24.03.2016

Kleine Gebete in Byzanz

Wittgenstein-Preisträgerin Claudia Rapp erforscht byzantinische Gebetbücher. Sie erzählen vom damaligen Alltag der Menschen und sind bis heute kaum wissenschaftlich erschlossen.

Manche Dinge ändern sich scheinbar nie: Schon im mittelalterlichen Byzanz hatten Schüler Lernschwierigkeiten oder sahen aufgeregt dem ersten Schultag entgegen. Damals halfen den Jugendlichen Gebetbücher weiter, die auch bei anderen Anlässen des täglichen Lebens – von der Weinernte über Geburt und Hochzeit bis hin zu Begräbnissen – verwendet wurden. So weit verbreitet diese religiösen Texte in allen sozialen Schichten des byzantinischen Reiches waren, so wenig erforscht sind sie bis heute.

Dieses Desiderat möchte das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt „Alltag und Religion: Byzantinische Gebetbücher als sozialgeschichtliche Quelle“ der Abteilung Byzanzforschung des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nun beheben. Seit kurzem arbeiten Wissenschaftler/innen rund um die Byzantinistin Claudia Rapp daher daran, erstmals eine Datenbank handschriftlich überlieferter byzantinischer Gebetbücher zu erstellen, die für Forschung und Öffentlichkeit frei zugänglich sein wird.

Welche Herausforderungen dabei auf die Wissenschaftler/innen warten, was uns die Werke über das Leben der Menschen im alten Byzanz verraten können und warum sie gerade die rätselhaftesten Manuskripte am meisten faszinieren, erzählt Wittgenstein-Preisträgerin Claudia Rapp.

Gebetbücher aus der byzantinischen Zeit wurden bisher von der Forschung wenig beachtet - warum?

Claudia Rapp: Als Objekte für den täglichen Gebrauch von Priestern sind diese mittelalterlichen Manuskripte eher unscheinbar und sind daher weder von der Paläographie, d.h. der Schriftkunde, noch von der Kunstgeschichte wirklich beachtet worden. Die Schrift ist oft schwer lesbar, und Dekorationen gibt es auch kaum, wie man sie anderweitig aus reich bebilderten Handschriften kennt. Einige Dutzend dieser Manuskripte wurden bisher unter dem Gesichtspunkt der Liturgiegeschichte untersucht, um etwa herauszufinden, wie sich die Eucharistiefeier oder der Hochzeitsritus im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Uns geht es aber um die Gebete für spezifische Anliegen, die ebenfalls in diesen Manuskripten enthalten sind. Dafür müssen wir eine vollständige Bestandsaufnahme dieses umfangreichen Corpus vornehmen.

Aus welcher Zeit stammen diese Gebetbücher und wie viele von ihnen sind heute noch für die Forschung erhalten?

Rapp: Das früheste erhaltene Manuskript liegt in der Vatikanbibliothek und stammt aus dem späten 8. Jahrhundert. Für unser Projekt setzen wir einen Endpunkt ca. 1650, mit der maßgeblichen Druckausgabe. Den genauen Umfang des Bestands kennen wir noch nicht. Die Kataloge der Handschriftenbibliotheken sind da oft ungenau. Wir rechnen mit mindestens 2000 Manuskripten, die unser Team von derzeit sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in diesem langfristig angelegten Projekt erforschen will.

Worum ging es in den Gebeten?

Rapp: Die Euchologien – „Euchologion“ ist die griechische Bezeichnung für Gebetbuch – bestehen aus zwei Teilen. Im ersten Teil stehen eine oder mehrere Liturgien für die Eucharistiefeier, sowie die Riten für andere Sakramente, wie Hochzeit, Taufe, Begräbnis und Mönchsweihe. Diese sind bereits Gegenstand von liturgiewissenschaftlichen Forschungen. Uns interessieren die sogenannten „kleinen Gebete“, die sich auf Alltagssituationen beziehen. Je nach Zeitepoche und Region, in denen diese Manuskripte erstellt wurden, ergeben sich erhebliche Unterschiede in Anliegen und Abfolge dieser Gebete. Diese fehlende Systematik macht unsere Arbeit zu einer großen Herausforderung.

Und was erzählen uns diese Gebete über das Alltagsleben in Byzanz?

Rapp: Für alle Anliegen des täglichen Lebens gibt es Gebete: für die Landwirtschaft (Almauftrieb im Frühsommer, Weinernte), für Naturkatastrophen (Erdbeben, Dürre), für das Bildungswesen (erster Schultag, Lernschwierigkeiten), für das Familienleben (Geburt und Wochenbett), und auch Gebete für die priesterliche Einsegnung einer brüderlichen Beziehung zwischen zwei Männern. Dieses Phänomen, das in dieser Form nur aus Byzanz bekannt ist, habe ich in meinem gerade erschienenen Buch untersucht.

Sie erstellen derzeit eine Datenbank zu den Gebetbüchern. Welche Vorteile bietet das für die Erforschung dieser Quellen?

Rapp: Die kleinen Gebete in den Euchologien müssen in ihrer Entwicklung über einen langen Zeitraum und in ihrer geographischen Spezifität erforscht werden. Erst dann wird deutlich, welche Anliegen in welchen Jahrhunderten oder in welchen Regionen für die Menschen besonders wichtig waren. Das erfordert große Datenmengen. Für die rituelle Verbrüderung zum Beispiel konnte ich auf diese Weise feststellen, dass sie ganz besonders im mittelalterlichen Süditalien, das teilweise unter byzantinischem Einfluss stand, wichtig war, offenbar um es orthodoxen Männern zu ermöglichen, mit Katholiken engeren familiären Kontakt zu pflegen oder gemeinsame Wirtschaftsinteressen zu verfolgen.

Gibt es unter den Gebetbüchern eines, das Sie persönlich besonders beeindruckt hat?

Rapp: Es sind immer die Randphänomene, die einen besonders ansprechen. Ein Manuskript aus Süditalien etwa, in dem Notizen in italienischer Sprache, aber in griechischen Buchstaben aufgeschrieben sind, oder ein palimpsestiertes, also auf recyceltem  Pergament geschriebenes Gebetbuch im Katharinenkloster im Sinai, wo ein Gebetbuch ausradiert wurde, um innerhalb weniger Jahrzehnte für eine neue Fassung des Euchologions Platz zu schaffen. Es sind immer neue Rätsel wie diese, die unsere Arbeit in der Grundlagenforschung voranbringen.