Überlebende des Widerstands im Nachkriegseuropa.

Europäische Vernetzungen und transnationale Erinnerungsgemeinschaften

Die Rolle, die die Erinnerungspolitik der ehemaligen NS-Verfolgten in der Nachkriegszeit spielte, ist in den letzten Jahren auf wachsendes Interesse der geschichtswissenschaftlichen Forschung gestoßen. Im Zentrum stehen dabei jedoch nationale Aspekte. Grenzüberschreitende Aktivitäten der ehemaligen Verfolgten und ihre vielfältigen internationalen Kontakte sind relativ wenig untersucht worden, obwohl sie zu den wenigen Akteuren während des Kalten Krieges mit Verbindungen nach Ost und West zählten.
In dieses Desiderat stößt das Projekt vor, indem es am Beispiel der kommunistischen Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR), des bedeutendsten internationalen Verfolgtenverbands, die transnationalen Erinnerungen der Verfolgten untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei das Widerstandsgedächtnis, das nach 1945 die Erinnerungskulturen in Ost- und Westeuropa dominierte. Die These der transnational memory studies, die von einer transnationalen Verflechtung der Erinnerungskulturen erst seit den 1980er Jahren ausgeht, soll kritisch überprüft und ein Beitrag zur Debatte um eine gemeinsame europäische Erinnerung geleistet werden.


Welche Rolle spielte die FIR in den europäischen Erinnerungsdiskursen? Existierte ein transnationales, europäisches Widerstandsgedächtnis? Welche Haltung nahmen die kommunistischen Verfolgten zur Holocaust-Erinnerung, zu den jüdischen Überlebenden und zu Israel ein? Welche Rolle spielten die Widerstandsmitglieder in ausgewählten Konflikten des Kalten Kriegs, wie etwa der Auseinandersetzung um die deutsche Remilitarisierung? Welche Rolle spielte die Erinnerung in diesen Konflikten, den Verjährungsdebatten und den Kampagnen um Entschädigung? Erinnerten die meist von Männern dominierten Verfolgtenverbände an die Teilnahme von Frauen am Widerstand? Welche Rolle spielte die Verfolgung der Juden im Gedächtnis der FIR? Wie reagierte die FIR auf die Herausforderung des Widerstandsgedächtnisses durch das seit etwa 1979 aufkommende Shoah-Gedenken im Westen?
Zentraler Ansatz ist das kulturwissenschaftliche Konzept der Transnationalität, mit dem nach der Herstellung von wechselseitigen, die nationalstaatlichen Grenzen überschreitenden Verbindungen, Verflechtungen und Bezügen zwischen den Erinnerungskulturen gefragt wird Mit diskursanalytischen Methoden wird der Sprachgebrauch, den die Überlebenden zur Verständigung über die Vergangenheit nutzten, untersucht. So lassen sich die Wandlungen der Erinnerung und des Vergessens, das untrennbar zum Erinnern gehört, detailliert nachvollziehen. Die Verbindung von Diskursanalyse mit der Untersuchung der Erinnerung soll neue methodische Impulse für die historische Gedächtnisforschung liefern.

Publikationen: Maximilian Becker