Biographie des Monats Dezember 2018

Max Neuburger, der Begründer des Fachs Geschichte der Medizin in Wien – zum 150. Geburtstag

Potrait Max Neuburger 1937
(c) wikimedia

Dass die Medizingeschichte in Wien lange Zeit als internationales Aushängeschild galt, hat sie insbesondere einem Mann zu verdanken – Max Neuburger. Er hat nicht nur das Institut für Geschichte der Medizin in Wien begründet und damit eine bedeutende Stätte wissenschaftlicher Lehre und Forschung geschaffen, die rasch internationale Nachahmung erfuhr, sondern auch durch umfangreiches Quellenstudium die Zusammenhänge der Medizingeschichte mit den allgemeinen kulturellen, sozialen und politischen Entwicklungen zu deuten gewusst.

Max Neuburger erblickte am 8. Dezember 1868 als Sohn des ursprünglich aus München stammenden jüdischen Kaufmanns Ferdinand Max Neuburger (1831-1914) und der aus Hamburg gebürtigen Helene Neuburger, geb. Defflis (geb. um 1838), in Wien das Licht der Welt. Nach dem Besuch des Staatsgymnasiums in Wien 8 studierte er ab 1887 Medizin an der Universität seiner Heimatstadt, wo er 1893 zum Dr. med. promoviert wurde. Seit seiner Jugend interessierte er sich auch für Philosophie und erwarb sich fundierte Kenntnisse der griechischen und lateinischen Sprache sowie der deutschen Literaturgeschichte. Seine medizinische Karriere begann er 1894 als Sekundararzt im Rudolfspital, wechselte Ende 1895 an die Wiener Allgemeine Poliklinik, wo er 1897-1904 als Assistent an der neurologischen Abteilung bei Moritz Benedikt wirkte. Später eröffnete er eine eigene Praxis in Wien. 1906 heiratete er die konfessionslose Buchdruckertochter Johanna Conrad (um 1878-1930), mit der er zwei Söhne hatte, den Röntgenologen und Physiker Camillo Maximilian Neuburger (1900-um1980) sowie den Hals-Nasen-Ohrenarzt Friedrich (Fritz) Neuburger (1908-2002).

Neben seiner ärztlichen Tätigkeit als Neurologe galt Neuburgers Interesse der Geschichte der Medizin. Als Schüler Theodor Puschmanns habilitierte er sich mit der Arbeit „Die historische Entwicklung der experimentellen Gehirn- und Rückenmarksphysiologie vor Flourens“ 1898 für dieses Fach. 1904 wurde er zum außerordentlichen, 1912 zum Titular-Professor und 1917 zum ordentlichen Professor ernannt. Im letztgenannten Jahr erwarb er auch das philosophische Doktorat an der Universität Wien.

Die Gründung des Instituts für Geschichte der Medizin

Max Neuburgers Name ist eng verbunden mit der Etablierung eines Instituts für Geschichte der Medizin in Wien. 1905 verfasste er zunächst gemeinsam mit Robert Ritter von Töply einen „Motivenbericht zum Antrag auf Errichtung eines Instituts für medizinische Geschichtsforschung“. Auf diese Initiative hin genehmigte das Ministerium für Kultus und Unterricht im Juli 1906 die Errichtung eines solchen Instituts. Daraufhin begann Neuburger intensiv Fotografien, Gemälde und Aquarelle, die den Grundstein des heutigen Bildarchivs des Josephinums bildeten, sowie Instrumentarien und andere Ausstellungsobjekte für diese im Entstehen begriffene Einrichtung zu sammeln. Die offizielle Gründung des Instituts für Geschichte der Medizin erfolgte 1914. Es war zunächst provisorisch in Räumlichkeiten der I. medizinischen Klinik untergebracht. Julius Tandler, damals Unterstaatssekretär für das Volksgesundheitsamt, machte sich für einen eigenen Standort stark, und so konnten 1920 die Räumlichkeiten im Gebäude der ehemaligen Medizinisch-Chirurgischen Josephs-Akademie bezogen werden, wo das Institut noch heute beheimatet ist. Dadurch gelang es Neuburger auch seine gesammelten Bestände mit jenen der ehemaligen Josephs-Akademie zu vereinen und die (inter)nationale Reputation dieser Einrichtung zu fördern. Neuburger stieß dabei allerdings nicht immer nur auf Wohlwollen. Vieler seiner Medizinerkollegen belächelten die Beschäftigung mit der Geschichte ihres Faches, an Studenten hatte er meist nur vier bis fünf pro Veranstaltung, manchmal sogar nur einen einzigen.

