Außenpolitik und Emotionen. Oder: Wie der Kalte Krieg ohne Breschnews Tablettensucht verlaufen wäre

L.I. Breschnew, der von 1964-1982 erster Mann in der Sowjetunion war, gilt landläufig als Hardliner und Stalinist auch in der Außenpolitik, dem die „Breschnew-Doktrin“ und der Einmarsch in Afghanistan anzulasten ist. Gleichwohl initiierte er Anfang der 1970er Jahre eine neue Phase der Entspannung gegenüber dem Westen und war in Bonn, Paris und Washington ein gern gesehener Gesprächspartner, der sogar als charmant und witzig beschrieben wurde. Als es seit 1975 zu einer neuen Abkühlung des Verhältnisses zwischen Ost und West kam und der vormals leutselige Breschnew immer seltener zu vertraulichen Gesprächen zur Verfügung stand, hielt man das im Westen für eine Reideologisierung der Außenpolitik. In diesem Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, welche Motive in Breschnews Außenpolitik entscheidend waren und welche verhängnisvolle Rolle seine ab 1975 immer stärker zu Tage tretende Tablettensucht spielte. Ziel ist es, Emotionen als relevanten Faktor im außenpolitischen Handeln Breschnews und auch des Westens zu bestimmen.

Susanne Schattenberg ist Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa und Professorin für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bremen.