Tagung: Liturgie- und Musikgeschichte der Diözese Passau. Mittelalter und Frühe Neuzeit.

Das Gebiet des ehemaligen Donaubistums Passau im Mittelalter erfasste den südostwärtigen Teil des Herzogtums Bayern sowie den größten Teil des babenbergischen bzw. habsburgischen (Erz-)Herzogtums. Das Bistum Passau war über viele Jahrhunderte hinweg maßgeblich an der kulturgeschichtlichen Entwicklung Bayerns und Österreichs ober- und unterhalb der Enns beteiligt, die Bischofsstadt selbst eine herausragende Pflegestätte der Musik.

Die mittelalterliche Liturgie- und Musikgeschichte der Dom-, Pfarr- und Klosterkirchen der Diözese Passau war bis vor wenigen Jahren kaum erforscht. Abgesehen von einigen prominenten Musikdenkmälern aus bedeutenden Klöstern wie St. Florian, Kremsmünster oder Klosterneuburg waren kaum relevante Quellen bekannt, vor allem keine, die die liturgische Tradition der Diözese widerspiegeln würden. Eine wichtige Grundlagenstudie lieferte 1983 Georg-Hubertus Karnowka mit dem "Breviarium Pataviense. Das Passauer Brevier im Mittelalter und die Breviere der altbayerischen Kirchenprovinz". Auch wenn sich Karnowka im Wesentlichen auf spätmittelalterliche Handschriften und frühneuzeitliche Drucke beschränkte, sind seine Untersuchungen zum Offizium bis heute von großer Relevanz. 

Bei der Konferenz werden ForscherInnen aus verschiedenen Disziplinen versuchen, Licht in das mittelalterliche Dunkel der liturgischen Choralpraxis zu bringen. Von großer Bedeutung sind die Forschungen zu Libri ordinarii, den liturgischen "Regiebücher" für das Opus dei in der Diözese Passau, die im IKM-Projekt CANTUS Network geleistet werden. Dieses Projekt baut auf Vorarbeiten auf, die im Rahmen eines vorausgehenden Akademieforschungsvorhabens erbracht wurden und die Katalogisierung der musikalischen Quellen des Mittelalters der Österreichischen Nationalbibliothek Wien zum Ziel hatte. Von hoher Relevanz sind zudem Detailstudien zu Handschriften der Augustinerchorherren und -frauen in Klosterneuburg (Michael Norton, Franz Karl Praßl, Robert Klugseder), St. Florian, der Benediktiner in Niederaltaich, Melk und Mondsee sowie der Zisterzienser in Aldersbach (alle Robert Klugseder). Neben weiteren musik-liturgischen Fragestellungen werden sich Forschende aus den Bereichen Mittelalterliche Geschichte, Kunstgeschichte und Architektur mit liturgierelevanten Aspekten der mittelalterlichen Diözese Passau beschäftigen.

Ein Konzert der Grazer Choralschola unter der Leitung von Franz Karl Praßl mit Gesängen aus mittelalterlichen Handschriften der Diözese im Passauer Dom und eine musikalische Andacht, gestaltet vom Leonhard-Paminger-Ensemble unter der Leitung von Martin Steidler, runden das vielfältige Programm ab.

Tagungsort ist das ehemalige Kloster St. Nikola, das heute von der Universität Passau genutzt wird. Das um 1070 von Bischof Altmann gegründete Reformkloster war Ausgangspunkt einer spirituellen und liturgischen Erneuerung des Diözesanklerus. Vieles von dem, was man heute in mittelalterlichen Liturgica als Passauer Diözesanproprium qualifizieren kann, hat seinen Ursprung in der liturgischen Praxis der Chorherren von St. Nikola. Die Konferenz kehrt somit an die Wurzeln der Passauer liturgischen Tradition zurück.