Neuburger leitete das Institut bis zu seiner aus Einsparungsgründen erfolgten Zwangspensionierung Anfang April 1934. Danach wirkte er noch als Honorarprofessor ohne Lehrkanzel bis zu seiner aus rassistischen Gründen veranlassten offiziellen Entlassung im April 1938. Im August 1939 emigrierte er völlig mittellos nach London, wo er am Wellcome Historical Medical Museum eine Anstellung als Medizinhistoriker erhielt. 1948 zog er zu seinem Sohn Fritz in die USA und übernahm eine Professorenstelle an der University of Buffalo. 1952 kehrte er nach Wien zurück, wo er am 15. März 1955 starb.

Die Sammlung „Max Neuburger“ als Basis der „Neuburger Lesky Bibliothek“

Das Josephinum enthält eine Reihe von Sammlungen unterschiedlichster Art, darunter umfassende Bibliotheken von Privatpersonen, Archivalien sowie Bildmaterial, die die Entwicklung der Medizin in Wien repräsentieren. Max Neuburger selbst war ab 1906 nicht nur damit beschäftigt, die bereits oben erwähnten Schauobjekte für das Institut für Geschichte der Medizin zu lukrieren, sondern auch Fachbücher zum Thema Medizingeschichte zu sammeln. Unterstützung erhielt er dabei von der Gesellschaft der Ärzte, die ihm 415 Doubletten ihrer medizinhistorischen Bibliothek zur Verfügung stellte. Darüber hinaus bereicherte Neuburger die Institutsbibliothek aber auch mehrmals mit Schenkungen medizinhistorischer Bücher aus seinen eigenen Bibliotheksbeständen. Erstmals spendete er in der Anfangsphase des Instituts zwischen 1906 und 1919 300 Bücher und 700 Separata, die den Kern der noch heute bestehenden medizinhistorischen Zweigbibliothek bildeten. Eine weitere Tranche aus seinem Privatbesitz erfolgte um 1930/31. Von den rund 10.000 Büchern der Bibliothek in den späten 1930er-Jahren stammte daher ein Drittel aus Neuburgers Besitz. Zuletzt kamen nach seiner Rückkehr nach Wien im Jahre 1952 bzw. nach seinem Ableben Bücherbestände aus seiner Privatbibliothek durch seinen Sohn Fritz Neuburger in den heutigen Bibliotheksbestand und bildeten ursprünglich die Sammlung „Max Neuburger“, aus der dann später die Neuburger Lesky Bibliothek wurde.

Max Neuburger als Wissenschaftler

Max Neuburger gilt als einer der wichtigsten Vertreter der kultur- und sozialhistorischen Ausrichtung der Medizingeschichte, die vielfach in der internationalen Historiografie, vor allem in den USA, rezipiert worden war. Er selbst verfasste Arbeiten zur sogenannten Wiener Medizinischen Schule, zu Entwicklungen der Medizin in Österreich, zur arabischen Medizin, aber auch zahlreiche Biografien. Zu seinen bedeutendsten Werken zählt das von Puschmann begründete und gemeinsam mit Julius Pagel herausgegebene „Handbuch der Medizingeschichte“. Ebenfalls erwähnenswert sind „Die Wiener medizinische Schule im Vormärz (1921) und „Das alte medizinische Wien“ (1921). Von seiner „Geschichte der Medizin“ erschienen bedauerlicherweise nur zwei Bände (1906-11), die jedoch ins Englische übersetzt wurden („History of medicine“ 1909-25). Darüber hinaus fungierte Neuburger als Mitherausgeber mehrerer medizinhistorischer Schriftenreihen, darunter die Reihe „Werke der Wiener medizinischen Klassiker“ und schrieb zahlreiche Beiträge für die „Wiener klinische Wochenschrift“ sowie die „Wiener Medizinische Wochenschrift“.

