Kalobiotik

Zur Genese und Wirkung einer altösterreichischen Denktradition

Wilhelm Bronn 1835. © Peter Stachel

 

Der Begriff „Kalobiotik“ (die Lehre „schön zu leben“) ist heute weitestgehend in Vergessenheit geraten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde darunter nicht eine rein ästhetische Lebensführung verstanden, sondern – in der traditionellen Zusammenschau des „Schönen“ mit dem „Guten“ – ein gelungenes Leben durch gezielte rationale Selbststeuerung und Affektkontrolle. Vor allem in den staatstragenden Schichten der Habsburgermonarchie (Beamte, Offiziere) waren derartige Überlegungen verbreitet und führten zu zahlreichen einschlägigen Publikationen.

Ob man darin eine Reaktion auf eine soziale Umwelt sehen kann, die im Politischen und im Bereich der Verwaltung für rationale Steuerung unzugänglich war, lässt sich natürlich nicht kausal beweisen, läge aber nahe: Gewissermaßen ein Versuch, im Bereich der individuellen Lebensführung das zu kompensieren, was politisch und sozial nicht umsetzbar war.


Im Jahr 1835 veröffentlichte ein Autor, der sich Wilhelm Bronn nannte, eine philosophische Abhandlung unter dem Titel „Für Kalobiotik, Kunst das Leben zu verschönern, als neu ausgestecktes Feld menschlichen Strebens“; drei Jahre später ließ der selbe Autor einen zweiten Band folgen. Diese beiden, heute völlig vergessenen Bücher entfalteten zum Zeitpunkt ihres Erscheinens einige Wirkung. Die Prager Zeitschrift „Ost und West“ gab ab 1845 eine vierzehntätige Beilage „Zur Kalobiotik“ heraus, in der zahlreiche Autoren unterschiedliche Aspekte einer „Kunst schön zu leben“ oder kurz „Schönlebekunst“ thematisierten.

Ernst Freiherr von Feuchtersleben (1806–1849) übernahm die Anregungen Bronns und definierte sein überaus einflussreiches Buch „Zur Diätetik der Seele“ (1838) ausdrücklich als „kallobiotisch“. Feuchtersleben wird heute als einer der Begründer der Psychosomatik geschätzt – der Einfluss Bronns wird dagegen nicht mehr wahrgenommen.


Publikationen: Peter Stachel