Unter Druck:
Illuminierte Handschriften und Inkunabeln im Zeitalter Gutenbergs


Internationale Tagung
Österreichische Akademie der Wissenschaften

Wien, 13.1.–17.1.2016

Abstracts

Bartlová, Milena (Prag)

The Fragile Contemporaneity of images in the Hussite Jena Codex

The Jena Codex is properly dated to the first decade of the 16th century. The rich illustrations of the codex mixtus are derived from different sources. Beside an early printed file, some of them were shown to have been appropriated from the Nuremberg edition of the Schatzbehalter. The rest of the illustrations are usually considered to represent remakes of the caricatures devised by radical Hussite students in Prague around 1410. Thanks to the recently published careful edition and commentaries to the codex, a more detailed analysis is now possible. As a result I will suggest that only part of the illustrations originated in the early phase of Hussitism. The most intriguing part of the Jena Codex illustrations - similarly to their earlier versions in the Göttingen Codex of 1466 - were in fact designed only in the 1450s and they include both stylistic features and historical contents that pertains precisely to this period. We can see in the Jena Codex how the unifying force of artistic style installs a sense of contemporaneity in pictorial ideas, which had in fact originated during the period of almost a century.

Beier, Christine (Wien)

Die Schedelsche Weltchronik als Projekt

Die 1493 in Nürnberg erschienene, von Hartman Schedel kompilierte Weltchronik ist mit ca. 1800 Abbildungen der am umfangreichsten illustrierte Druck der Inkunabelzeit. Sie gehört einer Textgattung an, die seit dem 13. Jahrhundert - neben Romanen - am häufigsten mit besonders umfangreichen Bildzyklen ausgestattet wurde: Die Sächsische Weltchronik aus den siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts zum Beispiel enthält 491 Einzeldarstellungen, in die Weltchronik des Heinrich von München aus der Zeit um 1400 in Stockholm wurden 227 Federzeichnungen eingefügt. Mit Fokus auf die Ausstattung soll der Frage nachgegangen werden, in welchen Punkten die Schedelsche Weltchronik die spätmittelalterliche Tradition fortsetzt und wo grundsätzlich Neues versucht wurde. Der Vortrag soll einen gattungsorientierten Zugang zu den Veränderungen nach der Einführung des Buchdruckes vorstellen und dessen Möglichkeiten für ein besseres Verständnis der Entwicklung ausloten.

 

Braun-Niehr, Beate (Berlin)

Faszination Troja - Die Illustrationen zum Trojaroman des Hans Mair (Berlin, Kupferstichkabinett, 78 A 13)

Neben dem nur wenig älteren, anonym überlieferten „Elsässischen Trojabuch“ gehört das 1390/92 entstandene „Buch von Troja“ Hans Mairs zu den erfolgreichsten Prosaversionen des Trojanischen Krieges in der Volkssprache. Der Nördlinger Ratsherrn zielte – in einer Zeit, als er das eigene Gemeinwesen von Feinden bedroht sah – bei seiner Übertragung der „Historia destructionis Troiae“ des Guido de Columnis auf Belehrung eines reichsstädtischen Publikums, indem er hochfart und übermut (superbia) der Menschen als ursächlich für den Untergang der antiken Stadt herausarbeitete. Unter den acht bekannten Textzeugen nimmt das durch den Kolophon des Schreibers Cunrad Segenschmid auf das Jahr 1464 datierte Berliner Manuskript eine gewisse Sonderstellung ein. Nicht wie die übrigen in den beiden Hauptverbreitungszentren des Textes Augsburg und Nürnberg, sondern im Raum Konstanz/Kempten für einen bisher unbekannten Auftraggeber entstanden, ist es zugleich der einzige unter den erhaltenen Überlieferungszeugen, der mit Illustrationen versehen wurde. Obwohl schon früh ins Blickfeld der kunsthistorischen Forschung gerückt, sind Fragen nach möglichen Vorlagen der 72 meist ganzseitigen, kolorierten Federzeichnungen und dem spezifischen Rezeptionsangebot des Bildprogramms noch kaum gestellt worden. Da die beiden textgeographisch zunächst konkurrierenden Trojaprosen – „Elsässisches Trojabuch“ und „Buch von Troja“ des Hans Mair – ab 1474 in den zunächst in Augsburg erscheinenden Druckkompilationen zusammengeführt wurden, bietet es sich an, deren Holzschnittfolgen in eine vergleichende Betrachtung mit einzubeziehen.

