Gemeinsames Österreichisch-Tschechisches Geschichtsbuch

20 Historikerinnen und Historiker arbeiten an einer Geschichte beider Länder, die öffentliche Debattenreihe wird am 1. März 2016 in Prag fortgesetzt.

 

Eine Geschichte, zwei Deutungen - immer wieder ist dieser Satz zu hören, wenn über das Verhältnis zwischen Österreich und Tschechien diskutiert wird. Und wirklich: Beide Länder verbindet bis ins 20. Jahrhundert eine über weite Strecken gemeinsame Geschichte, die jedoch als Folge der Entstehung der modernen National-Gesellschaften unterschiedlich gesehen und interpretiert wird.

Nach dem Zerfall der Habsburger-Monarchie fanden sich in Mitteleuropa zwei Staaten als Nachbarn, deren Verhältnis von Konkurrenz, aber auch von Versuchen zur Kooperation geprägt waren. Die Tschechoslowakei sah sich als Nationalstaat der Tschechoslowaken und konnte zu den großen deutschen und ungarischen Minderheiten kein auf Dauer gedeihliches Verhältnis entwickeln. Österreich wiederum war ein von ökonomischen, sozialen und gesellschaftlichen Krisen gespaltenes Land auf der Suche nach Identität zwischen den beiden Polen „großdeutsch“ und „großösterreichisch“.

Auch als das nationalsozialistische Deutschland immer aggressiver auftrat und Nazi-Verbände in Österreich und unter den Deutschen der Tschechoslowakei immer größeren Zulauf fanden, konnten sich die Regierungen nicht auf eine engere Kooperation einigen. Vielen Österreichern galt dann die Eingliederung der deutschen „Sudetengebiete“ 1938 als Wiedergutmachung für die als ungerecht empfundene Grenzziehung von 1918/19, mit der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren schien die alte Ordnung von „deutschem Herrn und tschechischem Knecht“ wiederhergestellt. Okkupations- und Kriegszeit verliefen in den jeweiligen Ländern sehr unterschiedlich.

Nach 1945 profitierte das Verhältnis der Eliten beider Länder von einer zunächst unhinterfragten Symmetrie der Bilder: Das offiziele Österreich wie die ČSR sahen sich als Opfer der nationalsozialistischen, deutschen Aggression. Die Idee einer vom „Deutschtum“ unabhängigen österreichischen Nation förderte die Neubewertung des tschechischen Bildes von Österreich. In der Ablehnung der Sudetendeutschen war man sich in Prag und Wien weitgehend einig. Die Erfahrungen mit dem Kommunismus führten in der tschechischen Öffentlichkeit zu einer weiteren positiven Bewertung Österreichs, verstärkt nochmals durch die Aufnahme der Flüchtlinge nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968/1969. Zusammenfassend stellte der tschechische Staatspräsident Václav Havel in einer Rede an der Universität Wien 1993 fest: „Wir hätten es so haben können wie Österreich“. Umgekehrt aber war die Tschechoslowakei gerade in den 1970er Jahren in Österreich zu einer „terra incognita“ geworden, die am ehesten noch als umweltverschmutzende graue Maus wahrgenommen wurde. Nach 1989 prägten vor allem symbolisch hoch aufgeladene, konfliktbehaftete Themen („Temelín“, „Beneš-Dekrete“) die politischen Diskussionen zwischen Prag und Wien und die medial vermittelte Wahrnehmung vom jeweils anderen.

 

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