Völkerrecht und Internationale Beziehungen

Der renommierte Historiker & Völkerrechtsexperte Harald Kleinschmidt analysiert die Zuordnungen und Wechselwirkungen der Historiographie internationaler Beziehungen seit dem 16. Jahrhundert.

Die Forderung, dass die internationale Geschichte im Spektrum der Forschung gebührend zu berücksichtigen sei, ist allgegenwärtig als Antwort der Geschichts- und anderer historisch orientierter Geistes-, Rechts- und Sozialwissenschaften auf die Wahrnehmung intensiver werdender globaler Interaktionen. Internationale Geschichte scheint unter dem hauptsächlichen Einfluss zweier unvereinbarer Bestimmungsfaktoren zu stehen: einerseits der Macht; dann gilt sie als Geschichte der internationalen Beziehungen (oder auch, mit leicht modifizierter Akzentsetzung, als Globalgeschichte oder Geschichte des Weltsystems), andererseits der Normen; dann gilt sie als Völkerrechtsgeschichte. Üblicherweise ressortiert die Geschichte der internationalen Beziehungen in den Geschichtswissenschaften, mitunter auch in der Historischen Sozialwissenschaft, die Völkerrechtsgeschichte hingegen in der juristischen Rechtsgeschichte. Der Fokus auf die Ausübung von Macht in der Geschichte der internationalen Beziehungen führt in der einschlägigen Historiografie zu der Frage, welche Bedeutung die gut überlieferten Völkerrechtsnormen für die Gestaltung der internationalen Beziehungen gehabt haben. Sie trug zu der auf Ranke folgenden historiografischen Praxis bei, diese Bedeutung gering zu veranschlagen oder sogar zu leugnen. Hingegen hat die Konzentration der Völkerrechtshistoriografie auf die Normativität der zwischenstaatlichen Beziehungen die Frage nach sich gezogen, wie angesichts der ebenfalls gut belegten Machtpolitik von Regierungen souveräner Staaten die Gültigkeit überstaatlicher Rechtsnormen abgeleitet und deren Einhaltung sichergestellt werden konnte.
 
Diese konfligierenden historiografischen Grundorientierungen sind aus der Gestaltung der zwischenstaatlichen Beziehungen in Europa und Nordamerika während des 19. und 20. Jahrhunderts gewonnen und folglich mindestens im allgemeinen für diese Zeit und diese Teile der Welt methodologisch hinnehmbar. Aber gilt dies auch noch, wenn andere Teile der Welt und frühere Zeitspannen in Betracht kommen? Anders gefragt: Welche Konflikte entstehen, wenn historiografische Grundorientierungen von kultur- und zeittypischen Wahrnehmungen der zwischenstaatlichen Beziehungen geprägt waren und daher nicht mit den europäisch-nordamerikanischen internationalhistoriografischen Grundorientierungen des 19. und 20. Jahrhunderts kompatibel sind? Der Vortrag skizziert Wandlungen der Grundorientierungen der Völkerrechts- und der Historiografie der internationalen Beziehungen und verortet Konflikte zwischen historiografischen Grundorientierungen in Wahrnehmungen der Vertragsschlusspraxis und der Theorie der zwischenstaatlichen Verträge.


Harald Kleinschmidt
, Jahrgang 1949 in Göttingen, Studium der Geschichtswissenschaften, der Englischen Sprache und Literatur des Mittelalters, Ethnologie und Japanologie in Göttingen und Amherst College, Amherst, MA, USA, Promotion zum Dr. phil. in Göttingen 1978, Habilitation in Stuttgart 1985, Wissenschaftlicher Angestellter/Hochschulassistent in Stuttgart von 1980 bis 1985, Inhaber einer Professur für Geschichte der internationalen Beziehungen an der Universität Tsukuba (Japan) von 1989 bis 2015.

Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen:

Geschichte der internationalen Beziehungen. Stuttgart: Reclam, 1998. [Ungarische Ausgabe u. d. T.: A mezetközi kapcsolatok története. Budapest: Kiado, 2001.]

The Nemesis of Power. A History of International Theories. London: Reaktion Books, 2000.

Ruling the Waves. Emperor Maximilian I, the Search for Islands and the Transformation of the European World Picture c. 1500 (Bibliotheca Humanistica et Reformatorica. 63.) Utrecht: Hes en de Graaf, 2007.

Migration und Identität. Studien zu den Beziehungen zwischen dem Kontinent und Britannien zwischen dem 5. und dem 8. Jahrhundert (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde. 60.) Ostfildern: Thorbecke, 2009.

Diskriminierung durch Vertrag und Krieg. Zwischenstaatliche Verträge und der Begriff des Kolonialkriegs im 19. und frühen 20. Jahrhundert (Historische Zeitschrift, Beihefte, Neue Folge 59.) München: Oldenbourg, 2013.

Geschichte des Völkerrechts in Krieg und Frieden. Tübingen: Francke, 2013. [weitere Ausg. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2013.]