Biographie des Monats September 2017

Anna Schapire – vielseitige Publizistin, vergessene Feministin

Anonym, Anna Schapire, undatiert (© Burcu Dogramaci - Günther Sandner [Hg.], Rosa und Anna Schapire ..., Berlin: AvivA Verlag 2017, S. 7)

Der 13. September 2017 ist der 140. Geburtstag von Anna Schapire-Neurath. Ihre intellektuelle Biographie besticht vor allem durch ihre Vielseitigkeit. Die aus Brody in Galizien stammende Frau, die in zahlreichen europäischen Städten gelebt und gearbeitet hat, war Sozial- und Literaturwissenschaftlerin, aber auch Prosaautorin und Lyrikerin. Sie übersetzte zudem aus nicht weniger als vier Sprachen ins Deutsche. Als Jüdin, als Frau, als Sozialistin und als Feministin hatte sie um die Jahrhundertwende aber auch viele Widerstände zu überwinden. Nach ihrem frühen Tod war sie bald vergessen. Erst vor wenigen Monaten erschien erstmals ein Buch, das sich mit ihrem Werk und ihrem Leben befasst.

Am 6. Januar 1898 sprach eine kämpferisch gesinnte junge Frau bei der Mitgliederversammlung des Verbandes der deutschen Handelsgehülfen und Gehülfinnen in Hamburg. „‘Gleicher Lohn für gleiche Arbeit‘, führte sie aus, „ist der Schlachtruf der gleich dem Mann um ihre Existenz ringenden Frau“. Sie forderte eine gleiche Ausbildung, eine gleich lange Lehrzeit, und damit Chancengleichheit für Männer und Frauen im Handelsgewerbe. Die erst 20-jährige Anna Schapire stand wie auch ihre Schwester Rosa zu diesem Zeitpunkt bereits unter Beobachtung der politischen Polizei. Diese vermerkte schon ein Jahr davor knapp und unzweideutig in einem internen Bericht: „Im Auge behalten. Bei der geringsten Veranlassung beide ausweisen“.

Anna Schapire wurde am 13. September 1877 in Brody in Galizien als fünfte und letzte Tochter des Kaufmanns Anselm und der Gutsbesitzerin Agathe Schapire (geb. Lothringer) geboren. Es war eine säkular, an Bildung orientierte jüdische Familie, die ihre Töchter von einer deutschen Hauslehrerin unterrichten ließ. Mitte der 1890er-Jahre zogen die Schapires nach Hamburg, wo Anna zunächst eine Handelsschule besuchte und danach als Kontoristin bei der Edison-Gesellschaft zu arbeiten begann. Schon bald wurde sie als gewerkschaftliche Funktionärin und als politische Publizistin aktiv. 1898 veröffentlichte sie in Karl Kautskys sozialdemokratischem Theoriejournal Die Neue Zeit eine kritische Rezension des Buches Mißbrauchte Frauenkraft von Ellen Key. Mit der berühmten schwedischen Reformpädagogin ging sie dabei hart ins Gericht und wies vor allem deren Unterscheidung der Kultur in eine weibliche des Gefühls und eine männliche des Verstands vehement zurück. Entscheidend für das Gefühlsleben, so argumentierte sie, seien nicht natürliche Geschlechterunterschiede, sondern die ökonomischen Verhältnisse. Anna Schapire verstand sich damals nicht nur als Feministin, sondern auch als Marxistin.

Die politische Polizei, die Versammlungen und Demonstrationen dokumentierte und Flugblätter und Zeitschriften auswertete, hatte schon bald genügend belastendes Material gegen sie. Unter anderem fand sie von Anna Schapire verfasste Flugblätter der streikenden Bäckergesellen. Kurzerhand wies sie die junge Frau im Juli 1898 aus Hamburg aus. Nur einmal durfte sie noch für einen zeitlich begrenzten Aufenthalt zurück, um ihren kranken Vater zu pflegen – spätere Anfragen werden abschlägig beschieden. Beim Tod ihres Vaters – er starb 1904 in einer „Irrenanstalt“ – war sie daher nicht anwesend.

