Lesarten des Unheimlichen in österreichischer Literatur

Tate Modern. © Cornelia Hülmbauer

Ausgehend von Sigmund Freuds Essay über „Das Unheimliche“ (1919) bildet sich eine Tradition vor allem französisch- und englischsprachiger Interpretationen, die psychoanalytische Theorie in poststrukturalistische Kultur- und Texttheorie überführen. Das Projekt stellt diese Translationsprozesse dar und entwickelt Konsequenzen für einzelne Motive des Unheimlichen sowie Bedingungen dafür, Texte als „unheimlich“ zu lesen. Exemplarische Textanalysen zeigen dann, wo österreichische Literatur nach 1945 was als unheimlich darstellt und wie sich darin jeweils historische Erfahrung niederschlägt.


Das Unheimliche ist das, was im vordergründig Heimeligen als Verdrängtes und Verheimlichtes auftaucht. Das Unheimliche ist eine Form, mit Angst und Entfremdung konfrontiert zu werden. Unheimlich ist, wenn das Reale im Fiktiven auftaucht und umgekehrt das Fiktive als real erscheint. Unheimlich ist, was in Sprache oder Übersetzungen von Sprachen nicht fassbar ist, begründbar aus blinden Flecken von Persönlichkeitsstrukturen oder ganzen Kulturen. – Unterschiedlichste Konzepte beschreiben das Unheimliche und die Sprechakte, in denen es entsteht. Auch das ist schon zu seiner eigentlichen Bedeutung erklärt worden: Das Unheimliche bezeichnet dann eben die Unmöglichkeit, etwas in einem einheitlichen Konzept zu fassen.

All diese Ansätze zu einer Bestimmung des Unheimlichen sind vor allem in poststrukturalistischen französischen (Lacan, Todorov, Derrida, Cixous, Kofman, Kristeva, Goldschmidt …) und amerikanischen Lektüren (Cavell, Weber u.a.) von Sigmund Freuds Essay versucht und unterschiedlich aufeinander bezogen worden: Dabei verändern sich nicht nur Begriffe (z.B. „Unbewusstes“, „Angst“,  „Verdrängung“), die für das Konzept zentral sind, sondern in Wechselwirkung damit auch der Zugang zu einem Kanon „unheimlicher“ Motive (z.B.  der unsichtbare Blick, das Labyrinth und Spiegelkabinett, der Doppelgänger).  

Eine systematische Untersuchung dieser Theorietradition ist bisher weder im deutschen Sprachraum allgemein noch spezifisch in Österreich angegangen worden. Gleichwohl sind Begriffe wie Unheimlichkeit, Angst und Verdrängung, aber auch die Analyse einzelner  Motive des  Unheimlichen in Interpretationen von Literatur nach 1945 (z.B. zu Fritsch, Lebert, Bernhard, Jelinek) allgegenwärtig.  Ziel des Projektes ist, die theoriegeschichtliche Aufladung dieser Begriffe und Motive darzustellen und von da aus eine kulturwissenschaftliche Perspektive darauf zu eröffnen, wie Lesarten des Unheimlichen in österreichischer Literatur historische Erfahrung reflektieren.