Biographie des Monats Dezember 2014

Schneekugel und Silvesterguss: der Erfinder Erwin Perzy I.

Erwin Perzy I (Bild in Familienbesitz)

Leise rieselt der Schnee in den Original Wiener Schneekugeln, die seit bald 115 Jahren in einem Hernalser Familienunternehmen erzeugt werden. Die diesmalige Biographie des Monats erinnert an deren Erfinder Erwin Perzy I. Auf ihn geht aber nicht nur das beliebte Mitbringsel und Sammlerstück zurück, sondern auch der „Wiener Silvesterguss“ – eine bis heute gebräuchliche Zinn-Blei-Legierung, die das Bleigießen deutlich vereinfachte.

Eine Zufallsentdeckung

Wie viele andere Erfindungen verdankt auch die Wiener Schneekugel ihre Entstehung einem Zufall. Eigentlich wollte Erwin Perzy, der 1876 als Sohn des Lithografen Josef Kery Perzy (1852–1932) und der Marie, geb. Panek (1855–1920) in Wien-Favoriten zur Welt gekommen war, die Leuchtkraft der Glühlampe verbessern. Den gelernten Chirurgieinstrumentenmechaniker beschäftigte um die Jahrhundertwende die Frage nach einer geeigneten Lichtquelle für Operationssäle. Zu diesem Zweck experimentierte er mit der sogenannten Schusterkugel: Handwerker benutzten solche mit Wasser gefüllten Glaskugeln als Sammellinse, um diffuses Licht von Sonne, Kerze oder Lampe zu bündeln und den Arbeitsplatz gezielt auszuleuchten. Um deren Helligkeit zu verstärken, versetzte Perzy das Wasser zunächst mit Glasspänen. Spätere Versuche mit Grieß, dessen langsames Herabrieseln ihn an Schneefall erinnerte, gaben schließlich den Anstoß zum Bau der ersten Schneekugel.

Perzy hatte schon seit seiner Kindheit ein besonderes Faible für Spielzeug, das er auch selbst entwarf. Für einen Freund fertigte er zudem Miniaturen der Mariazeller Basilika an, die dieser als Souvenir an Wallfahrer verkaufte. Der Gedanke lag also nahe, beides – Schneekugel und Miniatur – miteinander zu verbinden. Die Herstellung bedurfte zwar einer mehrjährigen Testphase, doch die Prototypen gefielen so sehr, dass Perzy sich zusammen mit seinem Bruder Ludwig (1879–1964) auf die serienmäßige Produktion verlegte. Ludwig Perzy übernahm den Part des Geschäftsmanns, und so erfolgte 1905 die offizielle Unternehmensgründung. Im Jahr darauf scheint Ludwig Perzy erstmals als Spielereiwarenerzeuger im Branchenverzeichnis des „Lehmann“ auf. Der Firmensitz war anfangs im 10. Bezirk, Steudelgasse 13, wechselte dann jedoch und befand sich ab etwa 1920 in der Schumanngasse im 17. Bezirk, wo die Kugeln noch heute, fast an derselben Adresse, erzeugt werden.

Erwin Perzy ließ sich seine „Glaskugel mit Schnee-Effekt“ patentieren und erhielt schon 1908 eine Auszeichnung: das Ehren-Diplom und die Bronze-Ausstellungs-Medaille auf der Jubiläums-Mode-Ausstellung in Wien. Um 1920 entschloss er sich, die Schneekugeln in verschiedenen Größen, mit 20, 40 und 60 mm Durchmesser, zu bauen. In den 1920er-Jahren wurden diese dann bis nach Indien exportiert. Erwin Perzy I brachte es mit seiner Erfindung zu einigem Wohlstand. Er starb am 18. Februar 1960.

Schneegestöber nach Rezept

Hatte sich Erwin Perzy I bezüglich des Innenlebens seiner Schneekugeln noch auf Kirchenmodelle beschränkt, so begann sein Sohn und Nachfolger nach dem 2. Weltkrieg mit der Entwicklung neuer Motive: Erwin Perzy II (geb. Wien, 19. Oktober 1919; gest. ebd., 8. Februar 1989) brachte erstmals Kugeln mit weihnachtlichem Inhalt auf den Markt und kreierte einen Miniaturschneemann, der heute als Firmenlogo Verwendung findet. Erwin Perzy II stellte auf der Nürnberger Spielwarenmesse aus und knüpfte erste Geschäftskontakte in die USA – heute einer der wichtigsten Absatzmärkte des Unternehmens. Ihm folgte schließlich Erwin Perzy III, der Enkel des Erfinders, nach, der den Betrieb gegenwärtig leitet und sich ebenfalls der Entwicklung immer neuer Formen verschrieben hat.