Nach ihrer Ausweisung ging sie zunächst zu Verwandten nach Wien. Dort hielt sie in den folgenden Jahren auch immer wieder Vorträge, zumeist auf Einladung von sozialdemokratischen Organisationen und Frauenvereinen. Sie wurde zu einem Bestandteil des intellektuellen und literarischen Lebens der Donaumetropole. Im Jahr 1902 taucht sie als „philosophietreibende Russin“ in den Tagebüchern von Arthur Schnitzler auf, mit dem sie sich wiederholt getroffen hatte. Neben ihren Publikationen und Vortragstätigkeiten widmete sie sich aber vor allem dem Studium.

Ihre Studienkarriere war nicht nur von ihren vielseitigen Interessen, sondern auch von den restriktiven Bedingungen für Frauen geprägt, denen an vielen Universitäten weder ein ordentliches Studium noch ein Studienabschluss möglich war. Dieser Umstand bedingte auch den häufigen Wechsel von Studienorten. Schapire studierte schließlich ab 1900 Literatur, Philosophie und Ökonomie in Paris, Wien, Berlin und Bern, wo sie 1906 mit einem politischen Thema, Der Arbeiterschutz und die Parteien im deutschen Reichstag, dissertierte und mit „summa cum laude“ promovierte. Ihr Betreuer war der bekannte Ökonom August Oncken. „In übersichtlicher Weise“, so heißt es in dem handschriftlichen Gutachten, „wird die Haltung von vier Hauptparteien des deutschen Reichstages zur socialen Frage, Centrum, Konservative, Liberale, Socialdemokratische Partei, zu den verschiedenen Entwicklungsphasen (der Arbeiterschutzgesetzgebung, G. S.) geschildert.“ Die Dissertation selbst ist leider verschwunden.

Im November 1907 heiratete Anna Schapire den um über fünf Jahre jüngeren Otto Neurath. Die beiden hatten sich schon vor Jahren kennengelernt und waren längst ein Paar. Neurath war damals gerade Lehrer an einer Handelsakademie geworden und in erster Linie als Ökonom bekannt, seine große Zeit als „Anti-Philosoph“ im legendären Wiener Kreis und als Direktor des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien folgte erst später. Schapire – sie zeichnete ab nun ihre Publikationen als Anna Schapire-Neurath – lebte in den folgenden Jahren als Übersetzerin und Journalistin, als Prosaautorin und Lyrikerin, als Sozialwissenschaftlerin, Literaturwissenschaftlerin und feministische Publizistin in Wien und in Klosterneuburg. Der Einfluss, den die wissenschaftlich und vor allem politisch äußerst versierte Frau auf ihren jüngeren Lebensgefährten und Mann nahm, blieb bisher weitgehend unbemerkt.

Ihr publizistisches Gesamtwerk, das in einem Zeitraum von nur knapp 14 Jahren entstand, ist beeindruckend vielseitig. Sie veröffentlichte einen Gedichtband („Singende Bilder“, 1903) und zahlreiche Erzählungen, in denen sie auch ihr Herkunftsmilieu, das jüdische Galizien, reflektierte. Im Zentrum ihrer literarischen Texte standen fast immer Frauen. Unermüdlich war sie zudem als Übersetzerin aktiv und übertrug Literatur und wissenschaftliche Texte aus dem Russischen, Polnischen, Englischen und Französischen ins Deutsche. Darüber hinaus verfasste sie kleinere Bücher über Leo Tolstoi und Friedrich Hebbel. In ihren sozialwissenschaftlichen Arbeiten wie auch in ihrer politischen Publizistik dominierte hingegen das Frauenthema. Sie rezensierte kritisch, aber immer sachlich antifeministische Arbeiten von Othmar Spann, Werner Sombart oder Max von Gruber und publizierte häufig zu sozialpolitischen Themen der Frauenpolitik. „Die Frau und die Sozialpolitik“, „Über Wöchnerinnenschutz“ oder „Berufsarbeit der verheirateten Frau“ hießen einige ihrer Arbeiten. Zudem begann sie eine auf mehrere Bände angelegte Geschichte der Frauenbewegung, die sie jedoch nicht mehr fertigstellen konnte.

