24.07.2019

Bisher älteste Überlieferung des 'Rosendorns' in der Stiftsbibliothek Melk entdeckt

Ein schmaler Pergamentstreifen gibt der germanistischen Mittelalterforschung Rätsel auf. Er überliefert einen erotischen Kurztext, genannt 'Der Rosendorn', in dem eine Jungfrau mit ihrer Vulva in Streit gerät. Bisher ging man nämlich davon aus, dass derartige Texte im deutschsprachigen Raum erst im 15. Jahrhundert entstanden sind. Der Streifen stammt aber aus der Zeit um 1300.

Der aus einem Pergamentblatt geschnittene Streifen wurde als Lagenverstärkung in einer lateinischen Handschrift verwendet. Ähnliche Falzstreifen findet man in mittelalterlichen Handschriften immer wieder. Äußerst selten aber sind sie so spektakulär wie dieser.

Bereits die Identifikation des Textes stellte eine enorme Herausforderung dar. Da das Blatt quer zur Zeilenrichtung beschnitten ist, sind jeweils nur wenige Buchstaben oder kurze Wörter zu entziffern. Nathanael Busch (Universität Siegen, Deutschland) gelang dies, als der Streifen noch in der Trägerhandschrift eingebunden war.

Die Datierung des Textschnipsels in die Zeit um 1300 erfolgte durch die Projektgruppe 'Handschriftencensus' aufgrund paläographischer Kriterien. Bisher kannte man nur zwei weit spätere Überlieferungen in Handschriften des 15. Jahrhunderts. Der Fund des frühen Melker Textzeugen wird die germanistische Mediävistik weiter beschäftigen und zur Revision ihrer bisherigen Positionen im Hinblick auf Texte beitragen, die vom freien Umgang mit Sexualität zeugen.