Wandel in der eurasischen Steppe und ihren Peripherien

Changes in Eurasian Steppes and their Peripheries (CESP)


Dieses Projekt findet in Zusammenarbeit mit der Ungarischen Akademie der Wissenschaften statt, die seit langem eines der europäischen Zentren der Steppenforschung ist, insbesondere in der vergleichenden Archäologie, der Linguistik und Ethnologie der eurasischen Steppen. Viele Aspekte des ungarischen Projektteiles sind relevant für die hier vorgeschlagene allgemeine Untersuchung: historische Semantik, die Analyse mündlicher Mythen und Traditionen, das Problem der Relevanz archäologischer Befunde für die Untersuchung von Identitäten und die Frage des Gebrauchs ethnischer Geschichte in moderner Identitätspolitik. Das ungarische Projektteam vereint einige der führenden Forscher in diesem Feld. Andererseits kann Österreich seine starke Tradition historischer Studien über Ethnizität und über die Beziehungen zwischen ‚Barbaren‘  mit der römischen und post-römischen Welt beitragen. Dazu kommt die lange Erfahrung mit der Kritik nationaler und ideologischer Aneignungen der Geschichte.

Ethnizität in der Steppe: vergleichende Zugänge

Univ. Prof. Dr. Walter Pohl

Lange Zeit nahm die Erforschung der Steppenvölker Ethnizität als gegeben an; unter einer rasch wechselnden Oberfläche sich verschiebender Erscheinungen wurde meist eine Kontinuität breiter ethnischer Gruppierungen angenommen, zum Beispiel der Türken, Mongolen oder Ungarn. Diese Auffassung erlaubte vielerlei nationale Aneignungen der Vergangenheit, teils bis zum heutigen Tag. In jüngerer Zeit haben sich neue Zugänge zur Ethnizität in diesem Forschungsfeld verbreitet, die oft neue Debatten auslösten.

Das vorliegende Projekt zielt auf eine vergleichende Betrachtung der Periode zwischen ca. 300 – 1000 u. Z., aufbauend auf ausgedehnten vorangehenden Forschungen sowohl über mittelalterliche Ethnizität als auch über die (vor allem europäischen) Steppenvölker. Die Untersuchung geht von Hunnen, Awaren, Bulgaren und Ungarn aus, wird aber auch die Steppenvölker der Epoche weiter im Osten vergleichend einbeziehen, um mehr über Rolle und Grenzen ethnischer Unterscheidungen in der Welt der Steppe und für deren auswärtige Betrachter herauszufinden. Die Analyse geht von der Voraussetzung aus, dass Gruppen nicht per se ethnisch sind, sondern dass Ethnizität ein Ordnungsprinzip der sozialen Welt ist, das durch Kommunikation und durch Akte der Identifikation wirksam wird, und dessen Relevanz für verschiedene Akteure (in-group und out-group in der Steppe, Beobachter außerhalb der Steppenzone, moderne Forscher etc.) unterschiedlich war. 

Der Einfluss nomadischer Pastoralisten in Eurasien: eine Fallstudie aus Anatolien

Dr. Celine Wawruschka

Die nomadischen Kulturen Eurasiens werden oftmals kurzerhand mit Reitervölkern der Steppe assoziiert, während nomadische Viehzüchter weitaus weniger Beachtung finden, obwohl letztere in der Geschichte Eurasiens zahlreicher vertreten waren. 

In meinem Projektbeitrag biete ich einerseits einen Überblick über die Entstehung und Vielfalt der Kulturen der nomadischen Viehzüchter Eurasiens, wobei vor allem zwei Aspekte im Vordergrund stehen: aus forschungsgeschichtlicher Sicht die teils ideologische Interpretation nomadischer Kulturen und aus historischer Sicht die Frage nach gegenseitiger Abhängigkeit und Beeinflussung der umgebenden sesshaften Bevölkerung.

Diesem allgemeinen Überblick folgt eine Fallstudie aus Anatolien, in der ich beiden Fragestellungen detailliert nachgehe. Anatolien stellt durch seine Lage am westlichen Rand Eurasiens eine Zone kultureller Interaktion und Beeinflussung dar. Zudem zeichnet sich die Geschichte dieses Gebiets durch ein dynamisches Wechselspiel sesshafter und nomadischer Kulturen aus: Seit dem Neolithikum war Anatolien auch die Heimat nomadischer Pastoralisten. Mit den ersten Staatenbildungen in der mittleren Bronzezeit fanden sich nomadische Reitervölker über Jahrhunderte hinweg sowohl als Verbündete als auch als Eindringlinge, als Söldner und als Eroberer in Anatolien ein, bis eine Gruppe von ihnen die Grundfesten des Osmanischen Staates legte. Aus diesem Grund stellen Eigenrezeption und nationale Geschichtsschreibung in Bezug auf dieses nomadische Erbe den letzten Aspekt meiner Fallstudie dar. 

Publikationen


Walter Pohl, Ethnicity and Empire in the Western Eurasian Steppes, in: Empires and Exchanges in Eurasian Late Antiquity. Rome, China, Iran, and the Steppe, ca. 250–750, ed. Nicola di Cosmo/Michael Maas (Cambridge 2018) 189-205.

Walter Pohl, Huns, Avars, Hungarians – comparative perspectives based on written evidence, in: Complexity of Interaction along the Eurasian Steppe Zone in the First Millennium CE, ed. Jan Bemmann/Michael Schmauder (Bonn Contributions to Asian Archaeology 7, Bonn 2015) 693-702.

Celine Wawruschka, Genetic History and Identity: The Case of Turkey, Medieval Worlds 4 (2016) 123-161.

Präsentationen


Walter Pohl, "Huns and Avars", paper presented at the conference Empires to Remember (Vienna, 26.11.2015)

Celine Wawruschka, "Migration und Staatenbildung: Historiographie und Eigenrezeption im Wandel am Beispiel der Türkei", paper presented at the workshop "Migrationes Gentium" - "Völkerwanderungen" als historiographischer Topos von der Antike bis zur Gegenwart (Vienna, 29.11. 2015)

Celine Wawruschka, "Genetic History and National Identity: The Case of Turkey", presentation in the course of the lecture series "Genomics, Identity, and Society" (Freiburg, 19.01. 2016)

Celine Wawruschka, “Konflikte zwischen sesshaften und nomadischen Bevölkerungen am Fallbeispiel Anatoliens: eine diachrone Analyse”, presentation at the conference „Byzanz und das Abendland V“, Eötvös-József-Collegium Budapest (23.11. 2016).