 

Cermann, Regina (Wien)

Vom Verschwinden der Farbe

Im Laufe des 15. Jahrhunderts kommen verschiedene technische Neuerungen auf, die das mechanische Reproduzieren von Bildern und Texten erlauben und Buchmalern unverhofft neue Möglichkeiten und Aufgabenfelder eröffnen: Einerseits erweitert sich ihr Vorlagenschatz durch die Verbreitung von Graphiken; selbst Künstler von hohem Rang verleiben sich das frei zirkulierende Material gern ein. Je nach Begabung und Geschick fallen die Entlehnungen stärker ins Auge bzw. gehen im Stilidiom des Ausführenden glücklich auf. Blätter werden zur Gänze kopiert oder auch nur Details aus ihnen entlehnt. Kupferstiche selbst können unter den Miniaturen liegen, die durch kostbare Übermalung als Originale für unsere Augen nicht mehr zu erkennen sind. Mit dem Aufkommen des Buchdrucks brechen geradezu paradiesische Zeiten an: Eine Flut von Büchern harrt der Ausstattung! Fast allerorten erhalten Buchmaler Aufträge zur Illuminierung von Inkunabeln. Einerseits werden sie engagiert von Druckern bzw. Verlegern, die einen kleinen Teil ihrer Auflage in klassischer Manier fertig gestellt wissen wollen, andererseits kommen einzelne Käufer oder Bibliophile zu ihnen, die ihre Exemplare nach individuellen Vorgaben (etwa einem Wappen) ausgestaltet sehen wollen. Wer möchte, läßt sich die Ausmalung seiner Bücher nach wie vor etwas kosten. Ob ein Buchmaler einen von Hand geschriebenen oder gedruckten Text illuminiert, ist für ihn nicht von entscheidender Bedeutung. Allerdings stellt das beim Buchdruck in der Regel gebrauchte Papier tatsächlich eine Beeinträchtigung seiner Arbeit dar. Denn Buchmalerfarben kommen nur auf Pergament so recht zur Geltung. Anfangs suchen Drucker alle Elemente einer Handschrift zu imitieren. Initialen, Ranken, selbst Fleuronnée werden in das neue Medium transponiert. Allein die Kolorierung bleibt hier noch zu ergänzen. Folgenreicher aber könnte die Entwicklung auf einem Nebenschauplatz für die Buchmaler gewesen sein: Für die traditionelle Form der Rubrizierung, die vor allen Dingen der raschen Orientierung dient, die drucktechnisch aber nur recht aufwendig zu realisieren ist, sucht man nach Alternativen. Die Lösung besteht in dem Ersatz der roten Farbe durch weiße Fläche. Jahrhundertelang eingeübte Sehgewohnheiten ändern sich. Der Berufsstand der Illuministen kommt womöglich gar nicht so sehr durch die neuen Techniken – diese wissen sie auch für ihre eigenen Belange kreativ zu nützen – als vielmehr durch die zunehmende Akzeptanz eines reduzierten Erscheinungsbildes in Bedrängnis. Am Ende verschwindet die Farbe. Das von Hand ausgezeichnete Exemplar verliert gegen den Vorteil einer hohen Auflage. Für die nächsten 400 Jahre übernimmt Schwarz-Weiß die Herrschaft zwischen den Buchdeckeln. Das lange Zeit als finster geschmähte Mittelalter verabschiedet sich in prachtvollen Farben.

 

Dickmann, Ines (Köln)

Kölner Dekor in Inkunabeln (in Köln illuminierte Exemplare der 1462 von Fust/Schöffer in Mainz gedruckten Bibel [B 48])

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelte sich in Köln in der Ausstattung von Handschriften ein lokalspezifischer Dekor, der sogenannte Goldrispenstil. Kennzeichnende Merkmale sind das Zusammenspiel von Farbklang, markanten Einzelmotiven sowie die charakteristischen goldenen Rispen. Dieser Dekor prägte die Kölner Buchmalerei bis ins 16. Jahrhundert hinein. In schönster Kölner Manier wurden auch acht Exemplare der 1462 in Mainz bei Fust/Schöffer gedruckten „Biblia pulchra“ [B 48] – der „Königin aller gedruckten Bücher“ – ausgestattet. Während die Erzeugnisse der ortsansässigen Kölner Offizinen nur in wenigen Beispielen mit Dekor versehen waren, kam dieser Importware ein besonderer Stellenwert zu. Es bleibt jedoch ein singuläres Unterfangen, das offenbar mit keiner Routine verbunden war.

 

Domanski, Kristina (Riehen)

Pathos, Heldentum und individuelle Aneignung - die Illustrationen zur "Historia Troiana" in der Münchner Handschrift, BSB, clm 61