Trotz dieser vielen thematischen Arbeitsbereiche blieb Anna Schapire im öffentlichen Leben ihrer Zeit aber immer eine Außenseiterin: als Frau, als Jüdin, als Feministin und als Sozialistin. Sie verfügte auch über keine institutionelle Einbindung, vertrat keine Organisation und war in keiner Zeitschriftenredaktion tätig. Sie war nur kurz Beisitzerin im Verband der Handelsgehülfen und Handelsgehülfinnen in Hamburg gewesen und auch eine Mitgliedschaft im Frauenverein Diskutierklub in Wien ist nachgewiesen. In erster Linie blieb sie aber eine Einzelkämpferin, die immer freiberuflich tätig war und keine feste Anstellung erhalten konnte. Davon zeugen auch die wenigen Briefe, die wir von ihr kennen. Immer wieder bot sie ihre Arbeiten verschiedenen Zeitschriften und Verlagen an, oft genug erhielt sie Absagen. Versuche, mehr soziale Sicherheit zu bekommen, hat es freilich gegeben. Als sie sich im September 1906 in Wien als wissenschaftliche Hilfskraft (!) an der Kaiserlich-Königlichen Hofbibliothek bewarb, erhielt sie eine Absage: Frauen, so hieß es, seien dort als Beamtinnen grundsätzlich nicht zugelassen.

Am 22. November 1911 starb Anna Schapire unerwartet und plötzlich mit nur 34 Jahren an den Folgen der Geburt ihres einzigen Kindes, ihres Sohnes Paul Neurath. Von einer bereits verheilt geglaubten Venenentzündung drangen Blutgerinnsel ins Gehirn, auch eine sofort eingeleitete Operation konnte sie nicht mehr retten. „Der beste Teil meiner Existenz ist so dahin“, schrieb der verzweifelte Otto Neurath an seinen väterlichen Freund, den deutschen Soziologen Ferdinand Tönnies. Er wollte nun in Wien „alle Brücken abbrechen“. Zu diesem Abbruch kam es freilich erst viel später als der nunmehrige Sozialist Neurath im Jahr 1934 vor Diktatur und politischer Verfolgung aus seiner Heimat fliehen musste.

Anna Schapire aber wurde bereits kurz nach ihrem Tod vergessen. Vor allem in Frauenzeitschriften gab es einige wenige Nachrufe auf sie. Erst im Mai 2017 erschien das bisher einzige Buch, das sich umfassend mit dem Leben und Werk von ihr und ihrer Schwester Rosa auseinandersetzt.


Weitere Werke: Die Ausbildung der Kontoristinnen, in: Handelsgehülfen-Blatt, Bd. 2, 20.1. 1898, H. 14, 2-3; Mißbrauchte Frauenkraft!, in: Die Neue Zeit. Revue des geistigen und öffentlichen Lebens, Bd. 16, 2, 1898, H. 43, 535-537; Singende Bilder, Dresden: Pierson‘s 1903; Die Frau und die Sozialpolitik, Gautzsch bei Leipzig: Dietrich 1908; Abriß einer Geschichte der Frauenbewegung. Teil 1. Die Vorgeschichte der modernen Frauenbewegung im achtzehnten Jahrhundert. Gautzsch bei Leipzig: Dietrich 1909; Abriß einer Geschichte der Frauenbewegung. Teil 2. Die Frauenfrage um Zeitalter der französischen Revolution. Gautzsch bei Leipzig: Dietrich 1909; Leo Tolstoi, Leipzig 1909; Friedrich Hebbel, Leipzig: Teubner 1909.


Literatur: Rosa und Anna Schapire – Sozialwissenschaft, Kunstgeschichte und Feminismus um 1900, ed. Burcu Dogramaci - Günther Sandner, Berlin: AvivA 2017 (mit Bibliographie); Günther Sandner, Otto Neurath. Eine politische Biographie. Wien: Zsolnay 2014.

(Günther Sandner)

 

Buchcover
Anonym, Otto Neurath und Anna Schapire, um 1906 (© Burcu Dogramaci - Günther Sandner [Hg.], Rosa und Anna Schapire ..., Berlin: AvivA Verlag 2017, S. 8)
Anonym, Otto Neurath und Anna Schapire, um 1906 (© Burcu Dogramaci - Günther Sandner [Hg.], Rosa und Anna Schapire ..., Berlin: AvivA Verlag 2017, S. 8)