Deportationen vom Wiener Nordbahnhof, 1943-1945

Erforschung eines Desiderats der Holocaust-Historiografie

Schätzungen zufolge lebten im März 1938 etwa 201.000 Personen in Österreich, die nach NS-Definition (Nürnberger Gesetze 1935) als Jüdinnen und Juden galten. Davon waren 181.882 Personen Mitglieder der verschiedenen Israelitischen Kultusgemeinden in Österreich, allein 167.249 davon in Wien. Im Laufe der Jahre 1938/39 wurde die jüdische Bevölkerung aus den österreichischen Bundesländern nach Wien vertrieben, die lokalen jüdischen Gemeinden wurden sukzessive aufgelöst. Nach der ersten großen Vertreibungs- und Fluchtwelle lebten im Mai 1939 in Wien noch 91.530 Personen, die nach NS-Definition als Jüdinnen und Juden galten. Damit hatte Wien den höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil im gesamten Deutschen Reich


Im Unterschied zu Deutschland, wo die jüdische Bevölkerung aus mehreren Städten deportiert wurde, war Wien mit dem Aspangbahnhof (3. Bezirk) und dem Nordbahnhof (2. Bezirk) der zentrale Ort für die Deportationen österreichischer Jüdinnen und Juden. Der Großteil der jüdischen Bevölkerung Wiens und Österreichs wurde zwischen Februar 1941 und Oktober 1942 vom Aspangbahnhof deportiert. Etwa 45.527 Frauen, Männer und Kinder wurden in 45 Transporten in Ghettos und Vernichtungslager im Osten geschickt. Nach dem Abschluss der großen Deportationen wurden zwischen 1943 und 1945 kleinere Gruppen sowie auch Einzelpersonen vom Nordbahnhof aus deportiert. Auf diese Weise wurden von 1943-1945 etwa 2.141 als jüdisch definierte Österreichinnen und Österreicher aus Österreich vor allem nach Theresienstadt und Auschwitz, einige Dutzend auch in andere Konzentrationslager wie Buchenwald und Mauthausen verbracht. Während es bereits Forschungen über die Transporte vom Aspangbahnhof gibt, stellen die Deportationen, die von 1943 bis 1945 vom Wiener Nordbahnhof erfolgten, ein Desiderat der internationalen Holocaustforschung dar.


Im Projekt sollen die Deportationen vom Wiener Nordbahnhof im Zeitraum von 1943-1945 auf Basis des vorhandenen Quellenmaterials umfassend dokumentiert und analysiert werden. In Hinblick auf das städtebauliche Entwicklungsgebiet „Nordbahnhof“ besitzt dieses Projekt nicht nur hohe forschungsrelevante Bedeutung, sondern hat auch große gesellschaftspolitische Relevanz.


Publikationen: Dieter Hecht, Michaela Raggam-Blesch, Heidemarie Uhl