Unter den illustrierten Manuskripten der Troja-Literatur fällt die um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstandene Müncher Handschrift clm 61 aufgrund ihres hybriden Charakters auf, denn hier wurde der lateinische Text nach Guido de Columnis mit einem umfangreichen Bildzyklus ausgestattet und mit deutschen Tituli versehen. Zwar sind in der Handschriftenüberlieferung durchaus Manuskripte mit lateinischem Text und volkssprachlich untertitelten Illustrationen bekannt, doch findet sich innerhalb der Tradierung des "Trojanischen Kriegs" kein unmittelbarer Vergleich. Möglicherweise hat gerade die ausgefallene Kombination der Medien Text und Bild dazu beigetragen, dass die Handschrift bislang von der Forschung eher am Rande wahrgenommen wurde, obwohl bereits Hellmut Lehmann-Haupt sie in seiner Arbeit zur "Schwäbischen Federzeichnung" unter die beachtenswerten Manuskripte süddeutscher Provenienz einreihte. Dabei verdiente die Handschrift, an deren die Illustrationsfolge drei sehr unterschiedliche Künstler beteiligt waren, schon allein aufgrund des enormen Umfangs von über hundert kolorierten Federzeichnungen mehr Aufmerksamkeit als bislang. Da sich die dichte Bildfolge zudem durch das Bestreben auszeichnet, den Handlungverlauf in seiner bestürzenden Dramatik und Dynamik vor Augen zu führen, stehen narrative Aspekte - wie etwa der Einsatz unterschiedlicher bildlicher Erzähltechniken - im Vordergrund des Tagungsbeitrags. Ein tragendes Element der Bilderzählung ist dabei die Vergegenwärtigung von Affekten mithilfe von "Pathosformeln" im Sinne Aby Warburgs. Eröffnet bereits das offenkundig ausgeprägte Interesse, die Emotionalität der Protagonisten darzustellen, eine Brücke zur Rezeption im süddeutschen Frühhumanismus, so deutet eine Analyse aus der Perspektive der Genderforschung, i.e. die geschlechtsspezifische Zuordnung der Affektdarstellungen daraufhin, dass hier überraschenderweise eine Geschlechterindifferenz propagiert wird, für die es im Augsburger Umfeld vereinzelt weitere Hinweise gibt.

 

Hranitzky, Katharina / Schuller-Juckes, Michaela (Wien)

Neues zur Passauer Buchmalerei in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts

Der Frage, inwieweit in Passau in der Gutenbergzeit Bücher hergestellt und illuminiert wurden, ist bislang kaum nachgegangen worden. Dass ausgerechnet die spätmittelalterliche Buchproduktion in der wirtschaftlich florierenden Bischofsstadt an Donau und Inn weitgehend unerforscht ist, liegt zum Teil daran, dass die Dombibliothek durch die beiden verheerenden Stadtbrände in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts arge Verluste erlitt. So finden in der spärlichen Literatur zur Passauer Buchmalerei auch nur ganz wenige nach Passau lokalisierbare illuminierte Handschriften des 15. Jahrhunderts Erwähnung. In den letzten Jahren jedoch förderte die im Rahmen der Forschungsprojekte zur Katalogisierung illuminierter Handschriften und Inkunabeln systematische Durchsicht vor allem österreichischer Bibliotheken, aber auch etwa der Staatlichen Bibliothek in Passau, zahlreiche illuminierte Werke zutage, die sich, z. B. aufgrund von Besitzeinträgen und Wappen, zweifelsfrei nach Passau lokalisieren und zu teils umfangreicheren Stilgruppen zusammenschließen lassen. Darunter befinden sich auch viele Inkunabeln, die der kunsthistorischen Forschung bislang gänzlich unbekannt waren. Die künstlerische und handwerkliche Qualität des Buchschmucks in diesen Bänden bezeugt, dass Passau im 15. Jahrhundert wieder zu einem wichtigen Zentrum der Buchmalerei geworden war und professionelle Illuminatoren in der Stadt ihre Werkstätten betrieben. Zu den Erstbesitzern der vorgestellten Werke zählen der Passauer Humanist und Dompfarrer Johann Staindl oder die Bischöfe Christoph von Schachner und Wiguleus Fröschl von Marzoll. Aber auch viele oberösterreichische Klöster waren im Besitz von Büchern, die in Passau illuminiert worden waren. Scheint insbesondere das am Inn gelegene Augustiner-Chorherrenstift Suben mit Büchern aus Passau beliefert worden zu sein, so waren die serienmäßig ausgestatteten Exemplare eines 1491 in Passau gedruckten Missales über die ganze Diözese verstreut

 

Jenni, Ulrike (Wien)

Der Meister der Schellenberg Bibel und seine Monster-Drolerien

In der Wiener Bibel, ÖNB Cod. 1181 fallen diejenigen Seiten auf, die  im unteren Rand meist zwei kämpfende Drolerien von enormer Grösse aufweisen. Sie überragen die Figuren in den Miniaturen der jeweiligen Seite. Der Miniator schafft dadurch eine neue Lösung des Layouts der illuminierten Seite. Die Größenwirkung wird besonders dadurch betont, dass diese Mischwesen nicht in Ranken eingebunden sind, sondern sich frei auf dem  leeren Pergament bewegen. In Böhmen kommt diese Form der Drolerie-Darstellung sehr selten vor und ist deshalb schwierig einzuordnen. In meinem Referat wird trotz alledem versucht die Herkunft dieser Art der Drolerie einzuordnen. Allgemein kann festgestellt werden, dass in der gotischen Buchmalerei Böhmens und Mährens Drolerie-Schmuck nicht sehr häufig vorkommt.