Während die Kugeln nach wie vor aus Glas gefertigt werden, rieselt in ihrem Inneren längst nicht mehr Grieß, sondern eine Mischung aus Wachs und Kunststoff, deren „Rezeptur“ jedoch Firmengeheimnis bleibt. Schließlich steckt ein gehöriges Maß an Entwicklungsarbeit hinter der optimalen Schneebeschaffenheit: Die Flocken dürfen nicht einfach plump zu Boden sinken, sondern sollen eine Weile durch die „Luft“ (in diesem Fall zusatzfreies Hochquellwasser) wirbeln. In den Original Wiener Schneekugeln hält das Schneegestöber – je nach Größe – bis zu zwei Minuten an.

Heile Welt en miniature

Ihr Hoch erleben die Schneekugeln alljährlich um die Weihnachtszeit, etwa als beliebte Adventmarktware, doch ihr filigraner Inhalt ist nicht ausschließlich winterlicher Natur. Ihr Reiz scheint gerade auch darin zu liegen, dass sie zusammenbringen, was nicht zusammengehört: Friedlich senkt sich synthetischer Schnee gleichermaßen auf Guglhupf, Ballerina, Teddy oder Kaiserin Elisabeth. Neben Glückssymbolen, Wahrzeichen wie Uhrturm, Riesenrad und dem besonders in Japan sehr beliebten Stephansdom gehören viele weitere Motive zum Angebot. Auf Wunsch werden Sonderanfertigungen hergestellt, von denen etliche im Schneekugelmuseum im 17. Wiener Gemeindebezirk zu sehen sind. Eine von ihnen enthält beispielsweise die Miniatur der Behandlungscouch Sigmund Freuds (mit orangeroten und gelben Flocken), während es in der für Bill Clinton entworfenen Kugel Originalkonfetti von seiner Amtseinführungsparade „schneit“. Auch eine Tochter von US-Präsident Obama, Ex-Präsident George W. Bush und andere Prominente besitzen solche mit individuellen Details ausgestatteten Schneekugeln.

Der Wiener Silvesterguss

Dass der alte Brauch des Bleigießens heute deutlich komfortabler und vor allem zeitsparender gepflegt werden kann, ist ebenfalls dem Entdeckergeist Erwin Perzys I zu verdanken. Das langwierige Schmelzen von Bleiresten, die das Jahr über im Haushalt angefallen oder in Form von Schrotkugeln dem erlegten Wildbret entnommen worden waren, beschleunigte er durch Hinzufügen von Zinn. Die von ihm erdachte Zinn-Blei-Legierung wird noch heute verwendet und im Familienunternehmen produziert. Erwin Perzy I war es auch, der der Silvestergussware ihre Form verlieh, nämlich die eines Glücksbringers: Ein im Hohlguss erzeugter Hufeisenstollen machte den Anfang


Literatur: U. Ludewig, Die Schneekugel, das vollklimatisierte Reiseandenken. Mit Beiträgen von R. Dragstra und G. Ludewig, 1983; F. Zauner, Wie man durch Schütteln rührt, in: NZZ Folio, Dezember 2003; E. Perzy, Die Geschichte der Wiener Schneekugel, 2. Aufl. 2010; Archiv der Wirtschaftskammer Österreich, Wien; mündliche Mitteilung Erwin Perzy III, Wien.

(Eva Offenthaler)


Original Wiener Schneekugelmanufaktur

Wiener Schneekugelmuseum

BBC News-Beitrag mit Erwin Perzy III über die Geschichte der Schneekugel


Wir danken Herrn Erwin Perzy für das ausführliche Gespräch über die Firmengeschichte.

Erwin Perzy I als junger Mann (Foto in Familienbesitz)
Älteste Schneekugel im Wiener Schneekugelmuseum, ca. 1920 (© ÖBL)
Alte Gussform, Stephansdom (© ÖBL)
Aus dem Wiener Schneekugelmuseum (© ÖBL)