Eine Kulturgeschichte der Gefälligkeiten im osmanischen Europa: Thematisierung, Problematisierung, Skandalisierung


Angestoßen durch ein unverkennbares politisches Interesse und ein erhöhtes öffentliches Problembewusstsein, geraten die regional- und kulturspezifischen Praktiken von Korruption zunehmend in den Blick der Forschung. Was den europäischen Südosten anbelangt, existieren jedoch kaum Studien, die sich historisch mit dem Phänomen befassen. Dies verwundert angesichts der Annahme, die allgegenwärtig wahrgenommene Bestechungspraxis sei eine Hinterlassenschaft der „Türkenherrschaft“, die in den Gesellschaften Südosteuropas beinahe den Status eines Glaubenssatzes einnimmt.

Im Rahmen des Vorhabens wird zunächst mit den Mitteln der historischen Semantik danach gefragt, wann und wie Gefälligkeiten überhaupt zum Gegenstand der Reflexion und Kritik wurden. Voraussetzung hierfür scheint die gesellschaftliche Selbstthematisierung bezüglich der normativen Grundlagen zu sein, die im Laufe des 18. Jahrhunderts, durchaus einem gesamteuropäischen Trend folgend, greifbar wird. Anhand von Rechtsquellen und diplomatischen Korrespondenzen sowie unter Heranziehung politischer, ökonomischer und landeskundlicher Literatur wird untersucht, wie Gefälligkeitspraktiken – eingebettet in einen Diskurs über das „gute Regieren“ in Recht und Verwaltung – thematisiert, neu bewertet oder gar skandalisiert werden (siehe Abb.). Die Beschäftigung mit Korruption – als Diskurs und Praxis – verspricht daher einen besonders produktiven Zugang, um den Umbruchcharakter einer Epoche zu erfassen, in der traditionelle Aushandlungsformen und Neuerungsansprüche spannungsreich nebeneinander bestanden.