 

König, Eberhard (Berlin)

Kalligraphie und Buchmalerei als Schlüssel zu Aspekten des frühesten Buchdrucks

 

Kogman-Appel, Katrin (Münster)

Changes in the Visual Language of Haggadah Imagery on Its Way to the Printing Press

The Haggadah, the liturgical text read at the seder ceremony on the eve of the Passover holiday, began to circulate as a separate book in the late thirteenth century. From those early beginnings, its thematic focus easily lent itself to rich illustration. The text is arranged along three main thematic strings: the narrative of the liberation of the Children of Israel, instructions for a whole series of ritual actions to be performed during the seder, and an eschatological outlook that leads from political liberation toward the theme of final salvation.

During the following 300 years or so the illustrated Haggadah developed into one of the most popular Jewish book genres. A key figure in the history of Haggadah illustration was Joel ben Simeon, a scribe-illuminator from the Rhineland, who immigrated to Italy during the 1450s. He was particularly instrumental in turning Haggadah pictorials into a popular and well-established medium, and the iconographic themes he created remained influential for many years. Many elements in his productions point to an acute awareness of the changes that took place in European book culture during the fifteenth century, especially in southern Germany and northern Italy. The fact that commissioned projects were the exception throughout Joel’s career and that he worked primarily for the market is just one feature that highlights his role in an era that led book culture to the printing press.

Apart from a fragmentary Haggadah printed in Guadalajara shortly before the expulsion of the Jews from Spain, the earliest fully illustrated printed Haggadah was produced in Prague in 1521. This book, of which a complete copy is housed in the Braginsky collection in Zurich, will serve as a test case in an analysis of how the visual language of the Haggadah changed over the years from its early beginnings around 1300 via Joel ben Simeon’s art, which established some sort of dialogue with the new medium of print, up to the Prague Haggadah. The changes evident in these illustration programs over the years are numerous and manifold, and they were clearly influenced by evolving cultural, social, and/or political forces. However, the present paper will focus on those changes that seem to be particularly related to the media shift from the painted manuscript to the printed book.

 

Palmer, Nigel (Oxford)

From Manuscript to Print: the Fifteenth-Century Blockbooks

Between about 1445 (the approximate date of the Exercitium super Pater Noster) and about 1500 (the Ringerbuch of Hans Wurm) quite a large number of 'blockbooks' were printed, thus overlapping with the earliest stages of the history of typographic printing. Some of these books were one-offs, benefiting from the new medium that facilitated the printing of a combination of text and images engraved on wood blocks, often in limited issues, but others occupy a position within a more complex history of manuscript copies, woodcut editions, typographic editions, and perhaps even mixed-media editions (like the xylo-typographic Speculum humanae salvationis). My paper will attempt to address the totality of this material, placing the 'blockbook phenomenon' within the cultural history of the fifteenth century. Within the broader phenomenon, I will accord a central position to what I think of as the 'classical blockbooks', such as the Apocalypse, the Biblia pauperum, the Antichrist, and the Ars moriendi, which are all best understood as occupying a subordinate place within a more broadly conceived text-and-image history. Perhaps twenty minutes will just about suffice to set out the problem and to show that even with the classical blockbooks the story of the interaction between manuscript and print is in each case quite different. How do these differently structured clusters relate to the cultural history of manuscript production and printing.

 

Pfändtner, Karl-Georg (München)

Süddeutsche Buchmalereiwerkstätten des 15. Jahrhunderts und ihr Anteil an der Ausstattung hebräischer Handschriften

Im 15. Jahrhundert ließen im deutschsprachigen Raum finanziell potente jüdische Auftraggeber ihre hebräischen Handschriften immer wieder von christlichen Werkstätten reich ausmalen. Am bekanntesten ist die Ashkenazi Haggadah der British Library in London (Add. MS 14762) aus der Werkstatt des Augsburger Buchmalers Johann Bämler, die ebenso im Münchner Machzor tätig war. Am Buchschmuck der Haggadah arbeitete auch der jüdische Schreiber Joel ben Simeon mit, der ganz offensichtlich im Atelier Bämlers Weiterbildung in Miniaturmalerei erhalten hatte. Aber auch in anderen Städten wurden in dieser Zeit hebräische Handschriften mit Buchschmuck christlicher Werkstätten illuminiert: In Regensburg ebenso wie in Nürnberg oder Wien. Sie sind Zeugnis der Zusammenarbeit jüdischer Schreiber und christlicher Maler, Zeugnis der engen Verflechtungen zwischen Juden und Christen – trotz der gerade im 15. Jahrhundert in den Städten stets präsenten Gefahr für Leib und Leben für die jüdischen Gemeinden oder deren Vertreibung.
 

