Die Edition der Inschriften des Wiener Stephansdoms

Das Epitaph der beiden Domherren Georg Hager und Georg Huber, zwischen 1514 und 1520
© ÖAW / Foto: Michael Malina)

Die Bedeutung des Stephansdoms als Wiener und darüber hinaus als österreichisches Identifikationssymbol war seit jeher groß. Einer der Gradmesser seiner enormen Popularität ist die beeindruckende Dichte an inschriftlichen Denkmälern, die im Laufe der Jahrhunderte in seinem Inneren und an seinen Außenmauern angebracht wurden. Die rund 300 Inschriften, die heute noch erhalten sind, stellen aber nur mehr einen Bruchteil dessen dar, was ursprünglich einmal da gewesen sein muss. Eine gewisse Vorstellung davon vermitteln die außergewöhnlich vielen und inhaltsreichen Sammlungen von kopierten Inschriftentexten, die ab dem späten 16. Jahrhundert angelegt wurden. Diese lassen den heute noch textlich fassbaren Bestand auf bemerkenswerte knapp über 1.000 Denkmäler anschwellen. Damit gehört der Stephansdom zu den reichsten Inschriften-Einzelstandorten im ganzen deutschsprachigen Raum. Ein so umfangreicher und komplexer Bestand macht die Aufteilung auf zwei Editions-Teilbände notwendig, von denen der erste, „Die Inschriften der Dom- und Metropolitankirche St. Stephan I (bis 1520)“, derzeit in Bearbeitung ist.

Die inschriftlichen Denkmäler von St. Stephan sind zum überwiegenden Großteil solche des Totengedenkens. Ihre Gestaltung reicht von einfachen, schmucklosen Grabplatten über Epitaphien mit kunstvollen bildlichen Darstellungen bis zum prunkvollen, reichgeschmückten Hochgrab Kaiser Friedrichs III. Stifter dieser Denkmäler waren neben dem üblichen Kreis – dem an der Kirche selbst tätigen Klerus und den Mitgliedern der Pfarrgemeinde – auch Angehörige der Universität, des Beamtenadels und des Hauses Habsburg (von Herzog Rudolf IV., „dem Stifter“ initiierte Grablege.)  sowie viele Fremde, die oft ohne näheren Bezug zur Stadt an ihrem Sterbeort Wien beigesetzt wurden. Die Liste all dieser Namen liest sich wie ein „who is who“ der Geschichte (nicht nur) der Stadt Wien. Als ein „Fallbeispiel“ für ein äußerst komplexes Inschriftendenkmal im Stephansdom ist Ende 2017 der Tagungsband „Der Kaiser und sein Grabmal. Neue Forschungen zum Hochgrab Friedrichs III. im Wiener Stephansdom“ erschienen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftmedien stehen Inschriften oft in Verbindung mit Kunstwerken von höchst unterschiedlicher Qualität. Sie müssen also immer als ein Teil (unter mehreren) eines mehr oder weniger vielgestaltigen Text-Bild-Programms interpretiert werden. In diesem Kontext können sie wertvolle Informationen zur Sozial-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte ihrer Entstehungszeit vermitteln. Gerade in diesem Zusammenhang ist der außergewöhnlich reiche Inschriftenbestand von St. Stephan von großer Bedeutung, da hier durch gezielte Vergleiche gegenseitige Vorbildwirkungen oder zumindest Beeinflussungen nachgewiesen werden können, die ihrerseits wieder Rückschlüsse auf das Gefüge der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft zulassen.