Sozialer Zusammenhalt & Strategien der Identifikation im frühmittelalterlichen Europa


In der Zeit zwischen 400 und 1200 wandelte sich nach dem Ende des römischen Reiches nicht nur die politische Landschaft Europas zu einem Gebilde unterschiedlicher Nachfolgereiche. Auch die vielfältigen Identitätskonzepte waren Veränderungen unterworfen, die durch die Verbreitung des Christentums einerseits und die Errichtung von Reichen mit ethnischen Bezeichnungen andererseits hervorgerufen und begleitet wurden. Diese Transformationen geschahen häufig durch Aneignung, aber auch durch kritische Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen Erbe der Vergangenheit.

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In der Arbeitsgruppe wird erforscht, welche Folgen langfristige Prozesse, etwa die Christianisierung oder die politische Transformation des römischen Reiches, für den sozialen Zusammenhalt der mittelalterlichen Gesellschaften hatten. Dabei stehen Gemeinschaftsbildungen ebenso im Zentrum der Betrachtung wie die damit verbundenen Strategien, deren man sich angesichts der sich wandelnden Verhältnisse und der neuen Identifikationsangebote in religiöser, politischer, intellektueller, kultureller und sozialer Hinsicht bediente. Ausdruck fanden diese Strategien in den Quellen, die die Wechselwirkung von unterschiedlichen Identitätsentwürfen widerspiegeln.

Besonders erfolgreich waren in dieser Hinsicht die Franken, die es verstanden, weite Teile des lateinischen Europa an ihr identifikatorisches Projekt zu binden. Unter karolingischer Herrschaft gelang ein Reformexperiment, das die politischen, sozialen, religiösen, intellektuellen und kulturellen Ressourcen zu adaptieren und bündeln half. Nach dem Ende der Karolingerdynastie waren die Gesellschaften erneut gezwungen, sich mit dem vielfältigen und spannungsreichen Erbe dieser prägenden Epoche auseinanderzusetzen. Die post-karolingische Zeit wird allerdings nicht allein unter der Prämisse der Auflösung politischer, institutioneller und sozialer Strukturen sowie des kulturellen Niedergangs untersucht, sondern als eine Periode verstanden, in der die Fragmente der Vergangenheit mit den Herausforderungen der Gegenwart abgeglichen wurden. Gerade die Auseinandersetzung mit der Pluralität der politischen Strukturen und Institutionen, der rechtlichen Grundlagen, der regionalen Sprachen, der Formen kulturellen und religiösen Lebens oder der Wissensformationen prägten das Europa der folgenden Jahrhunderte.