Pirker-Aurenhammer, Veronika (Wien)

Ein Wiener Missale für Udine: Einblicke in ein neu entdecktes Werk des Albrechtsminiators

2014 tauchte auf dem Londoner Kunstmarkt ein bislang unbekanntes, sehr qualitätsvoll gefertigtes Missale auf, dessen gemalter Initialschmuck zweifellos vom sog. Albrechtsminiator stammt. Dieser Buchmaler war im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts unter anderem für den Wiener Hof tätig; sein wichtigstes und namengebendes Werk ist bekanntlich das reich illuminierte Gebetbuch für Herzog Albrecht V. von Österreich (Wien, ÖNB, Cod. 2722). Der neu entdeckte Codex, der sich heute in Schweizer Privatbesitz befindet und nun erstmals mit freundlicher Genehmigung des Eigentümers näher vorgestellt werden kann, ist in zweifacher Hinsicht von besonderem Interesse. Einerseits handelt es sich um ein weiteres Hauptwerk des Albrechtsminiators, der zu den bedeutendsten Wiener Buchmalern des 15. Jahrhunderts zählt. Andererseits weist der Kalender der Handschrift eindeutig auf den liturgischen Gebrauch von Udine. Derartige Divergenzen zwischen Produktions- und Bestimmungsort sind freilich kein Einzelfall, wie anhand verschiedener Fallbeispiele gezeigt werden soll. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob ein Werk oder ein Künstler „wanderte“ bzw. welche historischen Rahmenbedingungen eventuell für einen auswärtigen Auftraggeber namhaft gemacht werden können. Im konkreten Fall steht Ludwig Herzog von Teck zur Diskussion: ein Parteigänger von Kaiser Sigismund und Herzog Albrecht V., der 1420 im Zuge der venezianischen Eroberung von Friaul sein Amt als Patriarch von Aquileja verloren hatte und bis zu seinem Tod 1439 um dessen Wiedererlangung kämpfte.

 

Ramirez-Weaver, Eric (Charlottesville)

Signs of Import and Influence in the Astrological Compendia made for Wenceslas IV

Surrounding Wenceslas IV (d. 1419), sole King of Bohemia from the death of his father Holy Roman Emperor Charles IV in 1378, astrologically and astronomically astute courtiers such as Terzysko (Teříšek) and Bušek (Bysco) participated in constellations of influence, compiling records of late medieval science for the benefit of their foundering king.  Three of these codices constitute records of the most lavish and refined courtly manuscripts produced during Wenceslas’ turbulent reign, roughly 1390-1400: Astronomical Anthology for Wenceslas IV, Munich, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 826; Aegidius de Tebaldis translation of Haly ibn Ridwan’s Commentary on the Tetrabiblos of Ptolemy, Vienna, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2271; Astronomical Anthology with Alfonsine Tables, Vienna, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2352.   As documents of both intellectual and artistic sophistication, these manuscripts attest to the longstanding influence of Spanish courtly astrology on the Bohemian court in Prague and to the defiant efforts of Wenceslas’ faithful supporters to adopt Alfonso X el Sabio (d. 1284) as an exemplum bonum of a king who augured well his subjects’ future.  In this paper, the complex strategies of visualization encompassing cosmological diagrams, the Bohemian king’s personal emblems, and astronomical or astrological imagery of great refinement, are discussed in conjunction with one another in order to underscore the integrated ideological import of these royal codices belonging to the collective contents of the royal library.  It is argued that the diagrams and depictions of the constellations worked in concert with one another within and across these manuscripts, participating in controlled and regulated semiotic presentations of astrological tradition and its otherworldly application for Wenceslas IV.   Rather than three curiosities alluding to the king’s dilettantish pastime and predilection for occult pursuits, it is argued that these important compilations and their collected treatises were meaningfully presented for the efficacy of their internally coherent astrological system reified in the text and image pairings on their folios.  Through the careful construction of these books courtiers such as Terzysko crafted an ideal presentation of their science and called upon King Wenceslas IV proleptically to embody the sage sovereign, revealing a surfeit of faith in their occult science and ultimately his inability to fulfill their expectations.

 

Rischpler, Susanne (Würzburg)

Neues zum Südtiroler Wanderminiator / Meister der Münchener Gutenbergbibel

Einen großen Teil der Deckfarbenausstattung des imposanten zweibändigen Graduales, das kurz vor der Mitte des 15. Jahrhunderts in dem für seine kulturelle Regsamkeit bekannten Augustiner-Chorherrstift Neustift (Novacella) entstand und noch immer dort aufbewahrt wird, schuf ein Künstler, dem die jüngere Forschung die Notnamen „Südtiroler Wanderminiator“ und „Meister der Münchener Gutenbergbibel“ verliehen hat. Dabei wurde auf den angenommenen Ursprung und den geographisch weit gesteckten Tätigkeitsbereich respektive das renommierteste Werk dieses Buchmalers Bezug genommen. Im Rahmen des Projekts „Erschließung der mittelalterlichen Handschriften der Stiftsbibliothek Neustift und der Priesterseminarbibliothek Brixen“ (2011–2014), das auch intensive Recherchen zur bedeutenden Buchmalerei dieser Bibliotheksbestände ermöglichte, ließen sich aufschlussreiche Hinweise gewinnen, die zur Identifizierung des Illuminators beitragen können. Der Vortrag stellt diese Forschungsergebnisse vor und vermittelt darüber hinaus Einblicke, wie man in Neustift das ambitionierte Unterfangen des Großgraduales in die Tat umsetzte.

