so genau produziert werden, wie man messen kann.“ Friedrich Schächter entwarf und optimierte in der Folge Massenprodukte sowie deren Produktionsmaschinen, vor allem Kugelschreiber, Feuerzeuge und Rasierer für den BIC-Konzern. Seine populärste Erfindung ist der sogenannte „Weltraum-Kugelschreiber“ (Fisher Space Pen), den er für und mit dem vielseitigen Kugelschreiberfabrikanten Paul C. Fisher entwickelte. Damit konnten space pen Besitzer auf dem Rücken liegend Kreuzworträtsel lösen.
1953 zog Schächter in die USA und wurde Leiter der Abteilung „Research and Development“ bei Paper Mate in Culver City, Kalifornien, wo ihn Walter Spatz, Designer bei Paper Mate, 1956 mit Paul C. Fisher bekannt machte. Schächter und Fisher hatten die gleiche Vision von einem perfekten Kugelschreiber und koordinierten während des folgenden Jahrzehnts ihre Kreativität. Schächter arbeitete als selbstständiger Konstrukteur im Auftrag von Ballograf, später auch für die Fisher Pen Company. 1956 erfolgte die Anmeldung seines US-Patents „Spinning tool“, das die Qualität der Kugelschreiberproduktion revolutionierte. Durch diese Erfindung ließ sich ein präziser Ringspalt zwischen der Schreibkugel und seiner Fassung herstellen. Erst dadurch wurden bis heute gültige Schreibstandards erreicht.

Zurück in Europa

1956 kehrte Schächter nach Europa zurück, wo er in Berlin, später in Lugano bei der Firma Toroid die Entwicklung und Erzeugung von Kugelschreiberspitzen vorantrieb. 1962 gründete er in Wien seine Firma MINITEK – Feinmechanische Produkte GmbH, an der der schwedische Investor Per Wenander und ab 1965 Paul C. Fisher beteiligt war. 1971 erwarb der französische Baron Marcel Bich, Mitbegründer des internationalen BIC-Konzerns, die Anteile von Fisher. Bis zum Jahr 2000 optimierte Schächter mit seinem Team sowohl die Produktionsmaschinen als auch die auf ihnen erzeugten BIC-Feuerzeuge, -Rasierer und -Kugelschreiber und trug damit wesentlich zum Welterfolg dieser Marke bei.

Zehn Jahre lang entwickelten Fisher und Schächter gemeinsam den Space Pen, bis 1965 das Patent „Anti-gravity pen“ angemeldet werden konnte. Schächter ermöglichte mit seinen Testgeräten die präzise Verwirklichung ihrer visionären Idee: Die Mine des Weltraum-Kugelschreibers wird am oberen Ende mit einer kleinen Nitrogen-Gaspatrone hermetisch verschlossen. Diese erzeugt konstant 5 atü Druck, wodurch die kaugummiartige Tinte mit einem kleinen Kolben in jeder Lage Richtung Schreibkugel geschoben wird. Fisher steuerte für diese Erfindung die spezielle thixotropische Tinte bei, die sich nur verflüssigt, wenn die Kugel der Mine während des Schreibens über das Papier rollt.
Bevor die NASA dieses Schreibinstrument akzeptierte, mussten eigene Qualitätsprüfverfahren für die Testung entwickelt werden, und Schächter entwarf die Universal Kugelschreiber-Prüfmaschine MINITEK PSU 10. Der Fisher Space Pen wurde von der NASA 1967 unter zahlreichen Schreibstiften ausgewählt und seither von US-Astronauten verwendet. Im Rahmen der UN-Weltraumkonferenz 1968 in Wien übergaben Fisher und Schächter dem Kosmonauten Alexei Leonow, der 1965 als erster Mensch frei im Weltall schwebte, als Freundschaftsgeschenk eine Schachtel mit 50 Space Pens, die von da an auch von russischen Raumfahrern bei ihren Weltraum-Missionen genutzt wurden.
Friedrich Schächter war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Vereinigungen, unter anderem der Forschungsgemeinschaft Ultrapräzisionstechnik am Fraunhofer Institut für Produktionstechnologie in Aachen. Er bekam 1994 das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich sowie 1997 das der Stadt Wien verliehen und wurde 1995 Ehrenbürger der Technischen Universität Wien und auch Träger der Kaplan-Medaille. In seinem Nachlass  sind Maschinenteile und Messapparate sowie über 100 Original-Patente mit dazugehörigen Erläuterungen erhalten.
Friedrich Schächter, der nie eine eigene Familie gründete, jedoch einen großen Bekannten- und Freundeskreis hatte, sammelte Zeit seines Lebens Kunst. Über seine traumatischen Erlebnisse vor und nach dem März 1938 sprach er später kaum. Der österreichische Erfinder starb am 23. Mai 2002 in seiner Geburtsstadt. Sein Grab befindet sich im Ehrenhain des Wiener Zentralfriedhofs und wird von einem Bronze-Monument seines Freundes Gerhard Gutruf geschmückt, das eine aufgeschnittene Kugelschreiberspitze und eine Weltraumrakete mit Engelsflügel darstellt.


Werke: Richtige Selbsteinschätzung – ein wichtiger Schritt zum Erfolg, in: Neue Automatisierungstechniken: Chancen für Klein- und Mittelbetriebe, ed. F. Margulies – G. Hillebrand, 1986.


Literatur: Israelitische Kultusgemeinde, Wien; International Tracing Service, Bad Arolsen, Deutschland; Gothenborg University Library, Gothenburg, Sweden; Riksarkivet, Stockholm, Sweden; Yad Vashem Archives, Jerusalem, Israel.

www.friedrich-schächter.at (Zugriff: 13. 2. 2018);
https://www.ballograf-werbekugelschreiber.at/ueber-uns/ (Zugriff: 13. 2. 2018);
https://austria-forum.org/af/Biographien/Sch%C3%A4chter%2C_Friedrich (Zugriff: 13. 2. 2018)
https://www.mediathek.at/atom/02502E09-03D-00130-00000A1C-024F56D4 (Zugriff: 13. 2. 2018)

Mitteilung Edith Schmitz, verstorben 2016, Viveka Slama-Kern, Wien, und Thomas Megeth, Wiener Neudorf.

(Melitta Matoušek)

Friedrich Schächter an der Kugelschreiberprüfmaschine PSU 10, um 1965 (© Melitta Matoušek, Wien)
Familie Schächter, 1934 (© Melitta Matoušek, Wien)
Das Patent „Spinner Head“, 1964 (© Melitta Matoušek, Wien)
Friedrich Schächter an einer Produktionsmaschine, um 1985 (© Melitta Matoušek, Wien)
Schächter-Monument, Brozeguss, Edelstahl,
h: 160 cm, 2003/04 (© Gerhard Gutruf)