Gebrauch und Missbrauch des Mittelalters


Politisch-ideologischer Missbrauch des Mittelalters ist in manchen Ländern nach wie vor aktuell; Wachsamkeit bleibt notwendig. Forschende müssen sich am Dialog mit der Öffentlichkeit beteiligen und sich bemühen, dass ihre Stimme stets hörbar bleibt. Irreführenden oder phantastischen Bildern eines imaginierten Mittelalters muss man mit soliden und fundierten Forschungsergebnissen begegnen. Der Verlust der historischen Urteilsfähigkeit und damit des kulturellen Gedächtnisses droht; eine umfassende wissenschaftliche Beschäftigung mit Geschichte ist daher heute besonders dringlich. Schon einmal, im Lauf des 19. Jahrhunderts, haben sich romantische Mittelalterbilder, zu denen renommierte Historiker beigetragen haben, zu aggressiven nationalen und autoritären Ideologien verselbständigt. So sehr ein breites Interesse an Geschichte zu begrüßen ist – die ständige professionelle wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit ist die einzige Möglichkeit, Missbrauch und Beliebigkeit im Umgang mit der Geschichte entgegenzutreten. 

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Mittelalterforschung bedarf dazu freilich eines kritischen Blickes auf ihre eigene Geschichte, denn zu oft sind MediävistInnen in der Vergangenheit bewusst oder unbewusst selbst zu KomplizInnen ideologischer Verzerrungen geworden. Das Interesse am Mittelalter speiste sich lange Zeit aus romantischen Vorstellungen, die oft mit antimodernen Reflexen verknüpft waren. Eine Zeit, in der Autoritäten unbefragt akzeptiert wurden, in der in überschaubaren Lebenswelten jeder seinen Platz hatte und wo der Glaube Antworten auf alle Fragen bot, schien vielen als Gegenbild zur Modernisierung attraktiv. Viele HistorikerInnen lieferten dafür Material. Die Folge waren reaktionär-ständestaatliche Ideologien. Noch gefährlicher waren jene nationalen Bewegungen, die Ursprung und Rechtfertigung ihrer aggressiven Ideologien in Völkerwanderungszeit und Mittelalter suchten. Die Germanen mussten in Deutschland als tapfere, edle Vorfahren und Vorbilder herhalten, in Frankreich und Italien hingegen als grausame Feindbilder. Die Forschungsgeschichte ist keineswegs frei von solchen Tendenzen, die oft ganz gegen die Quellen mit großer Überzeugungskraft vertreten wurden. Kein(e) HistorikerIn ist frei von zeitgebundenen Herangehensweisen; wichtig ist aber, dass man über die Bedingtheit des Interesses an der Vergangenheit Rechenschaft ablegt. Dieser Herausforderung versucht sich das Institut für Mittelalterforschung zu stellen.