 

Roland, Martin (Wien)

Masse und Individualität. Illuminierte Urkunden zwischen individuellem Repräsentationsobjekt und breiter Wirkung

Urkunden verschriftlichen und belegen ein konkretes Rechtsgeschäft zwischen Vertragspartnern; dies gilt für das Mittelalter und das gilt auch heute noch. Dabei haben – sollte man meinen – weder (Buch-)Malerei noch (Buch-)Druck einen Platz. Diesem Befund stehen jedoch konkrete Objekte entgegen.

Im Zuge der in Wien nun systematisch angelaufenen Sammlung illuminierter Urkunden zeigen sich Phänomene, die einerseits mit dem massenhaften Anfall identischer Rechtsgeschäfte und andererseits mit dem Wunsch der Empfänger zu tun haben, die erhaltene Gnade zu individualisieren. Dieser Wunsch wurde vielfach durch künstlerische Ausstattung erfüllt. Aus juristischer Massenware wird ein mit Identifikationsfunktionen aufgeladenes Rechtsdokument. (Ganz vergleichbare Strategien waren am Werk, als sich die frühen Inkunabeldrucker ganz bewusst entschlossen statt gedrucktem Dekor Platz frei zu lassen für individuelle Buchmalerei.)
Zwischen 1323 und 1363 wurden in Avignon massenweise inhaltlich weitgehend identische Sammelablässe ausgestellt, die den Besuchern einer Lokalkirche Befreiung von Last ihrer Sünden ermöglichten und sie so an „ihr“ Gotteshaus banden. Der Dekor war auf Fernsicht konzipiert, (grossen) Gruppen von Besuchern wurden die bemalten Urkunden gezeigt. Die Herstellung lief seriell ab: Die gleichbleibenden Teile waren schon vorgefertigt, nur der Name der begünstigten Kirche und der ausstellenden Bischöfe, die Datierung und gegebenenfalls einzelne Besonderheiten wurden eingefügt. Auch der Buchschmuck war zuerst meist seriell, in einem späteren Schritt entschloss man sich jedoch, die Darstellungen in den riesigen Initialen und den Bordüren mit Heiligenfiguren und Szenen zu bereichern, die auf die jeweilige Lokalkirche Bezug nahmen. Die Spannung zwischen Massenproduktion und dem Wunsch eines individuellen Repräsentationsstückes werden deutlich und das gilt auch für die ab 1459 ebenfalls illuminierten Kardinalssammelablässe.

Dasselbe gilt auch für die zweite Massengruppe bei den illuminierten Urkunden: den Wappenbriefen. Auch hier stellt ein Souverän eine immer gleiche Gnade (gegen Bezahlung) zur Verfügung. Das Wappenbild, das diese ab 1316 bekannte Gruppe in der Regel ziert, ist oft wenig individuell, sondern bindet den Empfänger an den Aussteller. Besonders interessant sind Wappenbriefe für kommunale Empfänger, denn diesen ist reiche Ausstattung besonders wichtig. Wieder wird ein Massenstück zum Identität stiftenden, die Gruppe einenden Objekt. Eine derartige Identifikationsfunktion erfüllen Handschriften oft, man denke an (oft mit dem Stifter verbundene) Evangeliare oder Bibeln, gedruckte Bücher kann man sich in dieser Rolle zumindest im Mittelalter nur schwer vorstellen. Ab dem 18. Jahrhundert konnte jedoch das Besitzen einer (besonders schönen) Gutenbergbibel durchaus für eine Bibliothek oder ein Museum Identität stiftend sein.
Es gibt jedoch auch illuminierte Urkunden, die unmittelbar mit dem Einblatt- bzw. Buchdruck in Verbindung stehen. Schmähbriefe sind Ausdruck einer ganz besonderen, ab ca. 1400 feststellbaren Rechtspraxis, die es dem Geschädigten nach Einhaltung formalisierter Schritte erlaubte, den Prozessgegner, in der Regel ging es um unbeglichene Schulden, verbal und mitunter auch bildlich zu verunglimpfen und dies in aller Öffentlichkeit. Dieses Rechtsinstrument konnte seine Wirkung nur dann entfalten, wenn eine umfassende Verbreitung gewährleistet werden konnte.
Diese Aufgabenstellung erscheint uns heute gleichsam prädestiniert für den Druck. Umso erstaunlicher ist, dass von den dutzenden illuminierten Stücken nur zwei Drucktechniken anwenden: 1461 wird die Textbotschaft mit einem ganz einfachen Einblattdruck kombiniert, der Nikolaus von Abensberg gemeinsam mit seinem Wappen kopfüber von einem Galgen hängend zeigt. In den Jahren 1487/89 entstand ein einseitiger Typendruck, der wortreich die Gravamina vorbringt, die Pauls Nawber gegen Heinz von Guttenberg öffentlich machen will. Eine ebenfalls gedruckte Bildbeischrift belegt, dass – im erhaltenen Beispiel auch ausgeführt – ein Schandbild die untere Hälfte des Blattes füllen sollte: Wie im ersten Beispiel wird eine ganz archetypische Verunglimpfung gewählt. Diesmal wird das Siegel des Beschuldigten neben dem After eines weiblichen Tieres (hier einer Kuh) abgebildet, die zudem, deutlich erkennbar, ihre Notdurft über dem an ihrem Schwanz befestigten Typar verrichtet.
Die Spannungen zwischen Massenproduktion und individuellem Repräsentationsbedürfnis sowie jener zwischen privatem Kunstgenuss, Kunst als identitätsstiftendem Mittel für Gruppen und reproduzierbarer Kunst werden an einer bisher von der Kunstgeschichte kaum beachteten Objektgruppe exemplifiziert.

