Donnerstag, 28. Juni 2018, 16:30

Absteigen als Erzählen

Unterwelt und Politik in der lateinamerikanischen Prosa, Vortrag von Nora Zapf (Universität Innsbruck), am 28. Juni 2018

Jede katábasis stellt in sich eine „Urszene des Erzählens“ dar (Platthaus 2004). Dabei trifft die Gegenwart Schritt für Schritt auf die Vergangenheit (der Held/die Heldin begegnet den Toten) und fördert diese auf paradoxe Weise als Vorausschau in die Zukunft zutage (er/sie kehrt zurück an die Erdoberfläche und erzählt). „Je tiefer man schürft“, schreibt Thomas Mann, desto mehr stößt man auf die „Anfangsgründe des Menschlichen [und] seiner Geschichte“ (Joseph, 1933). Mit dem Abstieg ins Erdinnere, der in unzähligen Texten seit den Epen Homers, Vergils und Dantes beschrieben wird, findet eine Suchbewegung nach den kulturellen Ursprüngen statt, nach dem kollektiven Gedächtnis. Auffällig ist, dass viele lateinamerikanische Romane des 20. Jahrhunderts diese Bewegung in die Tiefe nicht nur mit dem Unbewussten der Kultur in Zusammenhang bringen, sondern auch mit den Untiefen der Politik und Gesellschaft: ob mafiöser Untergrund, die Unruhen der mexikanischen Revolution oder die Kerker der Militärdiktaturen in Chile und Argentinien, stets sind die Unterweltreisenden konfrontiert mit der politischen Hölle ihres jeweiligen Landes. Anders als die Fremdbestimmung der Kolonisatoren also, die Lateinamerika oft als Paradies im Westen beschrieben, geht die Selbstbestimmung moderner Autoren wie Bolaño, Rulfo oder Marechal über virtuose Erzählstrategien, jenseitige Erzählstimmen und orphische Künstlerfiguren.