Der Orden vom Goldenen Vlies zwischen Loyalität und Felonie (1484–1493)


Nach dem Tod Herzog Karls (1477) und dem seiner Tochter und Alleinerbin Maria (1482) versuchten viele Akteure ihre Machtposition in dem blühenden Herzogtum Burgund auszubauen. Vor allem die Stände von Flandern wollten nicht Marias Ehemann, den späteren röm.-dt. König und Kaiser Maximilian I., sondern deren minderjährigen Sohn Philipp (* 1478) als ihren rechtmäßigen Landesherrn und Herzog anerkennen. Bis zu dessen Volljährigkeit sollte ein Regentschaftsrat unter ihrer Beteiligung die Regierungsgeschäfte übernehmen.  Mit seiner burgundischen Heirat hatte Maximilian 1478 auch die Souveränität über den Orden vom Goldenen Vlies übernommen, die nun ebenfalls in Frage gestellt wurde. Dieser 1430 gegründete Orden wurde als identitätsstiftende Klammer des heterogenen Herzogtums Burgund stilisiert, in dem nur die Besten, vorbildlichsten und dem Herzog treuergebenen Ritter des Landes aufgenommen wurden. Schnell entwickelte er sich zu einem der prachtvollsten europäischen Ritterorden des 15. Jahrhunderts, dessen Verfassung, Feste, Zeremoniell und Rituale in ganz Europa große Beachtung fanden und der zum Vorbild für andere elitäre Vereinigungen genommen wurde.

Die Auseinandersetzung um den rechtmäßigen Herzog machte auch vor dem Orden vom Goldenen Vlies nicht halt, teilte die Mitglieder in zwei Lager, führte aber auch dazu, dass die Ordensmitglieder bei einer Versammlung in Dendermonde im Sommer 1484 einen Kompromiss herbeiführten, wonach Maximilian bis zur Volljährigkeit seines Sohnes als dessen Vormund weiterregieren konnte. In den darauffolgenden Jahren bemühte sich der Orden, sein angeschlagenes Renommee wieder herzustellen, denn die Abwendung von Maximilian wurde als ein Akt der Felonie angesehen.

Eine zentrale Quelle über die Verhandlungen im Jahr 1484 und über das Ordensfest in Mecheln von 1491, wo sich verschiedene Mitglieder den Vorwürfen der Untreue stellen mussten, sind die Bände 6 und 7 der achtbändigen Reihe der Protokollbücher des Ordens vom Goldenen Vlies. Die Bände enthalten präzise Angaben über die Versammlungen des Ordens, deren Teilnehmer, Tagesordnungspunkte, Zeremonien, Neuwahlen und Beschlüsse. Die für den internen Gebrauch verfassten Protokolle beschreiben jenseits des allgemein bewunderten Prunks die verschiedenen Meinungen und Positionen der beteiligten Akteure, geben aber auch ein facettenreiches Bild von Kommunikationsstrategien, Repräsentation, Sozialkontrolle, Identität, Loyalität, Felonie und dem Herrschaftsverständnis konkurrierender Gewalten im ausgehenden 15. Jahrhundert.

Ziel des hier vorliegenden Projekts ist die Editionsreihe der Protokollbücher mit den Bänden 6 und 7 weiterzuführen, denn es handelt sich dabei um eine essentielle, aber nahezu unbekannte Quelle nicht nur zur Geschichte des Ordens selbst, sondern auch zur politischen Geschichte der burgundischen Niederlande zur Zeit Maximilians I. Gleichzeitig sollen in dem Projekt die Inhalte der Protokolle für eine Monographie zur „Geschichte des Ordens vom Goldenen Vlies im 15. Jahrhundert“ ausgewertet werden.