Der konkrete Ort des Politischen

Zur Entstehung und Funktion politischer Plätze

Der Wiener Heldenplatz. © IKT/Peter Stachel

Auch im „digitalen Zeitalter“ bleibt die Artikulation politischer Interessen auf reale Orte im öffentlichen Raum angewiesen. In der Regel sind es bestimmte Plätze in den Haupt- oder zumindest Großstädten, auf denen sich Öffentlichkeit oder Gegenöffentlichkeit als physisch wahrnehmbare „Masse“ sichtbar formiert. Auf diesen Zusammenhang verweist auch der Umstand, dass Protestbewegungen nicht selten nach den entsprechenden Plätzen benannt und mit ihnen identifiziert werden. In der Regel handelt es sich dabei um solche Plätze, die auch vom Staat als Aufmarschfläche für offizielle Inszenierungen benutzt werden und/oder mit für die staatlich-nationale Identität zentralen Denkmälern versehen sind.


In einigen Fällen wird die symbolische Bedeutung einzelner Plätze dadurch langfristig geprägt, dass bestimmte, für das Kollektiv bedeutsame, meist traumatische Ereignisse mit ihnen verbunden sind: z.B. Place de la Bastille in Paris (Beginn der Revolution 1789), Wiener Heldenplatz (Anschluss-Rede Hitlers 1938), Budapester Heldenplatz (Sturz der Stalin-Statue 1956), Plaza de la Tres Culturas in Tlatelolco, Mexiko City (Massaker an demonstrierenden Studenten 1968), Tiananmen-Platz in Peking (Massaker an Demonstranten 1989), Majdan-Platz in Kiev (Massaker an Demonstranten 2014). Spätere Inszenierungen oder bauliche Veränderungen dieser Räume werden dabei notwendig stets auf dieses zentrale Ereignis bezogen sein. Politische Akte auf diesen Plätzen, sowohl offizielle staatliche Feiern als auch oppositionelle Protestkundgebungen, gewinnen ihre Bedeutung dabei nicht zuletzt durch die temporäre „Besetzung“ dieser bedeutungsgeladenen Orte.


Publikationen: Peter Stachel