DIE KORNEUBURGER TESTAMENTSBÜCHER (1401–1493)


Korneuburg, Kupferstich, Georg Matthäus Vischer, 1672 (© ÖAW)

Stadtbücher (statpuch, liber civitatis) zählen neben dem urkundlichen Material zu den wichtigsten Quellen der spätmittelalterlicher Stadtgeschichte. Sie wurden im Auftrag des Rats vom Stadtschreiber geführt und sind als Verwaltungsschriftgut Niederschlag der im Spätmittelalter einsetzenden Professionalisierung der Verwaltung.

Diese im Zuge sich intensivierender Schriftlichkeit europaweit feststellbare Entwicklung setzte seit dem Ende des 14. Jahrhunderts auch in den Kleinstädten der Herzogtums Österreich ob und unter der Enns, auch wenn die Überlieferung überaus lückenhaft ist und sich nur wenige Stadtbücher erhalten haben.

Letztwillige Verfügungen und städtische Lebenswelt


Testament des Hans Setel, 1425 Mai 8, StA Korneuburg, Hs. 3/159 fol. 26v-27r (© K. Holzner-Tobisch)

Mit den beiden für das 15. Jahrhundert überlieferten Testamentsbüchern verfügt die Stadt Korneuburg über einen lückenlos erhaltenen und daher sehr wertvollen Bestand an Stadtbüchern. Die im Stadtarchiv verwahrten Handschriften (Sign. Hs. 3/159, Hs. 3/160) enthalten über 500 letztwillige Verfügungen (zeitgenössisch „Geschäfte“) – nach Wien einer der größten spätmittelalterlichen Bestände  dieser Quellengattung im ostösterreichischen Raum.

Der hohe Quellenwert der Testamentsbücher resultiert im Unterschied zu den Urkunden in besonderer Weise aus der fortlaufenden Führung und der seriellen Dichte der Einträge. Dadurch wird das städtische und stadtbürgerliche Gefüge über längere, geschlossene Zeiträume analysierbar, sowohl in städtebaulich-materieller Hinsicht (Bau, Häuser etc.) als auch strukturell und personell, etwa in Bezug auf Schichtung, Netzwerke oder Ämter.

Ziel des Projekts ist die Edition der beiden Handschriften, um die in diesen Quellen enthaltene Materialfülle zur städtischen Lebenswelt zu erschließen. Die Edition des ersten Testamentsbuchs (Hs. 3/159), zugleich das älteste Stadtbuch Korneuburgs, konnte abgeschlossen werden und wurde 2014 publiziert. Zudem erfolgte eine Auswertung der für diese Quellengattung typischen Vergaben zum Seelenheil, die hinsichtlich alltagsreligiöser Denk- und Handlungsmuster im städtischen Kontext untersucht wurden. 

Publikationen


  • Vom Marktflecken zum Wirtschaftsstandort, in: Geschichte findet Stadt = Zeitreise Österreich 3 (2015), S. 26-28.
  • Das älteste Korneuburger Stadtbuch: "Geschafftpuech" (1401-1444) (Studien und Forschungen aus dem Niederösterreichischen Institut für Landeskunde 57), St. Pölten 2014.
  • Kleinstädtische Lebenswelt im 15. Jahrhundert, in: Korneuburger Kulturnachrichten (2012/ersch. 2014) S. 2-22. „Graue Eminenzen“ in der Kleinstadt. Die Stadtschreiber und Kirchenmeister von Korneuburg, in: Medium Aevum Quotidianum 63 (2012) S. 5–19.
  • Zum ewigen Gedächtnis in unser Stadtbuch geschrieben“: Die Korneuburger Geschäftsbücher des 15. Jahrhunderts, in: Thomas Olechowski und Christoph Schmetterer (Hg.), Testamente aus der Habsburgermonarchie. Alltagskultur, Recht, Überlieferung (Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs 1), Wien  2011, S. 44–67.
  • Investitionen für die Ewigkeit. Die Seelenheilstiftungen in den letztwilligen Verfügungen der Stadt Korneuburg im 15. Jahrhundert (Medium Aevum Quotidianum, Erg.-Bd. 19), Krems 2007.