Neuburger war unter anderem korrespondierendes Mitglied der Société Impériale de médecine de Constantinople (ab 1900), der medizinischen Gesellschaft in Athen (ab 1907), der königlichen Akademie in Lissabon (ab 1909), der königlichen Gesellschaft der Aerzte in Budapest (ab 1911) sowie des Aerztlichen Vereins in München (ab 1921). Ab 1898 ordentliches Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien, fungierte er 1901 als Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften, 1906 wurde er zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt, 1920 zum Ehrenmitglied der Society of Medical History in Chicago, 1937 zu jenem der American Association for the History of Medicine. 1902 wurde Neuburger mit dem Ritterkreuz des spanischen Ordens Alphons XII. ausgezeichnet, 1908 wurde er Kommandeur des Ordens Isabella der Katholischen, 1913 Kommandeur II. Klasse des Wasaordens, 1917 erhielt er das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens. Darüber hinaus war er Kommandeur des Phönix-Ordens, erhielt 1935 ein Ehrendoktorat der Universität Madrid und wurde mit dem Hofratstitel geehrt. Seit 2016 werden im Josephinum regelmäßig die Max Neuburger Lectures in Kooperation mit der Arbeitsgruppe Geschichte der Medizin, der Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften abgehalten.


Weitere Werke (siehe auch Bauer-Merinsky): Das Institut für Geschichte der Medizin an der k. k. Universität in Wien, in: Wiener klinische Wochenschrift 27, 1914; Robert Boyle’s Anschauungen ueber die Heilkraft der Natur, in: Archeion 3, 1922; Die Lehre von der Heilkraft der Natur im Wandel der Zeiten, 1926; Beziehungen der Volksmedizin zur wissenschaftlichen Medizin, in: Pharmazeutische Post 66, 1933; Rokitansky als Vorkämpfer der mechanistischen Forschungsmethode und der idealistischen Weltanschauung, in: Wiener klinische Wochenschrift 47, 1934; Die Josephinische medizinisch-chirurgische Akademie (1785-1874), in: Wiener Medizinische Wochenschrift 85, 1935; Das Allgemeine Krankenhaus und die Wiener medizinische Schule, in: Wiener klinische Wochenschrift 48, 1935; Gomez Pereira, ein spanischer Arzt des XVI. Jahrhunderts, in: Archeion 18, 1936; British medicine and the Vienna school …, 1943.


Literatur (Auswahl): Neues Wiener Tagblatt, 24. 11. 1924; Die Presse, 7./8. 12. 1968; Festschrift zur Feier seines 60. Geburtstages am 8. Dezember 1928 Max Neuburger gewidmet, 1928 (mit Bild); Festschrift zum 80. Geburtstag Max Neuburgers, ed. Emanuel Berghoff, 1948 (mit Bild); Die Feierliche Inauguration des Rektors der Wiener Universität für das Studienjahr 1955/56, 1956, S. 44-45; Erna Lesky, Die Wiener medizinische Schule im 19. Jahrhundert, 1965, s. Reg.; Edwin Rosner, Erinnerungen an Max Neuburger, in: Medizinhistorisches Journal 3, 1968, S. 328-332; Judith Bauer-Merinsky, Die Auswirkungen der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich auf die medizinische Fakultät der Universität Wien im Jahre 1938 …, geisteswissenschaftliche Dissertation Wien, 1980, S. 163-165 (mit Werkverzeichnis); Gabriela Schmidt, The medical historiographer Max Neuburger and the Vienna medical faculty, in: Wiener klinische Wochenschrift 105, 1993, S. 737-739; Michael Hubenstorf, Eine „Wiener Schule“ der Medizingeschichte? – Max Neuburger und die vergessene deutschsprachige Medizingeschichte, in: Medizingeschichte und Gesellschaftskritik, 1997, S. 246-289; Heinz Goerke, „Neuburger, Max“, in: Neue Deutsche Biographie 19, 1999, S. 105-106; Die Institutionalisierung der Medizinhistoriographie. Entwicklungslinien vom 19. ins 20. Jahrhundert, ed. Andreas Frewer – Volker Roelcke, 2001, s. Reg.; Josephinum - Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin Universitätsarchiv, Wiener Stadt- und Landesarchiv, alle Wien.


(Daniela Angetter)

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