 

Roth, Michael (Berlin)

Die Aufnahme und kompositionelle Umarbeitung druckgraphischer Vorlagen durch Narziss Renner im Gebetbuch des Matthäus Schwarz im Berliner Kupferstichkabinett (78 B 10) von 1521

Zu den besonderen Schätzen der Handschriftensammlung des Berliner Kupferstichkabinetts zählt mit dem kleinformatigen Gebetbuch des Matthäus Schwarz von 1521 ein Hauptwerk der deutschen Buchkunst und Miniaturmalerei des frühen 16. Jahrhunderts. Die Zimelie entstammt jener Epoche, die gemeinhin als Übergangs oder gar als Krisenzeit der Miniaturmalerei angesehen wird. Gleichwohl gibt das Gebetbuch beredt Auskunft über einen Kreativitätsschub in der süddeutschen Handschriften­produktion dieser Epoche. Ermöglicht wurde dies nicht zuletzt durch die massive Erweiterung der Bilderwelt durch die umfassende Verfügbarkeit druckgraphischer und anderer Bildvorlagen. Der seinerzeit erst 19-jährige Buchmaler Narziss Renner verarbeitete hoch aktuelle graphische Vorlagen in seinen Kompositionen. Weit entfernt von einfacher Motivübernahme paßte er sie sowohl den spezifischen Anforderungen eines Gebetbuches als auch den persönlichen Interessen seines Auftraggebers an, der es nicht versäumte, sich mehrfach in die Bildräume mit einschließen zu lassen.  

Zudem erweiterte Renner das Bildprogramm des Gebetbuchs mit der Darstellungen antiker Münzen und Plaketten sowie prominenter Porträts stadtbekannter „Narren“. Solche Themen waren bis dahin allenfalls in Randbordüren verarbeitet worden. Nun füllen sie mitunter ganze Bildseiten. Fast entsteht der Eindruck, als dienten die reich illuminierten Seiten weniger der Vertiefung der Andacht als vielmehr der Selbstinszenierung und Zerstreuung des Beters.

 

Rudy, Kathrin (St. Andrews)

Cut, pasted, and cut again: prints (formerly) pasted in Netherlandish manuscripts

From about 1460 manuscript makers saw the possibilities of single-leaf prints and exploited their possibilities by incorporating them into hand-written books. They often married the two technologies with glue and smoothed over the transitions with decoration. These fifteenth-century bookmakers were in effect creating new multi-media objects. In the nineteenth century collectors removed most of the prints from the books that had housed and protected them for half a millennium. But these tools—knife and gluepot—also cut both ways, as they also became the tools of the modern archivist, who separated complicated objects into their component parts so that they would fit into the categories of the archive.  In an inversion of history, a distorted mirror of the act of creation, the archivists of the nineteenth century used a knife to cut up manuscripts that had prints in them, and then pasted those prints onto archival mattes for protection and storage. In this way prints would be classified and sorted.

For this talk I discuss and reconstruct two manuscripts that were originally constructed around prints but were then broken up in the nineteenth century: a book of hours made by beghards in Maastricht in 1500, and a prayer booklet probably made by religious women in West Flanders around the same time. My aims are twofold: first to introduce a technique for codicological inquiry, which I call post-digital structural modelling; and second, to use models of these manuscripts’ original sequence and organisation in order to reveal aspects of their production, function, and use.

Schmidt, Peter (Heidelberg)

Herkommen und Bildnis: Fürstliche Erinnerungskultur als neue Aufgabe der illustrierten Handschrift im Zeitalter des Drucks

Studnicková, Milada (Prag)

In principio: Zur Ikonografie der Bibel des königlichen Münzmeisters Konrad von Vechta

Die Bibel des Konrad von Vechta gehört zu den bedeutendsten böhmischen illuminierten Handschriften aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts. Ein Teil ihrer Miniaturen ist als das älteste erhaltene Werk des sog. Josua-Meisters bekannt, der zu der berühmten franko-flämisch orientierten Martyrologiumswerkstatt zählte. Während dem Stil der einzelnen Illuminatoren große Aufmerksamkeit gewidmet wurde, blieb die Ikonografie der reich verzierten Handschrift nahezu unerforscht. Der Beitrag konzentriert sich auf die erste Seite des Buches Genesis und versucht, die Darstellungen im Vergleich mit den zeitlich näheren biblischen Handschriften zu untersuchen.

