Alltag und Verfolgungs-erfahrungen von Frauen und Männern „Halbjüdischer“ Herkunft in Wien, 1938-1945

Johann Metschl und seine jüdische Ehefrau Stefanie (geb. Schulhof) mit ihrer gemeinsamen Tochter Susanne, Wien um 1932. @ Privatbestand Susanne Metschl


Im Mittelpunkt dieses Forschungsprojektes stehen Frauen und Männer „halbjüdischer“ Herkunft, die durch den Schutz eines nichtjüdischen Elternteils die Zeit des NS-Regimes in Wien überlebten. Das Schicksal jener Menschen, denen „nichts geschah“, die ihren Alltag jedoch unter Bedingungen der Entrechtung, Verfolgung und des Ausharrens angesichts der ständig drohenden Gefahr gestalten mussten, ist für den österreichischen Kontext bislang noch wenig erforscht worden. Im Zentrum der Untersuchung stehen die Handlungsspielräume und Identitätskonstruktionen dieser Menschen, deren schiere Existenz die Reinheitsdoktrin nationalsozialistischer Rassenideologie permanent hinterfragte und als „ungelöstes Problem“ vor allem im Zusammenhang mit der so genannten „Endlösung der Judenfrage“ eine zentrale Rolle spielte.


Das Habilitationsprojekt nimmt Bezug auf internationale theoretische Debatten zur NS-Forschung, in denen sich das Interesse verstärkt auf die konkrete Realisierung der NS-Machtherrschaft im lokalen Kontext und auf die Handlungsspielräume von Akteurinnen und Akteuren gerichtet hat. In Anlehnung an Saul Friedländers Konzept der „integrierten Geschichte“ werden im Projekt auch lebensgeschichtliche Perspektiven im Vordergrund stehen, in denen die Verfolgten als Individuen ernst genommen werden und ihre Perspektiven ebenso Raum erhalten wie das Handeln der Täter. Neben Aspekten der Identität und Selbstverortung interessieren Fragen nach gesellschaftlicher Inklusion und Exklusion, Gruppensolidaritäten und Gender Aspekten.


Publikationen: Michaela Raggam-Blesch