 

Suckale-Redlefsen, Gude (Berlin)

Der Münchner Vergil clm 829

Die Bayerische Staatsbibliothek in München bewahrt eine außergewöhnliche Handschrift mit dem Text der drei Hauptwerke Vergils, der Bucolica, der Georgica und der Aeneis. Der Codex ist mit drei herausragenden Titelminiaturen und einer Initialseite geschmückt. Im 18. Jahrhundert war das Buch so berühmt, dass Papst Pius VI. es 1782 bei seinem Besuch in München zu sehen wünschte. Später verlor sich das Interesse und die Handschrift blieb weitgehend unbeachtet. Zunächst galt sie als ein italienisches Werk, heute als ein flämisches des frühen 16. Jahrhunderts.

Im Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, warum diese Handschrift bisher so sträflich vernachlässigt wurde und eine kunsthistorische Analyse des Buchschmucks bis heute fehlt. Nach der Analyse der Ausstattung wird versucht, das Besondere der drei Münchner Autorenbilder im Vergleich ausgewählter Vergil-Illustrationen herauszuarbeiten.

 

Tif, Armand (Wien)

Buchmalerei im Auftrag der Universität: Erfurt – Leipzig – Basel

An der ältesten Universität Deutschlands in Erfurt, ihrer Tochtergründung in Basel und ihrer aufgrund der geographischen Nähe größten Konkurrentin in Leipzig entstand in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ein besonderer Brauch: Die semesterweise gewählten Rektoren und Dekane waren bestrebt, ihre Semesterprologe in den Matrikeln mit hochrangiger Buchmalerei ausstatten zu lassen. Aufgrund ihrer primären Eigenschaft als Universitätsakten übermitteln die illuminierten Semesterblätter sowohl das genaue Datum, als auch den Namen des jeweiligen Rektors bzw. Dekans als Auftraggeber der künstlerischen Ausstattung. Der Aufenthaltsort der Künstler zum jeweils eingetragenen Zeitpunkt ist gesichert, denn als wichtige interne Dokumente haben die illuminierten Universitätsmatrikeln ihren Bestimmungsort niemals verlassen. Neben einer Übersicht über die führenden Buchmaler in Sachsen, Thüringen und am Oberrhein bieten die Matrikeln von Erfurt, Leipzig und Basel hervorragende Quellen für die Analyse von Künstlerbewegungen und den damit verbundenen kulturellen Austausch zwischen diesen Gebieten. Einen Höhepunkt erreichte diese akademische Tradition an den drei Universitäten zwischen den späten 1480er Jahren und dem beginnenden 16. Jahrhundert. In dieser Zeit bildeten sich in diesem universitären Umfeld künstlerische Netzwerke, welche die Koordination der Auftragsvermittlung zwischen den Illuminatoren und ihren Auftraggebern nicht nur für die Matrikeldekorationen, sondern auch für großangelegte anspruchsvolle, mehrjährige Buchherstellungsprojekte (z. B. von mehrbändigen großformatigen Chorbüchern) überregional ermöglichten. An ausgewählten Beispielen werden die kontextuellen Verbindungslinien zwischen den Universitätsleitungen und den wichtigsten Buchkünstlern veranschaulicht, um die Bedeutung und das Potenzial der kunsthistorischen Analyse der illuminierten Matrikeln für die Erforschung des Buchwesens und der Kunst im deutschsprachigen Raum um 1500 deutlich zu machen.

 

Wagner, Bettina (München)

Die Lücke im Lebenslauf.  Der "Briefmaler" Hans Sporer und seine Drucke

Hans Sporer aus Nürnberg, der sich selbst als "prieffmaler" bezeichnet, ist eine besonders interessante Figur im Medienwandel des 15. Jahrhunderts. Vier verschiedene Blockbücher aus seiner Produktion sind belegt, die in den 1470er Jahren entstanden. Ab 1487 ist er als Inkunabeldrucker in Bamberg nachgewiesen; 1494 siedelte er nach Erfurt über. Fast 50 meist deutschsprachige Inkunabelausgaben aus seiner Offizin sind nachgewiesen, von denen knapp die Hälfte Holzschnitte enthält. Der Vortrag möchte einen Überblick über Sporers Tätigkeit als Drucker geben und dabei insbesondere der Frage nachgehen, inwieweit die erhaltenen Exemplare von Sporers Blockbüchern dazu beitragen können, die Lücke im Lebenslauf des Druckers zu schließen.

Wójcik, Rafał (Poznań)

Between compilation and uniqueness. On the prayer-book of King Sigismund I the Old (British Library, Add. 15281)

The prayer-book of the Polish King Sigismund I the Old (1467-1548) has been held in the British Library since 1844. it is one of the few other prayer-books which were composed and illuminated in the workshop of Stanisław Samostrzelnik (c. 1490-1541; Stanislaus Claratumbensis, Stanislaus de Cracovia), the most famous Polish miniaturist at the beginning of the 16th century. The paper will focus on four large illuminations by Samostrzelnik contained in the codes, but will also show the text content and, in particular, the Latin version of the so-called Tarcza duchowna (Clipeus spiritualis) against the background of two other textual transmissions of this set of prayers.